Nach der vorzeitigen Trennung von Thorsten Fink befindet sich die Wiener Austria – wie so oft in diesem Jahrtausend – mal wieder auf Trainersuche.... Porträt: Das ist der neue Austria-Trainer Thomas Letsch

Nach der vorzeitigen Trennung von Thorsten Fink befindet sich die Wiener Austria – wie so oft in diesem Jahrtausend – mal wieder auf Trainersuche. Dabei drängte die Zeit, steht doch bereits in wenigen Tagen das nächste Heimspiel gegen den WAC an. Die Entscheidung fiel letztlich auf einen Mann, der hierzulande kein Unbekannter ist und viele Jahre bei Red Bull Salzburg tätig war, nämlich Thomas Letsch. Der Deutsche unterzeichnet einen Vertrag bis Saisonende und stellt sich der Herausforderung in Wien-Favoriten. Nun hat Letsch die schwierige Aufgabe, in den letzten zwölf Ligaspielen noch den Einzug in den Europacup möglich zu machen und den Rückstand auf den fünften Tabellenplatz aufzuholen. Doch wer ist dieser Thomas Letsch und für welche Philosophie steht der Deutsche? Was dürfen sich die Fans vom neuen Trainer des FK Austria Wien erwarten?

Erfolgreiche Jahre in Salzburg und kurzes Intermezzo in Aue

Die Spatzen pfiffen es bereits von den Dächern und nun ist die Bestellung des neuen Trainers bei der Austria endgültig fixiert. Kennern der österreichischen Fußball-Szene wird der Name Thomas Letsch durchaus ein Begriff sein. Der 49-jährgige Deutsche verbrachte fünf Jahre in den verschiedensten Funktionen bei Red Bull Salzburg, war unter anderem der sportliche Leiter der Red Bull-Akademie, Co-Trainer unter Erfolgscoach Roger Schmidt, Interimstrainer nach der Entlassung von Peter Zeidler und zwei Jahre lang Cheftrainer des FC Liefering in der zweithöchsten Spielklasse.

Eine bewegte Zeit also für Letsch, mit vielen verschiedenen Funktionen und Erfahrungswerten, die er dadurch sammeln konnte. Vor allem seine Zeit bei Liefering blieb durchaus positiv in Erinnerung, als er das äußerst junge Farm-Team relativ problemlos in den oberen Tabellenregionen etablierte, in seiner ersten Saison auf dem vierten Platz landete und ein Jahr darauf sogar die Vizemeisterschaft hinter Aufsteiger LASK erringen konnte. Das alles mit durchaus ansehnlichem Offensivfußball und 123 erzielten Toren in 72 Spielen, wodurch er letztlich einen Punkteschnitt von 1,63 einfahren konnte, bei einem Altersdurchschnitt von nur knapp 19 Jahren. Diese gute Arbeit brachte ihn letztlich auch in die engere Auswahl auf die Nachfolge von Oscar Garcia als Cheftrainer von Red Bull Salzburg, für die er laut Medienberichten in der Pole-Position stand. Die Entscheidung fiel letztlich etwas überraschend auf Marco Rose, der mit der Youth-League-Mannschaft sensationell den Titel einfahren konnte.

Enttäuscht von der Entscheidung fasste Letsch den Entschluss, den Schritt weg von Salzburg zu wagen und eine neue Aufgabe wahrzunehmen. Passenderweise flatterte genau zu dieser Zeit ein Angebot vom deutschen Zweitligisten Erzgebirge Aue ein, die reges Interesse bekundeten und den 49-Jährigen verpflichten wollten. Letsch entschied sich dafür diese Offerte anzunehmen und die schwierige Nachfolge von Domenico Tedesco anzutreten, der die Auer zuvor noch sensationell vor dem Abstieg bewahrte und dem Ruf des FC Schalke 04 in die Bundesliga gefolgt war. Mit viel Elan, hohen Erwartungen und einem langfristigen Vertrag in die Aufgabe gestartet, sollte letztlich alles anders kommen, als es sich der Deutsche vorgestellt hatte. Dabei kam es bereits in der Vorbereitung zu Spannungen mit dem alten Trainerteam, vor allem aufgrund der neuen Philosophie und der gewählten Ausrichtung des neuen Cheftrainers, da Letsch einen anderen Stil pflegte, als sein Vorgänger Tedesco.

Unüblicherweise übernahm Letsch nämlich das gesamte Trainerteam seines Vorgängers, der eigentlich plante, seine Kollegen nach Gelsenkirchen mitzunehmen und von Aue loszueisen. So folgte dem Deutschen einzig Wolfang Luisser als weiterer Co-Trainer nach Aue nach, während der Rest des Stabes gleich blieb, was sich letztlich als großer Fehler herausstellen sollte. Pikanterweise war nämlich einer der Co-Trainer mit der Tochter des Präsidenten liiert gewesen und dürfte sich letztlich als Sargnagel für Thomas Letsch erwiesen haben. Trotz nur dreier absolvierten Pflichtspiele, in denen man unter anderem. als besseres Team gegen Düsseldorf verlor und gegen Heidenheim in Unterzahl erst kurz vor Schluss die Niederlage einstecken musste, entschied sich der als eigenwillig bekannte Präsident des Vereins den neuen Trainer bereits nach wenigen Wochen zu beurlauben und seinen Schwiegersohn in spe als Nachfolger zu installieren.

Eine weitere bemerkenswerte Anekdote, unter den bereits vielen eigenartigen Geschichten rund um den Präsidenten, der immer wieder auch von eigenen Fans und Präsidiumsmitgliedern mit Vorwürfen der Vetternwirtschaft konfrontiert wurde. Letztlich kann man konstatieren, dass Letsch an Umständen gescheitert ist, die in Wirklichkeit nur wenig mit ihm und seiner Arbeit zu tun hatten. Daher erscheint die Begründung seiner Entlassung ziemlich unglaubwürdig, weiß man doch bereits nach kurzer Recherche und Betrachtung der Vita des Deutschen, für welche Philosophie Letsch steht und was für einen Spielstil man zu erwarten hat. Für den Deutschen war dies trotz allem in der Außendarstellung ein schwarzer Fleck auf seiner Weste, konnte er doch aufgrund des aufrechten Vertragsverhältnisses die Hintergründe seiner Entlassung nicht aufdecken und musste sich bedeckt halten. Erst kürzlich in der Fußballsendung „Talk und Tore“ deutete er die Umstände an und erläuterte seinen Abschied von Aue.

Nach seiner kurzen Amtszeit bei Aue hatte der 49-Jährige erstmals wieder viel Zeit, die letzten Jahre zu reflektieren, Zeit mit seiner Familie zu verbringen, die in Salzburg beheimatet ist und sich weiterzubilden. Erst kürzlich durfte Letsch einen Vortrag beim ÖFB-Trainerseminar halten, wo er zum Thema aktives Vorwärtsverteidigen referieren durfte. Wenige Monate nach seinem kurzen Abstecher in seine Heimat stand der Deutsche allerdings wieder bei einem österreichischen Verein im engeren Kandidatenkreis, nämlich bei Sturm Graz. Der Winterkönig war auf der Suche nach einem Nachfolger für Franco Foda auf Letsch gestoßen und führte auch Gespräche mit dem ehemaligen Salzburg-Angestellten, weshalb der Deutsche auch bei einem Heimspiel zu Gast war und sich ein näheres Bild von der Mannschaft der Grazer machte. Letztlich entschieden sich die Verantwortlichen von Sturm jedoch für Heiko Vogel, der das Zepter übernehmen sollte.

Für welchen Fußball steht Thomas Letsch?

Kommen wir nun zum inhaltlichen Teil und der näheren Betrachtung der Philosophie des Thomas Letsch. Der Deutsche machte dabei bei seinen öffentlich getätigten Aussagen keinen Hehl aus dem Umstand, dass ihn die Philosophie und das Spiel von Red Bull geprägt haben und auch seinen Wesenskern in fußballerischer Hinsicht ausmachen. Sein Mentor ist in dem Fall Ralf Rangnick gewesen, der ihn damals nach Salzburg lotste und einen Job in der Akademie gab. Seine Idee vom Fußball kann man kurz und bündig so zusammenfassen – aktiv sein! Wenn der Gegner im Ballbesitz ist, verlangt Letsch von seiner Mannschaft „eklig“ für den Gegner zu sein und als Gruppe aktiv und geschlossen den Ball so schnell es geht zu erobern, um anschließend über Kombinationen und Läufe in die Tiefe zum Abschluss zu kommen. Zusammengefasst möchte Letsch gegen den Ball sein Team weiter vorne attackieren sehen und mittels aggressivem Pressing das Spielgerät so schnell es geht wieder in die eigenen Reihen bringen. Dafür verlangt er von seinen Spielern die passende Mentalität und Einstellung, so dass man auch Meter macht, die vielleicht wehtun, aber der Mannschaft helfen.

Doch wäre es zu einfach, den Deutschen nur auf die klassische Red Bull-Schule zu reduzieren und ihn in diese Schublade zu packen. Bei seinem Amtsantritt in Aue betonte der Deutsche: “ „Ich bin sicher vom RB-Fußball geprägt. Es ist aber nicht möglich, eine Art Fußball auf jede Mannschaft zu stülpen. Klar ist, dass ich meine Idee dem Spielermaterial und der Vorgeschichte der Mannschaft anpassen muss. Wir wollen auf jeden Fall flexibel sein und aktiv Fußball spielen“.

Letsch macht bei seinen Aussagen also immer wieder darauf aufmerksam, dass ihn zwar durchaus seine Zeit bei Red Bull geprägt hat und auch darauf einige Prinzipien seiner Philosophie basieren, er sich jedoch eine gewisse Flexibilität behalten möchte und versucht einen eigenen Stil zu kreieren, der darüber hinaus zu dem Kader und Spielermaterial passt. Diese Flexibilität zeigt sich auch in den Grundformationen, mit der Letsch seine Mannschaften meist auf das Feld schickt. Die bevorzugte Variante war zwar meist ein 4-2-3-1, doch der Deutsche passte die Anordnung immer wieder an und spielte vom 4-4-2 mit Raute, 4-1-4-1  bis zum 5-4-1 alles durch und zeigte damit, dass ihn die Zahlenspielerei eher wenig interessiert und es vordergründig um die Prinzipien im Spiel geht. Bei seinem kurzen Intermezzo in Aue z.B. griff Letsch zur aktuell in Mode gekommenen Dreierkette und lief in einem 3-5-2/5-3-2 System auf, welches auch für die Veilchen aufgrund des Spielermaterials durchaus interessant werden könnte.

Dass dieser Stil tendenziell durchaus passen könnte, da die Austria traditionell gerne dominant und aktiv auftreten möchte und es hie und da auch unter Thorsten Fink so praktizierte, dürfte wohl einleuchten. Letztlich wird die entscheidende Frage sein, ob der 49-Jährige die passende Struktur für die Spieler findet und seine Überlegungen so optimiert, dass sie mit den Kader der Veilchen übereinstimmen. In der Kürze der Zeit und den verbleibenden zwölf Spielen gilt es klarerweise an den Basics und der Kompaktheit der Mannschaft zu arbeiten, gewisse Grundpfeiler in das Spiel zu integrieren und so viele Punkte wie nur möglich zu holen, um vielleicht doch noch den Sprung in den Europacup zu schaffen. Auch für die Zeit über die aktuelle Saison hinaus könnte Thomas Letsch also durchaus eine Rolle in den weiteren Planungen spielen. Dem Deutschen wird nämlich hohe Fachkompetenz, ein kommunikativer Führungsstil und ein Händchen für junge Spieler nachgesagt. Das nötige inhaltliche Rüstzeug bringt Letsch also zweifellos mit, jetzt muss er bei einem großen Verein mit der entsprechenden Drucksituation sein Können unter Beweis stellen. Die Austria-Fans werden jedenfalls einen ruhigen, sachlichen und reflektierten Trainer kennenlernen, der mehr durch seine Arbeit, als durch seine Worte auffallen möchte. Und sollte dies dem Deutschen gelingen und er tatsächlich die Trendwende schaffen, dürfte seine Zukunft auch nach der Saison in Wien-Favoriten liegen.

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic