Alexander Grünwald verkörpert vieles, wofür die Wiener Austria stehen möchte. Technisch beschlagen, mit einem guten Auge ausgestattet und immer wieder für die besonderen Momente... Stehen Alex Grünwald schwere Wochen bevor?

Alexander Grünwald verkörpert vieles, wofür die Wiener Austria stehen möchte. Technisch beschlagen, mit einem guten Auge ausgestattet und immer wieder für die besonderen Momente zuständig. Daher ist der Spielmacher auch nicht umsonst Kapitän, sondern auch Identifikationsfigur und Leitwolf der Mannschaft. Doch auch wenn man viele positive Attribute aufzählen kann, gibt es doch einige Punkte, die bei ihm negativ behaftet sind. Könnte das schlussendlich dazu führen, dass ausgerechnet der Mannschaftskapitän der Austria in der entscheidenden Phase der Meisterschaft kein Teil der Stammelf ist? Interimstrainer Robert Ibertsberger setzt nämlich neuerdings auf ein 3-4-3-System, mit dem man im Testspiel gegen den russischen Tabellenführer zu überzeugen wusste. Diesem Testspielerfolg könnte Grünwald letztlich zum Opfer fallen, denn es stellt sich nun die Frage, ob es für den Kapitän einen Platz in dieser Konstellation gibt.

Torgefährlichster Spieler, aber nicht einfach einzubinden

Die Austria musste in den letzten Jahren oft ohne Alex Grünwald auskommen. Der Kreativspieler wurde in der Vergangenheit immer wieder von schweren Verletzungen heimgesucht und blickt mittlerweile auf eine lange Leidenszeit zurück. Doch gerade in den Phasen, in denen Grünwald nicht am Platz stand, vermissten ihn die Fans der Austria schmerzlich. Dass das nicht von ungefähr kommt, zeigte sich erst bei Grünwalds letzter Verletzung im Herbst, deren Auswirkung für das Offensivspiel der Austria nahezu fatal ausfiel. Obwohl er im Herbst nur in 11 der 18 Spiele auf dem Platz stand, war Grünwald dennoch mit Abstand der gefährlichste Spieler der Veilchen. Nicht nur, was die nackten Zahlen in der Scorerwertung anbelangt (die er nach wie vor anführt), sondern auch in nahezu alle anderen relevanten Statistiken. So war der Austria-Kapitän nicht nur der Spieler mit den am Abstand meisten Torschussvorlagen bei den Violetten, er war auch an 27 Prozent (!) der Torschüsse beteiligt, was ihm sogar einen Spitzenplatz in der Liga einbrachte – und das trotz seiner Ausfallzeit.

Alex Grünwald hat also nachweislich einen extrem hohen Wert für das Offensivspiel der Austria. Dennoch haben seine Trainer es nicht immer einfach, den Mittelfeldspieler passend in die Mannschaft einzubauen. Von Karl Daxbacher, Peter Stöger, bis zuletzt bei Thomas Letsch, hatten allesamt ähnliche Schwierigkeiten und es gestaltete sich nicht so einfach. Vor allem Ex-Trainer Thomas Letsch, versuchte lange dem Austria-Kapitän eine passende Rolle anzuschneidern und veränderte daher auch mehrmals dessen Position. Die Schwierigkeit liegt nämlich darin, Grünwalds Defizite auszugleichen und gruppentaktisch so aufzufangen, damit die mannschaftliche Stabilität nicht darunter leidet.

Die Problematik konnte man speziell im letzten Spiel der Austria in Graz gut erkennen. Grünwald wurde im 3-4-3 im zentralen Mittelfeld neben Jeggo aufgestellt, wo er allerdings eines seiner schwächsten Spiele in dieser Saison ablieferte. Grünwald musste schlichtweg zu viel Raum abdecken und kam häufig einen Schritt zu spät. Auch bei der Heimniederlage gegen Altach, wo man im 4-4-2 mit Matic und Grünwald im Zentrum auflief, stellte sich die Sachlage ähnlich dar und bekam die Austria das Mittelfeldzentrum schlichtweg nicht in den Griff. Grünwald war zwar nie der beweglichste und athletischste Spieler, aber durch die vielen Verletzungen musste er noch zusätzlichen Tribut zollen. Durch seine mangelnde Präsenz in der Arbeit gegen den Ball und seiner eingeschränkten Beweglichkeit/Spritzigkeit, kommt der Kapitän der Austria für eine defensivere Position im zentralen Mittelfeld eher nicht infrage bzw. kämen seine Defizite einfach stärker zum Vorschein.

Daher ist die Idealposition von Spielmacher Grünwald, auch wenn es etwas klischeehaft anmutet, die klassische Zehnerposition. Dort kann er sich frei bewegen, ist abgesichert und kann sich auf seine Stärken fokussieren. Nicht umsonst hatte Grünwald seine vermutlich beste Zeit in seiner Karriere unter Thorsten Fink, als er genau diese Position ausfüllen durfte. Vor allem in der Saison, als man Vizemeister wurde, hatte Grünwald genau jene Hochgeschwindigkeitsspieler um sich, die er mit seinen Pässen einsetzen konnte und die ihm gleichzeitig auch durch die breite Spielanlage den Raum im Zentrum öffneten, während er von Holzhauser und Serbest im Zentrum abgesichert wurde.

