Alfred Gager galt einst als Megatalent. Der 1942 Geborene sollte bei der Wiener Austria niemanden anderen als den berühmten Spielmacher Ernst „Ossi“ Ocwirk ersetzen.... Anekdote zum Sonntag (138) – Der Tritt des Schiedsrichters

Alfred Gager galt einst als Megatalent. Der 1942 Geborene sollte bei der Wiener Austria niemanden anderen als den berühmten Spielmacher Ernst „Ossi“ Ocwirk ersetzen. Doch – obwohl er sechs Jahre bei den Veilchen kickte – wurde der Mittelfeldspieler nicht wirklich zu einer Legende des Wiener Traditionsvereins. Im August 1955 verpflichteten die Violetten den Teenager, der damals beim SV Justiz spielte.

Während seiner Zeit in Wien-Favoriten holte Gager mit der Austria zweimal das Double, er brachte es auch auf sechs Länderspiele für das österreichische Nationalteam. Eine seiner ersten Partien im rot-weiß-roten Trikot absolvierte er als Zwanzigjähriger am 25.11.1962 gegen Bulgarien. Das Match endete – nach einer Niederlagenserie von vier verlorenen Spielen in Folge – mit einem „wohltuenden“ 1:1. Für Gager sollte das Match jedoch aus anderen Gründen in Erinnerung bleiben: Nach einer vermeintlichen Fehlentscheidung beschwerte sich der Jungspund lautstark beim türkischen Schiedsrichter Hakki Güruz. Güruz zeigte dem aufgebrachten Offensivspieler daraufhin die gelbe Karte und fügte noch eine persönliche Warnung bei: Er trat dem Österreicher absichtlich gegen das Schienbein. Gager war zwar für eine Millisekunde perplex, wollte dann aber sofort auf den Mann in Schwarz losgehen. Nur mit Müh und Not gelang es seinen Mitspielern ihn zurückzuhalten. Der Spieler schrie Zeter und Mordio – nicht nur aus Zorn, sondern auch weil der Tritt ziemlich kräftig gewesen war und schmerzte. In der 74. Minute erzielte Austria-Kollege Horst Nemec den rettenden Ausgleich und so ging der Ausflug nach Sofia wenigstens nicht mit Niederlage Nummer fünf zu Ende.

Die Spieler duschten und zogen sich für das – damals noch übliche – gemeinsame Bankett um. In Anzug und Krawatte saß man schließlich in einem bulgarischen Hotel mit den Gastgebern und dem Schiedsrichter-Trio beim Abendessen. Irgendwann ergriff der türkische Unparteiische das Wort und bedankte sich für die Einladung. Er sprach einige versöhnliche Worte über die zum Teil hitzige Partie und meinte, dass „jetzt alles vergessen sei“. Güruz blickte dabei Gager tief in die Augen. Gager war allerdings noch immer (im wahrsten Sinne des Wortes) getroffen. Anschließend bat der türkische Referee die beiden Kapitäne zu sich und überreichte ihnen zwei Pakete mit türkischem Honig: Süßes gegen Saures. Draußen hatte es in der Zwischenzeit zu schneien begonnen und die österreichische Reporterlegende Heribert Meisel telefonierte nach Wien. Als er zurückkam, konnte er berichten, dass auch am Flughafen Schwechat bereits Schnee liege. Einige Spieler nahmen das mit einem mulmigen Gefühl zur Kenntnis. Der Klagenfurter Gerhard Sturmberger musste jedoch grinsen: „Müss ma halt a größere Maschine nehmen, damit sie uns leichter finden!“ Des einen Freud, des anderen Leid.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag