Der SK Rapid trifft heute auswärts auf den SC Wiener Neustadt und findet sich dabei in einer Situation wieder, die im Gegensatz zum Heimspiel... Spiel eins nach dem „2:2-Sieg“: Rapids Fehler gegen Kiev und die Chance sie schon heute zu Stärken umzuformen!

Christopher TrimmelDer SK Rapid trifft heute auswärts auf den SC Wiener Neustadt und findet sich dabei in einer Situation wieder, die im Gegensatz zum Heimspiel gegen Dynamo Kiev gegensätzlich ist. Die Fehler Rapids, die Kiev am Donnerstag ausnützte, muss Rapid heute dem Tabellensiebten aus Niederösterreich aufzwingen. Eine Analyse der Donnerstagspartie, die mit einer Vorschau und einem möglichen Matchplan für das heutige Abendspiel einhergeht.

Rapid begann beim 2:2 gegen Dynamo Kiev in einem 4-2-3-1-System mit zwei klassischen Sechsern. Eines der Hauptprobleme in der ersten Halbzeit war jedoch, dass die Staffelung zwischen Petsos und Behrendt kaum funktionierte. Behrendt stand in Rückwärtsbewegung oft zu hoch und auch Petsos ist dafür bekannt bei gegnerischem Ballbesitz hoch zu verteidigen.

Die wenigen Schritte des Younés Belhanda

Nutznießer dieser Positionsfehler war hauptsächlich Younés Belhanda. Der Spielmacher von Dynamo Kiev musste sich im Rücken der Doppelsechs – und dabei zumeist speziell in Behrendts Rücken – nur wenige Schritte nach rechts oder links bewegen und der Passweg zum Marokkaner war stets offen. Zu einfach konnte Kiev den hochveranlagten 23-Jährigen anspielen und Rapids Doppelsechs wurde durch diese einfache, aber intelligente Spielweise auf Feldpositionen ausgehebelt, an denen es schwer war wieder hinter den Ball zu kommen.

Selbstbedienungsladen für die offensive Kiev-Dreierreihe hinter Mbokani

Belhanda hatte in dieser Zone schließlich die freie Wahl, wohin er das Spiel verlagern möchte. Einerseits konnten die Anspielstationen an den Flügeln, Yarmolenko und Lens, sich nach Belieben bewegen und freie Räume in den Schnittstellen der grün-weißen Viererkette suchen. Andererseits musste durch das Überbrücken der Rapid-Doppelsechs des Öfteren ein Innenverteidiger aus der Kette rücken, was Rapid vor dem 0:2 zum Verhängnis wurde.

Die Rolle Mbokanis

Dynamo Kiev hatte durch die Durchsetzungskraft von Stürmer Dieumerci Mbokani einen weiteren Vorteil. Der kongolesische Stürmer konnte sich durch seine überragende Physis immer wieder gegen einen oder mehrere Gegenspieler durchsetzen. Augenscheinlich wurde sein Wert vor dem 1:0 Kievs durch Andriy Yarmolenko. Die Hereingabe von Benoit Trémoulinas in den Rücken der Rapid-Abwehr war grundsätzlich nicht gefährlich, aber Mbokani zog die Innenverteidiger durch seine sehr hohe Feldposition vor das eigene Tor. So stand niemand bereit, um auszuputzen und Yarmolenko konnte mit einem kurzen, aber effizienten Laufweg dem Ball entgegengehen und die schwache Flanke verwerten.

Die Achterbahnfahrt des Stephan Palla

Ebendiesen Laufweg machte die schillerndste Figur Rapids im Donnerstag-Spiel nicht mit: Stephan Palla ließ den ukrainischen Teamspieler ziehen und konnte somit das 0:1 nicht verhindern. Beim 0:2 schoss Palla Innenverteidiger Dibon an und fabrizierte so praktisch ein halbes Eigentor. In der zweiten Halbzeit besserte Palla mit tollen Offensivaktionen seine Fehler aus: Das 1:2 durch Guido Burgstaller bereitete er mit einer gefühlvollen und präzisen Flanke vor. Auch vor dem 2:2 schlug Rapids Linksverteidiger die entscheidende Flanke. Dabei nützte er aus, dass Kievs Rechtsverteidiger Danilo Silva schwach verteidigt, wenn er nicht den sicheren Hafen der Seitenlinie in Reichweite hat, sondern einrücken muss.

Aus Fehlern lernen und Stärken daraus machen

Für Rapid fühlte sich der späte Ausgleich gegen Dynamo wie ein Sieg an. Für das zuletzt strauchelnde Selbstvertrauen der Grün-Weißen war der erste Europa-League-Punkt in der laufenden Saison Gold wert. Doch die begangenen Fehler waren für Rapid auch noch eine wichtige Lehrstunde – speziell wenn ein Spiel wie gegen den SC Wiener Neustadt vor der Tür steht.

Schaub und der Belhanda-Stil

Trotz Burgstallers Verletzung, die ihn mindestens sechs Wochen zum Zuschauen zwingen wird, ist damit zu rechnen, dass Louis Schaub und nicht Steffen Hofmann Rapids Zehner in Wiener Neustadt abgeben wird. Der technisch starke Jungstar der Hütteldorfer muss danach trachten sich ähnlich zu bewegen, wie Belhanda gegen Rapid. Die Doppelsechs der Wiener Neustädter heißt Hlinka-Koch. Der Slowake nimmt dabei in Rückwärtsbewegung die defensivere Position ein, während Koch etwas offensiver verteidigt.

