In den 70er-Jahren spielte der 1. SC Simmeringer noch in der höchsten Spielklasse in Österreich. Die glorreichen Zeiten gehörten jedoch schon damals der Vergangenheit... Anekdote zum Sonntag (79) –  Als das Häferl überging

_Retro Alter FußballIn den 70er-Jahren spielte der 1. SC Simmeringer noch in der höchsten Spielklasse in Österreich. Die glorreichen Zeiten gehörten jedoch schon damals der Vergangenheit an und der Verein spielte nur mehr gegen den Abstieg.

Niemand wusste zunächst, was die Stunde geschlagen hatte, als der ÖFB 1974 die erste Liga zu einer Zehnerliga kürzen wollte. Tatsächlich zwang die Strukturreform den 1892 gegründeten Klub des 11. Wiener Gemeindebezirkes zum Abstieg. Von diesem Schock sollte sich der Klub nie wieder richtig erholen: Man schlittert immer wieder in sportliche sowie finanzielle Krisen. Heute kicken die Simmeringer nur mehr in der Wiener Liga.

Anfang der 70er gab es noch hartes Einsteigen und Kampfgeist gegen den Sportclub, VOEST oder Schwarz-Weiß Bregenz auf der Simmeringer Had zu bewundern. Nicht umsonst meinte Kabarettist Helmut Qualtinger in einer seiner Paraderollen – nämlich der der Grantlers Travnicek – : „Simmering-Kapfenberg, das nenn´ i Brutalität.!“ 1971 wollte sich Simmering in der Nationalliga behaupten, doch gleich zu Beginn setzte es mit einer 1:6-Niederlage gegen die Salzburger Austria eine herbe Enttäuschung. Um das Manko der spielerischen Klasse wettzumachen, kämpften die Kicker in den darauffolgenden Ligaspielen um jeden Zentimeter Rasen. Das 0:1 gegen Rapid geriet zur Zerleger-Partie. Die Sportteile in den Zeitungen quollen über vor Berichten, in denen von der fehlenden Berufsethik der Simmeringer die Rede war. Die Spieler konnte sich nur mehr mit Fouls und rüden Attacken gegen die Hütteldorfer helfen: „Im Überschwang machten da nämlich einige Spieler eine Figur, wie sie besser in eine Freistilarena passen würde.“

Als kurze Zeit später der Stadtrivale der Grün-Weißen zu Gast war, verwandelten die Wiener ihr Verhalten in das genaue Gegenteil. Trainer Strobl tobte nach dem Match über den Begleitschutz, den seine Verteidiger den gegnerischen Stürmern angeboten hatten. Kaum einer attackierte oder wagte auch nur ein harmloses Tackling. Diesmal sprachen die Medien von „geradezu lächerlicher Fairness“ der Rot-Schwarzen. „Wir fallen von einem Extrem ins andere!“, ärgerte sich Strobl. Der Höhepunkt dieser Auf-und-Ab-Serie war jedoch das Spiel gegen den LASK im Dezember. Dieses Mal verhielt sich nicht die Mannschaft seltsam, nein, nur der Tormann flippte aus, als ob er ein narrisches Schwammerl-Omelett zum Frühstück verschlungen hätte: Franz Lachnit wurde wegen Tätlichkeiten für zwei Jahre gesperrt. Was war passiert? Lachnit – privat als zurückhaltend und umgänglich bekannt – war das, was man in Wien als  „Häferl“ bezeichnet: Ein leicht reizbarer Mensch. Der Linzer Martin wusste das und provozierte den Torwart von Anfang an mit leidenschaftlicher Ausdauer. Bereits bei den ersten Zusammenstößen mit dem Goalie stieg er Lachnit zunächst absichtlich auf den Rücken, dann auf die Hände. Lachnits Zorn wuchs. Nach weiteren Attacken ging der Schlussmann wie ein Boxer auf LASK-Spielertrainer Viehböck los und schlug diesen zusammen. Der Mittelfeldspieler musste daraufhin vom Platz getragen werden.

Das Wiener Publikum garnierte die Einlage mit Anfeuerungsrufen für den Keeper, der in der Folge auch den Schiedsrichter mit Fußtritten traktierte. Erst danach konnte Lachnit von mehreren Männern gebändigt und unter lautem Fluchen in die Kabine gebracht werden. Das Spiel wurde abgebrochen und mit 3:0 strafverifiziert. Simmering musste 4000 Schilling an Strafe berappen, der Übeltäter wurde nachträglich gesperrt. Die Medien rügten in ihren Berichten auch die Zuschauer, die sich mit Beifall und „Bravo, Lachnit“-Rufen nicht sportlich verhalten hatte. Der Simmeringer SC bemühte sich um Wiedergutmachung und entschuldigte sich schriftlich für die Vorkommnisse. Sektionsleiter Wimmer wollte in Folge sogar von seinem Posten zurücktreten, so sehr schämte man sich für den Vorfall. Tormann Lachnit bezahlte bitter: Als begabter Spieler, der 1975 und 1979 zum besten Torhüter des Stadthallenturniers gewählt wurde, spielte er sich immer wieder in den Fokus des Nationalteams. Da dieser Ausraster aber kein Einzelfall, sondern nur der Höhepunkt seines Temperamentes war, blieben Einberufungen aus. Lachnit spielte zwar weiter in Simmering, seine spätere Karriere führte ihn jedoch nicht zu Klubs, die seinem Können angemessen gewesen wären. Schade, mit etwas mehr Contenance hätte er nicht nur für Oberlaa und Sarasdorf zwischen den Pfosten stehen können.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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