Mario Basler hat sich einst furchtbar darüber beklagt, dass Fußballer heute abends nirgendwo mehr hingehen können, ohne fotografiert, gefilmt und somit als „Nachtschwärmer“ angeschwärzt... Anekdote zum Sonntag (123) –  Ernst sein ist alles (Teil VIII)

Mario Basler hat sich einst furchtbar darüber beklagt, dass Fußballer heute abends nirgendwo mehr hingehen können, ohne fotografiert, gefilmt und somit als „Nachtschwärmer“ angeschwärzt zu werden. Früher gab es nur die berühmte Mundpropaganda: Wer welchen Kicker wann wie und wo beim Fortgehen beobachten konnte. Es sind oft dieselben Kandidaten, die – nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich‘s völlig ungeniert – die Sau rauslassen. Trainer drücken und drückten die Augen zu, wenn die Leistung passt(e). Fraglich bleibt, wer im heutigen Spitzensport bei strapazierter Gesundheit und erheblichem Schlafdefizit im Stande ist gut zu spielen.

In den 60ern war die österreichische Fußballwelt beschaulicher als heute. Man ging in Wien vereinsübergreifend fort: Horst Nemec, Austria-Stürmer, Erich Hof, Sportclubspieler und späterer –trainer und Branko Milanovic, serbischer Rapid-Legionär bildeten ein besonders pikantes Trio Infernale. Egal ob am nächsten Tag Training oder Match anstand: Wenn‘s sein „musste“, machte man die Nacht zum Tag. Die Drei zogen durch sämtliche Lokal und Beisl‘n der Hauptstadt, ehe sie oft beim „Spatz’n“ versackten. Der „Spatz’n“ bot so – wie später das „Café Drechsler“ oder „Die Gräfin von Naschmarkt“ – Nachtschwärmen ein warmes „Abend“essen. Um 4 Uhr früh entspannten sich die Fußballer oft bei einer Gulaschsuppe, bevor sie sich endgültig nachhause aufmachten.

Selbst als das Cupspiel Rapid – Sportklub anstand, trafen sich die drei am Vorabend zur Lokaltour. Der Promillespiegel stieg stetig und war deutlich über der Raumtemperatur, als man im Morgengrauen in den „Spatz’n“ zum traditionellen Absacker einmarschierte: Gulasch, Pfiff und Schnapserl waren angesagt. Doch plötzlich stand wie aus dem Boden gewachsen Grantler Happel, Milanovic‘ „Professor Higgins“, neben den Spielern. Mit funkelnden Augen knurrte Ernstl nur „Kumm mit!“. Der Befehl galt selbstverständlich Branko, der augenblicklich gehorchte. Er ließ Teller und Glas stehen und dacktelte hinter dem Chef her. Happel führte den Spieler zu seinem Auto und deutete wortlos auf den Beifahrersitz. Spätestens im Wagen erwartete der Serbe jetzt ein deftiges Donnerwetter, doch der „Wödmasta“ setzte sich nur hinters Steuer und navigierte den Wagen ohne einen Ton zu sagen zu seinem Wohnhaus.

In seinen vier Wänden angekommen führte Happel Branko in sein Gästezimmer und deutet auf das Bett. Der Stürmer war hundemüde und kippte sofort in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen klopfte der Trainer an seine Tür und lotste ihn in die Küche, wo „Aschyl“ persönlich (!) das Frühstück vorbereitet hatte. Immer noch sagte er kein Wort. Stillschweigend fuhr man weiter zum Match, wo Happel Milanovic in der Startelf unterbrachte. Branko musste 90 Minuten durchspielen, obwohl ihm natürlich die letzte Nacht noch in den Knochen hing. Doch er zeigte den nötigen Einsatz und wagte es nicht nachzulassen. Tatsächlich schoss er ein Tor und Rapid brachte den Sieg über die Zeit. Nun war Milanovic erleichtert, fürchtete aber immer noch, dass Happel irgendwo eine böse Überraschung plante. Der Chef raunte ihm allerdings nur: „Hast Glück gehabt“ zu. Dann war wieder Sendepause und Branko überlegte, wann er das nächste Mal auf den Putz hauen sollte.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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