Rapid gelang die Generalprobe vor dem wichtigen Europacup-Auswärtsspiel in Bukarest: Wacker Innsbruck wurde mit 2:1 besiegt. Die Hütteldorfer hätten das Spiel eigentlich höher gewinnen... Trotz 2:1-Sieg: Die immergleichen Konzeptfehler Rapids

Rapid gelang die Generalprobe vor dem wichtigen Europacup-Auswärtsspiel in Bukarest: Wacker Innsbruck wurde mit 2:1 besiegt. Die Hütteldorfer hätten das Spiel eigentlich höher gewinnen müssen, nachdem eine schwache Phase in der zweiten Halbzeit durch das wichtige 2:0 glücklich durchtaucht wurde – aber auch eine Niederlage wäre ohne weiteres drin gewesen. Unsere Analyse.

Goran Djuricin rotierte gegen den Aufsteiger erneut, tat dies aber diesmal individuell cleverer, weil ausgewogener. Speziell die Aufstellung des spielstarken Malicsek neben dem körperlich starken Schwab machte Sinn. Auch die Pause für Mateo Barac zugunsten des jungen Müldür war eine logische Maßnahme, vor allem weil auch Maximilian Hofmann fit wurde.

Bolingoli als „Rotations-Wackelkandidat“

Die Aufstellung von Auer anstelle des weitgehend formschwachen Bolingoli ist Geschmackssache. Einerseits war eine Pause für den Belgier nicht schlecht, andererseits würde noch mehr Spielpraxis möglicherweise bald den idealen Rhythmus in vielen kleinen Aktionen zurückbringen. Bolingoli wurde in der zweiten Halbzeit aber ohnehin eingewechselt.

Alar als „Zehner“ nur punktuell eine gute Lösung

Dass Alar anstelle von Knasmüllner auf der Zehn startete, ließ alte „Zoki-Erinnerungen“ hochkommen. Unter Ex-Coach Barisic hatte Alar auf der Zehn fast nie gut funktioniert. Auch diesmal hatte diese Variante ihre Höhen und Tiefen und im Zuge einer gezielten Rotation, ist sie auch nicht uninteressant. Zur Regel – etwa sobald Pavlovic wieder fit ist – darf sie aber nicht werden. Einfach weil sie weiter zur sturen 4-4-2-Pressingformation gegen den Ball einlädt, die mit Alar auf der Zehn „aufgelegt“ ist…

Das müde 4-4-2-Pressing

…allerdings nach wie vor nicht gut funktioniert! Schon in der phasenweise guten ersten Halbzeit, in der Rapid zumindest spielerisch Lösungen fand, war es einmal mehr das mannschaftlich geschlossene Pressing, das schuld daran war, dass Rapid nicht wesentlich mehr Druck aufbauen konnte. Die Abfolge war dabei praktisch immer dieselbe:

1. Rapid läuft in der 4-4-2-Pressingformation den Ballführenden an und versucht ihn auf die Seite zu lenken.

2. Der zweite Spieler in der ersten Pressinginstanz setzt den nächsten Ballführenden unter Druck, um einen Rückpass oder einen Pass nach vorne (weiterhin außen!), meist auf einen Außenverteidiger oder einen pendelnden Mittelfeldspieler zu erzwingen.

3. So weit so in Ordnung. Aber im dritten Teil des klassischen Rapid-Pressing-Ablaufs häufen sich bereits die Fehler, denn die nächsten Pressinginstanzen rücken praktisch nie schnell genug nach, um den nächsten Ballführenden sofort unter Druck zu setzen und möglicherweise zu einem Fehler zu zwingen.

Im Kopf nicht schnell genug

Hierfür kann es viele Gründe geben. Einerseits fängt mannschaftlich geschlossenes Pressing im Kopf an und auch die Kommunikation untereinander ist ein wichtiger Aspekt. Oft hatte man den Eindruck, dass gleich mehrere Rapid-Spieler ihre gruppentaktisch nötigen Wege allesamt zwei bis drei Momente zu spät starteten. Die Innsbrucker konnten sich so immer wieder durch Basis-Robustheit und einfache, aber präzise Pässe, aus der ohnehin sehr lockeren Umklammerung befreien. Wenn Rapid in weiterer Folge doch an den Ball kam, foulten die Tiroler häufig taktisch – und das zumeist gut.

Gegner „stellen“ statt aggressiver Jagd zum richtigen Zeitpunkt

Ein anderer Grund für die Probleme im Pressing ist sicher auch die mangelnde Aggressivität. Rapid versucht gerne die Gegner zu stellen, Räume zuzumachen, aber echten Zugriff sucht man zu selten. Die jeweils pressende Gruppe erkennt als solche viel zu selten von alleine, wann die Intensität hochgefahren werden muss. Das österreichische Musterbeispiel sind hier natürlich die Salzburger, die einen im Spielaufbau wackelnden Gegner sofort erkennen und schließlich auf engstem Raum mit drei, manchmal vier anpressenden Spielern förmlich jagen.

Im Pressing auf Einzelaktionen gegen den Ball angewiesen…

Die Conclusio aus alldem ist, dass Rapid weiterhin das Know-How oder ein klares Konzept in Bezug auf das eigene Pressing fehlt. Es gibt ab dem zweiten, manchmal dritten Pass des Gegners einfach keine klaren Verhaltensrichtlinien mehr, keine Automatismen. Man ist immer wieder darauf angewiesen, dass ein einzelner Spieler schnell genug schaltet und mit einer beherzten Individualaktion den Gegenspieler richtig attackiert und so an den Ball kommt.

…aber Pressing ist keine individuelle Aufgabe

Pressing ist aber keine individuelle Aufgabe, sondern muss wie eine Choreografie verstanden werden. Sie ist im modernen Fußball eines der wichtigsten Wiedererkennungsmerkmale einer Mannschaft. Wenn der Qualitätsunterschied zwischen zwei Mannschaften ein deutlicher ist, dann gibt es bei entsprechend gutem Konzept kein „wir sind diesmal (!) nicht gut ins Pressing gekommen“. Nicht ins Pressing kommt man heutzutage nur dann nicht, wenn man dem Gegner ausreichend Luft zum Atmen geht, weil horizontal und vertikal nicht passend nachgeschoben wird. Der Mangel an Konzept und Aggressivität erlaubt es schließlich auch vermeintlich unterlegenen Gegnern, dieses Pressing zu umspielen. Echten Top-Mannschaften passiert dies in der Regel nicht, weil die Mechanismen wie eben wie eine Choreografie sind und über 90 Minuten mit wenigen Ausnahmen praktisch immer greifen.

Fehlende Dynamik in der Gruppentaktik

Und genau deshalb wurde Innsbruck im Laufe der Partie – auch schon in der ersten Halbzeit – so gefährlich. Auch wenn Rapid am Ball phasenweise gut spielte, in Führung ging, weitere Chancen bekam: Die Gruppendynamik im Spiel der Djuricin-Elf passte überhaupt nicht, weshalb Innsbruck als härtere Truppe mit einfachsten Spielzügen durch die Reihen bzw. zwischen die Linien kam. Rapid bildete sich einmal mehr ein, alles spielerisch lösen zu können. Und diese Einbildung ist sogar irgendwie berechtigt, wenn man die konzeptuellen Unzulänglichkeiten im Pressing bedenkt.

Die fragwürdige Eckball-Aufstellung

Taktisch war dies aber nicht die einzige Sache, die Sorgen bereitete. Unverändert werden massive Fehler bei Standardsituationen gemacht, obwohl sie praktisch für jeden Stadionzuschauer einfach ersichtlich sind. Den markantesten Fehler fotografierten wir bereits bei der allerersten Gelegenheit im Stadion. Bei einem gegnerischen Eckball versammelten sich alle elf Rapid-Spieler im eigenen Strafraum, wodurch natürlich praktisch keine Entlastung gegeben ist.

Selbst wenn die Hütteldorfer nach einem Ballgewinn schnell umschalten würden, wären die Wege für jeden Einzelnen sehr weit, während Innsbruck immer noch eine solide Absicherung hat und leicht eine Patt- oder gar Überzahlsituation herstellen kann. Rapid schaltete aber beim Stand von 1:0 ohnehin nicht gut um und bekam erst bei 2:0 gute Konterchancen, die gut ausgespielt, aber schließlich vergeben wurden.

Mach‘ so viele Fehler wie möglich, aber mach‘ keinen zweimal!

Das Problem mit den Eckbällen: Auch wenn das Entlastungsargument absolut unumstößlich ist, wiederholt sich diese fragwürdige Raumaufteilung. Gegen Innsbruck war man nicht nur bei einem gegnerischen Eckball zu elft im eigenen Sechzehner – und auch beim peinlichen 0:0 gegen Wolfsberg vor zwei Wochen kam dies mehrmals vor, wie man an diesen Fotos erkennen kann. Die Matchuhr zeigt, dass es sich um verschiedene Eckbälle handelte.

Die sich ständig wiederholenden Rapid-Konzeptfehler

Das ständige Wiederholen derselben Konzeptfehler ist das größte Problem der aktuellen, individuell starken Rapid-Mannschaft. Die Gegner können sich praktisch immer darauf einstellen, dass eine kleine, aber feine Palette an strukturellen Fehlern Woche für Woche wiederholt wird. Wenn Rapid in Ballbesitz ist, kann die Mannschaft mit ihrer spielerischen Qualität und teilweise auch gutem Laufspiel mit dem Ball punkten. Aber kaum ein Gegner wird im Aufbauspiel massiv unter Druck gesetzt und auch die passive Raumaufteilung gegen den Ball ist keine offensive, sondern sehr vorsichtig, was ständig große Abstände zur Folge hat.

Zu oberflächliche Analyse

In der zweiten Halbzeit ließ Christoph Knasmüllner zwei Top-Chancen auf das 3:0 aus und am Ende hieß es wieder, dass man an der Chancenauswertung arbeiten und den Sack schlichtweg zumachen müsse. Viel naheliegender wäre aber die Analyse, dass Rapid schon zuvor wesentlich mehr Torchancen kreieren hätte müssen. Die Konzeptfehler im Pressing und bei gegnerischen Standards stehen exemplarisch dafür, wobei dies natürlich nicht die einzigen taktischen Unzulänglichkeiten sind. Speziell in Heimspielen, aber natürlich nicht nur, ist das Herausspielen von gut doppelt so vielen Chancen mit der vorhandenen Kaderqualität absolut essentiell. Aber dafür braucht es klare Abläufe, unmissverständliche Konzepte und am Ende auch etwas mehr Mut zum Risiko. Denn immer wird man sich nicht auf eine Weltklasseleistung des teamreifen Richard Strebinger verlassen können. Der 2:1-Sieg über Innsbruck ging am Ende in Ordnung, aber auch bei einem Remis hätte niemand von einem unverdienten Ergebnis sprechen dürfen.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen