Österreich gewann am Freitag das vorletzte Qualifikationsspiel in Baku gegen Aserbaidschan mit 4:1. Chance zur Qualifikation zur Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine... Nationalteam: Wilder Hühnerhaufen oder strukturierte Arbeit?

Österreich gewann am Freitag das vorletzte Qualifikationsspiel in Baku gegen Aserbaidschan mit 4:1. Chance zur Qualifikation zur Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine gibt es für Rot-Weiß-Rot trotzdem keine mehr. Warum das so ist, wer in Kasachstan auflaufen wird und warum es wieder einmal Ärger im Team gibt.

Sie waren zu erwarten gewesen, wie das Amen im Gebet. Die Fragen an Andi Ivanschitz, Willi Ruttensteiner oder Marc Janko, mit denen die Hauptdarsteller des Spiels in Aserbaidschan aus der Reserve gelockt werden sollten. Wie er sich nach so einem Spiel bei seinem Comeback im Nationalteam fühle, wurde Ivanschitz da beispielsweise gefragt. Von Ruttensteiner wollten die ORF-Kommentatoren wissen, ob man bereits seine Handschrift im Spiel gegen Aserbaidschan sehen konnte. Und Marc Janko wurde zu seinen Gefühlen nach den ersten Toren seit zwei Jahren im Team interviewt. Auch wenn das Spiel durch Analysen zerpflückt wurde, merkte jeder, dass die Medien nach einer Abrechnung der erfolgreichen Mannschaft mit ihrem Ex-Teamchef lechzen. Man hatte das Gefühl, die Reporter wollen böse Worte über Didi Contantini hören. Ein „jetzt hammas dem sturen Tiroler aber gezeigt“ von Ruttensteiner, der im Gegensatz zu Constantini Ivanschitz sofort einberufen und ihm auch von Anfang an das Vertrauen geschenkt hatte, oder ein „jetzt schaut er blöd, der Constantini“ von Ivanschitz hätte den Journalisten sicher gefallen. So müssen sie versuchen, die Seiten bis Dienstag mit den zurückhaltenden Aussagen von Janko & Co. zu füllen.

Stoff für die Medien

Warum Dienstag? Weil am Dienstag die EM-Qualifikation mit dem Auswärtsspiel in Astana gegen Kasachstan zu Ende geht. Julian Baumgartlinger muss sich die Reise nach seiner gelben Karte in Baku nicht mehr antun und darf bereits frühzeitig nach Wien zurückfliegen. Ein Schelm, wer denkt, Baumgartlinger hätte sich die Verwarnungen absichtlich geholt, um sich den Trip nach Kasachstan zu ersparen und dafür ein paar Tage länger Pause zu haben, bevor es mit Mainz wieder mit der Bundesliga weiter geht. Bis Dienstag sind also die Sportjournalisten dieses Landes gefordert, ihre Seiten mit Geschichten über das Nationalteam zu füllen. Dankbar muss dabei jeder Schreiberling in Österreich für Marko Arnautovic sein. Der 22-Jährige hatte sich nach seiner (völlig berechtigten) Auswechslung extrem geärgert und Willi Ruttensteiner den Handschlag verweigert. Der Interimstrainer sah die Sache nicht so eng und vergab seinem Problemkind. Als Arnautovic aber dann um eine Aussprache mit Ruttensteiner bat, lehnte der 49-jährige Oberösterreicher ab. Die wievielte Aussprache das für Arnautovic gewesen wäre, kann niemand sagen – dass der Bremen-Legionär dadurch aber noch trotziger reagieren wird, kann man bereits jetzt erahnen. Ruttensteiner überlegt sogar, seinen Starkicker in Astana zu Beginn auf der Bank sitzen zu lassen und statt ihm Freitag-Torschütze Zlatko Junuzovic von Austria Wien zu bringen.

„Never change a winning team“

Es hat sich zwar schon oft bewahrheitet, dass ein siegreiches Team erneut gewonnen hat, wenn man es unverändert ließ. Doch diese Möglichkeit hat Ruttensteiner gegen Kasachstan gar nicht. Neben den Disziplinlosigkeiten von Arnautovic vor Allem deswegen, weil auch Baumgartlinger in Astana ersetzt werden muss – die Kandidaten für den Job heißen Stefan Kulovits und Veli Kavlak. Als unwahrscheinlich, aber auch im Bereich des Möglichen liegenden gilt es, dass Ruttensteiner David Alaba in das zentrale defensive Mittelfeld zurückbeordert, auch wenn dadurch der Platz an der linken Flanke für Andi Ivanschitz frei werden würde. Gleich bleiben wird die Abwehr mit Grünwald im Tor, Fuchs auf der linken und Dag auf der rechten Seite sowie dem Innenverteidigerpaar Dragovic-Prödl.

Hätti-Wari

Das abschließende Spiel in der EM-Qualifikation ist natürlich nicht völlig bedeutungslos. Für jeden geht es noch um etwas. Für die Spieler um den zweiten Teil einer gelungenen Bewerbung für den neuen Teamchef Marcel Koller. Für Willi Ruttensteiner, den „Zwei Spiele-Willi“ um die Erhaltung seiner weißen Weste während seiner zweiten Amtszeit als Interimsteamchef. Und für den ÖFB, nach einer wieder einmal verpatzten Qualifikation die Fans ein weiteres Mal zu versöhnen und Punkte für das FIFA-Ranking zu sammeln. Dabei hätte es in Astana für Österreich noch um viel mehr gehen können. Schon klar, hätti-wari ist typisch österreichisches Denken, und vergebenen Chancen sollte man nicht nachtrauern. Trotzdem lohnt sich ein Blick auf die Tabelle und die Ergebnisse dieser Qualifikation. Da belegt Österreich in Gruppe A mit elf Punkten Rang vier, davor sind die Türkei mit 14 Punkten auf Platz drei und Belgien mit 15 Punkten an der zweiten Stelle zu finden.

Hätte nun Österreich beim verrückten Spiel in Belgien nicht remisiert, sondern die drei Punkte nach Hause gebracht, stünde unser Team mit 13 Punkten, Belgien mit 14 da. Dass dies nicht so ist, kann man sicher zu einem großen Teil auch Paul Scharner anlasten, der durch seine völlig unnötige rote Karte beim Stand von 3:2 für Österreich einen Sieg schwer gefährdet hat. Die zweite bittere Erfahrung dieser Qualifikation war das 1:2 gegen Deutschland im Happel-Stadion. Hätte Österreich ein 1:1 erreicht, stünde Rot-Weiß-Rot nun mit 14 Punkten da, punktegleich mit Belgien und der Türkei. Vor dem letzten Spiel hätte Österreich also noch intakte Chancen auf das Play-Off. Eine dumme Aktion in Belgien und ein Gegentor in Minute 92 kosteten die Österreicher also das Finale. Da ist noch gar nicht die Rede vom Heimspiel gegen die Türkei, in dem ebenfalls mehr als nur ein 0:0 herausschauen hätte können. Wohl auch deshalb, weil das Stadion besser gefüllt und die Stimmung unter Fans und Medien eine andere gewesen wäre. Auch wenn die ganze Zahlenspielerei nichts bringt – man sieht, dass Österreich durchaus Chancen auf den zweiten Gruppenplatz gehabt hätte, wenn Konzentration und Disziplin konsequenter durchgesetzt worden wären.

Archimedes, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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