Der Herbstmeistertitel – im Sommer für viele Rapid-Fans noch undenkbar – ist dann doch nach Hütteldorf gelangt. Peter Schöttels taktische Ausrichtung und Personalpolitik haben... Rapids Herbst – Teil 1: Die Verteidigung

Der Herbstmeistertitel – im Sommer für viele Rapid-Fans noch undenkbar – ist dann doch nach Hütteldorf gelangt. Peter Schöttels taktische Ausrichtung und Personalpolitik haben wesentlich dazu beigetragen. Angesichts des bevorstehenden Frühjahrsstarts blicken wir auf den Herbst zurück: Im ersten Teil analysieren wir das Auftreten von Rapids Verteidigung.

„Er kann nur verlieren“ – Das haben viele gedacht, als Peter Schöttel in einer denkbar ungünstigen Situation als damals neuer Rapid-Trainer präsentiert wurde. Und das zu Recht: Angesichts der sportlich miserablen Saison 2010/2011 wurde ein Neubeginn erwartet. Dennoch würden die meisten Rapid-Fans einen sofortigen Qualitätssprung und eine bessere Tabellenplatzierung erwarten. Schöttel hat den langfristigen Neubeginn erst eingeleitet und schon dürfen die Rapid-Fans auf eine durchaus erfolgreiche Herbstsaison zurückblicken. Denn Rapid hat den Herbstmeistertitel geholt. Ermöglicht hat dies natürlich die schwache Ausbeute der großen Meisterschaftsfavoriten Red Bull Salzburg und Austria Wien, verantwortlich dafür sind aber auch Schöttels Plan und dessen Umsetzung durch seine Mannschaft.

Stabilisierung der Abwehr

Der Neubeginn ist ein langfristiger, das hat Schöttel mehrmals gesagt. Das war zu Beginn der Saison auch zu erkennen: Man hatte das Gefühl, dass es dem Rapid-Trainer vorrangig darum ging, die Abwehr zu stabilisieren. Das gelang jedenfalls. Rapid kassierte in den ersten drei Partien keinen einzigen Treffer. Aktuell hat Rapid, nach Ried, nur die zweitwenigsten Gegentore kassiert, nämlich 19. Das kann sich sehen lassen. Im Laufe des Herbstes wurde sichtbar, dass der ehemalige Rapid-Verteidiger seine Abwehr entsprechend modernen taktischen Prinzipien neu organisiert hatte, etwas das in der Ära Pacult offensichtlich vernachlässigt wurde. Der neue Innenverteidiger Harald Pichler hat großen Anteil an dieser Stabilisierung, er organisiert die Abwehr am Platz, ist technisch solide und zweikampfstark, vor allem auch ein Führungsspieler, der schon einmal lauter wird. Neben der neuen Stammkraft Pichler hat sich im Herbst meist Mario Sonnleitner eingereiht. Seine Schnelligkeit ist bei schnellen Angriffen der Gegner gefragt, genau das fehlt Ragnvald Soma und Jürgen Patocka. Als die beiden gemeinsam die Innenverteidigung bei der 4:3 Niederlage gegen die Admira besetzten, kamen sie mit den schnellen Konterangriffen der Südstädter überhaupt nicht zurecht.

Spielschwache Innenverteidigung

Mit Pichler und Sonnleitner mangelt es Rapids Innenverteidigung nicht mehr an Schnelligkeit, defensiv agiert das Duo durchaus sattelfest. Dafür offenbaren sich bei ihnen massive Probleme im Spielaufbau. Nur selten schaltet sich einer der beiden in die Offensive ein, um dort eine Überzahl herzustellen und das Spiel mit raumeröffnendem Passspiel einzuleiten. Gerade dann, wenn ein Gegner defensiv agiert, sich hinten hineinstellt, dann braucht es einen weiteren Spieler, der den Angriff unterstützt. Auf internationalem Topniveau spielt der FC Barcelona mittlerweile auch aus diesem Grund häufig mit einer Abwehrdreierkette. Wenn Pichler und Sonnleitner das Spiel eröffnen, versuchen sie es mit hohen Flanken ins Niemandsland und mit unpräzisen Kurzpässen, die oft beim nächsten Gegenspieler landen. Kein Wunder, dass gerade Christopher Dibon von Schöttel so umworben wird: Seine Stärken liegen unter anderem im Spielaufbau, das hat er im Frühjahr bei der Admira unter Beweis gestellt. Ragnvald Soma ist wohl Rapids spielstärkster Innenverteidiger, doch seine Unsicherheit und Langsamkeit hindern Rapid daran, von seinen Stärken zu profitieren.

