Es gibt die Großen, die Unbekannten, die Strohfeuer und die Unterschätzten. Leopold Šťastný ist zu Lebzeiten und auch in der Retrospektive nicht der Ruhm... Anekdote zum Sonntag (59) – Šťastný, Šťastný über alles

Retro Fussball_abseits.atEs gibt die Großen, die Unbekannten, die Strohfeuer und die Unterschätzten. Leopold Šťastný ist zu Lebzeiten und auch in der Retrospektive nicht der Ruhm zuteilgeworden, den er eigentlich verdient gehabt hätte. Seine fachliche Kompetenz und die Weichen, die er für den österreichischen Fußball gestellt hat, geraten meist in den Hintergrund, denn vorrangig ist der gebürtige Preßburger vielen aufgrund seines Schmähs und seiner kauzigen Aufmachung in Erinnerung geblieben. Für Herbert Prohaska, der unter Šťastný sein Nationalteamdebüt feierte, war der Slowake ein perfekter Analytiker: Er konnte binnen kürzester Zeit die Schwächen einer Mannschaft ausmachen und probate Mittel dagegen finden. Ebenso verstand er es Talente sukzessive in die Mannschaft einzubauen. So legte er den Grundstein für die 78er-Generation mit Krankl, Obermayer, Pezzey und dem angesprochenen Prohaska.

Wenn Šťastný nach Wien reiste, stieg er am Westbahnhof aus, grüßte den Würstelverkäufer und wanderte mit seinem Koffer sogleich in das Hotel Fürstenhof am Neubaugürtel. Jahrelang wurde dort für den Rekord-Teamchef das Eckzimmer Nr. 26 freigehalten. Besonders mit Nachtportier Max Horak pflegte Šťastný eine liebevolle Beziehung: Der ehemalige Sportklub-Kicker, der auf seine alten Tage im Hotel arbeitete, begrüßte den weißhaarigen Teamchef mit launigen Anspielungen auf dessen Alter: „Herr Šťastný, warum kommen Sie immer zu uns? Ich krieg den Leichengeruch nicht mehr aus der Bettwäsche…“  Ein anderes Mal fragte Horak: „Herr Šťastný, wenn Sie am Friedhof vorbeigehen, binden sich die Würmer da schon die Serviette um?“ Šťastný grinste. Er war ein gutes Beispiel dafür, dass die Donaumonarchie zwar vorbei, aber nicht vergessen war, denn der gebürtige Slowake verfügte über einen Wiener Schmäh wie ihn so mancher Floridsdorfer oder Hernalser nicht vorweisen konnte. Mit Horak verstand er sich blendend. Bis spät in die Nacht wurde im Fürstenhof oft mit anderen Ex-Fußballern und Trainern fachgesimpelt. Wer Šťastný sprechen wollte, kam einfach in sein Hotel. War er nicht da, übernahm Horak die Nachricht für den „Chef“.

Als Teamchef war Šťastný fachlich und menschlich großartig. Nur einen Tag vor dem Spiel schaltete er um: Plötzlich war er mit allen Spielern wieder per Sie und duldete keine Späße mehr. Konzentration und Stille war angesagt. Sollten allerdings Fernsehkameras auftauchen, verwandelte sich der Slowake wieder in einen Schmähbruder. Obwohl er die 60 schon überschritten hatte, forderte ihn ein kecker ORF-Reporter auf, einen Kopfsprung in den Pool des Teamhotels zu machen. Šťastný verlangte im Gegenzug eine Extra-Provision und tatsächlich händigte ihm der Reporter 500 Schilling aus. Ein anderes Mal kündigte Šťastný seinen Spielern an den wartenden Journalisten nur kurze Antworten im Ja-Nein-Stil zu geben um sie aus dem Konzept zu bringen. Tatsächlich zog er seinen Plan durch und brachte die Herren mit den Mikrofonen ganz schön ins Schwitzen, die nun fieberhaft nach neuen Fragen suchen mussten. Es kam auch vor, dass der Humor des Erfinders der Schülerliga ein kindisches Niveau erreichte: Wenn er im Stadion mitten unter den Leuten saß, liebte er es die vor ihm Sitzenden mit dem Regenschirm anzutippen und wenn diese sich umdrehten tat er, als könne er kein Wässerchen trüben. Natürlich hätten es die Betroffen nie gewagt, den Teamchef zu verdächtige, der sich ins Fäustchen lachte.

Sein bester Coup gelang ihm aber im Hotel Fürstenhof: In der Lobby hatten sich einige deutsche Gäste versammelt um die Übertragung des Spieles Deutschland gegen Brasilien im ORF zu sehen. Šťastný, der zufällig anwesend war, gesellte sich zu ihnen. Viele erkannten ihn als österreichischen Teamchef, aber für die meisten deutschen Fußballfans rangierte das ÖFB-Team unter ferner Liefen und es war daher nicht besonders aufregend neben dem Coach der Ösis zu sitzen. Umso erstaunter waren die „Preußen“ dann, als der Herr mit dem slawischen Idiom jeden Angriff, jedes Abseits und jeden Freistoß fehlerfrei vorhersagen konnte: „Den wird der Tormann halten!“ „Er passt links rüber.“ „Das wird ein Tor.“ In den Augen unserer Lieblingsnachbarn aus dem Norden avancierte der nette Herr zum Express-Fußball-Nostradamus. Was die Anwesenden jedoch nicht wussten war, dass Šťastný die Übertragung aus Südamerika bereits wenige Stunden zuvor für den Staatsfunk analysiert hatte. Gegen Ende der Übertragung wurde sein Kommentar eingeblendet und die Deutschen staunten – um es in ihren Worten zu sagen – Bauklötze. Šťastný und  Horak dagegen fandens zum Wiehern.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

  • Feuervogl

    12.September.2016 #1 Author

    danke für den launigen Stasny Artikel.

    Antworten

  • Feuervogl

    12.September.2016 #2 Author

    ..PS: es wäre aber vielleicht angebracht gewesen, den jungen Lesern zu erklären WER denn der Horak war: denn dieser Tausendsassa war einst beim Wiener Sportklub DER Rechtsaußen, als hierzulande noch mit 5 (in Worten fünf) Stürmern gespielt und vor allem gewonnen wurde. Die von rechts aus: Horak-Knoll-Hof-Hammerl-Skerlan besiegte Juventus Turin am 1.10.1958 7:0 und Hammerl allein schoß 4 Tore.

    Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.