Passsichere Sechser als große Chance für den Zehner Schaub

Wenn Wiener Neustadt zu Hause spielt, steht die Mannschaft allgemein ein paar Meter höher als in Auswärtspartien. Dadurch, dass die Doppelsechs im 4-4-1-1-System der Neustädter nicht immer souverän auf einer Linie agiert, muss Schaub versuchen den Raum zwischen Doppelsechs und Innenverteidigung zu beackern. Egal wer hinter Rapids Shootingstar spielt: Nahezu alle Optionen (Petsos, Hofmann, Behrendt, Boskovic) sind in der Lage ebendiese intelligenten Pässe zu spielen, die vor allem Kievs Miguel Veloso und Sergiy Sydorchuk im Happelstadion fabrizierten. Bewegt sich Schaub in der Breite clever, wird Rapid dieselben Räume hinter der gegnerischen Doppelsechs vorfinden, die man am Donnerstag noch selbst offenbarte.

Wie „hoch“ kann sich Rapid platzieren?

Ein zweiter wichtiger Faktor wird Rapids Druck auf die „Höhe“ der gesamten Mannschaft in Ballbesitz sein. Rapid wird die defensiv instabilen Niederösterreicher besiegen, wenn man es schafft, den kreativen Schwerpunkt so weit wie möglich vor das gegnerische Tor zu tragen. Dabei nehmen drei Positionen eine wichtige Rolle ein:

Boyd als moderner Prellbock

Terrence Boyd hat natürlich nicht die fußballerischen Fähigkeiten des Dieumerci Mbokani, aber er kann sich viel vom Positionsspiel des Kongolesen abschauen. Mbokani antizipierte immer dann, wenn es notwendig war bzw. wenn Dynamo Kiev mehr Spieler für den Aufbau brauchte. Wenn Kiev situative Stabilität ins Mittelfeld brachte und sich in der Rapid-Hälfte festsetzte, verminderte Mbokani sein Antizipationsspiel und versuchte die zentrale Verteidigungsachse Rapids zu binden, indem er sehr weit nach vorne schob. Das zwang Rapids defensive Viererkette einige Meter zurück und davor – eben hinter Rapids Doppelsechs – taten sich Räume auf. Dies wäre auch im Auswärtsspiel gegen Wiener Neustadt ein mehr als probates Mittel.

Taktvorgabe weit vorne – Innenverteidiger müssen reagieren

Gleichzeitig müssen aber auch die defensivsten Spieler Rapids nachschieben. Wenn Boyd seine Feldposition sehr hoch einnimmt, darf die Durchschnittsposition der Innenverteidiger nicht zu tief sein. Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen dürfen nicht zu groß werden, wenn man einen Gegner an die Wand spielen möchte. Man könnte sogar sagen, dass Boyd im heutigen Spiel eine Art Taktgeber für die Höhe von Rapids Spiel sein kann. Immerhin geht es gegen eine Mannschaft, die in der Defensive Kommunikationsprobleme hat und phasenweise hochgradig nervös agiert.

Offensive Außenverteidiger: Weg vom klassischen Flügelspiel

Der dritte Faktor für diesen Beispiel-Matchplan: Dass Palla und Trimmel sehr offensive Außenverteidiger mimen können, bewiesen sie am Donnerstag. Trimmel tat dies schon öfter, Palla erstmals – dafür aber eindrucksvoll. Wenn die Außenverteidiger diese Konsequenz im Offensivspiel (2.Halbzeit gegen Kiev) auch gegen Wiener Neustadt aufrechterhalten können, ist das Spiel gegen Wiener Neustadt womöglich ein guter Training Ground, um vom Konzept der klassischen Flügelstürmer wegzukommen.

Einrücken der äußeren Mittelfeldspieler / Flügelstürmer

Wenn Rapid nicht auf typische Flügelspieler setzt, sondern diese Flügel grundsätzlich mehrere Meter zur Mitte einrücken lässt, überlädt man die Zentralachse und nützt damit aus, dass die Neustädter Außenverteidiger Pollhammer und Berger in ihrer Prägung eher Spieler sind, die die Seitenlinie bevorzugen – ebenso wie Kievs Danilo Silva. Durch Burgstallers Ausfall verfügt Rapid aktuell praktisch über keine klassischen Flügelrackerer. Sämtliche Alternativen haben einen wesentlich markanteren Zug zum Tor und eine inverse Grundanlage. Das gilt für Sabitzer ebenso, wie für Grozurek oder Schaub, der natürlich wieder eine Option am Flügel ist.

Altbewährter Hofmann?

Nicht vergessen darf man in dieser Spielidee Steffen Hofmann. Seine größten Spiele für den SK Rapid bestritt er im rechten Mittelfeld. Die Freigeistrolle, die er einst auf der rechten Seite einnahm, kommt dem gleich, was Rapid heute in Wiener Neustadt Stabilität geben kann. Weiter innen als Trimmel, aber doch weiter außen als der Zehner oder die Doppelsechs, würde Hofmann mehr Lücken vorfinden, als er sie zuletzt auf einer deutlich zentraleren Position fand. Die Möglichkeit mit derartigen einrückenden Flügeln Altbewährtes wiederzubeleben, könnte Rapid dabei helfen aus der Not (Burgstallers Ausfall) eine Tugend zu machen.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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