Im Rahmen der Aktion „Das ASB trifft“ sprachen die Chefredakteure Daniel Mandl und Stefan Karger mit Austria-Trainer Peter Stöger. Eigentlich war nur ein Artikel... Peter Stöger im abseits.at-Interview (2): „Man kann die aktuelle Austria nicht mit Stronachs Austria vergleichen“

Im Rahmen der Aktion „Das ASB trifft“ sprachen die Chefredakteure Daniel Mandl und Stefan Karger mit Austria-Trainer Peter Stöger. Eigentlich war nur ein Artikel zum Thema geplant, aber das Interesse der Fans im Austrian Soccer Board war so groß, dass nun ein Vierteiler draus wurde, der heute und morgen veröffentlicht wird. Die Fragen der Fans wurden in chronologischer Reihenfolge gestellt – und hier sind Stögers Antworten!

Lucky Luke: Bei der Austria gibt es so manche Spieler, die permanent mit dem selben Verhaltensmuster negativ herausstechen: beispielsweise Ortlechner mit dummen Fouls in Strafraumnähe, die der Austria schon einige unnötige Freistoßgegentreffer beschert haben oder Jun, der beim geringsten Kontakt mit einem Gegenspieler am Boden liegt, anstatt weiterzulaufen und dadurch oft bessere Möglichkeiten liegenlässt. Ist es möglich, bei diesen älteren Spielern durch gezieltes Training bzw. ständiges Daraufhinweisen, noch Besserung zu erzielen oder muss man sich einfach damit abfinden, dass sie eben diese Schwächen haben?

Peter Stöger: Bei Manuel Ortlechner gab’s dieses Problem in der laufenden Saison gar nicht mehr. Ich kann mich an keine Situation erinnern, wo er durch „unnötiges“ Attackieren einen Freistoß in Strafraumnähe verschuldet hätte. Ich bin ein Trainer, der auch sagt, dass bei Verteidigern kein Körperkontakt von hinten nötig ist. Ich weiß, dass die Spieler in Österreich leicht fallen, ich weiß, dass vieles gepfiffen wird. Wir wollen den gegnerischen Angreifern mit dem Rücken zum Tor durchaus die Möglichkeit geben den Ball anzunehmen und sie erst bei der Drehung zu attackieren. Ein leichtes Stoßen ist etwas, das „gut gemeint“ ist, aber natürlich geht man damit das Risiko ein, ein Foul zu machen. Aber ich denke, dass wir das zuletzt gut unter Kontrolle brachten. Auch Tomas Jun sprach in den letzten sechs Wochen mit seinen Leistungen klar für sich. Er ist schmerz- und verletzungsfrei und ist auf einem guten Weg. Aber wir haben ihm natürlich auch gesagt, dass nicht jeder Kontakt gleichbedeutend damit sein muss, dass er zu Boden geht. Wir versuchen im Training allgemein unsere Stärken zu verbessern, aber klar sichtbare Schwächen oder Defizite, vor allem die, die einfach abzustellen wären, sprechen wir natürlich auch an.

FAKler: Wie blicken Sie heute auf Ihr erstes Engagement als Offizieller bei der Austria zurück und was ist heute anders (persönlich und im Verein) und was gleich?

Peter Stöger: Man kann das eigentlich nicht vergleichen. Der Verein ist heute ganz anders aufgestellt und konzipiert, was die Vereinsstruktur betrifft. Damals war es ein Verein, den Frank Stronach organisiert hat. Er hat viele Dinge eigenhändig entschieden – unter anderem, dass ich damals den Job machen sollte. Heute ist das anders: Es gibt einen Aufsichtsrat, einen Verwaltungsrat, zwei geschäftsführende Personen, die den Verein leiten. Es war also heuer eine Entscheidung vieler verschiedener Personen, einer breiten Basis, dass ich den Job als Trainer machen soll. Du musst heute mehrere Leute zufriedenstellen und hast mehreren Leuten gegenüber Verantwortung – damals musste man nur Frank Stronach zufriedenstellen. Es hat sich also insgesamt sehr viel getan, auch infrastrukturell. Wir haben heute die Trainingsmöglichkeiten für die ich seinerzeit gekämpft habe, die Akademie ist in Hollabrunn und damit auch nicht sehr weit entfernt. Es ist derzeit einfach alles sehr gut komprimiert und ideal.

pat the rat: Hand aufs Herz: Hat die Tatsache, dass du nach der Akte Foda, gewissermaßen nur zweite Wahl warst, sich irgendwie bemerkbar gemacht? Du galtest als fast logischer Nachfolger (spätestens jedenfalls nach Fodas Absage): Wie waren die Verhandlungen mit den Verantwortlichen? War die Lösung wirklich so naheliegend oder mussten ernstzunehmende Dinge ausverhandelt werden? Kannst du den Weg von der Kontaktaufnahme bis zum Abschluss ein wenig nachzeichnen?

Peter Stöger: Nachdem Franco Foda abgesagt hat, gab es einen Kontakt. Für mich war klar, wenn ich die Möglichkeit bekomme bzw. ein konkretes Angebot bekomme Austria-Trainer zu werden, werde ich dieses Angebot annehmen, egal da drin steht. Da bedurfte es von meiner Seite überhaupt keiner Bedenkzeit. Ich habe die letzten Jahre hart dafür gearbeitet, dass ich weiter oben meine Chance bekomme und ein Angebot der Austria ist natürlich ein Wahnsinn gewesen. Die Konstellation war in Ordnung und man musste nur noch versuchen mit Wiener Neustadt eine Lösung zu finden, was am Ende auch geklappt hat. Aber für mich war einfach klar, dass ich die Chance wahrnehmen würde, egal was in meinem Vertrag steht.

pat the rat: Du warst bei beiden Wiener Großvereinen tätig und gehst mit dieser Tatsache ja auch zu Recht sehr offen um: Nimmt das ein wenig Brisanz aus den Duellen mit dem Stadtrivalen oder ist man in den Derbys (egal auf welcher Seite und in welcher Funktion man sie bestreitet) immer ein wenig euphorisierter/motivierter?

Peter Stöger: Vorweg: Ich sehe das nie gehässig. Ein Derby ist natürlich brisant, ein „besonderes“ Spiel, wenn man so will. Es gibt wichtige Spiele und es gibt besondere Spiele. Wichtige Spiele sind eigentlich alle Spiele, wenn du vorne dabei sein willst – und besondere Spiele sind eben diese Highlights, wie zum Beispiel ein Derby. Beim Wiener Derby steht die ganze Stadt Kopf, es gibt nur Grün oder Violett und nichts dazwischen. Auf der grünen Seite ist derzeit jemand, dessen Denkweise ähnlich wie meine ist. Ich finde es wichtig, dass von uns, also von außen, nicht noch etwas eingestreut wird, was negativ ausgelegt werden könnte. Die Fans sollen natürlich kund tun wofür sie stehen und die Spieler sollen das Duell auf dem Platz ausfechten. Als Trainer sollte man sich da eher zurücknehmen.

pat the rat: Wenn du eine Entscheidung in deiner bisherigen Laufbahn (als Spieler und Trainer) andern könntest, welche wäre dies?

Peter Stöger: Kann ich nicht sagen. Für mich hat alles im Nachhinein Sinn gemacht. Ich weiß heute nicht, was passiert wäre, wenn ich die eine oder andere Situation damals anders eingeschätzt hätte. Jede Station war für mich ein Lernprozess und ich will nichts missen.

pat the rat: Bei der EM standen die Schiedsrichter (bzw. die zusätzlichen Assistenten im Strafraum) vor allem zu Schluss der Vorrunde heftig in der Kritik (Foul an Bendtner, Foul an Mandzukic, vermeintliches Tor der Ukraine gegen England). Die Torlinien-Technologie ist vor allem unter Berücksichtigung des letzten Falles wohl nur mehr eine Frage der Zeit. Könntest du dich mit darüber hinausreichenden technischen Hilfsmitteln (Videobeweis, Einspruchsmöglichkeit der Trainer) anfreunden?

Peter Stöger: Ich finde, dass alles, was klar und einfach zu entscheiden ist, so entschieden werden sollte, wie die Situation wirklich war. Es gibt im Tennis, Eishockey oder Football Dinge, die man ganz klar entscheiden kann und zumindest diese klaren Situationen sollten auch im Fußball fehlerfrei entschieden werden können. Ich mache den Schiedsrichtern gar keinen Vorwurf, weil man immer einen Blickwinkel haben kann, wo man etwas nicht sieht: Aber wenn die Ukraine nicht weiterkommt, weil fünf Schiris nicht sehen, was für hunderte Millionen Menschen vor dem Fernseher klar und deutlich ist, nämlich, dass das ein klares Tor war, dann meine ich, dass es auch ein Tor sein sollte. Diese Hilfsmittel sollte man auf jeden Fall in Anspruch nehmen.

vomfeinsten: Wie stehen sie zum Thema Mentalcoach bzw. Einsatz „neuer“ Techniken? (zum Beispiel Halbzeitanalyse durch Videomitschnitt -> siehe Mainz 05 durch einen diplomierten Sportwissenschaftler -> 5 – 10 Szenen werden dann in der Halbzeit analysiert)

Peter Stöger: Mentalcoaching und Betreuung von Spielern ist ein Bereich, in dem wir in Zukunft mehr machen werden. Ich arbeite selbst seit vielen Jahren nicht unbedingt mit Mentalcoachs, aber mit Sportpsychologen und Teamentwicklern zusammen. Mir persönlich hilft das sehr viel, weil ich Feedback bekomme und neutrale Betrachtungsweisen höre. Auf das verlasse ich mich seit Jahren und fahre ganz gut damit. Wir werden auch im Verein versuchen dies Schritt für Schritt und ohne Druck zu installieren. Bzgl. Halbzeitanalyse: Man kann in der Pause natürlich alles aufarbeiten und zelebrieren – bei uns ist es so: Wir nutzen natürlich Videoanalysen von Spielern, Gegnern und Situationen. Ob die Pause dafür jedes Mal der richtige Zeitpunkt ist, bin ich mir nicht ganz sicher. Ich lasse mir da auch den Vorwurf gefallen, dass manche Leute sagen werden, dass ich ein österreichischer Trainer bin, der da nicht mit will.

pesce: Einem Talent wie Horvath wird eine große Zukunft bescheinigt. Trainiert er mit der Kampfmannschaft mit? Wann kann ein Spieler frühestens bereit sein für Austria Wien?

Peter Stöger: Er ist jetzt mal gut aufgehoben bei Herbert Gager in der Amateurmannschaft. Wir holen jetzt in der Länderspielpause ihn und den einen oder anderen weiteren zum Kampfmannschaftstraining dazu. Man kann natürlich nicht sagen „15 ist zu früh und 16 passt“, weil gerade in diesem Alter jeder Spieler anders entwickelt ist. Aber er ist natürlich einer der Spieler, die wir beobachten und da der Kontakt mit Herbert Gager ein sehr intensiver ist, wird uns nichts verlorengehen. Wir haben derzeit einige Spieler, die im Training vielversprechende Leistungen zeigen und gute Spieler werden bei der Austria immer einen Platz haben.

shankly: Die Austria hat zwei sehr unterschiedliche Trainer hinter sich. Vastic war „zu kurz im Einsatz“, also: Was kann ein Peter Stöger aus der Arbeit von Karl Daxbacher mitnehmen, der dem FAK nach 2008 ein freundliches Gesicht und eine spielerische Identität gegeben hat? Und: Wie könnte man das letzte Eutzerl herauskitzeln, das unter Daxbacher zum ganz großen Erfolg immer gefehlt hat?

Peter Stöger: Das ist für mich schwer zu beurteilen, weil ich bei Daxbacher nicht dabei war. Da bin ich genauso ein Außenstehender wie du. Um das „Eutzerl“, wenn man das so betiteln will, noch herauszukitzeln, ist es wohl am Wichtigsten, dass die Spieler selbst an die Chance glauben, etwas ganz Großes schaffen zu können. In diesem Bereich entscheiden Kleinigkeiten und wir haben uns darum gekümmert, dass gerade in dieser „Glaubensfrage“ auf die Spieler eingegangen wird, auch weil das Frühjahr nun wirklich nicht optimal gelaufen ist. Aber Partien wie WAC auswärts, Admira oder Innsbruck zu Hause zu gewinnen, vielleicht nicht immer mit Glanz und Glorie, aber doch, zeigt schon einen Aufwärtstrend, denn das war in den letzten Jahren nicht immer der Fall. Ich hoffe und glaube, dass die Mannschaft da nun einen Schritt weiter ist.

Hurricane: Welchem Spieler im Austria-Kader trauen Sie den Sprung ins Ausland zu bzw. bei welchem Spieler sehen Sie das größte Potential?

Peter Stöger: Vielen Spielern. Wir haben hier Spieler in einem guten Alter, die noch lange nicht am Zenit ihrer Leistungsfähigkeit sind.

Hurricane: Ronaldo oder Messi?

Peter Stöger: Messi.

Hurricane: Wer war ihr unangenehmster Gegenspieler?

Peter Stöger: Manfred Schmid.

Hurricane: Wer war ihr bester Mitspieler?

Peter Stöger: Ich hatte das Glück mit sehr, sehr vielen sehr guten Fußballern zusammenspielen zu dürfen. Aber Arminas Narbekovas war ein außergewöhnlicher Spieler. Der hatte Anlagen um bei richtig großen Vereinen spielen zu können.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen