Seit 1973/74 wählt die englische Profifußballer-Gewerkschaft PFA Mitglieder ins Team of the Year. Wahlberechtigt sind rund 4000 Mitglieder dieses Verbands. Zuerst gibt die Gewerkschaft... Englands Team des Jahres unter der Lupe

Premier LeagueSeit 1973/74 wählt die englische Profifußballer-Gewerkschaft PFA Mitglieder ins Team of the Year. Wahlberechtigt sind rund 4000 Mitglieder dieses Verbands. Zuerst gibt die Gewerkschaft im Jänner des jeweiligen Jahres eine Shortlist mit einigen Kandidaten heraus. Dann dürfen die Spieler der Premier League für ihren Favoriten stimmen, wobei kein Akteur für sich selbst oder einen Teamkollegen voten kann. Vor knapp zwei Wochen war es dann wieder soweit, die Spieler kürten das Team des Jahres. Wir haben für euch einen genaueren Blick auf diese Auswahl geworfen.

David de Gea (Manchester United):

Der 24-jährige Torhüter von Manchester United zählt zu den großen Gewinnern dieser Saison. De Gea kam bislang in jedem Ligaspiel über die volle Distanz zum Einsatz, hält bei 36 Partien respektive 3240 Einsatzminuten. Es liegt mit Sicherheit zum Großteil am Spanier, dass sich die Red Devils im Jahr eins unter Louis van Gaal wieder für die Champions League qualifizieren werden. Aktuell weist Manchester United mit 36 Gegentreffern die viertbeste Defensive der Liga auf – ein Verdienst De Geas. Mit akrobatischen Rettungsaktionen in fast jedem Match stellte er seine Torhüterkollegen Thibaut Courtois oder Joe Hart in den Schatten. Beispiele gefällig? Gegen Chelsea vereitelte er eine Großchance von Eden Hazard im 1-gegen-1-Duell, gegen Liverpool lenkte er einen wuchtigen Schuss von Mario Balotelli mit den Fingerspitzen noch an die Latte. Die wohl beste Parade der gesamten Saison zeigte er jedoch am 5. Oktober des Vorjahres gegen Everton: Beim Stand von 2:1 für Manchester United drosch Evertons Bryan Oviedo einen Halbvolley auf das Gehäuse. De Gea war die Sicht von einer Menschenmauer aus Gegenspielern und Teamkameraden verstellt, dennoch gelang es ihm, den Ball noch aus dem Winkel herauszukratzen. Auf der Linie ist der Spanier fast unüberwindbar, beim Antizipieren von Flanken offenbart er noch die eine oder andere Schwäche. Gerüchten zufolge ist Real Madrid stark an einer Verpflichtung interessiert.

Branislav Ivanovic (Chelsea):

Serbiens Teamkapitän ist bei Neo-Champion Chelsea eine fixe Größe auf der rechten Seite. Der gelernte Innenverteidiger, der 2008 von Spartak Moskau zu den Blues stieß, ist unter Jose Mourinho gesetzt. Insgesamt 43 Einsätze in der laufenden Saison hat Ivanovic in allen Bewerben zu Buche stehen. Dabei erzielte der torgefährliche 31-Jährige sechs Treffer – mehr als etwa Liverpools Mario Balotelli – und bereitete weitere fünf Tore vor. Dennoch vernachlässigt der Serbe oft seine Defensivaufgaben, schaltet sich häufig in die Angriffe ein. Zu seinen Stärken zählt neben körperlicher Robustheit und hohem Konzentrationsvermögen auch das Kopfballspiel, sowohl in der Offensive als auch in der Defensive. Satte 13 gelbe Karten sprechen jedoch auch dafür, dass Ivanovic kein Kind von Traurigkeit ist.

Gary Cahill (Chelsea):

Nicht unumstritten bei der Wahl zu einem der beiden besten Innenverteidiger war Ivanovics Teamkollege Gary Cahill. Der 29-jährige Engländer kommt in der laufenden Spielzeit zwar auf beachtliche 40 Einsätze, hatte aber um die Jahreswende mit einem hartnäckigen Formtief zu kämpfen. Kurt Zouma machte ihm zwischenzeitlich seinen Stammplatz bei Chelsea streitig. In der entscheidenden Phase der Meisterschaft war Cahill jedoch wieder Bestandteil der ersten Elf, half mit, den Titel zu fixieren. Sein Führungstreffer war es auch, der die Fans der Blues im Champions-League-Achtelfinale gegen Paris kurz hoffen ließ. Doch ausgerechnet beim entscheidenden Corner zum 2:2 behinderten sich Cahill und Terry gegenseitig und verloren den Torschützen Thiago Silva aus den Augen. Cahills Statistik liest sich dennoch nicht schlecht: Drei Treffer und zwei Vorlagen als Innenverteidiger, dazu eine erfolgreiche Passquote von 86, 5 Prozent. Viele Experten hätten anstelle des Engländers lieber den Portugiesen Jose Fonte im Team des Jahres gesehen, der Southampton als Kapitän in beeindruckender Manier durch die Saison führte.

John Terry (Chelsea):

Der Dritte im Bunde der fast ausschließlich aus Akteuren des Meisters bestehenden Viererkette ist Chelseas Kapitän John Terry. Obwohl er bereits 34 Lenze auf dem Buckel hat, lässt er regelmäßig die Stürmer in der Premier League alt aussehen. Kaum einer liest das Spiel so gut wie der frühere englische Teamspieler, kaum einer organisiert seine Kollegen im Defensivverbund strategisch so klug. 28 Tore haben die Londoner in der Liga kassiert, stellen damit die beste Abwehr. Terry glänzte in der ganzen Saison als verlängerter Arm Mourinhos, verhalf dem Star-Coach wie schon in seiner ersten Amtszeit zum Gewinn der Liga. Dieser adelte seinen Abwehrchef erst kürzlich nach dem torlosen Remis bei Arsenal für die „beste Leistung, die er je geboten hat“. Tatsächlich räumte Terry bei diesem Spiel alles weg, was sich ihm in den Weg stellte. Zudem beweist die Tatsache, dass Terry als einziger Akteur im Chelsea-Kader sämtliche Ligaspiele über die vollen 90 Minuten absolviert hat, die Vertrauensbasis zwischen Mourinho und Terry. Es versteht sich von selbst, dass der Kapitän auch in der kommenden Saison das blaue Trikot der Londoner überstreifen wird.

Ryan Bertrand (Southampton):

Die Verteidigung der PFA-Auswahl komplettiert Southamptons Ryan Bertrand. Bis zur Wintertransferzeit war der Linksfuß noch von Chelsea an die Saints verliehen, nun gehört er fix den Südengländern. Im Team von Ronald Koeman hatte der 25-Jährige in dieser Saison stets sein Stammleiberl. Zu Beginn der Spielzeit ließ Koeman sein Team oft in der klassischen Variante (Viererkette) agieren, nach und nach stellte er allerdings auf eine Dreier- bzw. Fünferkette um. Das kam auch Bertrand entgegen, der als äußerst lauffreudiger und spielstarker Offensivverteidiger gilt. Er hat aber auch großen Anteil an der defensiven Stärke Southamptons: 30 Gegentreffer in 36 Partien sind ein beachtlicher Wert. Bertrand hat sich etabliert und 32 Einsätze auf seinem Konto.

Nemanja Matic (Chelsea):

Dieser Saison seinen Stempel aufgedrückt hat Chelseas Mittelfeldmotor Nemanja Matic. Im Team von Jose Mourinho zählt der Serbe zu den Dauerbrennern, hat gesamt 3658 Einsatzminuten abgespult. Matic ist ein Spieler, der Spielsituationen gut antizipiert, schnelle Lösungen auf dem Feld findet und seinen Körper einzusetzen weiß. 86,6 Prozent seiner Zuspiele erreichten in seinen 40 Saisoneinsätzen in Liga, Champions League und Cup einen Mitspieler. Sieben Mal wurde er zudem zum Man of the Match gekürt. Bei all den herausragenden Statistiken vergisst man schnell, dass es erst seine erste volle Saison bei Chelsea war. Matic stieß im Jänner 2014 von Benfica zu den Londonern, in der Hoffnung, die Lücke Frank Lampards nach dessen Abgang zu schließen und defensiv mehr Stabilität zu verleihen. Mourinhos Plan ging auf, Matic bildete mit seinem kongenialen Partner Cesc Fabregas im Mittelfeld der Blues ein schier unüberwindbares Gespann. Einziger Wermutstropfen: Im Finale des League Cups war der Serbe aufgrund einer Gelbsperre zum Zusehen verdammt, verletzte sich sogar noch beim Jubeln danach am Knöchel.

Philippe Coutinho (Liverpool):

Liverpools 22-jähriger Brasilianer darf ebenfalls auf starke Leistungen in dieser Saison zurückblicken. Obgleich der mannschaftliche Erfolg ausblieb, so war Coutinho die treibende Kraft im Angriffsspiel Liverpools. Acht Tore in Liga und Cup sowie fünf Assists hat der Wirbelwind auf seiner Visitenkarte stehen. Keine schlechten Werte, zumal der Brasilianer verletzungsbedingt sechs Ligaspiele auslassen musste. In den übrigen 30 erhielt er fünf Mal den Award zum Man of the Match. In Erinnerung bleiben werden aber nicht seine Auszeichnungen, sondern die Traumtore, die er vor allem in der zweiten Saisonhälfte erzielte. Innerhalb eines Monats traf er zunächst im FA-Cup-Achtelfinale gegen Bolton aus rund 20 Metern ins rechte obere Eck, dann schoss er im Ligaspiel bei Southampton aus ähnlicher Position in die linke Kreuzecke. Zum Drüberstreuen versenkte er gegen Manchester City beim 2:1 an der Anfield Road einen gefühlvollen Schlenzer.

Alexis Sánchez (Arsenal):

Dass sich Arsenal nach all den vierten Meisterschaftsrängen in der Vergangenheit heuer nach oben orientieren kann, hat das Team von Arsene Wenger sicherlich der Überform von Alexis Sánchez zu verdanken. Satte 32 Scorerpunkte (23 Tore, 9 Assists) bei 39 Einsätzen hat Sánchez zu Arsenals Saison beigesteuert. Der Chilene begeisterte die Fans der Gunners mit viel Spielwitz, versprühte bei seinen Übersteigern und technischen Rafinessen südamerikanisches Flair. Lohn dafür waren die neunmaligen Ehrungen zum Spieler des Spiels. Von Barcelona abgegeben, brilliert Sánchez nun in Nordlondon mit seinen Qualitäten im Dribbling und den Stärken bei ruhenden Bällen. Pro Spiel spielt der 26-Jährige im Schnitt zwei Schlüsselpässe, gibt mehr als drei Schüsse aufs Tor ab. Einzig die Pass-Statistik ist ausbaufähig: Nur etwas mehr als 75 Prozent seiner Zuspiele erreichten einen Mitspieler. Dennoch steht er verdient im Team des Jahres. Sanchez ist ein Spieler, der die Menge aus den Sitzen hebt.

Eden Hazard (Chelsea):

Der Spieler des Jahres in der Premier League heißt Eden Hazard. Für den 24-jährigen Belgier ist es bereits die neunte individuelle Auszeichnung seiner Karriere. Führt man sich die nackten Zahlen seiner Saison vor Augen, dann weiß man, wieso: 50 Einsätze für Chelsea 2014/15 (mit Freundschaftsspielen), 19 Tore, 10 Vorlagen. Hinzu kommen 86 Prozent angekommener Pässe, über 160 erfolgreiche Dribblings. Hazard wird ob seiner Wendigkeit und Dribbelstärke oft gefoult: In der Liga musste der Belgier über 100 Fouls einstecken, insgesamt 40 Spieler sahen für ein Vergehen an Hazard gelb. Zahlenspielerei, bei der auch sein Trainer Mourinho mit gutem Beispiel vorangeht. Bei einer Pressekonferenz machte er alle Wechselgerüchte seines Superstars zunichte, indem er den Wert eines Fußes Hazards mit 100 Millionen Euro bezifferte. Erst vor kurzem hat sich der Belgier zu seinem Verein bekannt, seinen Vertrag bei Chelsea bis 2020 verlängert.

Diego Costa (Chelsea):

Bei der Wahl zum besten Stürmer scheiden sich bekanntlich die Geister. Einen der beiden begehrten Plätze im Angriff hat der Spanier Diego Costa eingenommen. In seiner ersten Spielzeit auf der Insel hat der ehemalige Atlético-Stürmer bislang 20 Tore erzielt. Mehr werden es vermutlich nicht werden, da Costa aktuell die Wade zwickt. Sein letzter Einsatz gegen Stoke liegt mehr als einen Monat zurück. Trotzdem lehrte er den Verteidigern in seinem Premierenjahr das Fürchten, suchte stets den direkten Kampf. Oft dürften bei den hitzigen Wortgefechten wohl unschöne Sätze gefallen sein, denn so mancher gegnerischer Abwehrrecke zeigte sich „not amused“. Neun gelbe Karten für Costa, die meisten davon wegen Kritik, untermauern diese Hypothese. Der gebürtige Brasilianer scheint ungeachtet seiner herausragenden technischen Fähigkeiten und seines Trefferinstinktes generell nicht der angenehmste Zeitgenosse zu sein.

Harry Kane (Tottenham):

Ein Märchen der besonderen Art erlebte Tottenhams Harry Kane in dieser Saison. Mit 28 Treffern in sämtlichen Wettbewerben ging der Stern des 21-Jährigen auf. Dieser strahlt besonders hell, da Kane anfangs nur in den Cupbewerben auf nationaler und internationaler Ebene zum Einsatz kam. Zwei Triple- und vier Doppelpacks hat Kane seither erzielt. Bemerkenswert: Die Fans der Spurs widmen ihrem neuen Shootingstar nach jedem Treffer einen eigenen Gesang („He is one of our own“). Kane stand früher selbst bei den Fans in der Kurve und jubelte seinem Idol Gary Lineker zu. Namhaften Stürmer wie Roberto Soldado oder Emmanuel Adebayor blieb angesichts der permanenten Hochform des Jungspunds nur das Hüten der Ersatzbank. Kane zeichnet aus, dass er aus allen Lagen den Torabschluss sucht, dabei keine Sekunde zu viel zögert. Auch im Dribbling und Verwerten der Chancen gibt es nicht viel bessere Angreifer in der Premier League – darum erntete Harry Kane auch den Award für den PFA Young Player of the Year.

Martin Roithner, abseits.at

Martin Roithner

  • benko

    31.Mai.2015 #1 Author

    „Kane stand früher selbst bei den Fans in der Kurve und jubelte seinem Idol Gary Lineker zu“

    Tatsächlich? Ein Jahr vor seiner Geburt stand er schon dort und jubelte Lineker zu? Bemerkenswert!

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