Die österreichische Nationalmannschaft reiste nach den guten Testspiel-Leistungen unter Franco Foda mit großen Hoffnungen und Erwartungen zum Nations-League-Auftakt nach Bosnien, wo sie dann allerdings... Analyse: Deshalb ging Österreich gegen Bosnien leer aus

Die österreichische Nationalmannschaft reiste nach den guten Testspiel-Leistungen unter Franco Foda mit großen Hoffnungen und Erwartungen zum Nations-League-Auftakt nach Bosnien, wo sie dann allerdings einige bittere Erkenntnisse erfahren mussten und unterm Strich verdient mit 0:1 als Verlierer den Platz verließen.
Franco Foda wollte mit der Aufstellung von Marko Arnautovic und Valentino Lazaro das Flügelspiel im angestammten 3-4-3 forcieren und durch ein hohes und aggressives Pressing die spielerischen und technischen Qualitäten der bosnischen Nationalmannschaft frühzeitig unterbinden. Beides gelang eher mäßig und nie konstant über die gesamten 90 Minuten.
Aber in jedem Spiel gibt es einen Gegner und der präsentierte sich so, wie man das im Vorfeld der Partie erwarten durfte: aggressiv und bissig gegen den Ball. Gute individuelle Qualität und dadurch mitunter auch äußerst pressingresistent, was ein ganz entscheidender Faktor für die Spielentwicklung gewesen sein dürfte.
Wir analysieren ein taktisch interessantes und abwechslungsreiches Spiel und schauen uns dabei vor allem das griffige und unangenehme Pressing der Bosnier an, erklären auch die österreichische Herangehensweise im Spiel gegen den Ball und versuchen in diesem Zusammenhang auch zu erörtern, warum sich die Bosnier nach etwa 20 Minuten besser aus dieser Umklammerung befreien konnten und den Spielrhythmus zunehmend bestimmten und die torgefährlicheren Aktionen vorfanden.

Bosnien im Pressing: Teilweise wild, teilweise unkonventionell, aber immer mit Zugriff

Es war tatsächlich ein äußerst unangenehmer Cocktail, den die Bosnier im Spiel gegen den Ball mixten. Aufbauend auf den Basics aus Leidenschaft und Aggressivität konstruierten die Bosnier aus ihrer 4-1-4-1 / 4-3-3 Grundordnung verschiedenste Staffelungen und Konstellationen, aus denen heraus Pjanic und Co. den Spielaufbau der Österreicher situativ früh stören konnten, das Zentrum um Zulj und Grillitsch zustellten und die Angriffe über die bevorzugten Flügelzonen der Österreicher durch massive Verschiebebewegungen frühzeitig eindämmten. Es war schlichtweg ein sehr unangenehm und schwierig zu bespielender Gegner, der vor allem in der eigenen Hälfte eng am Mann verteidigte und dafür kurzzeitig auch viele lokale Manndeckungen einging. Dies war mitunter ein entscheidender Grund dafür, warum die österreichischen Offensivspieler um Arnautovic, Gregoritsch und Lazaro selten bis gar nie ins Spiel kamen und viele überhastete Entscheidungen treffen mussten, denen es dann logischerweise an der notwendigen Präzision und Durchschlagskraft fehlte.

Wie bereits erwähnt verteidigten die Bosnier aus einer 4-1-4-1 Ordnung heraus. Pjanic gab dabei den Sechser im zentralen Mittelfeld, er wurde von den beiden stark spielenden Achtern Saric und Besic in den jeweiligen Halbräumen unterstützt. Dresden-Legionär Duljevic besetzte die Position auf dem linken Flügel, Visca war sein Gegenüber auf der rechten Seite. Im Sturmzentrum agierte natürlich Superstar und Kapitän Edin Dzeko, der schließlich auch den entscheidenden Treffer erzielen sollte.

Die Rollenverteilungen und Bewegungen innerhalb der Formation waren dabei sehr interessant und durchaus passend.
Die beiden Achter (vor allem Saric auf halblinks) hatten in erster Linie einen sehr vertikal ausgerichteten Aktionsradius. Wie in vielen 4-1-4-1 Varianten zu sehen verließen sie recht häufig ihre Position im Mittelfeld und schoben dynamisch in die erste Pressinglinie neben Dzeko vor, um diesen zu unterstützen und im 2 gegen 3 (in der Praxis ist das aber keine effektive Unterzahlsituation) die österreichische Dreierkette im flachen Spielaufbau unter Druck setzen zu können. Saric lief dabei immer wieder den ballführenden Halbverteidiger Ilsanker an, dessen Passwege dadurch sowohl horizontal (Dzeko mit Zugriff auf Prödl), als auch diagonal in den Sechserraum (Pjanic schiebt nach, ballferner Achter verschiebt zur Seite, Deckungsschatten von Saric selbst) und vertikal (Viererkette verfolgte entgegkommende Bewegungen der Stürmer sehr weit mannorientiert) sehr stark eingeschränkt werden konnten.
Wenn man also die spielerische Leistung der Österreicher beurteilt, muss man dafür auch die gute Herangehensweise der Bosnier im Spiel gegen den Ball heranziehen.

In dieser Grafik zu sehen schematisch die Struktur und Staffelung von Bosnien gegen den Ball, wenn der linke Achter Saric nach vorne verteidigte und Ilsanker aktiv unter Druck setzte. Sechser Pjanic balancierte diese aufrückenden Bewegungen der Achter sehr gut und verschob je nach Situation und gegnerischer Positionierung nach vorne oder leicht zur Seite, wodurch er meist auf einer Höhe mit dem zweiten Achter verteidigte und kurzzeitig eine Art 4-4-2 herstellte. Das Zentrum um Zulj und Grillitsch herum konnte so gut zugestellt werden und durch die Mannorientierungen auf den Flügeln waren auch Durchbrüche über die Seiten schwer möglich, worauf wir im nächsten Absatz kurz eingehen werden.

Wie man in der obigen Grafik bereits in Ansätzen erkennen kann, gab es für die Flügelverteidigung recht klare und klassische Mannorientierungen. Die beiden Außenverteidiger orientierten sich an den österreichischen Flügelspielern Arnautovic und Lazaro, die Flügelspieler im Mittelfeld wiederum an Alaba und Lainer und gingen auch die entsprechenden Wege nach hinten mit, wodurch nicht selten aufgefüllte Fünferketten zustande kamen. Bemerkenswert war, wie konsequent das die Bosnier machten. Vor allem die Außenverteidiger ließen sich oft weit aus ihrer angestammten Position ziehen und verfolgten ihre direkten Gegenspieler in die Halbräume und den Zwischenlinienraum. Dasselbe praktizierten die Innenverteidiger mit Gregoritsch, der dadurch überhaupt keine Zeit und Platz vorfand und so einige unsaubere Ablagen spielte.
In Summe führten diese vielen kleinen Dinge dazu, dass Österreich selten (am besten noch in der ersten Viertelstunde) kontrolliert in die gegnerische Hälfte vordringen konnte und dort saubere, gruppentaktische Angriffe hätte starten können. Viele Aktionen wirkten überhastet, zu unsauber und schlecht vorbereitet. Ein paar ungezwungene Fehler nahmen der ÖFB-Elf komplett das Vertrauen und sorgten dafür, dass die Bosnier durch ihre Aggressivität das Spiel an sich reißen konnten.

Nicht nur das Zentrum konnte kompakt gehalten werden, auch die Flügelzonen wurden massiv verteidigt und besetzt. Meist befanden sich fünf Spieler auf dem ballnahen Flügel und stellten die umliegenden Optionen zu. Durch die vielen lokalen Mannorientierungen gab es auch keine Übergabeprobleme und der Druck konnte hochgehalten werden. Einzig der ballferne Flügelspieler scherte aus und blieb auf seiner Seite. Diagonale Flachpässe in den ballfernen Halbraum wären deshalb für die Österreicher ein Mittel gewesen, welches allerdings zu wenig forciert wurde.

Konsequenz im Pressing ging beim ÖFB-Team nach 20 Minuten verloren

Ähnlich wie bei eigenem Ballbesitz verliefen auch im Pressing die ersten 15 bis 20 Minuten aus österreichischer Sicht gut und problemlos. Franco Foda gab vor dem Match das Credo aus, aggressiv und mutig gegen den Ball zu spielen und die bosnische Abwehr früh unter Druck zu setzen. Und in den Anfangsminuten funktionierte das auch sehr gut. Arnautovic, Gregoritsch und Lazaro übten bei passenden Pressingauslösern immer wieder Druck auf die beiden Innenverteidiger und den Torhüter aus und konnten so etliche Fehlpässe und misslungene Aufbauaktionen erzwingen. Es war recht deutlich zu erkennen, dass die Innenverteidiger große Probleme damit hatten und ohne der Hilfe von Pjanic der Ball selten bis gar nie konstruktiv in das zweite Drittel transportiert hätte werden können.
Alles schien nach Wunsch und Matchvorbereitung zu laufen, auch weil die Mechanismen hinter der ersten Pressingreihe griffen.
Die beiden Wing-Backs Lainer und Alaba waren dafür entscheidende Faktoren. Sie lösten sich früh aus der Fünferkette (bzw. waren gar nie so tief positioniert) und attackierten die gegnerischen Außenverteidiger, um die nach vorne verteidigenden Bewegungen der Flügelspieler nicht verpuffen zu lassen. Auch die Sechser erledigten in diesem Zusammenhang ihren Job und warfen ein Auge auf die gegnerischen Achter, wofür sie einige Male auch ziemlich weit aufrücken mussten. Mittelstürmer Gregoritsch neutralisierte den Aktionsradius von Pjanic bzw. nahm ihn in seinen Deckungsschatten, trotzdem sollte Superstar Pjanic mit seiner extrem ausgeprägten Pressingresistenz das Spiel nach etwa 20 Minuten in eine andere Richtung lenken.

Die österreichische Pressingstruktur samt Bewegungs- und Aktionsradien der einzelnen Spieler. Die Struktur war gut und passend und in den ersten 20 Minuten konnte auch dank der richtigen Dosierung und Intensität der Spielaufbau von Bosnien frühzeitig unterbunden werden. Dann verlor allerdings die ÖFB-Elf völlig den Faden…

Einzelne Aktionen oder Momente für Wendungen in einem Spiel ausfindig zu machen ist immer eine etwas wage Angelegenheit, das haben wir zuletzt auch beim Ausscheiden der Salzburger im Champions-League-Playoff miterleben müssen. Die 16. Minute zwischen Bosnien und Österreich könnte vielleicht so ein Moment gewesen sein. Die Österreicher waren in ihrer oben skizzierten Pressingstruktur positioniert und hatten den gegnerischen Aufbau unter Kontrolle. Gregoritsch orientierte sich an Pjanic, der versuchte mit abkippenden und ausweichenden Bewegungen für die Innenverteidiger anspielbar zu sein. Die erste Pressinglinie neutralisierte das aber gut. Allerdings kippte dann Saric von seiner Achterposition nach hinten ab und unterstützte Pjanic im eigenen Sechserraum. Österreich war darauf nicht vorbereitet und die Bosnier konnten dank der dadurch generierten Überzahlsituation die erste Pressinglinie der Österreicher ziemlich problemlos überspielen. Gefühlt war diese unscheinbare Aktion ein Knackpunkt und nahm den ÖFB-Kickern das uneingeschränkte Vertrauen in das eigene Spiel und dem eigenen Plan. Von da an kamen Arnautovic und Co. fast nie mehr in die geschilderten Pressingmomente und die Bosnier drückten mit einer sauberen 4-3-3 Raumaufteilung die Österreicher immer tiefer in die eigene Hälfte. Dort wirkten die Bosnier sauber und strukturiert und konnten neben einer Überzahl im Zentrum auch gefährlich über die Flügel angreifen. Angetrieben von Pjanic, dem Kopf und Taktgeber der Mannschaft, präsentierte sich der Gastgeber zielstrebiger und torgefährlicher und war bis zur Halbzeit auch die bessere Mannschaft. In der Halbzeit reagierte Franco Foda auf den Spielverlauf und nahm stabilisierende Anpassungen vor.

3-4-3 mit Raute bringt mehr Stabilität und Ruhe

Franco Foda beförderte Michael Gregoritsch auf die Zehn, Marko Arnautovic rückte dafür in die Sturmspitze vor. Florian Grillitsch gab den Sechser, die beiden Halbpositionen neben ihm nahmen Peter Zulj auf halblinks und Valentino Lazaro auf halbrechts ein.
Im Spiel gegen den Ball hatte dies dann meist eine 5-3-1-1 Ordnung zur Folge. Der gesamte Mannschaftsverbund verteidigte abwartender und wollte so vermutlich Ruhe in das Spiel bringen, was auch gelang. Gregoritsch orientierte sich dabei an der Position von Pjanic, Zulj und Lazaro an jenen der beiden gegnerischen Achtern.
Bei eigenem Ballbesitz profitierte man in den zweiten 45 Minuten auch davon, dass sich die Bosnier ihrerseits etwas tiefer zurückzogen und mehr Phasen des kontrollierten Ballbesitzes zuließen. In diesen Phasen war auch die Besetzung des Zwischenlinienraums besser als im ersten Durchgang. Mit Zulj, Arnautovic und Gregoritsch befanden sich dort konstant drei Spieler, Lazaro positionierte sich derweilen etwas tiefer und vor dem bosnischen Abwehrblock und versuchte zusammen mit Grillitsch die Spieler im Zwischenlinienraum bzw. die aufrückenden Wing-Backs in Szene zu setzen. In Summe brachte diese Umstellung von Foda die gewünschte Stabilität und Ruhe, vor allem im tieferen Pressing, das Offensivspiel war aber nach wie vor stark ausbaufähig und eigentlich nicht zu vergleichen mit den vergangenen Spielen unter Franco Foda.

Fazit

Der Sieg für Bosnien ging nach den gespielten 90 Minuten völlig in Ordnung. Das größte Problem aus österreichischer Sicht war, dass sie ihr eigenes Spiel nicht durchgezogen haben bzw. nicht durchziehen konnten. Vor allem im höheren Pressing hat man sich früh und ohne nennenswerten Grund den Schneid abkaufen lassen, wodurch die Bosnier das Spiel besser in den Griff bekamen und dank ihrer individuellen Qualität und der sauberen Raumaufteilung zu durchschlagskräftigen Aktionen kamen. Diesen Punkt wird Franco Foda in der Analyse und Nachbearbeitung wohl unbedingt aufgreifen müssen, denn solche Auswärtsspiele in einer ähnlichen Atmosphäre werden auch in der Qualifikation zur Europameisterschaft 2020 mit Sicherheit vorkommen.
Demzufolge war es ein erster kleiner Rückschritt in der Ära Foda. Mit den richtigen Rückschlüssen aus dieser Partie lassen sich aber in naher Zukunft ganz schneller wieder zwei nach vorne machen.      

Sebastian Ungerank, abseits.at

Sebastian Ungerank