Seit zehn Jahren in der Bundesliga, ein Trainer, der seit acht Jahren durchgehend im Amt ist und eine der modernsten Fußballakademien in Mitteleuropa –...

SV MattersburgSeit zehn Jahren in der Bundesliga, ein Trainer, der seit acht Jahren durchgehend im Amt ist und eine der modernsten Fußballakademien in Mitteleuropa – so könnte man den SV Mattersburg großzügig beschreiben. Man versucht von Vereinsseite die Sonnenseite zu zeigen. Sportlicher Misserfolg seit dem Abgang von Didi Kühbauer, eine äußerst fragwürdige Transferpolitik und ein stetiger Fanrückgang sind einige der vielen zankenden Zahnräder des burgenländischen Fußball-Aushängeschilds.

Fürchterliche Verhältnisse in der Pressearbeit

Der SVM war noch nie für große Wortspenden zu haben, häufig bekommt man auf Presseanfragen Schweigen als Antwort. Viele Sportmedien hadern bereits mit dem Verein, viele wissen nicht einmal wer beim Verein für Pressefragen zuständig ist. Diese Verschwiegenheit und auch die sträflich ignorierte Öffentlichkeitsarbeit haben aber fatale Folgen, vor allem für einen kleinen Verein.

Dass der SVM auf jeden Cent angewiesen ist, betont Pucher in seinen seltenen Interviews jedes Mal, umso verwunderlicher ist daher seine Art mit der Presse umzugehen. Ein Fußballverein ist wie eine Marke, die ein Produkt (Fußball) an den Kunden (Fans) bringen muss. Um ein Produkt erfolgreich (viele Zuseher) zu verkaufen können, bedarf es guter Werbung (Presse, Fanarbeit). Wenn man aber schon keinen erfolgreichen Fußball spielt und die Zuseher zunehmest flüchten, ist Werbung umso wichtiger, doch auf diese verzichtet der Verein völlig.

Verletzungsberichte, Vollzugsmeldungen…

Wenn der Fan nicht genügend Material – in Form von Informationen – bekommt um sich dann folgedessen gedanklich mit dem Verein zu befassen, wird er auch sein Interesse am Verein nicht aufrechterhalten. Der Fan muss zumindest grob, besser noch täglich und im Detail, über die neuesten Vorkommnisse Bescheid wissen, um sich an ihnen zu freuen, oder sich anderweitig emotional mit dem Klub auseinandersetzen zu können.

Dies fängt schon beim Informationsfluss über verletzte Spieler an und geht über Benachrichtigungen von Vertragsverlängerungen, bis hin zu News über Abgänge. Ein Fan des SV Mattersburg weiß häufig nicht, warum ein Spieler – der eventuell sogar sein Lieblingsspieler ist – gerade nicht spielt, da er entweder verletzt ist oder gar nicht mehr unter Vertrag steht. Auch eine Verlautbarung über die gute Neuigkeit, dass Patrick Bürger seinen Vertrag verlängerte, wäre für viele Fans Grund zum Jubeln gewesen. Doch anstatt vom Verein informiert zu werden, stolpert der Fan des SV Mattersburg dank unterschiedlicher Medien über die Vollzugsmeldungen. Im Bereich „Kundenzufriedenheit“ wird im Burgenland vieles dem Zufall überlassen – viele Amateurvereine arbeiten in diesem, im modernen Fußball lebensnotwendigen Bereich wesentlich professioneller.

Social Media wird gemieden

Ebenfalls Entwicklungshilfe bedarf es beim so-genannten Fan-Service, der vor allem im 21. Jahrhundert zu großen Teilen im Internet stattfindet. Die offizielle Homepage ist auf dem technischen Level des letzten Jahrzehnts, Internetauftritte in sozialen Medien wie Twitter, Facebook oder YouTube werden völlig vernachlässigt. Sowohl internationale Spitzenklubs als auch andere österreichische Profivereine legen großen Wert auf Präsenz im Social Media Bereich, da auf direktem Wege mit den Fans kommuniziert werden kann. Facebook ist für nahezu jeden Verein in Österreich ein absolutes Must-Have, selbst unterklassige Vereine betreiben eine gut frequentierte offizielle Facebook Fanpage. Der SV Mattersburg verzichtet jedoch auf diesen „Luxus“, meidet Twitter und Co. entschieden, ohne dabei aber zu bedenken, dass gerade der SV Mattersburg mit einem stetigen Fanrückgang zu kämpfen hat und jeden Fan braucht wie einen Bissen Brot.

Bares Geld bleibt wegen schlechter Kommunikation auf der Strecke

Daher wäre es klug endlich mit der Zeit zu gehen und auf eine professionelle Internetpräsenz wertzulegen. Vor allem jüngere Fans kann man auf diesem Weg erreichen und sie früh für den eigenen Verein gewinnen. Die Abwicklung von Fanaktionen, Gewinnspielen und anderen Specials im und rund um das Stadion lässt sich online wesentlich besser steuern, als mit Hilfe einer Tombola-artigen Goodie-Aktion vor Ort, wie man sie seit Jahrzehnten von Dorfplätzen kennt. Der SV Mattersburg muss begreifen, dass man trotz des selbst auferlegten Underdog-Images mehr ist als das. Im Allgemeinen ist die Verschwiegenheit des Vereins weder akzeptabel noch vernünftig, da man sich mit dieser Art und Weise öffentlich nicht klug bzw. überhaupt nicht präsentiert und sich so im Endeffekt um bares Geld bringt.

Fragwürdige Transfers und stagnierende Spieler

Wer beim SVM tatsächlich für Transfers zuständig ist, ist ein Geheimnis. Trainer Lederer, Obmann Pucher oder Manager Simmel sind wohl jener Bund, der Transfers abwickelt und die Bereiche Sichtung, Verhandlungen und Budgetplanung übernimmt. Von einem Scout, oder einem Scoutingsystem bzw. irgendeinem Konzept, das über die Einbindung von Akademiespielern hinausgeht, ist nichts bekannt.

Der SVM verpflichtete seit dem Aufstieg in die Bundesliga 59 Spieler – die hochgezogenen Amateure aus der eigenen B-Mannschaft nicht inkludiert. Die Zahl der hochgezogenen Amateur-Spieler beläuft sich auf 18. Die Saison 2012/13 wurde dabei nicht einberechnet.

Junge oder Alte – wenig dazwischen

Offiziell konnte man einen Gewinn von 1,5 Millionen € verbuchen, wobei diese Zahl inoffiziell etwas höher ist, zumal man beispielsweise mit Cem Atan einen unbekannten Gewinn erzielen konnte. Wie viel Geld man für Neuzugänge ausgegeben hat, ist nicht bekannt. Um aktuelle Beispiele zu nennen: Für Spieler wie Domoraud oder Rodler hat Mattersburg vermutlich kleinere Ablösesummen bezahlt, zumal diese Spieler bei ihren ehemaligen Klubs noch laufende Verträge hatten.

Die Transfer-Philosophie des SVM: Es kommen junge Spieler mit Potential oder Routiniers, die ihren Zenit bereits überschritten haben. Mit den jungen Spielern plant man auf lange Sicht, Routiniers sollen kurzfristig helfen. Kicker, deren Alter sich zwischen „junges Talent“ und „ausrangierter Routinier“ bewegt (etwa 24 – 29 Jahre), sind in Mattersburg traditionell selten. Hauptsächlich verpflichtete man aussortierte Spieler von größeren Vereinen, wie FK Austria Wien, und setzte sich für zwei bis drei Saisonen ein, ehe sie dann das Weite suchten. Spieler wie Krzysztof Ratajczyk, Goce Sedloski, René Wagner, Carsten Jancker oder Robert Waltner spielten zwar gut, ihre Verpflichtungen liegen aber schon einige Jahre zurück. Derartige Spieler wurden zu Stützen aufgebaut bzw. waren dies von Anfang an. Doch bis auf Sedloski spielte keiner dieser Akteure länger als 2 ½ Jahre in Mattersburg. Nach dem Abgang des jeweiligen Kickers musste man sich wieder nach Neuem umsehen – langfristig wachsen konnte mit Legionären dieser Altersklasse nichts.

Einkaufen „weil’s geht“

Man erinnere sich an Namen wie Ujcik, Lösch, Sedlak, Clemens Ivanschitz, Stjapanovic, Velicky, Lindström, Kogler, Kovrig, Hamouz oder Holenak? Sie alle konnten in Mattersburg nie wirklich in Erscheinung treten. Spieler wie Lösch und Ujcik wurden auf lange Sicht als Zukunftsaktien geholt, die niemals aufgingen und Lindström, Hamouz oder Sedlak als schnelle Unterstützung, die jedoch nie einschlug. Viele dieser Fehlkäufe kamen aus dem Osten, flatterten als Managerfaxe auf den Tisch der Mattersburger Verantwortlichen. Das Resultat dessen sind zahlreiche Fehlkäufe, die eben geholt werden, „weil’s geht“. Da Mattersburg praktisch über keine Spielphilosophie verfügt, kann der Verein weder punktiert Spieler sichten, noch punktiert einkaufen. Waren es vor einigen Jahren noch möglichst billige Kicker aus dem Osten, setzt man heutzutage wenigstens auf österreichische Nachwuchskicker oder Talente aus der Heute für Morgen Erste Liga. Jedoch würde die goldene Mitte den größtmöglichen Erfolg versprechen. Am Anfang steht jedoch eine Philosophie, die ein Leitstrahl dafür ist, welche Kicker man überhaupt braucht. Unter anderem die folgenden Kicker brauchte Mattersburg nämlich nicht…

Mattersburger Fehlkäufe heute (die Jahreszahl zeigt an, wann der Spieler bei Mattersburg spielte):

  • Robert Ujcik (23, 2009, kein Spiel für Mattersburg, später bei Digenis auf Zypern, danach wieder in der Slowakei bei MFK Kosice, Dolny Kubin und aktuell Stammspieler in der zweiten Liga bei SFM Senec)
  • Mario Lösch (23, 2008 – 2010, 6 Spiele / 0 Tore, seit zwei Jahren Stammspieler bei Ritzing in der Regionalliga Ost)
  • Tomas Sedlak (30, 2009, 5/0, später Reservist bei Ruzomberok, dann in Ungarn bei Kaposvár und aktuell Stammspieler in der zweiten slowakischen Liga bei Michalovce)
  • Clemens Ivanschitz (32, 2005, 6/0, nach seinem Mattersburg-Engagement nur noch unterklassig, zudem MC, Rapper und Musikproduzent)
  • Ostoja Stjepanovic (28, 2009, 28/1, später ein halbes Jahr Stammspieler bei Taraz in Kasachstan, seit zwei Jahren Stammspieler bei Vardar Skopje, Debüt im mazedonischen Nationalteam im November 2012)
  • Stanislav Velicky (32, 2009, 11/0. Später bei Senica, Odra Wodzislaw, AEP, Dolny Kubin, Vysocina Jihlava und aktuell Stammspieler bei Dunajska Streda in der zweiten slowakischen Liga. Spielte also nach Mattersburg noch in vier verschiedenen Ländern)
  • Mattias Lindström (33, 2008, 20/1, wechselte später nach Göteborg zu GAIS und spielt nun seit über drei Jahren bei Helsingborg. Aktuell ist er mit sechs Toren aus sechs Spielen Führender in der schwedischen Torschützenliste)
  • Patrick Kogler (25, 2008, 3/0. Nach seinem Mattersburg-Intermezzo im Amateurbereich verschwunden)
  • Akos Kovrig (26, 2007 – 2008, 33/2, später wieder in Ungarn bei Szolnok, danach in der dritten norwegischen Liga bei Avaldsnes, später Amateur)
  • Josef Hamouz (32, 2009, 17/0. Ein erfolgloses Jahr in Brünn, seit fast zwei Jahren beim Egri FC in Ungarn, seit November kein Einsatz mehr)
  • Miroslav Holenák (37, 2006 – 2007, 32/2 – später noch vier Jahre bei Slovan Liberec, davon drei Jahre als Stammspieler. Karriereende im Sommer 2011)

 

Viele Jugendspieler stagnieren oder brauchen sehr viel Zeit

Von den zahlreichen eingebauten Talenten entwickelten sich einige wenige richtig gut. Klar ist aber auch, dass nicht jeder junge Spieler der neue Star in Österreich werden kann. Lukas Rath etwa stagniert schon seit der letzten Saison und konnte keinen weiteren Schritt nach vorne machen, wobei seine Kreuzbandverletzung ihr Übriges tat. Auch Patrick Bürger schaffte den Durchbruch erst beim zweiten Versuch. Manuel Seidl brauchte vier Jahre bis er annähernd zu einer Spielmacherfigur werden konnte. Gartner schmorte bei den Amateuren dahin, ehe er endlich nach sehr starken Leistungen bei den Amateuren in der Profi-Elf spielen durfte. Beim SVM wird Jugend zwar groß geschrieben, doch auch am Beispiel des jungen Marvin Potzmann, der plötzlich zu keinen Einsätzen mehr kommt, wird offensichtlich, dass Kontinuität nicht immer gelebt wird.

Farkas als Aushängeschild der Mattersburger Nachwuchsarbeit

Das Top-Beispiel für gute Mattersburger Jugendarbeit ist Patrick Farkas. Der Außenverteidiger spielt schon seit vier Saisonen fix in der ersten Elf und für Mattersburger Verhältnisse stark. Farkas debütierte im Alter von 17 Jahren und bekam von Beginn an regelmäßig seine Einsatzzeit. Da sich die Infrastruktur der Mattersburger Talentschmiede seitdem weiter verbesserte, sollte Farkas allerdings erst der Anfang sein. Wenn es eine Sache gibt, für die man den SVM loben kann, dann ist es die Nachwuchsarbeit – doch auch hier gibt es noch Potential nach oben!

Benjamin Doppler, abseits.at

Benjamin Doppler

  • Frank

    8.Mai.2013 #1 Author

    Also das mit Potzmann verstehe ich überhaupt nicht. Da spielt der SVM gegen den Abstieg und verzichtet auf seinen torgefährlichsten Spieler (bezogen auf die Einsatzminuten) und TOTO Jungstar 2012. Selbst wenn Potzmann noch keinen neuen Vertrag beim SVM unterschrieben hat, halte ich das für einen „schlechten“ Burgenländerwitz, der sich unter Umständen noch rächen könnte …

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  • Name

    16.Mai.2013 #2 Author

    Armer SVM. Wer so mit seinen beiden Zukunftshoffnungen umgeht (Gartner, Potzmann) wird es in Zukunft unvergleichlich schwerer haben, für junge Spieler noch attraktiv zu sein. Aufwachen liebe Vereinsverantwortliche, wir schreiben schon das Jahr 2013!

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