Die aktuelle Situation beim SK Rapid ist objektiv gesehen keinesfalls so, dass man von einer Krise sprechen könnte. Dennoch ist die Stimmung im grün-weißen... Statistikanalyse: Könnte Grahovac die Rolle von Petsos dauerhaft übernehmen?

Srdjan Grahovac - SK Rapid Wien_abseits.atDie aktuelle Situation beim SK Rapid ist objektiv gesehen keinesfalls so, dass man von einer Krise sprechen könnte. Dennoch ist die Stimmung im grün-weißen Fanlager nicht typisch für einen Klub, der die ausgegebenen Saisonziele aller Voraussicht nach erreichen wird. Den Meistertitel hat man mit dem 1:1 am Sonntag gegen Salzburg nämlich wohl verspielt. Die Gedanken vieler Rapid-Anhänger sind aus diesen Gründen bereits bei der anstehenden Transferzeit.

Eine Position, die bei den Diskussionen rund um den Kader der Hütteldorfer besonders im Fokus steht, ist jene des defensiven Mittelfeldspielers. Thanos Petsos wechselt im Sommer bekanntlich zu Werder Bremen, sodass die Sorgen um einen passenden Nachfolger groß sind. Möglicherweise steht er aber schon im Kader.

Ähnliche Radarprofile

Petsos hatte am grün-weißen Spiel von Anfang an eine Schlüsselrolle inne. Besonders zu den ersten erfolgreichen Schritten der anvisierten ballbesitzorientierten Spielweise von Trainer Zoran Barisic trug er einen erheblichen Teil bei. Immer wieder balancierte er die noch wackeligen Bewegungen seiner taktisch vermutlich schlechter ausgebildeten Mitspieler gut aus. Mit der Zeit wurde seine Rolle jedoch immer kleinräumiger, sodass sein Aufgabenbereich mittlerweile quasi ausschließlich die Ballverteilung und das Absichern von Aufrückbewegungen seiner Mitspieler einschließt. Man erkennt dies, wenn man sich seine aktuelle Radargrafik ansieht.

Petsos spielt pro 90 Minuten so viele Pässe wie kein anderer Mittelfeldspieler in der tipico Bundesliga und kann eine sehr starke Passquote vorweisen. Darüber hinaus sind auch seine Balleroberungswerte sehr gut. In der Offensive ist er jedoch abgesehen von regelmäßigen Weitschüssen nicht auffällig. Als in seiner ersten Rapid-Saison mit Brian Behrendt ein noch defensiver ausgerichteter Spieler neben ihm spielte, sah sein Radar noch merkbar anders aus. Die obige Grafik zeigt allerdings auch, dass Srdjan Grahovac sehr ähnliche Charakteristiken in seinem Spiel hat. Deshalb wollen wir im Folgenden einige Daten noch genauer unter die Lupe nehmen.

Ähnliche Stabilitätsindikatoren

Zunächst wollen wir uns näher mit möglichen Indikatoren hinsichtlich der defensiven Stabilität auseinandersetzen, immerhin ist das eine der Kernkompetenzen eines Sechsers. Betrachtet man die kombinierte Anzahl an Tackles und abgefangenen Bällen, so kann Grahovac Rapid-intern kein Spieler das Wasser reichen. Hinter dem Bosnier, der wie oben zu sehen 6,2 Bälle pro Spiel erobert, folgt mit deren 5,5 bereits Petsos. Neben diesen offensichtlichen Werten gibt es jedoch weitere simple Möglichkeiten, herauszufinden, ob ein Spieler zur defensiven Stabilität beiträgt.

Eine Alternative ist die Fehlpassquote in der eigenen Hälfte heranzuziehen. Insbesondere, weil der Sechser im Rapid-Spiel ständig abkippt und die Außenverteidiger aufrücken, würde ein Fehlpass in dieser Zone dem Gegner eine große Torchance ermöglichen. Wie bei der allgemeinen Passquote liegt Petsos (9,4%) hier marginal vor Grahovac, der mit 10,6% jedoch noch immer beispielweise vor Stefan Schwab (13%) liegt. Auch die drei Stamminnenverteidiger haben Werte in einem ähnlichen Bereich (8,1% – 10%).

Ein weiterer Indikator, der die Zuverlässigkeit dokumentiert, ist die Anzahl an Ballverlusten. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass die simple Anzahl auch hier wenig aussagt. Treffender wird es wenn man die Ballverluste der gesamten Anzahl an Ballaktionen gegenüberstellt. Auch hier liegen Petsos und Grahovac quasi gleich auf. Letzterer kommt auf einen Ballverlust pro sechs Ballaktionen, beim Griechen geht es etwas schneller (5,8).

Unterschiede in den Passmustern

In den defensiven Disziplinen sollte es also keine Zweifel daran geben, dass Grahovac die Rolle von Petsos nahtlos übernehmen könnte, zumal der 23-Jährige auch im strategischen Bereich überaus stark. Kritik gibt es vielmehr am Verhalten, wenn sein Team bzw. er selbst den Ball hat. Deshalb vergleichen wir abschließend noch die Passmuster der drei zentralen Rapid-Mittelfeldspieler.

Die nachstehende Grafik zeigt, in welche Richtung und wie häufig – repräsentiert durch die Pfeillänge – die Spieler passen. Sie basiert auf der Anzahl an Pässen pro 90 Minuten, die vom jeweiligen Spieler nach vorne und zurück sowie nach links und rechts gespielt werden. Aufgetragen ist jeweils die Differenz. Daraus folgt, dass es sich bei der resultierenden Richtung und Länge der Pfeile nur um Approximationen handelt. Genauer aufgeschlüsselte Daten, die dieses Problem beheben könnten, sind öffentlich leider nicht verfügbar.

Auf den ersten Blick fällt auf, dass Schwabs Passspiel deutlich stärker nach vorne gerichtet ist als jenes der anderen beiden Akteure, seine Passfrequenz – dargestellt durch die Pfeillänge – aber um einiges niedriger ist. Das ist angesichts der höheren Position des Achters durchaus nachvollziehbar. Auffällig ist zudem, dass alle drei Spieler häufiger nach links als nach rechts spielen. Dies rührt daher, dass Petsos und Grahovac in aller Regel halbrechts spielen und daher mit dem Sichtfeld häufiger in diese Richtung stehen. Bei Schwab werden andere Faktoren schlagend. Vor allem ist er durch die höhere Position seltener in der Lage, Wechselpässe zu spielen.

Zwar gibt es im Passspiel ebenfalls einige Parallelen zwischen Petsos und Grahovac  – zum Beispiel ist die Erfolgsquote bei langen Pässen beinahe exakt gleich (jeweils rund 59%) – die obige Grafik spiegelt aber eindeutig den großen Kritikpunkt am Spiel von Grahovac wieder: es fehlt jegliche Vertikalität. Das stellt die Verantwortlichen vor eine Herausforderung. Bis auf diesen Punkt sind die Profile von Grahovac und dem scheidenden Petsos nämlich quasi deckungsgleich und die eierlegende Wollmilchsau wird man höchstwahrscheinlich nicht verpflichten können.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem