Es ist schon eine seltsame Situation: Rapid gewinnt mit 2:1 gegen St.Pölten, feierte damit den dritten Sieg in Serie, erzielte elf Tore und wird... Pfiffe trotz Sieg: Rapid und die Sache mit dem Commitment über 90 Minuten

Es ist schon eine seltsame Situation: Rapid gewinnt mit 2:1 gegen St.Pölten, feierte damit den dritten Sieg in Serie, erzielte elf Tore und wird dennoch ausgepfiffen. Eine seltene Situation in Wien-Hütteldorf.

Rapid gewinnt – und lässt in Ansätzen sein Potential aufblitzen. Gegen Wolfsberg blieb man konsequent und entschied die Partie in der ersten halben Stunde, wie auch später beim Sieg in Mattersburg. Allerdings jeweils gegen Gegner, die jegliche Gegenwehr vermissen ließen.

Keine Konstanz über 90 Minuten

Auch gegen St.Pölten startete Rapid gut und konnte vor allem in der Ballrückeroberung gegen einen sehr tief stehenden, aggressiven Gegner überzeugen. Aber auch hier nur eine gute halbe Stunde, danach kam der Leistungseinbruch und glücklicherweise ein zweiter Elfmeter, der die Partie vorentschied. Was die Hütteldorfer danach ablieferten fiel wieder in die Kategorie Schlafwagenfußball. Keine Dynamik, kein klares Konzept im letzten Drittel oder im Pressing.

Ernüchterndes Pressing

Das sind dann die Momente, in denen die Ränge Rapids Entwicklung in Frage stellen. Speziell das Anlaufen mit nur einem pressenden Spieler gegen aufbauschwache Mannschaften sorgt für Ernüchterung unter den Fans. Man muss nicht unbedingt zu den Pressing-Monstern nach Salzburg schauen, um zu sehen, wie es gehen könnte. Auch Sturm bzw. die Austria unter Thomas Letsch bauen deutlich bedrohlichere Pressingszenarien auf als Rapid.

Wohlfühlzone

Häufig wollen die Grün-Weißen zu viele Situationen spielerisch lösen, anstatt sich auf Aggressivität gegen den Ball zu besinnen. Der Hunger nach Balleroberungen ist nur phasenweise zu sehen und resultiert auch häufig in Großchancen oder Toren. Aber Rapid hält diese Aggressivität oft nur für kurze Zeit aufrecht, so auch beim letzten Spiel gegen St.Pölten. Irgendwann ist die Zufriedenheitsebene erreicht und man lässt einen toten Gegner wieder aufleben. Gegen die schwächsten Teams der Liga geht das noch gut, aber jeder weiß, dass derart abgehakte Leistungen gegen die größeren Teams oder gar im Europacup nicht ausreichen, um Konstanz in die Ergebnisse zu bringen.

Pfiffe für mehrere Protagonisten

Die daraus resultierenden Pfiffe gelten mehreren Personen. Goran Djuricin ist nicht primär in der Schusslinie, wird dennoch als braver Feuerwehrmann betrachtet, der die Mannschaft aber nicht entscheidend weiterbringt oder das offensichtliche Mentalitätsproblem lösen kann. In erster Linie sind die Spieler in der Pflicht, wobei man sich hier wie so oft auf Einzelne einschießt. So etwa auf den bremsenden Petsos, oder den unfassbar aufreizend agierenden Schobesberger, dem wohl jeder Fan am liebsten mitteilen würde, dass es kein Verbrechen ist, auch mal mitzuspielen, anstatt am linken Flügel spazieren zu gehen.

Das Problem liegt dennoch im Ganzen

Es an Einzelnen festzumachen wäre falsch. Das Gesamtkonstrukt funktioniert nicht, auch wenn die Ergebnisse zuletzt stimmten. Man gibt sich zu schnell zufrieden, verleugnet gerne schwache Leistungen, lässt aber vor allem 90-minütigen Hunger vermissen. Die allermeisten Spieler wollen ihre Partien mit 70-80% abspulen. Jeder weiß, dass es bei Rapid viel eher darauf ankommt, dass hundertprozentiges Commitment spürbar ist; dann kann man sogar verlieren. Auf dem Rücken verbesserter Ergebnisse werden die Leerlaufphasen aber legitimiert, anstatt sich auch öffentlich so zu positionieren, dass man sich noch mehr nach der Decke zu strecken hat.

Teufelskreis in der Außendarstellung

Rapids weiterhin bestehendes Mentalitätsproblem ist einerseits die Schuld der Spieler, die sich zu schnell zufriedengeben, andererseits aber auch Resultat der Kommunikation nach außen, die diese Charaktereigenschaften legitimieren bzw. relativieren. Wenn schon nach dem dritten Sieg in Serie gepfiffen wird, weil die Fans den mangelnden Hunger trotz drei Punkten spüren, kann man sich vorstellen, was passiert, wenn diese Einstellung mal wieder nach hinten losgeht und Punkte liegengelassen werden.

Wieder zwei Neue aus Graz?

Detailliertere Spielkonzepte und mental stärkere, härtere Spieler – das ist es, wonach Rapid in der kommenden Saison streben muss. Langsam beginnt auch die Gerüchteküche zu brodeln: Rapid wird wohl einmal mehr nicht ohne schmerzenden, aber lukrativen Abgängen auskommen, dürfte aber – was fast schon zur Tradition wird – bei Sturm wildern. Mit Potzmann und Hierländer soll es gut aussehen, womit man dem Österreicher-Topf gut zuarbeiten würde – was auch notwendig ist, nachdem aus dem eigenen Nachwuchs aktuell wenig nachkommt.

Nicht auf „Fehlkauf-Lösungen“ warten, sondern schnell handeln

Das reicht aber natürlich nicht, denn die „Mentalitätsmonster“ muss man zusätzlich immer noch finden. Etwa einen spiel- und kampfstarken Spieler für die Zentrale, neben dem sich Kapitän Schwab noch stärker entfalten kann. Oder ein skrupelloser Angreifer, der den Konkurrenzkampf in der Spitze belebt und Rapid gefährlicher und unberechenbarer macht. Hier spielen Zeit und Mut eine große Rolle, denn zu lange darf sich Rapid nicht Zeit lassen. Die Rückkehr von Fehlkauf Matej Jelic von seiner Rijeka-Leihe kann einfach kein Kriterium sein, ob Fredy Bickel Rapid bereits verstärken „darf“ oder zuwarten muss. Das gilt auch für andere Spieler wie Malicsek, Sobczyk oder Entrup.

Weitere Wackelkandidaten

Weitere Rollen spielen die Langzeitverletzten und Spieler mit kurzen Vertragslaufzeiten. Pavelic und Kuen könnten den Verein verlassen, Steffen Hofmann wird aller Voraussicht nach aufhören und Petsos nicht weiterverpflichtet werden. Ein großes Fragezeichen steht hinter Joelinton und wohl auch hinter Mario Sonnleitner, der noch ein Jahr Vertrag hat, aber nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Gleichzeitig stellt sich aber auch die Frage nach der Zukunft von Dibon und Mocinic, die erneut Rückschläge erlebten. Die beiden sind die große Unbekannte in der Kaderplanung, die Bickels Aufgabe nicht einfacher machen.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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