Red Bull Salzburg konnte gegen den Aufsteiger aus Hartberg einen ziemlich souveränen und verdienten 2:0 Heimsieg einfahren und damit einen perfekten Saisonstart sowie eine... Taktikanalyse: Salzburg besiegt mutige Hartberger

Red Bull Salzburg konnte gegen den Aufsteiger aus Hartberg einen ziemlich souveränen und verdienten 2:0 Heimsieg einfahren und damit einen perfekten Saisonstart sowie eine gelungene Generalprobe für das anstehende Champions-League Playoff feiern.

Die Hartberger von Markus Schopp versuchten es in der ersten Halbzeit mit einer sehr mutigen und aktiven Ausrichtung im Spiel gegen den Ball, die vermutlich viele Mannschaften in der Bundesliga vor größere Probleme gestellt hätte, von den Salzburger Bullen aber aufgrund ihrer sauberen Angriffsstrukturen verbunden mit extrem hoher individueller Qualität auf jeder einzelnen Position häufig ausgehebelt werden konnte.

Die Mannschaft von Marco Rose hat dabei gezeigt, dass sie sich in Sachen Positionsspiel und Variabilität im Vergleich zur Vorsaison noch einmal weiterentwickelt hat und so gegen jegliche Defensivkonzepte auf Lösungsansätze zurückgreifen kann.

Wir analysieren die defensiven Überlegungen von Markus Schopp und schauen uns auch ein paar der vielen kleinen Details im Salzburger Angriffsspiel an, durch die eine derartige Durchschlagskraft produziert werden kann und das Gegenpressing schnell und griffig umgesetzt werden kann.

Offenes Spiel durch mutiges Hartberger Pressing

Vor dem Spiel hätte man durchaus davon ausgehen können, dass Markus Schopp auch in Salzburg auf das bisher praktizierte 4-1-4-1 zurückgreifen wird. Defensiv hätte daraus ein flaches 4-5-1 werden können, mit einem kompakten Zentrum und doppelt besetzten Flügeln. Auch situative Fünfer- bzw. Sechserketten (indem sich die Flügelspieler in die letzte Linie zurückfallen lassen) wären vorstellbar gewesen, eingebettet in ein tiefes Mittelfeld- oder gar Abwehrpressing.

Die Hartberger wollten diese Passivität aber nicht und setzten daher selbst auf ein aktives und teilweise sehr hoch angelegtes Pressing. Dafür wurde auch die Grundordnung angepasst. Aus dem erwarteten 4-1-4-1 / 4-5-1 wurde ein offensiveres 4-4-2, in dem Rep konstant in die erste Pressinglinie neben Tadic vorrückte und um Tadic herum eigentlich die komplette horizontale Linie bearbeitete. Dahinter bildeten Ljubic und Diarra eine Doppelsechs, flankiert von den beiden Flügelspielern Flecker auf rechts und Sanogo auf der linken Seite.

Das sieht man auch anhand des folgenden Videoausschnittes:

Hier sieht man einen kontrollierten Salzburger Spielaufbau. Die zwei Innenverteidiger fächern auf, Junuzovic besetzt den Sechserraum und lässt sich den Ball vor der ersten gegnerischen Abwehrlinie zuspielen. Auf der linken Seite sieht man auch, dass der nominelle Achter Haidara sich wie so oft ganz auf dem linken Flügel positioniert, während Außenverteidiger Ulmer in den Halbraum einrückt und so den gegnerischen Flügelspieler bindet und beschäftigt. Die Hartberger verteidigen im angesprochenen 4-4-2, mit einem ziemlich großen Zwischenlinienraum (besetzt von Minamino) und offenen Flügelzonen.

In den Anfangsminuten praktizierten die Steirer sogar ein sehr aggressives Angriffspressing, wodurch sich ein sehr vertikales und schnelles Spiel in dieser Phase entwickelte. Es gelang den Hartbergern durchaus, den Bullen den gewohnten Aufbaurhythmus zu brechen und sie zu ungewohnten Entscheidungen zu zwingen. Dass sich die Hartberger im Laufe der ersten Halbzeit dann doch öfters in einem tieferen Mittelfeldpressing widerfanden lag vor allem an drei wesentlichen Punkten.

Da wäre zu einem, dass sich die Salzburger in diesen direkten und vertikalen Angriffsaktionen gewohnt gut zurechtfanden. Neben den sauberen technischen Lösungen aller Spieler unter Druck (vermutlich sogar der wichtigste Punkt) ist in diesem Zusammenhang auch die gute Positionsfindung der drei offensivsten Akteure zu erwähnen. Die beiden vordersten Spitzen Wolf und Prevljak positionierten sich gewohnt breit zwischen dem jeweiligen Innen- und Außenverteidiger und konnten dadurch die komplette gegnerische Viererkette binden. Vor allem Hannes Wolf lief in dynamischen Umschaltaktionen immer wieder druckvoll den Raum hinter Außenverteidiger Rasswalder an und bekam dort den Ball zugespielt, woraufhin er in einige aussichtsreiche 1 gegen 1 Situationen mit Innenverteidiger Siegl kam und beinahe bereits nach einer Minute die 1:0 Führung hätte herstellen können. Diese breiten Stürmer-Positionen sind ganz generell echte Waffen im Salzburger Spiel, vor allem auch nach Balleroberungen in der eigenen Hälfte. Mit Hannes Wolf hat man dazu noch einen Spieler in den eigenen Reihen, der diese Aufgaben immer besser ausfüllen kann. Er bringt noch mehr Dynamik und Schnelligkeit mit als Dabbur, ist dafür in engen und unübersichtlichen Situationen noch lange nicht so stabil und ballsicher wie der israelische Nationalspieler.

Auch der Zwischenlinienraum wurde konstant besetzt und bespielt. Aufgrund des hohen Pressings der Hartberger bei gleichzeitiger Bindung der vier Verteidiger wurde dieser Raum öfters zu groß, was gegen das blitzschnelle Salzburger Vertikalspiel schnell einmal gefährlich werden kann.

Die Salzburger konnten die Hartberger auch deshalb nach hinten drängen und das Spielgeschehen kontrollieren, weil das Gegenpressing auf einem sehr hohen Niveau griffig und aggressiv umgesetzt werden konnte. Die Hartberger konnten sich aus dieser Umklammerung zu selten befreien (was man vermutlich auch nicht erwarten darf) und kamen dadurch nicht in aussichtsreiche Umschaltaktionen, um für Entlastung sorgen zu können. Vereinzelt gab es zwar diese berüchtigten Nadelstiche, in Summe war aber der Salzburger Gegenpressing-Block zu stabil und die Defensivstaffelungen der Hartberger zu flach, um konstruktiv die Gegenpressing-Wellen umspielen zu können.

Und es war schlichtweg auch die individuelle Qualität der Mannschaft von Marco Rose, welche die aktiven Pressingvorhaben der Steirer abstumpfen ließen. Das Entscheidungsverhalten und die Ballsicherheit in engen Drucksituationen auf Seiten des Meisters waren erneut beeindruckend und die Disziplin in der Positionsbesetzung zu gut, um den Aufsteiger ins Spiel kommen zu lassen. Die saubere Besetzung der Positionen in der Offensive ist ja immer auch der erste und wichtigste Schritt für ein druckvolles Gegenpressing.

In all diesen einzelnen Spielphasen waren die Salzburger Spieler aufmerksam und handlungsschnell, bis auf die letzten 20 Minuten. Es verwundert nicht, dass Marco Rose nach Spielschluss genau das angesprochen hat.

Die Hartberger hier ins eigene Abwehrdrittel zurückgedrängt. Es bildete sich ein recht klares 4-4-1-1 mit Rep als hängende Spitze als Verbindungsmann zwischen Mittelfeld und Stürmer Tadic. Über ihn wollten sie vermutlich in Umschaltbewegungen kommen, was gegen das Salzburger Gegenpressing aber zu selten gelang. Der Druck der Salzburger wurde dadurch vor allem gegen Ende der ersten Halbzeit immer größer.

Durchschlagskraft und Variabilität dank sauberem Positionsspiel

Seit Marco Rose mit seinem Trainerteam vergangenes Jahr die Mannschaft übernommen hat, hat sich die Bullen-Elf bei eigenem Ballbesitz kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert. Lange Zeit wurde das Aufbau- und Ballbesitzspiel fast schon stiefmütterlich behandelt, was nicht selten in Eindimensionalität und Ideenlosigkeit endete. Alles war auf Pressing, frühe Balleroberungen und anschließende Umschaltaktionen ausgerichtet. Kontrollierter Ballbesitz war dabei eher nur lästig. Klassische Ragnick und Groß Schule könnte man dazu auch sagen. Und das war auch sehr erfolgreich. Nur ist es so, dass Salzburg in der heimischen Liga immer mehr Ballbesitz hat und haben wird als der Gegner und sich „gezwungen“ sieht, das Spiel aufzubauen und zu gestalten. Deshalb ist es irgendwie nur logisch, diese Spielphase aufzunehmen und weiterzuentwickeln. So nach dem Gedanken: „Na gut, 65 % Ballbesitz haben wir sowieso. Warum sollten wir daraus nichts machen?“ Marco Rose nahm genau diesen Gedanken auf und bastelt seither konsequent an den jeweils passenden Strukturen und Staffelungen bei eigenem Ballbesitz, ohne dabei das Spiel gegen den Ball aus den Augen zu verlieren. Im Gegenteil, dass geordnete Pressing ist so aggressiv und kompakt wie zu den besten Zeiten von Roger Schmidt und das Gegenpressing profitiert wesentlich von den klaren Strukturen und Verbindungen bei eigenem Ballbesitz. Das alles ist eingebettet in der gewohnten 4-1-2-1-2 Ordnung, die Marco Rose mittlerweile aber jederzeit adaptieren oder gar wechseln kann (4-3-3, Fünferkette). Und es ist natürlich für diesen Prozess sehr förderlich, dass neben dem Trainerteam auch der Großteil des Kaders zusammengeblieben ist. Eine Tatsache, die in den letzten Jahren in Salzburg ja nicht so häufig vorgekommen ist.

Und diese Fortschritte im Positionsspiel waren auch gegen Hartberg sichtbar. Gegen einen unangenehmen Gegner erspielten sie sich hochkarätige Torchancen und hatten am Ende der ersten Halbzeit neben 70 % Ballbesitz auch ein Torschuss-Verhältnis von 15:3.

Schematisch ist die Raumaufteilung der Bullen in der nachfolgenden Grafik zu sehen:

Ein häufig angesprochener Punkt ist auch der, dass Salzburg nun viel öfter über die Flügel spielt als dies noch in der jüngeren Vergangenheit der Fall war. Wie man anhand der Grafik sieht, hat man dazu nun auch die passenden Strukturen. Durch die etwas tiefere Position von Andreas Ulmer hat man eine leichte Asymmetrie, die aber durch das Herausrücken von Haidara ausgeglichen wird. Auf der rechten Seite hat man klare Verbindungen und Dreiecksbildungen. Todorovic rückt auf und besetzt konstant die Flügelzonen neben dem gegnerischen Defensivblock, Mwepu besetzte die rechte Halbspur diagonal versetzt zu Todorovic, während Stürmer Wolf ebenfalls die Halbposition in der vordersten Linie einnimmt und so zwei Spieler der Viererkette binden kann, wodurch er temporär immer Raum auf dem Flügel für Todorovic freiziehen kann. Durch diese Staffelungen waren die Bullen auf der rechten Seite drückend überlegen und konnten in vielen Situationen entweder Wolf oder Todorovic freispielen, die beide mit den vorhandenen Räumen einiges anzufangen wussten. Auch die Absicherung war durch diese Dreiecksbildung ausreichend vorhanden, Mwepu konnte dazu aus seiner etwas tieferen Position im Gegenpressing aggressiv nach vorne verteidigen und seine ganze Dynamik einbringen.

Auf der linken Seite waren die Staffelungen etwas anders. Dort ließ sich vor allem zu Beginn Haidara von seiner eigentlichen Achterposition ganz auf den linken Flügel herausfallen und bildete zusammen mit dem tieferen Ulmer ein recht klassisches Flügel-Pärchen. Von seiner Flügelposition aus hatte Haidara verschiedene Fortsetzungsmöglichkeiten. Er konnte entweder den hinter- bzw. vorderlaufenden Ulmer mitnehmen, den tiefgehenden Prevljak mitnehmen oder in die Mitte ziehen und kleinräumige Aktionen mit Minamino, Wolf, Prevljak oder Junuzovic starten. Junuzovic war aber eher die Zwischenstation für flache Spielverlagerungen, die über die Achse Haidara – Junuzovic – Mwepu ebenfalls eingestreut wurden.

Mwepu verhielt sich auch ziemlich clever, wenn der Ball und Haidara auf der linken Seite waren. Er schob häufig mit Junuzovic auf einer Höhe zur Ballseite, um die dortigen Kombinationen abzusichern und die ballnahen Anspieloptionen für die Hartberger zustellen zu können. Der Druck im Gegenpressing konnte dadurch noch einmal wesentlich erhöht werden.

Man könnte an dieser Stelle noch ein paar Punkte mehr beschreiben. Fakt ist aber, dass Salzburg in dieser Frühphase der Saison bereits über ein sehr ausgeprägtes und automatisiertes Positionsspiel verfügt und damit praktisch jeden Gegner bespielen kann. Die Variabilität und die Durchschlagskraft über die Flügel sind Produkte aus den gut abgestimmten und intakten Verbindungen zwischen den einzelnen Spielern, wodurch auch das Gegenpressing richtig an Zug gewinnt. Und werden diese richtigen Positionen mit den richtigen Spielern besetzt, welche die richtigen Entscheidungen treffen, kommt guter Fußball heraus. Schreibt sich so leicht, ist aber eben so verdammt schwer und auch oft nicht in Einklang zu bringen.

Fazit

Salzburg ist bereit für die so wichtigen Playoff-Spiele gegen Roter Stern Belgrad. Dieses Gefühl hatte man zwar auch in den letzten Jahren immer wieder, doch dieses Mal stehen die Vorzeichen tatsächlich wohl so gut wie noch nie. Neben einem eingespielten Trainer-Mannschaft Verhältnis hat man eine intakte und verinnerlichte mannschaftstaktische Ausrichtung und dazu wie es aussieht einige Spieler, die gerade rechtzeitig ihren ersten Formhöhepunkt erreichen. Denn die individuellen Leistungen eines Hannes Wolf oder Marvin Pongracic waren schon richtig stark. Dazu hat man gegen Hartberg wieder gesehen, dass die zweite Reihe mit Spielern wie van der Werff, Mwepu oder Prevljak enorm viel Potential und bereits Qualität hat. In Summe also hat Marco Rose einen Kader, der ohne Zweifel die Qualität für die Champions League hat. Gute Vorzeichen und Kaderqualität bringen in zwei Playoff-Spielen aber nichts. Neben taktischen Aspekten werden auch die Tagesform, Spielverlauf, Schiedsrichterentscheidungen etc. eine Rolle spielen. Fußball halt.

Sebastian Ungerank, abseits.at

Sebastian Ungerank