Kompletter Schimpelsberger, verhaltener Schrammel

Stark präsentiert sich Rapids neue Außenverteidigung, die von den Michael Schimpelsbergers Fähigkeiten profitiert. Er hat es in der letzten Saison schon angedeutet und im Herbst bestätigt: Er ist spielstark, schnell, technisch beschlagen, dribbel- und zweikampfstark und verfügt über eine gute Schusstechnik. Durch gute Leistungen in Defensive und Offensive hat sich Schimpelsberger auf der rechten Seite einen Stammplatz erkämpft. Erkämpft – Die Wortwahl trifft es auf den Punkt, der ehemalige Twente Enschede-Legionär besticht durch eine alte Rapid-Tugend. Auf der linken Seite ist der Neuzugang Thomas Schrammel zum Konkurrenten des vielfach kritisierten Markus Katzer geworden. Schrammel, auf den Peter Schöttel ab Saisonstart gesetzt hat, konnte in den ersten Runden nicht an seine Leistungen in Ried anschließen. Er schaltete sich zwar häufig ins Offensivspiel ein, sein Flügelspiel blieb allerdings zu variantenlos. Zu häufig schlug er eine verfrühte, berechenbare Flanke in den gegnerischen Strafraum, anstatt durch Dribblings und Kombinationsspiel den Ball selbst an die Grundlinie zu führen, um von dort gefährliche Vorlagen zu liefern. Ein Kreuzbandriss im September, den sich Schrammel bei einem internen Trainingsspiel zuzog, sorgte leider dafür, dass er im Frühjahr nur sieben Runden Zeit hatte sich zu beweisen.

Verbesserter Katzer, vielseitiger Thonhofer

Schrammels Langzeitverletzung hat Katzer zurück in die Stammelf gebracht. Dem Routinier hat der Konkurrenzkampf sichtlich gut getan, er zeigte sich im Herbst von einer verbesserten Seite. Katzer hat an seinen Schwächen erfolgreich gearbeitet: Er ist schneller geworden, defensiv kommt er seltener ins Straucheln. Katzer besticht vor allem durch Spielverständnis und Kopfballtechnik. Im Offensivspiel harmoniert er auf der linken Seite mit Flügelstürmer Christopher Drazan, schlägt gefährliche Flanken in den Strafraum und sorgt für Torgefahr, nicht nur mit dem Kopf: Beim 4:2 gegen Red Bull Salzburg hat Katzer das sehenswerte 1:0 geschossen. Christian Thonhofer hat als Back-Up für die rechte und linke Seite weniger überzeugt. Dennoch ist er zu einigen Einsätzen gekommen und hat dabei passable Leistungen gebracht. Thonhofers Stärken liegen in seiner Ballbehandlung, in seinem Offensivverhalten und natürlich auch in seiner Vielseitigkeit. Thonhofer kann auch im Mittelfeld eingesetzt werden, er scheint der ideale Ergänzungsspieler, auf den Schöttel gerne zurückgreift.

Ziehen wir Bilanz: Rapids Abwehr hat sich stabilisiert, ist auf den Außenpositionen personell gut besetzt, in der Innenverteidigung sind jedoch spielerische Fertigkeiten gefragt. Fortsetzung folgt.

Emanuel Van den Nest, abseits.at

Emanuel Van den Nest

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert