Wie bereits in Teil 1 unserer Reihe berichtet, war Christian Fuchs der einzige Spieler in der Verteidigung, der in allen zehn Qualifikationsspielen zum Einsatz... In der EM-Qualifikation wieder einmal gescheitert: Ein Rückblick (Teil 2/3)

Wie bereits in Teil 1 unserer Reihe berichtet, war Christian Fuchs der einzige Spieler in der Verteidigung, der in allen zehn Qualifikationsspielen zum Einsatz kam. Leider lässt sich diese Einzigartigkeit des Schalke-Legionärs nicht nur auf die Abwehr beschränken, sondern auf die gesamte Mannschaft ausbreiten. Kein anderer Spieler kam in allen Partien der EM-Qualifikation zum Einsatz. Auch das ist ein Zeichen fehlender Kontinuität.

Auch hier lohnt sich ein Blick auf unseren großen Nachbarn aus Deutschland. Hier haben Thomas Müller, Phillip Lahm und Manuel Neuer (alle vom FC Bayern) alle zehn Spiele bestritten. Im Mittelfeld fehlte Özil aus Selbstschutzgründen nur in Istanbul gegen die Türkei, Podolski verpasst ebenfalls nur eine Partie, Holger Badstuber kann ebenso neun Einsätze vorweisen. In diesen Genuss kam aus Österreichs Team kein einziger Akteur. Die fleißigsten in Rot-Weiß-Rot waren Martin Harnik, Ekrem Dag und David Alaba mit je acht Einsätzen. Manchmal wurde die Mannschaft aus taktischen Gründen verändert, manchmal machten Verletzungen Didi Constantini einen Strich durch die Rechnung.

Verletzungspech und taktische Raffinessen

Was auffällt: regelmäßig fallen bei Österreich wichtige Leistungsträger aus. Besonders im Mittelfeld führt das zu einer sehr hohen Fluktuation. Gab es in der Abwehr in zehn Spielen sieben verschiedene Formationen, waren es derer im Mittelfeld sogar zehn! Österreich spielte kein einziges Mal in dieser Qualifikation zwei Mal hintereinander mit demselben Mittelfeld. Eine alarmierende Erkenntnis. Einmal fehlte Scharner verletzt, dann gesperrt. Einmal passte Daniel Royer ins taktische Konzept, dann wieder nicht. Einmal waren Kavlak und Junuzovic gut genug für die Startformation, dann wurden sie nicht mehr eingesetzt oder gar nicht erst einberufen. Erschwerend kam hinzu, dass Constantini die Spieler immer wieder auf verschiedenen Positionen aufstellte. So spielte beispielsweise Zlatko Junuzovic beim 3:0 über Aserbaidschan in Wien neben Scharner im Zentrum, vier Tage später in Brüssel am rechten Flügel, im Heimspiel gegen die Belgier bearbeitete der Kärntner die linke Seite. Drei Länderspiele, drei Positionen – selbst der beste Spieler hätte da wohl seine Probleme. Noch schlimmer traf es Jimmy Hoffer. Gegen Kasachstan (heim), Belgien (auswärts), Deutschland (auswärts) und die Türkei (heim) kam der pfeilschnelle Stürmer in der Schlussphase als rechter Mittelfeldspieler. Lediglich im Auswärtsspiel gegen die Türkei durfte der Frankfurt-Legionär im Sturm zeigen, was er kann.

Die Zentrale: mal dies, mal das

Constantini war sich aber nicht nur bei Hoffer nicht über dessen beste Position sicher. Im zentralen Mittelfeld, Herzstück jeder Mannschaft, ließ der Tiroler seiner Fantasie regelmäßig freien Lauf. Man muss natürlich bedenken, dass es ein Unterschied ist, ob man gegen Aserbaidschan in Wien oder gegen Deutschland auf Schalke antritt – und demnach die Aufstellungen variieren. Die personellen Entscheidungen waren dennoch oft abenteuerlich. Am 7. September 2010 startete Österreich mit einem glücklichen 2:0 über Kasachstan in Salzburg in die Qualifikation. Die Startformation im Mittelfeld bildete die junge und hoffnungsvolle Kombination Jantscher – Kavlak – Schiemer – Harnik. Nur ein Monat später war Harnik der einzig verbleibende Spieler, alle anderen drei hatten ihren Platz verloren. Kavlak wurde zumindest in Minute 55 für Harnik ins Spiel gebracht.

Warum gibt man einem jungen aufstrebenden Mittelfeld nicht länger als ein Spiel eine Chance? In der Folge hatte David Alaba einen Stammplatz, obwohl er bei Bayern von einem Stammplatz so weit entfernt war wie Österreich vom WM-Titel. Die Nicht-Berücksichtigung von Ümit Korkmaz wurde mit genau diesem Argument von Constantini erklärt. Im Zentrum durfte sich jedenfalls jeder mal austoben. Neben den üblichen Verdächtigen Baumgartlinger, Scharner und Schiemer durften sich auch Pehlivan, Dag (je 1 Mal) oder Kulovits (2 Mal) versuchen. In etwas offensiveren Varianten spielten Junuzovic oder Kavlak im Zentrum. Alaba musste zwischen Zentrum und linker Seite pendeln, die letzten beiden Partien musste Alaba rechts ran. Hier die Formationen:

Österreich – Kasachstan 2:0 Jantscher – Kavlak – Schiemer – Harnik
Österreich – Aserbaidschan 3:0 Arnautovic – Scharner – Junuzovic – Harnik
Belgien – Österreich 4:4 Kavlak – Baumgartlinger – Scharner . Junuzovic
Österreich – Belgien 0:2 Junuzovic – Alaba – Baumgartlinger – Harnik
Türkei – Österreich 2:0 Alaba – Pehlivan – Scharner – Baumgartlinger – Harnik
Österreich – Deutschland 1:2 Alaba – Kulovits – Baumgartlinger – Dag
Deutschland – Österreich 6:2 Alaba – Baumgartlinger – Dag – Royer
Österreich – Türkei 0:0 Alaba – Baumgartlinger – Scharner – Royer
Aserbaidschan – Österreich 1:4 Ivanschitz – Baumgartlinger – Scharner – Alaba
Kasachstan – Österreich 0:0 Ivanschitz – Kulovits – Scharner – Alaba

Fazit:

Dass sich im Mittelfeld im Laufe einer Qualifikation mehr ändert als in der Abwehr oder im Tor, liegt in der Natur der Sache. Trotzdem muss man sich bei vielen Formationen fragen, was Constantini damit bezwecken wollte. Spieler wie Kavlak oder Jantscher nach dem ersten etwas verunglückten Auftritt gegen Kasachstan fallen zu lassen wie eine heiße Kartoffel, ist nicht die feine englische Art. Warum sich in der Türkei plötzlich drei Sechser im Mittelfeld gegenseitig auf die Füße steigen, in Deutschland aber Außenverteidiger Dag die wichtige Rolle in der Zentrale übernehmen sollte, bleibt das Geheimnis des Ex-Teamchefs. Dass Willi Ruttensteiner Andi Ivanschitz einberufen und in beiden verbleibenden Spielen eingesetzt hat, muss für Constantini ein Stich ins Herz gewesen sein.

Wie auch in der Abwehr kann man sich von Marcel Koller nur eines wünschen: mehr Kontinuität! Die Deutschen machen es vor und setzen konstant auf die gleichen Spieler, sogar wenn es um nichts mehr geht. Deutschland war als erstes Team fix qualifiziert, trotzdem wurden Spieler wie Podolski, Müller oder Özil nicht geschont. Respekt!

Der Angriff: Persönliche Befindlichkeiten und ein Debütant

Man nehme einen extrovertierten Skandalstürmer, einen Reservisten aus der zweiten deutschen Liga, einen Verletzungsanfälligen und einen vereinslosen Riesen und garniere das Ganze mit einem aufstrebenden Legionär und einem Debütanten. So oder so ähnlich würde ein Rezept für die Angriffsabteilung in Österreichs Nationalteam wohl lauten. Sieht man sich die nackten Zahlen und Fakten an, gibt es eigentlich keine Diskussion. Marko Arnautovic, Marc Janko und Martin Harnik müssten eigentlich gesetzt sein, wenn nicht…ja, wenn da nicht die große Verletzungsanfälligkeit und die persönlichen Streitigkeiten von Marc Janko mit Constantini gewesen wären; wenn sich Marko Arnautovic nicht bei jedem Länderspiel einen Skandal geleistet hätte; wenn Martin Harniks Effizienz vor dem Tor nicht allzu sehr zu wünschen übrig ließe.

So hatte Constantini immer wieder die Qual der Wahl – und das in doppelter Hinsicht. Die erste Herausforderung war, die Stürmer einzuberufen, die Österreich zu Siegen und Erfolgen schießen sollten. Zusätzlich musste immer darauf geachtet werden, dass das Klima innerhalb der Mannschaft passt, was Gerüchten zufolge vor Allem eine Einberufung von Janko und Arnautovic erschwerte.

Die Systemfrage

Das Hauptproblem, mit dem sich Didi Constantini während der EM-Qualifikation 2012 herumschlagen musste, war die große Veränderung zum jeweils letzten Kader. Beispiel gefällig? Nach dem 4:4 in Belgien war Paul Scharner für zwei Spiele gesperrt worden. Statt ihm wollte Constantini neben Baumgartlinger im zentralen Mittelfeld einen spielerisch starken Spieler haben. Alaba, der statt Kavlak links spielen sollte, rückte ins Zentrum, die leere linke Seite nahm Junuzovic ein, dafür war die rechte Flanke verwaist. Als beste Alternative bot sich Martin Harnik an, der dafür im Sturm schmerzlich vermisst wurde. Ein Domino-Effekt, durch den die gesamte Mannschaft durcheinander gewürfelt wurde. Janko und Arnautovic waren an vorderster Front zu unkreativ, Alaba in der Zentrale überfordert, Harnik am Flügel verschenkt. Im Sturm musste regelmäßig eine Entscheidung zwischen Janko, Arnautovic und Harnik fallen, so stellte Constantini Harnik häufig ins Mittelfeld, um Platz für die beiden anderen Stürmer zu haben. Da die Streitigkeiten mit Janko immer mehr die Überhand gewannen, bekam Stefan Maierhofer seine Chance. Jener Maierhofer, in 17 Spielen ein Tor erzielen konnte, und zwar im Heimspiel gegen die Färöer-Inseln während der Qualifikation für die WM 2010. In dieser Qualifikation gelang dem „Langen“ trotz sieben Einsätzen (davon allerdings drei Kurzeinsätze) kein Treffer. Bis auf Janko und Maierhofer wurde jeder Stürmer mindestens einmal auch im Mittelfeld eingesetzt (Arnautovic, Hoffer, Harnik). Auch im Sturm sieht man die fehlende Konsequenz von Constantini: Roland Linz, in den ersten beiden Partien noch fixer Bestandteil und Torschütze gegen Kasachstan, wurde in den verbleibenden acht Spielen kein einziges Mal berücksichtigt. Dafür durfte Admira – Striker Philip Hosiner im Spiel gegen Aserbaidschan sein Debüt in den letzten drei Minuten feiern. Die Übersicht:

Österreich – Kasachstan 2:0 Linz – Janko
Österreich – Aserbaidschan 3:0 Linz – Maierhofer
Belgien – Österreich 4:4 Maierhofer – Arnautovic
Österreich – Belgien 0:2 Janko – Arnautovic
Türkei – Österreich 2:0 Maierhofer
Österreich – Deutschland 1:2 Harnik – Hoffer
Deutschland – Österreich 6:2 Arnautovic – Harnik
Österreich – Türkei 0:0 Arnautovic – Harnik
Aserbaidschan – Österreich 1:4 Janko – Arnautovic
Kasachstan – Österreich 0:0 Janko – Arnautovic

Fazit: Einen Klasse-Stürmer wie Marc Janko kann man als kleines Land wie Österreich nicht freiwillig auf der Bank sitzen lassen. Bei allem Respekt vor Stefan Maierhofer, aber einen Spieler, der bei einem Spitzenklub in den Niederlanden Woche für Woche seine Tore macht, sollte Maierhofer nicht aus dem Team verdrängen dürfen. Janko selbst muss an seiner Verletzungsresistenz arbeiten, so gut es geht – auch Marcel Koller würde es wohl freuen, wenn er sich auf seinen Kapitän und dessen Fitness verlassen kann. Im Sturm herrscht kein Überangebot, weshalb zwangsläufig immer wieder dieselben Namen auftauchen. An Arnautovic, Harnik und Janko wird es im Normalfall kein Vorbeikommen geben, die Spielpraxis wird darüber entscheiden, wer den vierten Platz im Sturm belegen wird. Kandidaten dafür sind Stefan Maierhofer, Jimmy Hoffer und Philip Hosiner. Für Roland Linz ist der Nationalteam-Zug wohl bereits abgefahren.

Archimedes, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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