In Österreich fühlten sich einige Trainer und Experten vor den Kopf gestoßen, dass der ÖFB in der Trainerfrage keine österreichische Lösung fand und ließen... Ein Teamchef aus dem Ausland? – Nicht nur hierzulande wird heiß diskutiert.

In Österreich fühlten sich einige Trainer und Experten vor den Kopf gestoßen, dass der ÖFB in der Trainerfrage keine österreichische Lösung fand und ließen sich zu unüberlegten und unprofessionellen Aussagen hinreißen. Es gibt allerdings nicht nur hierzulande die Diskussion, ob der Trainer der Nationalmannschaft aus dem Heimatland kommen soll.

Kurze Zeit nachdem der Italiener Fabio Capello am 14. Dezember 2007 zum englischen Teamchef bestellt wurde, meldete sich FIFA-Präsident Sepp Blatter zu Wort. Der Schweizer Fußballfunktionär sagte, dass er überrascht sei, dass der englische Fußballverband sich gegen das eigentlich unantastbare Gesetz hinwegsetzt, dass ein Trainer der Nationalmannschaft aus dem gleichen Land kommen soll, wie seine Spieler. Im Gegensatz zu Marcel Koller wurde der Italiener von den meisten Zeitungen aber sehr freundlich empfangen, was auch daran lag, dass sich das ganze Land freute, dass Steve McClaren abgelöst wurde.

WERDEN AUSLÄNDISCHE TRAINER ANDERS BEURTEILT?

Herbert Prohaska prophezeite in der Krone, dass es Marcel Koller als ausländischer Trainer sehr schwer haben werde. Der loyale Andi Herzog ärgert sich, dass er zum dritten Mal übergangen wurde. Herzog glaubt, dass es wahrscheinlich ein Wettbewerbsnachteil war, dass er Österreicher ist.

Einen großen Bonus wird Koller in Österreich garantiert nicht haben, denn sollten die ersten Spiele nicht nach Wunsch verlaufen, dann kann man sich ausmalen, wie sich einige Tageszeitungen auf den Schweizer einschießen werden. Auch in England hat Capello mittlerweile nicht nur Fans, obwohl er den besten Punkteschnitt aller englischen Nationaltrainer erreichte. Der Italiener gewann mit dem englischen Nationalteam 26 von 39 Länderspielen und verlor lediglich sechs Partien. Kein anderer englischer Nationaltrainer kam auf eine Gewinnquote von 66.7 Prozent!

Sir Alf Ramsey, der 1966 mit England den einzigen Weltmeistertitel holte, gewann von seinen 113 Spielen 69 Partien (61.1%) und liegt somit abgeschlagen an zweiter Stelle. Glenn Hoddle liegt mit 17 Siegen aus 28 Partien (60.7%) auf dem dritten Platz. Die wenigsten Siege erzielte Kevin Keegen, der in nur sieben von 18 Partien (38.9%) als Sieger vom Platz ging. Capellos Vorgänger Steve McClaren gewann nur neun von 18 Spielen (50%).

Viele Fußballfans werden angesichts dieser Statistiken überrascht sein, da sie sich in erster Linie an die schwache Vorstellung der Engländer bei der Weltmeisterschaft 2010 erinnern. Nach zwei wenig aufregenden Unentschieden in der Gruppenphase gegen die USA und Algerien setzte es eine bittere 4:1-Niederlage gegen Deutschland. Trotzdem muss man vor den Leistungen der Engländer in den Qualifikationsspielen den Hut ziehen. Insbesondere in den Auswärtsspielen erreichte Capello eine absolut fantastische Bilanz: In acht Auswärts-Qualifikationsspielen gab es unter dem Italiener sieben Siege. Das Torverhältnis von 21:3 spricht Bände. Die einzige Niederlage in einem Auswärts-Qualifikationsspiel setzte es gegen die Ukraine, als die Engländer bereits ihr WM-Ticket gelöst haben. Ein englischer Trainer würde mit dieser Bilanz wohl wesentlich mehr Zuspruch in den Medien genießen, als der Italiener.

ÖSTERREICH BRAUCHT ERFAHRUNG AUS DEM AUSLAND

Liverpool-Spieler Jamie Carragher sagte heute in einem Interview, dass er es als Betrug ansieht, dass England nicht mit einem englischen Trainer zu den Länderspielen antritt. Er könne zwar verstehen, wenn etwa afrikanische Nationen Fachwissen aus dem Ausland importieren würden – England hätte dies aber nicht nötig. Der englische FA-Funktionär Adrian Bevington meinte hingegen, dass alles davon abhänge, ob ein geeigneter englischer Kandidat zur Verfügung stehen würde. Das Land ist in dieser Frage noch immer gespalten.

Egal wie man zu Carraghers Aussage steht – Österreich ist nicht England und kann es sich im Moment nicht leisten, auf Fachleute aus dem Ausland zu verzichten. Wären wir mit Trainerkalibern à la Ernst Happel gesegnet, dann würden wir diese Diskussion nicht führen müssen – so ist es aber eine PFLICHT, dass man für den wichtigsten Trainerposten des Landes den bestmöglichsten Mann holt. Und der befindet sich momentan garantiert nicht in Österreich! Ob es Marcel Koller ist, werden wir erst in einigen Monaten wissen.

In einem Standard-Interview sagte Chefanalytiker Herbert Prohaska: „…Koller ist hierzulande eher unbekannt, der Druck auf ihn wird groß sein. Ein in Österreich bekannter Name darf vielleicht ein, zwei Spiele mehr verlieren.“ Dieser Aussage ist ziemlich hinterfotzig, denn dieser Druck wird ja gerade durch die negativen Kommentare von Prohaska und Co. aufgebaut. Mal ganz abgesehen davon, dass es die österreichischen Fußballfans nicht besonders stören sollte, wenn Koller ein, zwei Spiele weniger verliert.

Stefan Karger, www.abseits.at

Stefan Karger

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