Es war offensichtlich, dass die österreichische Nationalmannschaft nach dem ernüchternden 0:0 in Astana einiges wieder gutmachen wollte. Das Auftreten der Koller-Elf gegen Kasachstan konnte... Mehr als eine Klasse stärker: Österreich fegt Kasachstan mit 4:0 aus dem Happelstadion!

Es war offensichtlich, dass die österreichische Nationalmannschaft nach dem ernüchternden 0:0 in Astana einiges wieder gutmachen wollte. Das Auftreten der Koller-Elf gegen Kasachstan konnte sich sehen lassen und unterm Strich stand ein souveränes 4:0 für die ÖFB-Auswahl. Taktisch machte Marcel Koller alles richtig und auch spielerisch hatte man mit Kasachstan niemals Mühe.

Marcel Koller veränderte nichts am 4-2-3-1-System, doch im Vergleich zum 0:0 in Kasachstan veränderte er seine Mannschaft an drei Positionen.  Dass Martin Harnik nicht mehr als Solospitze aufgeboten werden würde, war klar, als man in der Schlussphase in Astana sah, welche großen Probleme die Kasachen mit Marc Janko hatten. Seine Aufstellung war daher logisch.

Harnik im Naturell, Arnautovic invers

Im Mittelfeld fand Harnik jedoch dennoch seinen Platz und wurde rechts aufgeboten – wo er auch beim VfB Stuttgart spielt. Der variablere Marko Arnautovic wurde stattdessen auf seine ungewohnte linke Seite gezogen, glänzte dennoch als Ideengeber, dribbelstarke Anspielstation und inverser Winger, der zu zahlreichen Torschüssen und Vorlagen für Torchancen kam. Laufmaschine Junuzovic auf der „Zehnerposition“ war zu erwarten.

4-2-3-1 mit zwei Achtern – und ohne echten Sechser

Überraschend kam jedoch das Comeback von David Alaba, der neben Veli Kavlak im „defensiven“ Mittelfeld aufgeboten wurde. Die Anführungszeichen wählten wir deshalb, weil beide Akteure als „Achter“ agierten und Box-to-Box spielten, also von Strafraum zu Strafraum. Eine sehr moderne Variante, die auch aufgrund der großen Laufstärke Junuzovics realisierbar ist. Es gab also keinen Abräumer im Team, sondern zwei spielstarke defensive Mittelfeldspieler, die als tiefe Spielmacher agieren sollten.

Innenverteidiger in der Praxis als Sechser-Ersatz

Während diese Spielidee nach vorne von Junuzovic und einem sehr gut nach hinten arbeitenden Arnautovic ermöglicht wurde, waren es die Innenverteidiger Pogatetz und Prödl, die den defensiven Standpunkt betreffend eine wichtige Rolle in dieser Idee spielten. Die beiden Innenverteidiger standen sowohl im Spielaufbau, als auch im österreichischen Angriffsspiel sehr hoch und fungierten eigentlich eher als „Sechser“ und damit voll integrierte Offensivbestandteile, als die letzte Rettung vor möglichen Kontern zu mimen.

Klein nicht aufregend, aber stabil

In der rechten Verteidigung begann zudem Florian Klein anstelle von György Garics, was zunächst wie eine Absicherung gegen kasachische Konter aussah, die zumeist über deren linke Angriffsseite vorgetragen werden. Klein spielte unspektakulär, manchmal etwas zu lasch, aber ließ sich im Endeffekt nichts Gravierendes zu Schulden kommen. Dass er allerdings die offensivere Variante im Vergleich mit Garics wäre, wie es Marcel Koller vor der Partie im ORF-Interview betonte, bewahrheitete sich nicht.

Alaba sorgt für Seitenausgewogenheit

Gefährlich und offensiver eingestellt wurde Österreich ohnehin eher über links. In Kasachstan hatte man die linke Seite verwaisen lassen, doch diesmal präsentierte sich das Team über die Seite mit Fuchs und Arnautovic wesentlich facettenreicher. Fuchs rückte schon in Kasachstan immer wieder gut auf, bekam aber keine Bälle, weil Kavlak und Baumgartlinger die Spielverlagerungen von rechts nach links nie konsequent zu Ende spielten und das Spiel unnötigerweise wieder eng machten. Gestern war dies nicht das Problem, vor allem weil der sehr starke David Alaba immer wieder gutes Auge bewies und mit seinen Vertikalpässen die linke Seite immer wieder gut einsetzte.

Österreich als Ganzes höher: Kasachstan eingeschnürt

Die auffälligste taktische Veränderung zum Spiel in Kasachstan: Österreich spielte mannschaftlich geschlossen einige Meter höher, also offensiver. Die Innenverteidiger platzierten sich fast immer an der Mittellinie, schalteten sich mit Einzelaktionen auch selbst in den Angriff ein. Kavlak und Alaba spulten hohe Aktionsradien ab und die Flügel waren laufstark und fluid. Dadurch zwang man Kasachstan nicht nur in die eigene Hälfte, sondern machte es den Zentralasiaten auch sehr schwer, schnelle Konter zu fahren. Kasachstan schaffte es praktisch nie gefährlich mit mehreren Offensivspielern von Defensive auf Offensive umzuschalten. In den seltenen Szenen, in denen die Elf von Beránek durchkam, taten sie dies mit viel zu wenigen Spielern, um ernsthaft gefährlich zu werden.

Mal rechts, mal links, mal schnell von rechts auf links – und umgekehrt

Nicht ganz so offensichtlich, aber doch mitverantwortlich für den Matchausgang: Im Gegensatz zum Auswärtsspiel funktionierten die Spielverlagerungen wesentlich besser und Österreich war nur schwer auszurechnen. Mal ging’s über rechts, mal über links, mal wurde blitzschnell die Seite gewechselt. Dies ist unter anderem dem offensiveren Denken Alabas im Vergleich mit Baumgartlinger gedankt. Aber auch die wesentlich größere Eigeninitiative von Marko Arnautovic in der Offensive trug ihren Teil zur erfolgreichen Umsetzung dieser Philosophie bei.

Viel Bewegung zwischen den Linien – vor allem ohne Ball

Und zu guter letzt war es die große Laufbereitschaft, vor allem ohne Ball, die Österreich an diesem Tag so giftig machte. Während die Kasachen sich in zwei parallel verschiebenden Linien aufstellten, um gegen die Österreicher zu verteidigen, bewegten sich immer wieder die offensiven Mittelfeldspieler oder gar Marc Janko zwischen diese Linien, wodurch der jeweilige, rot-weiß-rote Ballführende nie Probleme hatte, Anspielstationen zu finden. So konnte Österreich den Ball zirkulieren lassen, das Spiel bei eigenem Ballbesitz beruhigen und vor allem mit einigen kurzen, direkten Aktionen immer wieder auf Anhieb gefährlich werden, ohne sich am kasachischen Abwehrbeton die Zähne auszubeißen. Logisches Resultat waren etwa 80% Ballbesitz und ein Kantersieg, der mehr als verdient war.

Kritik auf hohem Niveau: Ergebnis fiel zu niedrig aus

Der Gegner war mit der schnellen Spielweise völlig überfordert und ist daher nicht als Maßstab anzusehen. Andererseits muss man auch einen solchen Gegner erst mal in einen solchen Überforderungszustand treiben. Wenn man an diesem schönen Fußballabend für Österreich etwas bemängeln möchte, dann wohl am ehesten die Chancenauswertung. Diese als schwach zu bezeichnen wäre bei vier erzielten Toren natürlich vermessen – aber wenn Sidelnikov sechs oder sieben Mal hinter sich greifen hätte müssen, hätte er sich ebenso nicht beschweren dürfen. Diese kleine Kritik muss auch deshalb ausgesprochen werden, weil man gegen Irland oder Schweden unbedingt weniger Großchancen vergeben sollte, als man es gestern vor allem in der zweiten Halbzeit gegen Kasachstan tat. Hierbei handelt es sich jedoch um Kritik auf hohem Niveau und man darf sie nach einem glatten 4:0-Erfolg sicher mit einem kleinen, fast schon ZU österreichischem Zwinkern verstehen.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

  • dudles

    17.Oktober.2012 #1 Author

    Hallo.
    Vielen Dank für die schöne Analyse!

    Ich habe das Gefühl, dass unsere Offensive (noch) zu wenig Siegesselbstvertrauen für das sichere und damit hochfrequente Verwerten der sich erarbeiteten Großchancen hat. Kein Wunder nach den letzten 15 Jahren, ist ja alles organisch.
    Die Schweden (zum Beispiel) sind gestern – auch – dafür belohnt worden, dass sie wussten, dass sie den Deutschen auch vier Tore schießen können, wenn sie das Momentum haben und das unbedingt wollen. Die wissen also, dass sie das können. Ich bin mir nicht sicher, ob wir das „wissen“!
    Das muss man sich als Team voller Willen und über längere Zeiträume erarbeiten und richtig geil darauf werden, Tore zu schießen. Weil wir es können! Die „Ich will, dass der Ball im Netz zappelt und zwar jetzt!“ Mentalität wie bei Harniks Kamikaze Aktion gegen die Ukraine fehlte gestern in einiger Konsequenz.
    Mit einer stabilen Abwehr als Sicherheit und damit Freiheit, größerem Rollenverständnis (klar sind Fussballer Schauspieler!) im System sowie präzisem Wissen um Laufwege, kann dieses Kollektiv an wahrlich guten Spielern, ausgestattet mit einem modernen und hoffentlich coolen Offensivkonzept, aber richtig abgehen. Ich freu mich schon mal vor, in der Hoffnung, man möge auf das setzen, was für jede Mannschaft wichtig ist: Zeit, Kontinuität und ein richtiger Trainer.

    Beste Grüße.

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