Für das österreichische Nationalteam ist der Traum von der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien geplatzt. Trotz 1:0-Führung verlor die rot-weiß-rote Auswahl in... Die Rolle von Aleksandar Dragovic im Spiel gegen Schweden: Ein gescheitertes Experiment?

Aleksandar Dragovic (FC Basel, ÖFB)Für das österreichische Nationalteam ist der Traum von der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien geplatzt. Trotz 1:0-Führung verlor die rot-weiß-rote Auswahl in Stockholm gegen Schweden 1:2. Vor dem Anpfiff sorgte Teamchef Marcel Koller mit der Nominierung von Aleksandar Dragovic auf der Sechserposition für eine große Überraschung. Der 22-Jährige übernahm damit die wohl wichtigste Rolle im modernen Fußball.

In der Vorschau wurde bereits darauf angespielt, dass das Zentrum in diesem Spiel das Zünglein an der Waage sein würde. Allgemein betrachtet war das zugegebenermaßen keine Behauptung, mit der man sich weit aus dem Fenster lehnte. Zum einen deshalb, weil es der Bereich war, der schon im letzten Duell entschied, zum anderen, weil der Ball im Allgemeinem in jedem Spiel dort am häufigsten zu finden ist und Instabilitäten dementsprechend streng bestraft werden.

Kein Kettenhund für Ibrahimovic

Bereits in einem früheren Artikel wurde detailliert auf die Wechselwirkungen verschiedener Sechsertypen eingegangen. Aufgrund der Komplexität und des anspruchsvollen Anforderungsprofil im zentralen Mittelfeld verteilen viele Mannschaften die dortige Last auf zwei Spieler. Auch das ÖFB-Team läuft üblicherweise mit einer Doppelsechs in einer 4-2-3-1-Grundordnung auf. Allerdings veränderte Koller diese gegen Schweden und stellte auf ein 4-1-4-1 um. Die Unterschiede zwischen den beiden Formationen sind scheinbar marginal, allerdings zeigte dieses Spiel, dass es zu durchaus gravierenden Auswirkungen kommen kann, wenn die Abstimmung nicht hundertprozentig stimmt.

Zwar meinte ATV-Kommentator Philipp Paternina, Koller hätte „Dragovic als zweiten Sechser aufgeboten, als Bewacher von Zlatan Ibrahimovic“, wer jedoch das Spiel genauer beobachtete, konnte sehen, dass das nicht der Fall war. Dragovic bearbeitete den zentralen Raum vor der Abwehr alleine und hatte dabei schon gar nicht die Aufgabe, den schwedischen Superstar auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Im Interview vor dem Spiel skizzierte Koller seinen Plan so, dass man dadurch den physisch starken Sturmduo der Schweden entgegenwirken wollte.

Kleine Probleme im Aufbauspiel

Die Probleme, die sich auf dem Papier dadurch ergaben, traten überraschenderweise im Allgemeinen nicht auf. Aufgrund der Tatsache, dass David Alaba und Zlatko Junuzovic höher als Doppelacht agierten, hätte man vermutet, dass das Aufbauspiel unter der Aufstellung von Dragovic leiden würde. Zwar ist der Dynamo Kiew-Legionär für einen Innenverteidiger technisch stark, allerdings konnte man beim ÖFB-Team bereits Probleme im Ballbesitzspiel erkennen, wenn etwa technisch stärkere Akteure seine Aufgaben übernahmen. Nachdem zu Beginn noch phasenweise große Abstände nach vorne zu erkennen waren, bekam das rot-weiß-rote Spiel zusehends Struktur.

Allerdings sah man Dragovic an, dass er sich beim Freilaufen nicht immer richtig verhielt. Als Innenverteidiger beschränkt sich diese Aufgabe meist darauf, ein paar Schritte nach hinten zu machen, da sich das Spiel in aller Regel vor einem abspielt. Im zentralen Mittelfeld muss man seine Augen quasi überall haben, da der Gegner von jeder Seite kommen könnte. Dragovic versäumte es phasenweise, sich aus dem Deckungsschatten seines Gegners herauszubewegen. Man erkennt das im obigen Video. Dragovic steht zu weit weg oder versteckt sich hinter den Gegenspielern.

Herausrücken öffnet Zentralachse

Größere und letztlich auch entscheidendere Probleme gab es bei der vermeintlichen Stärke, dem Spiel gegen den Ball. Aufgrund der Tatsache, dass Dragovic üblicherweise als Innenverteidiger zum Zug kommt, konnte man meinen, es wäre für ihn nicht allzu schwer das Zentrum zusammenzuhalten. Betrachtet man rein die Aktionen, in denen er in die direkten Zweikämpfe ging, bleibt dieses Gefühl auch aufrechterhalten, da sich derartige Situationen an sich nicht über die Feldposition definieren. Gewinnt ein Spieler am eigenen Sechzehner seine Zweikämpfe, wird er das in aller Regel auch in anderen Zonen tun. Fehler machte Dragovic demnach dann, wenn er nicht in unmittelbarer Nähe des Balls stand.

Hier sieht man die Entstehung des 1:1. Ibrahimovic dribbelt auf das österreichische Tor zu und Dragovic will ihn daran hindern. Die natürliche Einstellung eines Innenverteidigers. Allerdings wäre dieses Herausrücken nicht notwendig gewesen. Dragovic steht zu weit weg vom Ballführenden um Druck auf ihn aufzubauen, geschweige denn eine Chance auf den Zweikampf zu haben. Zudem steht er in einer Linie mit dem Innenverteidiger, der ohnehin den Pass auf den startenden Stürmer antizipiert.

Dafür öffnet er mit seiner Bewegung den Passweg zu Sebastian Larsson, der viel Platz im Zentrum hat. Die Möglichkeit, diesen Pass zu unterbrechen hat Dragovic nicht mehr, da er zu weit weg von der entsprechenden Passlinie steht und das Zuspiel entgegen seiner Laufrichtung gespielt wird. Richtig wäre es gewesen, wenn Dragovic nicht so schnell die Zentralachse verlassen und den Passweg in die Mitte solange versperrt hätte, bis Alaba den eingerückten schwedischen Flügelspieler übernommen hätte. Dadurch hätte er das Tempo aus dem Spiel genommen, da Ibrahimovic keine Anspielmöglichkeit gehabt hätte.

Es war dies nicht die einzige derartige Situation. Immer wieder bewegte sich Dragovic zu weit aus der so wichtige Zentralachse heraus bzw. ließ sich von dort wegziehen ohne sich zu vergewissern, dass seine Position nachbesetzt wurde. Vor allem die schwedischen Flügelspieler, aber ab und zu auch einer der Stürmer, gingen in den dadurch geöffneten Raum. Ein paar Beispiele sieht man im nachstehenden Video.

Falsche Interpretation oder Abstimmungsproblem?

Dass dies meist ohne Wirkung blieb, lag daran, dass die Schweden die Möglichkeiten verschliefen und das Spiel verschleppten. Die Österreicher hatten so genug Zeit um die Stellungsfehler von Dragovic auszugleichen. Hielten die Schweden das Tempo hoch, was dann der Fall war, wenn Ibrahimovic beteiligt war, kamen sie schnell in gefährliche Zonen. Besonders mit Fortschreiten der Spielzeit wurde dies deutlich, da die Beine der Österreicher zusehends schwerer wurden. Kam Dragovic  zuvor gerade noch in die Zweikämpfe war er nun zu spät dran, ebenso seine Kollegen bei den Gegenspielern.

Dieser Artikel soll keinesfalls den Eindruck erwecken, dass Aleksandar Dragovic die alleinige Schuld an der Niederlage tragen würde. Vielmehr soll er Verbesserungspotenzial und vor allem die Komplexität des Spiels eines alleinigen Sechsers aufzeigen. Ein Schritt in die eine oder andere Richtung kann unter Umständen schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Es erfordert eine präzise Abstimmung zwischen den einzelnen Spielern. Ist diese nicht gegeben, droht das ganze Spiel daran zu zerbrechen. Ob es in diesem Fallbeispiel daran lag, dass der betroffene Spieler seine Rolle falsch interpretierte oder es sich um ein schlichtes Abstimmungsproblem handelt, kann aus der Ferne jedoch nicht beurteilt werden.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem