Wer kennt ihn nicht, den mittlerweile berühmten Spruch des Didi Constantini, nach dem Taktik überbewertet werde und man mit Taktik alleine keine Spiele gewinne.... In der EM-Qualifikation wieder einmal gescheitert: Ein Rückblick (Teil 3/3)

Wer kennt ihn nicht, den mittlerweile berühmten Spruch des Didi Constantini, nach dem Taktik überbewertet werde und man mit Taktik alleine keine Spiele gewinne. Der Hauptgrund für Constantinis frühzeitige Entlassung als österreichischer Teamchef lässt sich wohl nicht in dieser abenteuerlichen Aussage finden, trotzdem hat der Tiroler damit ein Beispiel für seine Arbeitsmoral gegeben. Denn auch wenn, wie „DiCo“ später immer wieder beteuerte, alles ganz anders gemeint war als es verstanden wurde und er wisse, dass man ohne vernünftiges taktisches Konzept in kein Länderspiel gehen kann, lassen die Aussagen diverser Spieler nach dem Abgang des 54-Jährigen Schreckliches vermuten. Laut den Aussagen von Janko & Co. könnte man nämlich glauben, Constantini hätte seinen Spielern oft nicht mehr auf das Spielfeld mitgegeben als die Aufstellung und seine Glückwünsche. Als Willi Ruttensteiner das Ruder für die letzten beiden, für die Qualifikation bedeutungslosen Spiele übernahm, schwärmte so mancher Teamkicker vom Taktik-Training, das Ruttensteiner wieder in den Trainingsplan nahm.

Gegen wen sind wir Favorit?

Immer wieder wurde von Constantini während der Qualifikation gepredigt, dass sich die Aufstellungen und taktischen Varianten von Spiel zu Spiel unterscheiden können, da man dabei immer auf den jeweiligen Gegner reagieren muss. Ist man Favorit, stellt man anders auf, als wenn einem ein übermächtiger Gegner gegenübersteht. So viel zur Theorie, die wohl jedem Volksschulkind einleuchtet. Nach der verpassten EM-Qualifikation fragt sich nur, gegen wen wir überhaupt noch Favorit sind. Kasachstan wurde mit Biegen und Brechen zu Hause mit 2:0 geschlagen, auswärts gab es eine Nullnummer zu bestaunen. Gegen die Türkei und Belgien gingen wir je einmal sang- und klanglos 0:2 unter, im jeweils anderen Spiel gab es ein spektakuläres (4:4 in Brüssel) und ein langweiliges (0:0 in Wien) Unentschieden. Wenn der Gegner Deutschland heißt, wissen wir seit 1990, dass es kaum etwas zu holen gibt. So gesehen ist die herbe 2:6-Schlappe auf Schalke gar keine Überraschung, schon eher, dass es in Wien bis zur 91. Minute 1:1 stand. Und das zu einem Zeitpunkt, als Deutschland noch nicht fix qualifiziert war. Einzig und allein Aserbaidschan bereitete unserem Team weder auswärts, noch zu Hause Probleme.

Die zündende Idee am Drahtesel

Vielleicht war Didi Constantini in der Schule in Mathematik nicht gerade der beste Schüler; vielleicht glaubt er auch eher an die Kraft der Motivation; vielleicht haben die Medien auch jahrelang Unrecht getan. Es gibt viele Erklärungen dafür, warum es taktisch bei Österreichs Nationalteam oft nicht gepasst hat. Doch beginnen wir am Anfang der Qualifikationsspiele, als dem Feuerwehrmann unter Österreichs Trainern am Fahrrad eine brennende Idee kam: Man könnte doch einmal Roland Linz als Spielmacher einsetzen. Gegen Kasachstan sollte das vor einer Viererkette im Mittelfeld, bestehend aus Harnik, Kavlak, Schiemer und Jantscher funktionieren. Das nennt sich im modernen Fußball ein 4-4-1-1 – System, und Constantini vertraute den Spielmacherqualitäten von Roland Linz und dem Killerinstinkt von Marc Janko. Leider stellte sich die Verwandlung der lauffaulen Strafraumkobra Roland Linz in den dynamischen Mittelfeldmotor Roland Linz in der Realität als sehr viel schwerer heraus, als sie noch in Didis Überlegungen auf dem Fahrrad war. Weil der nette Roland aber in letzter Sekunde doch noch das 1:0 fabrizierte und Hoffers 2:0 vorbereitete, fühlte sich Didi bestätigt. Obwohl die ahnungslosen Journalisten sein Experiment bekrittelten – am Ende ging ja doch alles gut.

So gut, dass man gleich dabei bleiben konnte. Aber Constantini wäre nicht Constantini, wenn er jetzt dem Leitsatz „Never change a winning team“ nachkommen würde. Linz durfte (oder musste?) weiter im zentralen Mittelfeld dirigieren, dahinter und davor blieb aber (k)ein Stein auf dem anderen. Im Mittelfeld Kavlak, Schiemer und Jantscher raus, dafür Scharner, Junuzovic und Arnautovic rein, im Sturm Janko raus und Maierhofer rein. Und wieder hatte Didi alles richtig gemacht, Arnautovic machte zwei Tore, der zweite Sieg im zweiten Spiel war eingefahren.

Das Ende des Linz – Experiments

In Brüssel hat das Experiment ein Ende, obwohl es zwei Mal Erfolg gebracht hatte. Doch Belgien ist ein anderes Kaliber als Kasachstan oder Aserbaidschan, und Brüssel ist nicht Salzburg oder Wien. Also war ein Systemwechsel angesagt. 4-2-3-1 hieß die Erfolgsformel, Maierhofer musste sich als Solospitze vor dem genialen Trio Junuzovic-Kavlak-Arnautovic abrackern. In der Offensive funktionierte viel – in der Defensive patzte Macho, Scharner spielte seine Routine durch eine dämliche rote Karte aus, und Edeljoker (warum eigentlich?) Harnik rettete in Minute 94 einen Punkt. Im Rückspiel gab es eine ähnliche Ausrichtung, zu Beginn sah es aber eher nach einem 4-4-2 aus, das sich aber schnell in ein 4-2-3-1 umwandeln kann. Mit Alaba und Baumgartlinger im defensiven Mittelfeld und einem lustlosen Sturm namens Janko-Arnautovic ging die Mannschaft mit 0:2 unter.

Der Trainer ist gefordert!

Jetzt war erstmals der Trainer richtig gefordert. Nach einem glücklichen und einem souveränen Pflichtsieg und einem verrückten Spiel im Belgien gab es den ersten echten Rückschlag. Wie würde Didi darauf reagieren? Er blieb seiner Linie, keine Linie zu haben, treu. Waren die bisherigen Aufstellungen durchwegs durch erfrischend offensive Ausrichtung geprägt, rührte Constantini in Istanbul Beton an. Wie das Kaninchen vor der Schlange wirkte das rot-weiß-rote Team gegen eine türkische Mannschaft, die nach dem 0:1 gegen Baku in Aserbaidschan bereits in den Seilen hing und Teamchef Guus Hiddink kurz vor der Ablöse stand. Mit Baumgartlinger, Scharner und Pehlivan durften drei Sechser das Spiel zerstören, Alaba und Harnik gaben die Flügelflitzer, Maierhofer hing vorne in der Luft. Kein Wunder, in der Zentrale gab es zwischen Maierhofer und den drei Zerstörern zeitweise ein 40-Meter-Loch. Die logische Folge: 0:2 und ganz schlechte Karten für die Qualifikation. Bei allem Respekt vor der Türkei: ob ein 5-4-1 gegen eine durchschnittliche Mannschaft, die in Baku 0:1 verliert, unbedingt nötig ist, sei dahingestellt.

Sensation knapp verpasst

Ausgerechnet nach den beiden ernüchternden Auftritten gegen Belgien und die Türkei stand das Deutschland-Doppel bevor. Man munkelt, dass Didi zu dieser Zeit mehr Zeit in der Kirche als am Fahrrad verbrachte. Man kann es ihm auch nicht verdenken, Deutschland stand zu diesem Zeitpunkt (wie zu jedem Zeitpunkt der Qualifikation) an erster Stelle und gab keinen einzigen Punkt ab (ebenfalls wie in der gesamten Qualifikation). Aber was tun? Sollte sich sein Team wie in der Türkei einigeln und tapfer verlieren? Nein, Angriff ist die beste Verteidigung, und in einem Heimspiel muss man nach vorne spielen. Oder? Auf jeden Fall sollten in einem so wichtigen Spiel die Akteure möglichst auf Positionen eingesetzt werden, die sie gewöhnt sind, Experimente waren gegen Deutschland im sechsten von zehn Spielen nun wirklich nicht angebracht. Didi wagte sie trotzdem. Ekrem Dag, hauptberuflich Verteidiger, übernahm die Aufgabe, auf der rechten Seite offensiv Druck auszuüben, Alaba sollte dieses Kunststück auf links präsentieren. In der Zentrale lernte Didi nichts aus den taktischen Fehlern in der Türkei und ließ Baumgartlinger und Kulovits die deutschen Primgeiger Özil und Kroos verfolgen. Im Sturm durfte Jimmy Hoffer ran, der bei Frankfurt hauptsächlich Bankangestellter ist. Warum Didi nicht Harnik statt des deplatzierten Dag auf die rechte Seite stellte und einem Stürmer mit Spielpraxis neben Hoffer die Chance gab, bleibt sein Geheimnis. Interessant auch, dass das Mittelfeld im Heimspiel gegen Deutschland aus vier Spielern bestand, die alle bereits im defensiven Mittelfeld zum Einsatz kamen. Trotz allem zeigte die Mannschaft, angeführt von einem überragenden Alaba eine starke Leistung und musste sich nur knapp 1:2 geschlagen geben.

Die Bankrotterklärung

Die fünfte Niederlage in Folge. Und das nicht, wie zuvor oft propagiert, mit einem jungen aufstrebenden Team, sondern mit einigen Spielern nahe (Scharner, Pogatetz, Kulovits, Dag, Grünwald) der 30. Jetzt stand das Auswärtsspiel bei den übermächtigen Deutschen vor der Tür. Was folgte, waren zwei Partien mit einem 4-4-2, aus denen glücklich (Grünwald parierte gegen die Türken in Wien in Minute 90 einen Elfer) ein Punkt geholt wurde. Nach den ernüchternden Ergebnissen der letzten Monate wollte Didi nicht mehr. Nach der Erklärung, er würde die Qualifikation trotz seines auslaufenden und nicht verlängerten Vertrags noch zu Ende bringen, überlegte er es sich doch anders und erklärte seinen Rücktritt. Dass Willi Ruttensteiner Andi Ivanschitz sofort wieder in den Kader berief und mit von Didi ausgestoßenen Spielern wie Garics, oder Stranzl Gespräche führte, dürfte Didi nicht gefallen haben. Die kritischen Aussagen von Marc Janko, den Constantini höchstselbst zum Kapitän ernannte, um ihn Monate später zu demontieren, setzten dem Ganzen die Krone auf. Man könnte glauben, Didi hat in seiner Zeit als Teamchef den einen oder anderen Fehler gemacht.

Archimedes, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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