Defizite in der Kaderstruktur schwächen Grünwalds Position

Doch die Tage von Fink bei der Austria sind längst gezählt und auch die Kaderstruktur hat sich bei den Veilchen drastisch verändert. Mittlerweile hat man eine Überzahl an Mittelstürmern und zentralen Mittelfeldspielern, während auf den Flügelpositionen ein Defizit herrscht. Man nahm sich darüber hinaus im Sommer vor, auf ein System mit einer Raute zu setzen und Abstand von der breiten Spielanlage von Thorsten Fink zu nehmen. Doch je länger die Saison dauerte, desto mehr erwies sich diese Entscheidung als Fehlschuss. Grünwald wurde hin und her geschoben, doch bevor er sich in ein System etablieren konnte, verletzte er sich schwer.

In der Winterpause veränderte sich an seiner Situation wenig, denn Ex-Trainer Letsch nahm auf Grünwald kaum Rücksicht und legte sich auf ein 4-4-2-System fest, da man die vielen Stürmer in die Mannschaft einbauen wollte und der Meinung war, diese Formation passe am besten zur Mannschaft. So wurde Grünwald auch zwischenzeitlich auf den rechten Flügel platziert, doch dieser Versuch klappte nicht wirklich.

Auch im bevorzugten 3-4-3-System von Interimstrainer Robert Ibertsberger, wird auf die Vorlieben von Grünwald wenig Rücksicht genommen. Aufgrund der Kaderstruktur ist die Entscheidung von Ibertsberger nachvollziehbar, denn die Problemzone auf der (defensiven) Außenbahn bekommt man durch die Fünferkette besser in den Griff und man hat qualitativ die passenden Innenverteidiger, um dieses System zu praktizieren. Auch im zentralen Mittelfeld kommt das Duo Jeggo und Matic in dieser Grundordnung gut zur Geltung, da sie in ihrem Spiel weiträumig agieren können und keine Schwierigkeit haben, große Räume abzudecken und zu bespielen. Das zeigte sich erst unlängst beim Testspiel in St. Petersburg, wo die beiden wunderbar harmonierten und eine tolle Leistung zeigten. So bleibt für Grünwald wohl nur eine Position in der vordersten Reihe, was jedoch eine stärkere Anpassung und Umstellung nach sich ziehen würde.

Zusammengefasst kann man sagen, dass Grünwald der größte Leidtragende der aktuellen Kaderstruktur ist. Theoretisch könnte man zwar auf ein 4-2-3-1/4-3-3 umstellen, jedoch fehlen die schnellen, dribbelstarken und breitstehenden Flügelstürmer, die das Spiel in die Breite ziehen und dadurch Raum für Grünwald im Zentrum öffnen. Vom Positionsspiel her könnte man das zwar über attackierende und weit aufrückende Außenverteidiger kompensieren, die stattdessen für die Breite im Spiel sorgen, doch auch in dieser Hinsicht verfügt die Austria nicht über das entsprechende Spielermaterial – auch wenn sich zumindest der druckvolle Rechtsverteidiger Gluhakovic nach seiner schweren Verletzung auf dem Weg zurück befindet.

Wie könnte man Grünwald in der aktuellen Konstellation einbauen?

Wie man sieht, stellt sich die Aufgabenstellung für die Trainer als nicht so einfach dar. Das gruppentaktische Mannschaftsgefüge ist in den meisten Fällen so fragil, dass es bereits ausreichen kann, nur eine Position zu verändern, damit das gesamte Konstrukt in eine nicht ausbalancierte Situation gerät. Erschwert wird dies speziell für Interimstrainer wie Ibertsberger, der nur wenig Zeit haben, um der Mannschaft ein passendes und funktionierendes Gerüst zu verpassen, in dem sie sich wohlfühlt und gut zur Geltung kommt. Daher könnte es auch gut sein, dass Grünwald seinen Stammplatz in der Mannschaft verliert – zum Wohle des gesamten Mannschaftsgefüges.

Doch unmöglich ist es natürlich nicht, den Austria-Kapitän auch im 3-4-3-System einzubauen. Eine Schlüsselrolle könnte dabei Manprit Sarkaria einnehmen. Der nominelle Flügelspieler wurde nämlich im Testspiel gegen Zenit auf der Position des linken Flügelverteidigers getestet, wo er durchaus zu überzeugen wusste. Das bietet dem Austria-Trainer eine interessante Möglichkeit, dessen Offensivstärke über die Flügel einzusetzen, um Grünwald eine eingerückte Position zu ermöglichen. Grafisch könnte dies dann ungefähr so aussehen:

Sarkaria gäbe also in dem Fall die Breite, Grünwald rückt dadurch ins Zentrum und platziert sich im Zwischenlinienraum dort, wo er am wertvollsten für das Team ist. Mit Matic und Igor hätte man auch die passsende Absicherung dahinter, damit man nach Ballverlust kompakt bleibt. Man würde zwar in puncto Geschwindigkeit im Umschaltspiel Abstriche machen, weshalb gegen den kommenden Gegner Salzburg wohl noch Dominik Prokop den Vorzug bekommen wird, allerdings könnte gegen tiefstehende Gegner, wie etwa den SKN St.Pölten, diese Variante durchaus zum Einsatz kommen.

Doch in dieser heiklen Phase, in der sich die Austria aktuell befindet, sind Experimente noch riskanter als ohnehin schon und es erfordert viel Mut, Adaptionen vorzunehmen. Daher könnte es gut sein, dass Grünwald sich in den Dienst der Mannschaft stellen muss und vorerst auf der Bank Platz nimmt. Doch faktisch muss die Austria noch den Nachweis erbringen, dass das 3-4-3 in der Liga funktioniert. Bei ausbleibendem Erfolg, könnte rasch wieder die Stunde des Austria-Kapitäns schlagen, denn verzichten will man auf den wohl wichtigsten und gefährlichsten Spieler in der Offensive garantiert nicht.

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic

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