Mit etwas Pech scheidet Rapid Wien aus dem heimischen Cup aus. Dabei zeigten sie keine katastrophale Leistung; statistisch gesehen waren sie in einem alles... Rapid im Fokus (2) – Kompaktheitsprobleme und die Sache mit den Räumen

SK Rapid Wien - Wappen mit Farben_abseits.atMit etwas Pech scheidet Rapid Wien aus dem heimischen Cup aus. Dabei zeigten sie keine katastrophale Leistung; statistisch gesehen waren sie in einem alles in allem ausgeglichenen Spiel leicht überlegen. Die Hütteldorfer konnten aber vor heimischen Publikum das Ballbesitzplus nicht in ausreichend Chancen respektive Tore ummünzen. Nichtdestotrotz geht es im Rahmen dieser Serie nicht um die Ergebnisse; im Fußball sind sie durch den Zufallsfaktor ohnehin häufig ein schlechter Indikator. Stattdessen geht es um die Leistung und wie sie sich mit Vergleichsmannschaften auf höchstem Niveau misst. Auch dieses Mal legte Rapid einige klare Probleme offen. Ein sehr großes davon sollte insbesondere gegen stärkere Mannschaften zum Problem werden können.

Gewähren von Freilaufräumen

„Kompaktheit“ ist eines der Schlagwörter im modernen Fußball. Dabei hat es sich spätestens seit Arrigo Sacchi bereits als eine fundamentale Eigenschaft in der Arbeit gegen den Ball gezeigt. Unter Kompaktheit versteht man schlichtweg die richtigen – möglichst geringen – Abstände zwischen den Spielern einer Mannschaft, um die Räume eng zu halten. Dabei sollte man gerade so weit auseinander stehen, dass man nicht denselben Raum abdeckt, aber eben so eng, dass alle Räume von mehreren Spielern bei Bedarf (also einem gegnerischen Pass oder Dribbling in diese Zone) attackiert werden können. Neben enormen Laufaufwand und Einsatzbereitschaft sind eben aus taktischer Perspektive natürlich auch die Distanzen wichtig, was meist ein Coaching-Anliegen ist.

Rapid zeigte in dieser Partie mehrmals, dass die Kompaktheit teils mangelhaft ist. Grundsätzlich gab es natürlich gute Szenen; insbesondere im tieferen Mittelfeldpressing. Beim höheren Attackieren des Gegners offenbarten sich jedoch Abstimmungsprobleme und in weiterer Konsequenz große Lücken. Beim Anlaufen der gegnerischen Aufbaulinie fehlte es teilweise nicht nur an den Regeln (so unterscheidet Guardiola je nach Körperhaltung und Zone, wohin der erste Pass geht, wer herausrückt und wie die anderen absichern), sondern auch an der passenden Unterstützung der Mitspieler.

Häufig sah man die Grün-Weißen in einem 4-2-1-2-1 anlaufen. Dies ist unüblich, doch mangelnde Orthodoxie ist nur ein Problem, wenn die Ausführung schwach ist. Es gingen beide Flügelstürmer häufig nach vorne, der zentrale Mittelfeldspieler sicherte dazwischen in tieferen Zonen vor den Sechsern ab, doch insgesamt war man einfach zu weit auseinander. Gute Passkombinationen oder sogar lange Bälle erlaubten dem Gegner das Pressing zu umspielen. Ein klares Beispiel sieht man hier:

_1 Freilaufräume Massive Kompaktheitsprobleme

Weil beide Flügelstürmer gleichzeitig hochschieben, aber die restlichen Spieler – insbesondere die Viererkette – nicht nachrücken, sind im zentralen Band überall Räume offen. Der Außenverteidiger der Admira kann den Ball hier unbedrängt annehmen. Wer auf ihn herausrücken sol, ist unklar; ist es die Aufgabe des Außenverteidigers? Wenn ja, dann müsste er sich schon früher nach vorne bewegen und die restliche Kette müsste hinter ihm absichern. Dies wird nicht bzw. zu spät und unsauber praktiziert. Die ballferne Seite ist ebenfalls offen, was dem Gegner erlaubt, die Abwehr auseinanderzuziehen. Zwei Sechser und ein Achter/Zehner davor können die gesamte Breite nicht besetzen. Auf internationalem Niveau (ab CL-Achtelfinale oder EL-Viertelfinale) können diese Probleme zum K.O. führen; und auf heimischem Terrain gelegentlich ebenfalls zu Punktverlusten.

Neben den kollektiven Punkten sind es auch individuelle Aspekte in der Umsetzung, die mangelhaft sind. Folgende Situation illustriert dies:

_2 Freilaufräume Abstände und Orientierungen im Pressing

In dieser Situation zeigt sich die geringe Kompaktheit Rapids. Der Gegner kann sich dadurch leicht freilaufen, kann sich bei Ballannahmen leicht drehen und zudem simpler mit Ball am Fuß agieren. Hier führt dies dazu, dass Rapids zentraler Akteur sich komplett falsch orientiert und den Sprint Richtung Torwart startet. Er hat die Umgebung nicht gescannt und nicht erkannt, dass in der Mitte hinter ihm ein Spieler frei ist. Dieser kann dadurch problemlos aus dem Deckungsschatten herausbrechen und erhält den Ball. Das Pressing ist somit zunichte gemacht; in der Akademie des FC Barcelona wird sowohl die Bewegung mit als auch ohne Ball in dieser Situation bereits von klein auf gecoacht.

Räume sind aber nicht nur ein Problem ohne Ballbesitz für Rapid; auch in Ballbesitz nutzen sie diese nicht optimal.

Raum, Raum, Raum

Pep Guardiola und Johan Cruyff verlautbarten beide als Trainer, dass Räume – konkreter das Öffnen und Besetzen – das Wichtigste im Fußball sind. Eine passende Staffelung in Ballbesitz soll den Spielern das Fußballspielen erleichtern, Optionen bieten und den Gegner vor Probleme stellen. Dabei nutzt man das Positionieren in bestimmten Zonen / Positionen, um Abstimmung ins Spiel zu bringen und Synergien zu erzeugen.

Einzelne Überladungen können dabei natürlich genutzt werden, doch Rapid macht dies nicht nur ohne bestimmte Intention, sondern auch unpassend:

_3 Spacing und Selbstblockade

Sie stehen hier zu siebent und relativ dynamiklos auf einem vertikalen Streifen, ein weiterer Spieler steht in der ersten Linie relativ eng beim Ballführenden. Für die Admira – und eigentlich jedes halbwegs organisierte Team der Welt – ist dies simpel zu verteidigen. Verlagerungen sind kaum möglich, ebenso wenig wie eine ordentliche Ballzirkulation oder ähnliches. Solche Extremstaffelungen geschehen natürlich nicht konstant, doch eindeutig zu oft; auf höherem Niveau muss sich Rapid deswegen aufs Konterspiel konzentrieren und sogar im heimischen Cup kann ein Ausscheiden an solchen Punkten liegen.

Auch hier sind es nicht nur kollektive Probleme. Die individuellen Spieler müssen sich auch dementsprechend zu positionieren und freizulaufen wissen. Sie müssen gecoacht werden, wie sie ihren Gegenspieler lesen können: Verteidigt er am Mann? Dann muss ich mich bewegen, um Passwege zu öffnen, um mich herauszubewegen, um deren Formation zu zerstören oder schlichtweg um frei zu werden. Verteidigt er im Raum? Dann muss ich mich aus seinem Sichtfeld wegbewegen, mich in oder knapp hinter den Schnittstellen positionieren, ein offene Körperstellung einnehmen und die Räume zwischen den Linien besetzen, um als offene Anspielstation Raumgewinn kreieren zu können.

Aber nicht nur das Wissen um diese Möglichkeiten ist wichtig, auch eine dynamische Umsetzung ist es:

_4 Spacing und Unterstützung

Hier sieht man, dass die zentralen Spieler es versäumen schnell genug zu unterstützen. Nicht nur die Staffelung in der ersten Linie (mit Torwart vier Spieler in einer Linie und eng zusammen) ist schwach, sondern auch der Mangel an möglichen Flachpassoptionen nach vorne. Normalerweise müssten die seitlichen Spieler im Sprint auffächern und sich die Mittelfeldspieler zurückbewegen; nicht zu weit, um vor dem gegnerischen Pressing zu stehen, aber soweit, dass dieses überspielt werden kann.

Standards?

Das Tor fiel auch nach einem langen Ball aus einem Standard. Interessant wird zu beobachten sein, ob dies ein konstantes Problem ist oder ein einmaliger Aussetzer war. Die Situation lässt keinen klaren Schluss zu:

_5 Koordination bei Standards

Die Ausgangsstaffelung wirkt solide, die Bewegungen nicht. Ein Spieler lässt sich in die Tiefe ziehen und hebt hier kurz das Abseits auf. Nach der Ausführung bewegen sich die Spieler nicht einheitlich, bekommen danach den Ball nicht weg und lassen die seitlichen Räume unbesetzt; dies wurde nicht genutzt, ist aber bei starken Kopfballspielern des Gegners ein möglicher Plan, um diese zu nutzen.

Die Abseitslinie ist außerdem unüblich gewählt. Manche Teams werden von ihren Trainern in dieser Situation extrem hoch gestellt, was zwar zu offenen Räumen, aber schwierigerer Erreichbarkeit der Bälle führt. Andere stehen noch tiefer, um mit Dynamik auf den Ball gehen zu können und Abstimmungsprobleme in der Bewegung nach hinten zu eliminieren. Andere stehen ähnlich hoch, aber dann auf Höhe des Strafraums; die Linie wird genutzt, um sich besser orientieren zu können. Wieso diese Linie gewählt wurde, erschließt sich aus der Analyse nicht.

abseits.at Redaktion

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