Austria-Trainer Ivica Vastic stellt sich selbst ins passive Abseits. Mit Betonung auf das Wort „passiv“, denn es ist vor allem die passive Spielweise, an... Passiv, harmlos und ohne Feingefühl für Flexibilität: Die violette Bankrotterklärung in Kapfenberg

Austria-Trainer Ivica Vastic stellt sich selbst ins passive Abseits. Mit Betonung auf das Wort „passiv“, denn es ist vor allem die passive Spielweise, an der die Austria derzeit zu knabbern hat. Man verlagert sich auf defensive Stabilität, Sicherheit im Mittelfeld und vergisst dabei auf das Wesentliche. Sechs Tore aus den letzten elf Bundesligaspielen sprechen eine deutliche Sprache.

Die jüngste sportliche Bankrotterklärung: Eine blamable 0:1-Niederlage beim abgeschlagenen Letzten aus Kapfenberg, der die Wiener Violetten über 90 Minuten vorführte, unter anderem dreimal Aluminium traf und es sich sogar leisten konnte, einen Elfmeter in der Schlussminute zu verschießen. Vastic schickte sein Team in einem 4-4-1-1-System aufs Feld – es war die erste Systemumstellung seit dem 24.Juli 2011 (2:1 gegen Ried) und somit ein deutliches Zeichen dafür, dass Vastic insgeheim mit dem Auftreten seiner Mannschaft in den letzten Wochen unzufrieden war. Nach außen wird dies jedoch nicht klar kommuniziert.

Systemumstellung – noch defensiver…

Die Lösungsansätze des Trainers sprechen aber ohnehin für sich: Anstatt dem selbst offensiv eingestellten Tabellenletzten eine offensive Grundausrichtung entgegenzusetzen und somit auf den zu erwartenden Qualitätsunterschied zu bauen, verkaufte Vastic seine wohl bisher defensivste Aufstellung mit den fadenscheinigen Argumentationsversuchen, dass die Grundausrichtung des 4-4-1-1-Systems offensiver sei, als das typische 4-2-3-1, in dem die Austria sonst aufläuft.

Verteidiger ins Mittelfeld

Die Realität sieht jedoch anders aus. Natürlich fehlte es der Austria durch die Ausfälle von Tomás Jun oder Alexander Grünwald an der nötigen Flexibilität im Mittelfeld, allerdings hätten die vollzogenen Positionsänderungen vorsichtiger nicht ausfallen können:

  • Mit Markus Suttner spielte ein sonst offensiv ausgerichteter Außenverteidiger auf der Position eines Sechsers. In Zeiten moderner Taktik also defensiver als sonst. Den Part des Achters nahm neben ihm nicht etwa Michael Liendl, sondern der ebenfalls grunddefensive Florian Mader ein.
  • Florian Klein, ebenfalls etatmäßiger Außenverteidiger, durfte im rechten Mittelfeld ran, was ebenfalls als Sicherheitsvariante zu werten ist.
  • Alexander Gorgon, sonst im rechten Mittelfeld gesetzt, spielte als hängende Spitze – und wurde diesem Titel in der Luft hängend gerecht. Vastic erhoffte sich, so einen Szabics-ähnlichen Partner für Roman Kienast zu finden, der die unangenehmeren Meter geht und in der Etappe seine gute Technik ausspielen kann.

 

Automatismen greifen nicht

Die umbesetzten Spieler könnten ohne weiteres auf diesen Positionen spielen, weil sie dies auch schon in der Vergangenheit taten. Keine Frage, da hat Vastic Recht. Aber normalerweise sollte man sich darauf beschränken einen oder zwei Kicker auf halbvertraute Positionen zu stellen und nicht gleich das ganze Team auf mögliches Potential mehrerer Individuen aufbauen. Hier ist nicht die Rede von regelmäßigen Positionswechslern, sondern Spielern, die ins kalte Wasser geworfen wurden. Wenn gleich mehrere Spieler in einem System, das Vastic in dieser Konstellation nicht länger als eine Woche intensiv trainiert haben kann, auf neuen Positionen spielen, können wichtige Automatismen nicht funktionieren.

Markus Suttner

  • 2011/12 spielte er zweimal als defensiver Mittelfeldspieler in einem 4-2-3-1-System und einmal als alleiniger defensiver Mittelfeldspieler in einem 4-1-3-2-System.
  • Im Herbst 2008 spielte Suttner dreimal als linker Mittelfeldspieler in einem 4-3-2-1-System.
  • In den anderen 126 Pflichtspielen für den FK Austria Wien war Suttner immer linker Außenverteidiger!

 

Florian Klein

  • Der 25-Jährige spielte das letzte Mal am 7.Mai 2011 im rechten Mittelfeld – da allerdings in einem 4-2-3-1 mit einem starken Baumgartlinger als 8er und Junuzovic als 10er.
  • Klein spielte nur in seiner ersten Saison bei der Austria regelmäßig im rechten Mittelfeld, danach stets als rechter Verteidiger. Seine Hintermänner in der rechten Abwehr waren damals mit Vorisek und Standfest zwei Spieler, die auf Defensive bedacht waren. Gestern war es mit Emir Dilaver ein noch unsicherer Perspektivspieler, der selbst geführt werden müsste.
  • In der Saison 2009/10, als Klein im Mittelfeld spielte, erzielte er vier Tore (1 Elfmeter) und steuerte drei Assists bei. In den beiden Saisonen, in denen Klein als rechter Verteidiger aufgeboten wurde, erzielte er zwar nur drei Tore, bereitete aber gleich elf vor!

 

Alexander Gorgon

  • Gorgon spielte zum ersten Mal überhaupt in einem Austria-Pflichtspiel nicht am Flügel.
  • Mit vier erzielten Toren ist Gorgon der erfolgreichste Austria-Torschütze im bisherigen Frühjahr. Sogar dieser wurde ansatzlos aus seinem taktischen Naturell gezogen.

 

Feige Wechsel

Trotz offenkundiger Probleme in der Spielgestaltung und Unterlegenheit im Mittelfeld traute sich der Austria-Trainer jedoch auch im Laufe des Spiels keine Änderungen zu. Und eine zahnlose Mannschaft ohne Führungspersönlichkeiten war ebenso nicht fähig, die missliche Lage durch Eigeninitiative wett zu machen. Die Spielerwechsel der Wiener Austria sprachen für sich:

  • 46.Minute: Michael Liendl kommt für Florian Mader. Der nachvollziehbarste Wechsel, aber dennoch nichts, was die spielerische Lethargie verändern könnte.
  • 65.Minute: Roland Linz kommt für Roman Kienast. Ein unbeweglicher Angreifer ersetzt den anderen. Hätte Vastic einen zusätzlichen Stürmer eingewechselt, wäre zumindest ein Lucky Punch (hohe Bälle in die Gefahrenzone, Standardsituationen, Abstauber…) im Rahmen des Möglichen gewesen. So kamen jedoch dauerhaft zu wenige Austria-Spieler in die gegnerische Gefahrenzone.
  • 78.Minute: Peter Hlinka kommt für Markus Suttner. Die Austria möchte nicht mehr als das 0:0 in Kapfenberg. Die Ansprüche des Vereins werden ad absurdum geführt und dieser Wechsel ist ein Sinnbild dafür.

 

Unzureichende Ersatzspieler für die ehemaligen Stars

Die Sache mit dem vom Kopf stinkenden Fisch ist beim FK Austria Wien aktuell besonders passend. Denn nicht nur der uncharismatische Trainer und die technisch limitierten Spieler sind Schuld an der Misere, sondern auch die höheren Tiere in der Fischhofgasse 14. Thomas Parits konnte den violetten Ausverkauf (Dragovic, Baumgartlinger, Junuzovic, Barazite) erwartungsgemäß nicht verhindern, handelte jedoch in weiterer Folge zu langsam und unentschlossen. Die Ersatzleute für die Schlüsselspieler der letzten Jahre erweisen sich immer mehr als Rohrkrepierer. Qualitativ konnte die Austria keinen der jüngsten Abgänge angemessen kompensieren. Spieler, die dem Verein helfen würden (etwa der Slowene Dare Vrsic von Olimpija Ljubljana) sind seit Monaten im Gespräch, aber niemand machte Nägel mit Köpfen als es notwendig war – nämlich im Winter.

Umbruch – jetzt!

Dass Ivica Vastic der Aufgabe FK Austria Wien (noch?) nicht gewachsen ist, ist angesichts der aktuellen Lage und der Außendarstellung eines mittlerweile larmoyant anmutenden Trainers unbestreitbar. Jedoch muss auch beachtet werden, dass er aktuell über eine Mannschaft verfügt, die mehr zu leisten kaum im Stande ist. Dass im violetten Dress aktuell weder Fisch noch Fleisch steckt, ist jedoch nichts die Schuld des Ivica Vastic, sondern die Schuld seiner Chefs. Die Wiener Austria ist reif für einen Umbruch, eine Generalsanierung angefangen bei höchsten Positionen. Ein Blick zum Erzrivalen (2010/11) genügt um festzustellen, wie gefährlich Zufriedenheitsparolen in Zeiten einer eindeutigen Krise sein können. Die grundlegenden Probleme könnten auch ein Europacupplatz oder der Cupsieg nicht übertünchen, was die Verantwortlichen allerdings ohne mit der Wimper zu zucken tun würden. Vorsicht ist geboten – der Traditionsklub aus Wien-Favoriten befindet sich auf einem gefährlichen Sattelpunkt seiner mittelfristigen Entwicklung.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

  • pat

    22.April.2012 #1 Author

    guter artikel, allerdings war standfest der offensivste außenverteidiger der letzten jahre

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  • Ccc

    22.April.2012 #2 Author

    Was für sich spricht ist, dass Vastic in seinen 12 Spielen 11 mal in der Halbzeit getauscht hat… 

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  • Celticfoxtrott

    23.April.2012 #3 Author

    Bravo! Toller Beitrag. Man kann die momentane Situation der Austria nicht besser zusammenfassen, als durch dieses Spiel und dem schlussfolgernden Artikel dazu. Angesichts der Sturheit des Trainers einen verdienten Stürmer Linz derart zu ignorieren, sollte davon ausgegangen werden, dass er nicht über seinen eigenen Schatten springen kann oder aber er nicht die Voraussicht hat, dass ihm diese Einfältigkeit bald den Laufpass einbringen könnte. Das ist aber nur ein Punkt unter vielen, taktisch ist Vastic einfach noch nicht bereit für diese Aufgabe, da kann auch eine kreativ recht ausgedünnte Truppe nicht Entschuldigung genug sein.

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    • Urbi

      23.April.2012 #4 Author

      Es ist jedoch eigenartig, wieviele sich an den Roli Linz klammern. Er allein wird kaum die Lösung des Problems sein. Bei der Spielausrichtung kann er alleine vorne auf weiter Flur womöglich nicht viel mehr machen als Kienast (siehe „feige Wechsel“). Ich erkenne einfach kein Konzept, wie überhaupt auf das gegnerische Tor gespielt werden sollte. In diesem Fall auf einen langen Stürmer, der maximal hohe weite Pässe verwerten kann, aber in weiterer Folge keinen Mitspieler hat. Der Rest des Mittelfeldes aber so defensiv ausgerichtet ist, dass selbst Konterspiel nur äußerst mühsam gespielt werden kann. Mich würde einfach einmal ein Reporter nach dem Match oder auf einer PK interessieren, der genau nachfragt: „Herr Soundso, was war ihre Überlegung, mit einem langen Stürmer und sehr (nominell) defensivem Mittelfeld zum Torerfolg zu kommen?“
      Naja vielleicht mal in 10 bis 20 Jahren..

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      • Celticfoxtrott

        23.April.2012 #5 Author

        Unbestritten würde Linz, auch wenn er von Beginn an spielen dürfte, nicht die Patentlösung sein für die spielerische Misere, aber, und das ist natürlich meine persönliche Meinung, ist er meiner Meinung nach der etwas bessere Stürmer, weil torgefährlicher und er die Bälle in die Spitze besser halten kann als Kienast. Kienast hat inGraz enorm profitiert von der Harmonie mit Szabics, aber Linz hat auch schon in etablierten Ligen bewiesen, dass er ein Viech vor demTor ist. Egal wie mies die Spielanage zur Zeit, aber hätte die Austria jetzt, da.spekulier ich natürlich, 2,3,4 Tore mehr durch ihn, dann wäre die Hoffnung auf den Europapokal.noch aussichtsreicher und man müsste jetzt nicht die Chance allein im Cup suchen. Und wieoft ist nicht auchetwas wares dran, wenn die abgedroschene Phrase „Am Ende zählt das Resultat“ bemüht wird.

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        • Celticfoxtrott

          23.April.2012 #6 Author

          Das.mit dem dem Europapokal ist natürlich ein Blödsinn von mir,.da hatte ich jetzt die Tabelle falsch imKopf.

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