Teamchef Franco Foda kann aus dem freundschaftlichen Länderspiel gegen Schweden einige positive Punkte für die bevorstehende Nations League mitnehmen. Das ÖFB-Team kontrollierte und dominierte... Österreich zeigt sich gegen biedere Schweden flexibel und souverän

Teamchef Franco Foda kann aus dem freundschaftlichen Länderspiel gegen Schweden einige positive Punkte für die bevorstehende Nations League mitnehmen. Das ÖFB-Team kontrollierte und dominierte von Beginn an das Match gegen eine biedere schwedische B-Elf, zeigte dabei ein gefälliges und zielstrebiges Aufbauspiel und konnte dank überladener Ballungsräume bei eigenem Ballbesitz auf ein griffiges Gegenpressing zurückgreifen, wodurch die Mehrzahl der schwedischen Konter im Ansatz erstickt werden konnten.

Das Spiel gegen Schweden passte gut in das allgemeine Entwicklungsbild unter Franco Foda. Das Team verfügt jederzeit über eine saubere Grundstruktur und Raumaufteilung, zeigt gute Impulse nach Ballverlusten und verfolgt klare Prinzipien im Spiel gegen den Ball. Dazu werden die einzelnen Spielerprofile gut aufeinander abgestimmt und so in das Mannschaftsgefüge integriert, dass fast schon „automatisch“ durchschlagskräftige und spielerisch-technische gruppentaktische Aktionen zustande kommen.

Wir analysieren die bevorzugten Angriffsauslösungen gegen den schwedischen Defensivblock, skizzieren einen möglichen Ballverlust samt Gegenpressing und widmen uns zum Schluss der Ordnung und Intensität im Spiel gegen den Ball.

Linker Flügel als Ballungsraum im österreichischen Aufbauspiel

Die Fokussierung auf die linke Angriffsseite liegt selbstverständlich durch die Besetzung von David Alaba und Marko Arnautovic auf der Hand, alles andere wäre irgendwie auch total unlogisch. Franco Foda griff gegen den WM-Viertelfinalisten wieder auf die erprobte 3-4-3 Grundordnung zurück. Mit Florian Grillitsch und Peter Zulj besetzten darin zwei sehr interessante Spielertypen die beiden Sechserpositionen, die sich mit ihren unterschiedlichen Qualitäten auch recht gut ergänzten und ihre Positionen im Zentrum passenderweise nicht zu weiträumig interpretierten. David Alaba nahm wie bereits erwähnt wieder seine neue Rolle als linker Wing-Back ein, sein Pendant auf der rechten Seite war der Salzburger Stefan Lainer. Das Sturmzentrum besetzte der robuste und vor allem im Spiel gegen den Ball so mannschaftsdienliche Guido Burgstaller, sein Klubkollege Schöpf nahm nach zuletzt starken Auftritten im Teamdress wieder die Halbposition im rechten Mittelfeld ein.

Das Spiel entwickelte sich dabei vom Beginn weg so, wie man das erwarten durfte. Die Schweden zogen sich mit ihrer 4-4-2 Ordnung in ein tiefes Mittelfeldpressing zurück und fokussierten sich in ihrer Verteidigungsarbeit fast ausschließlich auf die eigene Hälfte. Ganz am Anfang gab es ein paar kurze Sequenzen eines höheren Pressings (und bei Abstößen), aber grundsätzlich konzentrierten sie sich auf die eigene Torverteidigung und überließen den Österreichern den kontrollierten Spielaufbau.

Wenn man den Fußball der letzten Zeit so betrachtet, sind an diesem Punkt viele Mannschaften mit ihrem Latein oft schon am Ende (nach dem Motto: Ballbesitzfußball ist tot, es geht nur über Umschalten) und es entwickelt sich daraus ein träges Spiel, dass durch individuelle Fehler oder über Standardsituationen entschieden werden muss. Dabei vergessen viele, dass Ballbesitz einfach eine Notwendigkeit, etwas ganz Normales in einem Fußballspiel ist und in den meisten Fällen rein gar nichts mit einer Philosophie zu tun hat. Aufgrund verschiedenster Umstände (Ausgangslage, personelle Situation, taktische Hintergründe usw.) fokussiert sich eine Mannschaft auf die Defensive und zieht sich mit zwei dicht gestaffelten Linien in die eigene Hälfte zurück, während das andere Team dadurch automatisch ein deutliches Plus an Ballbesitz hat und Dinge wie Raumbesetzung, Passspiel und Konterabsicherung in den Vordergrund rücken sollten. Und darauf muss die Mannschaft Lösungen haben. Genau in diesen Momenten betreibt ein Team Ballbesitzfußball, egal ob man es so bezeichnen möchte oder nicht. Solange es den Fußball gibt, kann der Ballbesitzfußball gar nicht tot sein. Zum Glück.

Und zum Glück ist die österreichische Nationalmannschaft unter Foda auch so eingestellt, dass sie in solchen Spielphasen Lösungen entwickeln kann.
Der erste Schritt bestand darin, die erste schwedische Pressinglinie im flachen 4-4-2 zu überspielen und den Ball in höhere Zonen zu transportieren. Dies gelang recht unspektakulär und sauber, was vor allem mit der nummerischen Überzahlsituation erklärt werden kann. Die drei Aufbauspieler fächerten in der Breite gut auf und die beiden Halbverteidiger Hinteregger und Ilsanker positionierten sich in den jeweiligen defensiven Halbräumen neben den beiden schwedischen Stürmern, weshalb diese selten wirklich Druck ausüben konnten. Wichtig in diesem Zusammenhang war aber nicht nur das saubere Auffächern, sondern auch die Positionen der beiden Sechser. Grillitsch und Zulj besetzten konsequent die zentralen Räume hinter den beiden Stürmern und konnten so die Angreifer binden, die dadurch ihre Positionen um den österreichischen Sechserraum herum halten mussten, was wiederum Platz auf den Flügeln und noch wichtiger in den Halbräumen öffnete.

Durch diese solide 3-2 Aufbaustruktur konnten die angesprochenen Räume neben den schwedischen Stürmern gut und druckvoll attackiert werden. Wie bereits erwähnt, starteten die Österreicher ihre kontrollierten Angriffe fast ausschließlich über die linke Seite. Martin Hinteregger und Peter Zulj waren dafür die entsprechenden Ausgangsstationen.
Peter Zulj kippte dafür einige Male gut aus seiner zentralen Position in den freien linken Halbraum heraus und hatte sein Sichtfeld nach vorne gerichtet, wodurch der schwedische Defensivblock weiter nach hinten gedrängt werden konnte. In weiterer Folge hatte er mit Alaba, Arnautovic, Hinteregger und dem ausweichenden Burgstaller sämtliche kurze Anspielstationen, die er mit seiner hohen Passqualität problemlos bedienen konnte. War der Ball erst einmal auf der linken Seite angekommen, konnten Alaba, Arnautovic und Co. variabel in der Gruppe kombinieren und entweder Durchbrüche über den Flügel mit anschließenden Flanken initiieren (wie vor dem 1:0) oder in die Mitte ziehen und den direkten Abschluss suchen (Arnautovic) oder die Seite auf den hoch postierten Lainer wechseln. Die Aktionen selber waren dabei nicht immer sauber und durchschlagskräftig, die Voraussetzungen und Ansätze aber auf jeden Fall vielversprechend.

Die typische österreichische Angriffsstaffelung sieht man in der nachfolgenden Grafik.

Aber nicht nur Peter Zulj leitete die Angriffe ein, sondern auch Martin Hinteregger. Er ist bekannt dafür, mutig mit Ball am Fuß anzudribbeln und dann scharfe, flache Pässe zwischen oder gar hinter die letzte Linie des Gegners zu spielen. Auch gegen Schweden macht er im Aufbauspiel seine Sache gut und dribbelte immer wieder ins Mittelfeld vor, um schwedische Spieler aus der Mittelfeldkette herauszuziehen und die dadurch geöffneten Schnittstellen anzuspielen. Zulj und Hinteregger im Verbund sowie die Überladungen auf links um Alaba und Arnautovic herum sorgten dafür, dass Österreich dominant auftreten konnte und das Spielgeschehen von Beginn an kontrollierte und diktierte, ohne die wirklich große Durchschlagskraft entwickeln zu können. Aber auch defensiv kamen sie selten in Bedrängnis, was vor allem am griffigen Gegenpressing lag.

Der beste Freund des Gegenpressings? Überladungen!

In unseren Analysen haben wir bereits mehrmals darüber sinniert, dass für ein griffiges und effektives Gegenpressing die Staffelungen bei eigenem Ballbesitz das Wichtigste sind. Und klar ist, dass Überzahl in Ballnahe diesen Prozess der sofortigen Balljagd befördert. Darum sind Überladungen und Überzahlsituationen ganz eng verbunden mit Gegenpressing und sofortiger Ballrückeroberung, vor allem dann, wenn der Gegner vorher weit in die eigene Hälfte zurückgedrängt werden konnte und der Weg zum Tor daher dementsprechend weit ist. Im Training praktiziert man diese Unter- bzw. Überzahlspiele immer wieder gerne, um bestimmte Trainingsinhalte wie zum Beispiel das Umschaltverhalten nach Ballverlust zu betonen und in einem ersten Schritt zu erleichtern. Durch Überladungen versucht man diese Überzahlspiele auch im 11 gegen 11 sozusagen „künstlich“ herzustellen.

So auch das ÖFB-Team. Die Parameter für ein aggressives Gegenpressing waren äußerst günstig. Es herrschte eine Überzahlsituation auf der linken Seite, die Schweden wurden tief in die eigene Hälfte zurückgedrängt, der Ballverlust fand meistens am Flügel statt und die Restverteidigung war durch die Dreierkette plus einem Sechser immer aufrecht. Diese Faktoren ermöglichten ein sofortiges Draufgehen und Nachrücken nach einem Ballverlust, ausgestattet mit der nötigen Tiefenstaffelung und Restverteidigung.

Die Restverteidigung um Hinteregger, Prödl und Ilsanker machte das insofern gut, weil sie situativ ebenfalls weit nach vorne verteidigten und die schwedischen Stürmer verfolgten, wodurch diese sich nicht aufdrehen konnten und der Druck auf dem Ball weiter hoch gehalten werden konnte. Hätten sie sich stattdessen nach hinten abgesetzt, wären viele Drucksituationen verpufft und die eigenen Spieler im Gegenpressing-Ring hätten den weiten Weg nach hinten antreten müssen. So konnte der Druck vor allem in der ersten Halbzeit konstant hoch gehalten werden.

Handgezählt gab es in der 40. Minute einen gefährlichen schwedischen Konter, nachdem das Gegenpressing überspielt werden konnte. Ansonsten ließen die Mannen von Franco Foda kontertechnisch sehr wenig zu, was man dick hervorheben muss.

Mehr Präsenz im Kampf um die zweiten Bälle durch tieferes Pressing

Auf den ersten Blick war das doch recht abwartende Spiel gegen den Ball der Österreicher überraschend, predigt Foda doch sonst immer Aktivität. Auf den zweiten Blick macht das aber absolut Sinn. Der Gedanke dahinter war wohl der, dass man durch die tiefere Pressinghöhe den eigenen Mannschaftsverbund kompakter zusammen halt kann als dies bei einem aktiven Angriffspressing der Fall ist und man dadurch auch die Präsenz und Dichte im Kampf um die zweiten Bälle erhöhen kann. Ein Anlaufen der schwedischen Innenverteidiger hätte sowieso nicht viel gebracht. Früher oder später (eher früher) wäre der lange Ball gekommen und die eigene Formation wäre gestreckter positioniert gewesen als beim österreichischen Zugang. Im Wissen um die schwedischen Schwächen bei eigenem Aufbauspiel wollte man ihnen etwas Zeit und Raum schenken, um sie herauszulocken und nicht durch die eigene Spielweise gegen den Ball das klassische schwedische Aufbauspiel mit langen Bällen zusätzlich zu provozieren.

Franco Foda strukturierte seine Mannschaft dafür im gewöhnlichen 5-4-1. Die beiden Flügelspieler Arnautovic und Schöpf ließen sich in das Mittelfeld neben die beiden Sechser fallen und positionierten sich in den jeweiligen Halbräumen. Die schwedischen Außenverteidiger wurden bewusst frei gelassen, um bei einem Zuspiel aggressiv herausschieben zu können. Vor allem Schöpf macht das sehr fleißig und kennt dieses Anforderungsprofil von Domenico Tedesco bei Schalke 04. Guido Burgstaller positionierte sich in diesem Zusammenhang meist im gegnerischen Sechserraum und nahm dabei einen schwedischen Sechser in seinen Deckungsschatten, die beiden Sechser dahinter schoben ebenfalls je nach Situation nach vorne bzw. zur Seite und orientierten sich dafür vor allem an den Positionen der beiden schwedischen Sechser. Die Zuordnungen waren klar, dies ging auch innerhalb der Fünferkette so weiter, wo die beiden Wing-Backs auf die gegnerischen Flügelspieler herausschoben.

Die Organisation war dadurch klar und stimmig, die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen meist gut und vereinzelte Druckausübungen am Flügel wurden in der Gruppe sauber durchgezogen und endeten meist in einem Ballbesitzwechsel. Die etwas moderater gewählte Pressinghöhe war zwar auf den ersten Blick überraschend, im Nachhinein aber sinnvoll und fügt dem Spiel der Österreicher eine weitere Note hinzu.

Fazit

Testspiele sind natürlich immer mit Vorsicht zu genießen, vor allem wenn der Gegner personell einiges ausprobiert. Deshalb wird Franco Foda mit seinem Trainerteam dieses Spiel richtig einzuordnen wissen. Einige Aspekte wie die Raumaufteilung, die Lösungen bei kontrolliertem Ballbesitz oder das Gegenpressing waren wie schon in den letzten Spielen unter Foda richtig gut. Durch die „Öffnung“ des Spielerpools hat Foda jetzt auch einen großen und variablen Kader, mit dem verschiedene Herangehensweisen binnen kürzester Zeit umgesetzt werden können. Ein wesentlicher Punkt für ein Nationalteam, dem immer nur sehr wenige Trainingseinheiten zur Verfügung stehen. In Summe also ein stimmiger Weg, der bereits am kommenden Dienstag gegen Bosnien seinen ersten Höhepunkt finden wird.

Sebastian Ungerank, abseits.at

Sebastian Ungerank