Rapid ist weiterhin auf der Suche nach seinem idealen System. Unter Peter Schöttel konnte Rapid seine ersten Ligaspiele mit einer Variante mit zwei Angreifern... Rapid und sein Spielsystem – 4-2-3-1 und gruppentaktisches Training als Basis für Flexibilität in der Hütteldorfer Taktik

Rapid ist weiterhin auf der Suche nach seinem idealen System. Unter Peter Schöttel konnte Rapid seine ersten Ligaspiele mit einer Variante mit zwei Angreifern und Steffen Hofmann auf einer zurückgezogenen „Achter“-Position gewinnen, doch das System stieß spätestens im letzten Auswärtsspiel gegen den SK Sturm Graz an seine Grenzen…

Schon unter Peter Pacult war es einer der größten Kritikpunkte von Fanseite, dass man das Spielsystem viel zu selten an den Gegner anpasste. In Heimspielen gegen Kapfenberg oder Mattersburg ließ Pacult speziell gegen Ende seiner Zeit als Rapid-Coach dasselbe System spielen, wie in Auswärtspartien gegen Ried oder Wacker Innsbruck, beschnitt sich so nicht selten seines hohen Offensivpotentials. Vom 4-4-2 mit zwei defensiven Mittelfeldspielern wich Pacult nur in Spitzenspielen gegen Salzburg, Sturm oder die Austria ab, in denen Rapid mit einem 4-2-3-1 meist eine bessere Figur machte als in Spielen gegen Nachzügler.

Wenn man unbedingt mit zwei Stürmern spielen will…

Schöttels erste Überlegungen als Rapid-Trainer gingen in Richtung systemtechnischer Flexibilität. Klar wollte sich der Neo-Coach die Möglichkeit mit zwei Stürmern aufzulaufen nicht verbauen, versucht daher bereits seit der Saisonvorbereitung ein 4-4-2 zu forcieren, das in Vorwärtsbewegung, aufgrund einer defensiveren Grundausrichtung von Kapitän Steffen Hofmann, zu einem 4-1-3-2 wird. Doch dieses System hat seine Tücken, zumindest was die Rapid-Elf 2011/12 angeht.

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Hofmann und Heikkinen in Union zu unsicher

Die markanteste Schwachstelle dieses Systems ist Kapitän Steffen Hofmann, der mit seiner neuen Position vorerst noch nicht zurechtkommt. Hofmann schöpfte sein volles Potential immer dann aus, wenn er zwei zentrale Mittelfeldspieler als Unterstützung hatte, die eine defensivere Grundausrichtung haben als er selbst. Dies war etwa ein zeitweise perfekt funktionierendes Konzept, das in der Meistersaison 2007/08 aufging, mit Heikkinen und Boskovic auf den zentral-defensiven Positionen. Dieses System funktionierte hauptsächlich deswegen, weil Markus Heikkinen zu dieser Zeit der wohl beste „Sechser“ der Bundesliga war und Branko Boskovic seine Position sehr flexibel auslegte und so auch offensiv immer wieder gefährlich wurde. 2011/12 gestaltet sich dies jedoch auch wegen eines rapiden Formabfalls von Markus Heikkinen schwierig. Der Finne „schupft“ das zentrale Mittelfeld nicht mehr mit derselben Selbstverständlichkeit wie vor zwei oder drei Jahren.

Unterschiedliche Typen im Mittelfeld, Salihi kein Arbeiter

Das Problem mit dem zuletzt praktizierten 4-4-2-System ist aber noch komplexer. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass die beiden offensiven Mittelfeldspieler – meist Trimmel rechts und Prokopic links – spielerisch und taktisch heterogen sind. Trimmel fühlt sich an der Linie wohl, sucht durch seine Schnelligkeit 1-gegen-1-Duelle, hat einen sehr beschränkten Bewegungsradius. Prokopic hingegen ist eher ein zentraler Mittelfeldspieler, was man auch in seinem positionsuntreuen Laufspiel immer wieder bemerkt. Während Trimmel auf der rechten Seite stets anspielbar ist, deckt Prokopic einen größeren Spielradius ab, entblößt dadurch aber sehr häufig die linke Flanke. Eine Variante mit zwei Flügelspielern, etwa Trimmel und Drazan, ist jedoch in einer 4-4-2-Formation mit der beschriebenen Grundausrichtung eindeutig zu offensiv. Hinzu kommt, dass in einem derartigen System die Stürmer stark am Aufbauspiel teilnehmen müssen. Atdhe Nuhiu machte dahin gehend in den letzten Monaten beeindruckende Fortschritte, aber speziell Top-Scorer Hamdi Salihi sieht man es förmlich an, dass er keine Freude damit hat, dass er aus seinem natürlichen Habitat als Strafraumstürmer und Knipser geholt wird. Klar kann Salihi stärker antizipieren, mehr für das Team arbeiten (was Schöttel ja immer wieder von ihm fordert), steht allerdings in weiterer Folge dann nicht dort, wo ein Stürmer stehen soll – das kann „Strafraumkobra“ Salihi schon alleine läuferisch nicht bewerkstelligen.

Umstellung auf ein 4-2-3-1 als Basisformation

Eine erste logische Maßnahme wäre es nun, das bereits zeitweise bewährte 4-2-3-1-System in die Praxis umzusetzen. Speziell fürs defensive Mittelfeld hätte man hierzu ausreichend Personal. Heikkinen und Kulovits könnten gemeinsam abräumen, Hofmann die Position im zentralen offensiven Mittelfeld einnehmen. Auch Thomas Prager (derzeit mit einer Kreuzbandzerrung drei bis vier Wochen außer Gefecht) und U20-Teamkapitän Michael Schimpelsberger können die Position hinter Hofmann einnehmen. Mit drei zentralen (versetzten!) Mittelfeldspielern und einer Solospitze, die dennoch hart für das Team arbeitet, ließe sich auch eine Variante mit zwei klassischen Flügelspielern wie Trimmel und Drazan verwirklichen. Der erste Schritt zu einem dynamischen 4-3-3 in Vorwärtsbewegung – und dahingehend wird sich der Fußball in den nächsten Jahren immer stärker entwickeln – wäre getan. Eine derartige Formation, und diese darf man im Derby gegen die Wiener Austria, erwarten, ist nicht nur kompakt auf der Zentralachse, sondern offensiv wesentlich explosiver und kräftesparender.

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(Die verletzten Prager und Burgstaller sind in diesem und den folgenden Taktikboards nicht berücksichtigt, werden aber in absehbarer Zeit ebenfalls Alternativen darstellen)

Kleine Adaptionen ermöglichen grundlegende Systemumstellung

Womit wir wieder gezwungenermaßen beim Thema „System an den Gegner anpassen“ wären: Wenn man ein 4-5-1, mit welcher Ausrichtung auch immer, als Grundstein nimmt, muss der Trainer für effiziente Änderungen des Defensiv-Offensiv-Wechselspiels nur wenige Bausteine auswechseln. Wie schon in den Saisonen zuvor hat Rapid auch heuer das Spielermaterial, um ein Grundsystem mit einfachen Änderungen an einen Gegner zu adaptieren. Oft genügt eine einzelne, veränderte Position, um die Spielanlage grundlegend zu verändern. So etwa die Möglichkeit statt eines 4-2-3-1-Systems auf ein 4-1-4-1 umzustellen, wie es einige russische Mannschaften erfolgreich praktizieren. Bei ebendiesen Team fällt auf, dass der defensive Mittelfeldspieler nicht selten kein ausgesprochen guter Fußballer ist, aber mit Laufstärke und Kampfkraft als Absicherung dient. Spielertypen wie etwa Stefan Kulovits.

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(Klassische Ausrichtung im 4-1-4-1)

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(4-1-4-1 in Rückwärtsbewegung – die kompakte Verteidigung durch drei Mittelfeldspieler auf der Zentralachse ist deutlich erkennbar)

In dieser taktischen Veranschaulichung wurden bewusst rotiert, um deutlich zu machen, dass Rapid auf vielen, vielleicht sogar allen Positionen, nahezu gleichwertig doppelt besetzt ist!

4-1-4-1 als künftige Formation für Heimspiele?

Rapid testete zuletzt in einem Trainingsspiel gegen die eigenen Amateure (3:1) etwa eine halbe Stunde lang ein derartiges 4-1-4-1-System, was vorerst schleppend funktionierte. Die Grundidee ein derartiges System zu testen ist jedoch gut, zumal es nur eine geringfügige Adaption des bereits einstudierten 4-2-3-1 wäre. In weiterer Folge wäre mit einem 4-3-2-1 noch eine weitere Facette ohne größeren Aufwand planbar. Hier ist nicht die Rede von einschneidenden Veränderungen am taktischen Grundkonzept, Rapid müsste kein komplett unvertrautes System wie etwa ein 3-5-2, ein 3-6-1 oder ein 5-4-1 einstudieren, sondern würde bereits bestehende Grundformen effizient und systematisch flexibler gestalten. Derartige Systemänderungen durchzuziehen erfordert vor allem Mut von Trainerseite und jede Menge gruppentaktisches Training. „Gruppentaktisch“ bedeutet in diesem Fall, dass diejenigen Spieler, die auf dem Platz in unmittelbarer Interaktion stehen, ihre Automatismen bis zum Erbrechen einstudieren müssen. Ein Christopher Trimmel hat schließlich als rechter Mittelfeldspieler nur selten etwas mit Linksverteidiger Thomas Schrammel zu tun. Deshalb ist gezieltes gruppentaktisches Training, in der Trimmel beispielsweise mit seinen unmittelbaren Neben-, Hinter- und Vorderleuten, für die Umsetzung eines neuen Systems, unabdingbar.

Rapid dient hier nur als ein Beispiel von vielen, weil flexibles Spielermaterial zur Genüge vorhanden wäre. Aber auch viele kleinere Klubs schöpfen ihr Potential nicht zur Gänze aus, weil sie in ihren taktischen Strukturen zu festgefahren agieren.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen