Nach einem dramatischen Spiel inklusive Elfmeterschießen zieht der SK Rapid ins Cup-Finale ein. Wie den Hütteldorfern das gelang, wissen sie wohl selbst noch nicht.... Analyse: Rapid kämpft sich am Zahnfleisch ins Cupfinale

Nach einem dramatischen Spiel inklusive Elfmeterschießen zieht der SK Rapid ins Cup-Finale ein. Wie den Hütteldorfern das gelang, wissen sie wohl selbst noch nicht. Sehr unterschiedliche Spielphasen machten den Einzug ins Endspiel gegen Salzburg möglich.

LASK-Trainer Oliver Glasner schickte seine Mannschaft im typischen 3-4-3-System aufs Feld und hatte auch keinen Grund etwas zu ändern. Zu selbstverständlich ist das Spiel der Linzer, die Automatismen sind klar und überraschende Wendungen im Stil sind beim LASK praktisch nie zu erwarten. Die „Überfallstaktik“ und das intensive Gegenpressing sollten in Österreich in 90% der Spiele Argument genug sein. Viel machte der LASK im Laufe der 120 Minuten auch nicht falsch.

Defensive Ausrichtung Kühbauers

Rapid überraschte aus anderen Gründen nicht. Im 4-2-3-1 ist die Kühbauer-Elf insgesamt am sichersten. Mit Grahovac, Ljubicic und Schwab brachte Kühbauer diesmal sogar eher eine 6-8-8-Staffelung in der Mittelfeldzentrale und beließ den Zehner Christoph Knasmüllner vorerst auf der Bank. Die Kampfkraft in der Mitte sollte erhöht werden, Schwab fungierte als höchster Pressingspieler im Rapid-Mittelfeld.

Keine Kreativität am Ball

In der ersten Halbzeit war den Hütteldorfern die spielerische Verunsicherung anzumerken. Es wirkte so, als würde man stark auf das Verteidigen der bärenstarken LASK-Flügel fokussiert sein und weniger auf die eigene Kreativität im Umschaltspiel mit Ball. In Ballbesitz hatte Rapid das Problem nicht schnell genug umzuschalten, es gab zu wenige Diagonalpässe und zu wenige Verlagerungsmomente.

Zu unpräzises Passspiel

Zwar konnte man immer wieder die Flügel Schobesberger und Murg in Szene setzen, die dann aber abdrehten und vom LASK am Hineinziehen gehindert wurden. Rapid verabsäumte es dabei, gute Kombinationsmuster zu kreieren. Der LASK konnte die ballnahen Zonen häufig überladen und Rapid damit zum Abdrehen zwingen. Rapid versuchte im Halbraum zur Zentrale zu kommen, tat dies aber viel zu unpräzise. Die Passmuster waren schwammig, von zahlreichen Schupferln und halbgaren Pässen geprägt und die Aggressivität des LASK sorgte dafür, dass die meisten Bälle auch alsbald wieder verloren wurden.

Strukturiert angreifender LASK

Aber auch gegen den Ball machte Rapid in der ersten Halbzeit vieles falsch. Das Pressing der Wiener war ohnehin eher passiv, aber speziell die Abstände zwischen der zweiten und dritten Pressinglinie sorgten für ernsthafte Probleme. Der LASK konnte sich dadurch mehrfach problemlos in den Zwischenlinienraum spielen, für den man mit Klauss einen perfekten Antizipationsstürmer besitzt. Joao Victor und Goiginger gaben Breite und auch Michorl bewegte sich stets gut im Zwischenlinienraum. So kam Rapid bereits früh die Kompaktheit abhanden, was in einem perfekten Start für den LASK ausuferte. Goiginger erzielte nach 15 Minuten das 1:0 für die Oberösterreicher und die meisten Zuseher hätten wohl jede Wette verloren, dass dies in 120 Minuten Spielzeit das letzte Tor der Linzer im Spiel sein würde.

Hoffnung auf Einzelaktionen wird im Keim erstickt

Die erste Halbzeit ging nach dem Führungstreffer in einer ähnlichen Tonart weiter. Rapid kämpfte brav, nahm die Zweikämpfe an, wirkte aber völlig konzeptlos im Umschaltspiel. Der LASK war am Ball deutlich gefestigter und präziser, hatte konkrete Vorstellungen, wo man hinmöchte. Bei Rapid war vieles auf Zufall aufgebaut: Es wirkte so, als wäre man schon zufrieden damit, den Ball aus der Gefahrenzone zu bugsieren und vorne könnte man auf eine Einzelaktion von Schobesberger, Murg oder Badji hoffen. Der Pausenstand von 0:1 war für Rapid noch das Positivste.

Rapid gewinnt an Stabilität

Auch in die zweite Halbzeit startete der LASK explosiv und setzte Rapid sofort unter Druck. Das Kombinationsspiel der Linzer war anfänglich sogar noch besser als im ersten Durchgang, aber Rapid konnte nun dennoch eine bessere Staffelung in der Zentrale herstellen. Immer wieder ließ sich einer der Sechser etwas fallen, sodass der Zwischenlinienraum nicht mehr so offen war. Auch die vorderste Pressinglinie mit Badji und Murg positionierte sich tiefer, um die Abstände zu verkleinern. Das Comeback gelang Rapid aber aus einer Standardsituation.

Comeback durch einen Eckball

Eine Murg-Ecke wurde vom immer stärker werdenden Geburtagskind Mert Müldür zu Maximilian Hofmann verlängert, der den Ball am langen Eck nur noch über die Linie drücken musste. Der Ausgleich kam unerwartet, aber angesichts der neu gefundenen Stärke bei Standards nicht von ungefähr. Wirklich nachsetzen konnte Rapid nach diesem Treffer zwar nicht, aber immerhin wurde der LASK etwa eine Viertelstunde gelähmt, wodurch Rapid Zeit gewann. Die Hütteldorfer konnten mit einer Verlängerung ohnehin besser leben als die Gastgeber, weshalb das Pendel trotz der klaren Überlegenheit des LASK ein wenig in Richtung Rapid ausschlug.

Miserabler Hameter „übersieht“ klaren LASK-Elfer

Aber auch Schiedsrichter Markus Hameter hatte noch ein bisschen etwas mitzureden – und man fragt sich wieso eigentlich. Wie so häufig war der Schiedsrichterroutinier überfordert, blieb seiner Linie nicht treu und war obendrein noch ängstlich und unentschlossen. Kurz nach dem Ausgleich spielte Stephan Auer eine Ullmann-Flanke im eigenen Strafraum mit der Hand. Hameter hatte gute Sicht, sah das Handspiel, nahm die Pfeife in den Mund, um Elfmeter zu geben, tat dies aber nicht. Das war das erste womöglich spielentscheidende Herumeiern des Referees.

Rot für Hofmann statt für Michorl

Noch unsicherer zeigte er sich in der letzten Spielszene, in der Nachspielzeit der 90 Minuten. Peter Michorl sprang Thomas Murg mit beiden Beinen voraus in die Füße. Statt der fälligen roten Karte zückte Hameter nur Gelb und gab dafür dem aufgebrachten Maximilian Hofmann zwei weitere gelbe Karten wegen Kritisierens und einer „Vogelgeste“, die er selbst dem Rapid-Verteidiger mit seiner Hand aus dem Gesicht schlug. Das wiederum war eine Geste des Schiedsrichters, die bei einem Spieler sofort mit Rot und einer langen Sperre geahndet werden würde. Wieso Hameter hier der Meinung ist, dass die Forderung nach Respekt nur in eine Richtung zu erfüllen ist, weiß nur er. Ebenso wie nur der ÖFB weiß, wieso man einen stetig unsicheren Schiedsrichter wie Hameter eine solch brisante Partie pfeifen lässt.

Rapid zieht den Abwehrriegel auf

In der ersten Halbzeit hätte der LASK bereits für eine Vorentscheidung sorgen können, in der zweiten Halbzeit wurde Rapid stabiler und kam noch einmal zurück. Die katastrophal-falsche Entscheidung Hameters unmittelbar vor der Verlängerung sorgte aber für eine weitere, unerwartete Spielphase. Rapid musste nun zu zehnt bestehen und tat etwas, was man selbst in Zeiten spielerischer Unsicherheit kaum von den Hütteldorfern sieht: Die Kühbauer-Elf igelte sich mit zwei dichten Reihen vor dem eigenen Strafraum ein. Rapid spielte in Unterzahl nun so, wie die meisten Gegner gegen Rapid auftraten, als Zoran Barisic Trainer war.

Destruktive Enge kommt Rapid entgegen

Interessanterweise spielte diese Situation aber eher Rapid in die Karten. Der LASK kam in der Verlängerung durchaus zu Chancen, unter anderem zu einem Abseitstor durch Wiesinger – eine extrem knappe Entscheidung. Mit dem Ball tat sich nicht mehr viel, Rapid schob nur mit den Linzern mit und versuchte die Zweikämpfe so knackig wie möglich zu halten. Der LASK stand in Überzahl nun äußerst hoch, die aufbauende Dreierabwehrkette kam teilweise bis 40 Meter vor das gegnerische Tor. Rapid verengte durch seine extreme Defensive das Spielfeld noch mehr und so wurde es nach einer nervenaufreibenden und kraftraubenden Partie immer schwerer für den LASK, Lösungen zu finden.

Auf dem Zahnfleisch

Bei Rapid gingen indes auch schon einige Spieler auf dem Zahnfleisch. Schwab schlich nur noch über den Platz, auch Murg war bereits praktisch unsichtbar. Die einzigen Rapidler, die noch liefen, als wären sie gerade erst aufgewacht, waren Auer, Müldür und Grahovac, die nun auch die Agenden für einige der „Erledigten“ übernahmen. Auch der Einsatz von Ausputzer Mateo Barac war in dieser Spielsituation sehr willkommen, weil er ein zerstörerisches Element und vor allem sehr viel Physis ins Spiel brachte. Mit einer beherzten und kommunikativ guten Leistung rettete sich Rapid somit über die Zeit und ins Elfmeterschießen.

Aussortierter Barac wird zum Elferheld

Hier wurde mal wieder eine Geschichte geschrieben, wie sie eben nur im Cup vorkommen kann. Nachdem Tetteh, Holland und auf der anderen Seite Grahovac verschossen, durften bei den Hütteldorfern zwei „Problemkinder“ ran. Andrija Pavlovic blieb diesmal, anders als am Wochenende gegen die Admira, vom Punkt cool und sicherte Rapid den Matchball. Den verwertete dann ausgerechnet der bereits ausgemusterte Mateo Barac, der unter Kühbauer überhaupt kein Land sieht. Für den 24-Jährigen war es der erste Einsatz seit dem Katastrophenderby am Cupfinal-Ort im Dezember 2018. Der Innenverteidiger machte gestern schlichtweg alles richtig und schoss Rapid so am Ende ins dritte Cup-Endspiel des 21.Jahrhunderts.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen