In unserem gestrigen Artikel über die Seele des österreichischen Fußballs gingen wir auf die große österreichische Fußballkultur vor dem zweiten Weltkrieg, das Wunderteam und... Die Seele des österreichischen Fußballs (Teil 2) – Wie gelingt die Rückkehr zu alten Tugenden?

In unserem gestrigen Artikel über die Seele des österreichischen Fußballs gingen wir auf die große österreichische Fußballkultur vor dem zweiten Weltkrieg, das Wunderteam und das berühmte „Scheiberlspiel“ ein. Heute lassen wir unsere Blicke weiterschweifen – über die erfolgreiche WM 1954 und Cordoba, bis hin in die Gegenwart. Wir betreiben außerdem Ursachenforschung, wieso der Fußball in Österreich heutzutage nicht mehr das ist, was er einst war.

Das Wunder von Cordoba

In den Jahren während der nationalsozialistischen Diktatur konnte der SK Rapid Wien die deutsche Meisterschaft erringen und alles in allem wurde der Klubfußball der „Ostmark“ spielerisch wie taktisch ebenbürtig zu Deutschland gesehen. Die Jahre nach dem Krieg begannen gut, die Nationalmannschaft reformierte sich bald und konnte einige kleine Erfolge feiern, der größte war wohl der dritte Platz bei der WM 1954. Hinzu kam das hohe Interesse der österreichischen Medien und der Bevölkerung am Fußball, eine willkommene Abwechslung von den Nachwehen des Krieges. Allerdings waren diese Achtungserfolge nur eine Versöhnung des Schicksals mit dem späteren Pech – 1958 landete man in einer Todesgruppe und schied aus, vier Jahre später verhinderten Geldmangel und interne Querelen eine Teilnahme. Ohne Erfolge auf dem Papier fand sich, sowohl bei den Spielern als auch dem Nachwuchs, langsam ein wachsendes Desinteresse an der großen Fußballbühne. Die anderen Staaten hatten nachgezogen, ebenso den Professionalismus eingeführt, waren international durch bessere Finanzen und Infrastruktur im Vorteil. Einzelne Achtungserfolge waren kleine Meilensteine und Erinnerungen an frühere Zeiten, einziger großer Erfolg war der Sieg gegen Deutschland bei der WM 1978, bis heute ist es wohl der Hauptquell fußballerischen Stolzes für uns Österreicher. Nicht, weil man besonders toll spielte oder in die nächste Runde kam – man hatte lediglich den großen Nachbarn aus Deutschland ärgern können. Ein Paradebeispiel für veränderte Anspruchshaltung an das einstmals gefürchtete wie bewunderte Wunderteam Österreichs. In den nächsten dreißig Jahren gab es nur drei WM-Teilnahmen und eine einzige EM-Teilnahme, wo man im eigenen Land in der Vorrunde ausschied. Von der einstmaligen Wundermannschaft blieb im Laufe der Geschichte nicht viel übrig – von der fußballbegeisterten und als technisch am talentiertesten anerkannten Nation Europas ebenso wenig.

Österreich heute…

… gab es in den 90ern noch zumindest zwei relativ bekannte Namen mit Toni Polster und Andreas Herzog, wenngleich beide im Vergleich mit ehemaligen Größen wie Prohaska und Krankl aufgrund ihrer fehlenden bzw. unglücklichen Engagements bei europäischen Topteams blass dastehen, so ging es seitdem stetig bergab. Aktuell spielt lediglich der junge David Alaba bei einem großen Verein, während es eine geringe Anzahl von Spielern gibt, die sich ebenfalls ihr Geld als Stammspieler in den Topligen Europas verdienen. Doch weitaus problematischer gestaltet sich die Lage in der Zukunft, immer weniger Talente aus der eigenen Jugend kommen nach und vermehrt wird auf Legionäre gesetzt – selbst im Amateurfußball, wo einige Mannschaften Spieler aus dem ehemaligen Ostblock und Jugoslawien für vergleichsweise gutes Geld nach Österreich holen. Manche Vereine kopieren dazu das Konzept, die Spieler bei einem guten Bekannten in der Firma anzustellen und sich so etwas einzusparen. Eine Win-Win-Situation für Verein und Spieler, aber die Folgen sind nicht zu übersehen. Zahlreichen kleinen Vereinen mangelt es an Zuwachs, es spielen generell in den unteren Ligen weniger Einheimische, was sich ebenfalls auf die oberen Ligen ausweitet. Konnte man sich früher noch bei starken und potenziellen Profispielern aus den unteren Klassen bedienen, so muss man sich nun bei den beliebten Akademien und Jugendschulen der fußballerischen Oberschicht umschauen und sich Spieler befristet ausleihen.

Viele mittelgroße Vereine werden zur kurzzeitigen Ausbildungsstätte oder müssen alternativ einen Großteil ihrer Einnahmen an die Legionäre aus den unteren Klassen abgeben. Dieses Handeln sorgt für eine Kettenreaktion – weniger Jugendspieler in den kleinen Vereinen, schwächere B-Mannschaften, verstärkte Monopolisierung des heimischen Nachwuchses auf die Akademien größerer Vereine und ein allgemeines Abnehmen des Niveaus in den Nachwuchsligen, was langfristig teilweise bei talentierten Spielern zur Stagnation und zu einer Vielzahl schwächerer oder minder geförderter Spieler führt. Medial wird dieser Trend ebenfalls propagiert und provoziert. Hört man sich in der Presse und in der Gesellschaft um, wird von Österreich als einer talentlosen Mannschaft gesprochen, die im Fußball kaum gute Ergebnisse erzielt und Glück braucht, um nicht zu den schwächsten Nationen Europas zu gehören. Über das Skispringen und Skifahren wird deutlich detaillierter und öfter berichtet, die Berichterstattung ist auch wesentlich positiver. Eine Fokussierung auf die Wintersportarten entsteht, die zu einer weiteren Beeinträchtigung des Fußballs führt.

Eine gemeinsame Idee, ein Anhaltspunkt an der Vergangenheit und Veränderung der angeblich österreichischen Attribute – laufen, kämpfen, beißen – hinüber zu früheren Werten – Eleganz, Kombinationsspiel, Talent – wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Natürlich stimmt es, dass Österreich große Probleme in vielen Bereichen, ob Taktik, Trainerausbildung, Scouting oder generell bei den Funktionären, besitzt; aber ohne gemeinsames Anpacken wird sich dies nicht mehr zum besseren verändern. Eine konstruktive Presse, mehr Interesse von Gesellschaft und Medien sowie eine Rückkehr zu früheren Tugenden würde langfristig zu einem Wiederaufleben des „Donaufußballs“ führen. Heute noch eine Utopie und ohne klare Vorgaben von oben wohl auch für die nächsten Jahre.

RM

RM schreibt auch für spielverlagerung.de

Rene Maric

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