Werden im Hanappi-Stadion „wir wollen Rapid seh’n“-Schlachtgesänge angestimmt, ist dies meist kein gutes Zeichen, was die sportliche Performance der Grün-Weißen betrifft. Wenn zudem noch... "Vorstand raus" – auf das Schweigen der Fans folgt ein 1:1 gegen Mattersburg und laute Rufe nach Veränderungen auf höchster Ebene!

Werden im Hanappi-Stadion „wir wollen Rapid seh’n“-Schlachtgesänge angestimmt, ist dies meist kein gutes Zeichen, was die sportliche Performance der Grün-Weißen betrifft. Wenn zudem noch „Vorstand raus“ skandiert wird, heißt das, dass die Fans immerhin zu wissen meinen, wer die Verantwortlichen für die Misere sind. Der Verein sah dies jedoch scheinbar anders und wählte seine Problempriorisierung nicht sehr weise.

Was war geschehen, dass die Fans im ersten Spiel nach dem Unterstützungsboykott sofort scharf gegen den Vorstand des SK Rapid schossen? Akut wäre da mal das maue 1:1 gegen den SV Mattersburg. Rapid lief ohne die verletzten Pichler und Burgstaller auf, musste zudem spontan Helge Payer vorgeben, der durch Jan Novota ersetzt wurde. Die erste Halbzeit war einmal mehr von taktischen Fehlern und teils feigem Auftreten auf Seiten Rapids geprägt. Wirklich gut präsentierte sich bei den Grün-Weißen keiner – wirklich schlecht unter anderem Thomas Schrammel. Er hatte mit die meisten Ballkontakte in Halbzeit Eins und agierte, eigentlich ungewohnt, lasch und mutlos, traute sich nicht in direkte Duelle, ging kaum an die Grundlinie und lief unrund, als hätte man ihm vor der Partie eine Überdosis Muskelrelaxans verabreicht.

Schwach von vorne bis hinten

Schrammel ist jedoch nur ein Beispiel. Ein anderes wäre Mario Sonnleitner, dessen Hauptfeind bis zu seiner Auswechslung in der 40.Minute der Ball war. Ein haarsträubender Abspielfehler jagte den nächsten, auch sonst fand der 24-Jährige nie ins Spiel. Weiteres Beispiel gefällig? Hamdi Salihi ist in den meisten Spielen keine schillernde Figur, von der man orgasmusaufreibende Doppelpassstafetten oder spektakuläre Dribblings erwarten darf. So passiv wie im Spiel gegen den SV Mattersburg war der Albaner allerdings selten zuvor. Antizipationsvermögen gleich Null, unkluges Pressing (womit er jedoch nicht alleine war), absolut zahnlos und torungefährlich. Für gewöhnlich wäre er ein Kandidat für eine Auswechslung in der ersten halben Stunde gewesen – nur war er nicht alleine an seiner Ungefährlichkeit schuld. Immerhin kam aus dem Mittelfeld fast überhaupt nichts, man versuchte Chancen zu erzwingen, scheiterte dabei jedoch an der scheinbaren Unfähigkeit räumlich zu denken und aus Mangel an Mut zur Kreativität.

Mattersburg nie gestresst

Immer wieder schaffte es Mattersburg das Mittelfeld halbwegs zu kontrollieren. Die Burgenländer kamen nie in Stresssituationen, waren zwar feldunterlegen, mussten Rapid jedoch niemals fürchten. Rapid hätte einer technisch durchschnittlichen Mattersburger Mannschaft, der einzigen Elf, die in der laufenden Saison noch kein Spiel gewinnen konnte, durch größere Souveränität im Mittelfeld zusetzen können. Zu einer solchen kam es jedoch nicht, was unter anderem dadurch bedingt war, dass Rapid gesamtmannschaftlich falsch verteidigte. Die Viererabwehrkette und der erste Spieler, der Fore-Checking betrieb, standen bis zu 50 Meter auseinander, wodurch Mattersburg innerhalb dieser 50 Meter immer wieder Platz vorfand, um Spiel und Tempo zu kontrollieren. Korrektes mannschaftliches Fore-Checking hätte etwa impliziert, dass die gesamte Defensivabteilung der Grün-Weißen durchschnittlich zehn Meter näher am gegnerischen Tor steht, um „hoch“ zu verteidigen und so bei Ballgewinn schneller angreifen zu können. Was Rapid ohne Ball fabrizierte war nicht kompakt, unflexibel und hatte aufgrund der viel zu weiten Laufwege auch direkte Auswirkung auf das Offensivspiel der Hütteldorfer.

Alle Offensiven rein: Taktische Anarchie

Das Tor durch Christopher Trimmel war mindestens eine Einladung, wenn nicht ein Geschenk von Mattersburg-Keeper Schartner, das Gegentor resultierte nach Auflösungserscheinungen im defensiven Mittelfeld aus einer Szene, die am Trainingsplatz jeden Tag vorkommt. Nach dem Ausgleich durch Michael Mörz wollte Schöttel unbedingt siegen, wechselte fast alles ein, was im Training regelmäßig das Tor trifft. So standen am Ende des Spiels mit Alar, Gartler und Salihi drei gelernte Stürmer auf dem Platz, dazu mit Trimmel und Drazan zwei klassische Flügelspieler. Rapid wurde technisch besser, doch dem Team fehlte die Bindung zwischen den Mannschaftsteilen, was taktische Anarchie zur Folge hatte. Jeder spielte überall, jeder versuchte irgendwas – und nachdem all die individuellen Versuche das wichtige Tor zu erzielen scheiterten, versuchte man es mit hohen Bällen. Eigentlich ein Szenario, das man als realistisch denkender Taktikkundiger bereits nach dem Mattersburger Ausgleich erahnen musste – dennoch saß Speerspitze Atdhe Nuhiu über die fast hundert Minuten auf der Bank. Mattersburg holte im Endeffekt einen verdienten Punkt, indem die Lederer-Elf das umsetzte, was sie am besten kann: Zerstören, Foulen, Verzögern – und irgendwann eben auch treffen. Und nur auf das kommt es am Ende des Tages an, was Rapid nach fünf Treffern aus sieben Partien sicherlich wurmt.

Unverständliche Transferpolitik

Dass gegen den SVM auf dem Platz einiges nicht so lief, wie es sollte, war augenscheinlich. Was aber passt im Allgemeinen nicht? Rapids sportliche Leitung ersetzte keinen (!) der in den letzten Jahren abgewanderten Leistungsträger standesgemäß. Auf unverzichtbare Spieler wie Korkmaz, Jelavic oder Boskovic folgten Ergänzungsspieler. Verzichtbare Spieler. Die Liebe zum Sparen und der Hang zur Faulheit (bei allen Neuverpflichtungen der Saison 2011/12, mit Ausnahme von Novota, handelte es sich um „logische“ Transfers, nicht um Höchstleistungen auf dem Gebiet des Scouting) fallen Rapid jetzt auf den Kopf. Der Kader ist nun mit wenigen Ausnahmen ein Brei aus recht guten Kickern ohne Charisma. Ein Spieler ist gesichtsloser als der andere, es fehlen die „Typen“. Steffen Hofmann ist natürlich ein solcher, ist allerdings aktuell als einziges potentielles Zugpferd zu bemitleiden. Der slowakische Keeper Jan Novota, einer, der etwas darstellt und schon in seinem ersten Pflichtspiel für Rapid einen kämpferischen und präsenten Eindruck machte, hat das Potential zu einem „Typ“ zu werden. Sofern er nach Helge Payers Augenverletzung nicht wieder dem seit Jahren schwachen, pragmatisierten Rapid-Einser (bzw. –Vierundzwanziger) weichen muss.

Mannschaft ohne Gesicht oder Charisma

Rapid entwickelte sich innerhalb von drei Jahren von einer Meistermannschaft mit mitreißenden Fußballern zu einem Haufen, mit dem sich kaum ein Fan mehr identifizieren kann. Nicht nur die letzten Darbietungen, sondern auch die Kadersituation im Allgemeinen machen Rapid zu einem Außenseiter um einen Europacup-Platz. Nach außen hin gibt man vor zu hoffen, dass das Team noch zusammenwächst und Spieler wie Prager, Burgstaller oder gar der erschreckend schwache Prokopic zu Schlüsselfiguren heranreifen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Rapid verfügt über erschreckend wenige Spieler, die das Potential hätten den Verein aus der Krise zu führen. Derartige Spieler zu besorgen, wäre die Aufgabe des Vereins gewesen. Es ist nicht unbedingt schwierig eine Top-Mannschaft für österreichische Verhältnisse auf die Beine zu stellen, wenn man alle Möglichkeiten immer rechtzeitig ausloten würde. Doch die Priorisierung der Rapid-Verantwortlichen entpuppte sich als Schuss, der nach hinten losgehen sollte.

Minimalistenpolitik

Mit aller Kraft widmete sich der Verein in den letzten Wochen und Monaten der Fanproblematik und der damit verbundenen Sicherheitsnotwendigkeit. Rapid war so lange damit beschäftigt sich in der Öffentlichkeit nach den Vorfällen rund um jenes vielbesprochene Wiener Derby rein zu waschen, dass man auf die dringenderen Probleme vergaß. Die Rechnung wurde dem Verein heute präsentiert: Kaum darf man sich in den Mauern der Rapid-Geschäftsstelle wieder über Support der Blöcke West und Ost freuen, fordern die zuletzt stummen Fans den Rücktritt der Führungsetage. Kein Wunder, wenn man sich die eines Rekordmeisters unwürdige Minimalistenpolitik genauer vor Augen führt.

Die Planungen für die Wintertransferzeit beginnen JETZT

Eine sofortige Auswechslung des Vorstands steht außer Frage, ist zum aktuellen Zeitpunkt unrealistisch. Was der Vorstand aber zu einem Happy End beitragen könnte: Schon jetzt sollte der SK Rapid beginnen jene Spieler regelmäßig zu beobachten, die man im Winter verpflichten will. Sonst passiert dasselbe wie im vergangenen Sommer und die guten Kicker sind allesamt weg, bevor man erstmals vorsichtig um die Verfügbarkeit anfragen kann. Die letzten Probleme waren ideeller Natur, das größte und aktuellste Problem ist jedoch rein sportlicher Natur. Und derartige Probleme sind auch kurzfristig lösbar, wenn man die richtigen Maßnahmen setzt und sich gerade in schweren Zeiten auch mal mutig aus seinem kuschelig-warmen Kokon hinauslehnt.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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