In den 60ern kickten die meisten Spieler in Österreich noch mit Amateurstatus. Man arbeitete hauptberuflich bei der Post, in der Versicherung oder war Angestellter... Anekdote zum Sonntag (84) – Servas, Herr Chef!

_GAK WappenIn den 60ern kickten die meisten Spieler in Österreich noch mit Amateurstatus. Man arbeitete hauptberuflich bei der Post, in der Versicherung oder war Angestellter einer Gebietskörperschaft. Saubere Bürojobs bildeten den Ausgleich zur dreckigen Arbeit am Platz.

Diese Brotberufe waren dringend vonnöten, denn vom Kicken allein konnte kaum einer leben. Das Gehaltsschema der GAK-Stammspieler sah damals beispielsweise so aus: Monatliches Fixum in der Höhe von 400 Schilling, Startgeld von 60 Schilling und Siegesprämie von 250 Schilling. Mitte/Ende der 1960er-Jahre entdeckten die Sponsoren dann den Sport für sich. Die Vereine hatten plötzlich mehr Geld zur Verfügung und erstmals kamen auch ausländische Profis nach Österreich. Langsam wurde der Fußball professionalisiert. Noch dominierten zu dieser Zeit die Wiener Vereine die Liga. 1965 wurde der LASK als erster Verein der übrigen Bundesländer Meister. In der Hauptstadt der Steiermark herrschte im Frühjahr ‘65 einerseits Betrübtheit andererseits Erleichterung. Der GAK sprang mit einem knappen 1:0-Sieg über Rapid Wien gerade noch dem Abstieg von der Schaufel: Vor 10.000 Zuschauern erzielte ausgerechnet der Ex-Sturm-Spieler Hans Klug den einzigen Treffer des Spieles. Das Match war hart umkämpft: Der Grazer Tormann Welk musste in der 40. Minute mit einem Rippenbruch nach einem Zusammenstoß ausgetauscht werden. Der einzige Ersatz-Goalie auf der Bank war der grippegeschwächte Reinprecht. Dieser hielt zwar hervorragend, war nach dem Spiel jedoch kränker als zuvor.

Die übrigen Grazer Fußballfans verfolgten betrübt das letzte Auftreten von Sturm in der höchsten Spielklasse. Als Tabellenzwölfter waren die Schwoazen einer von drei Vereinen, der absteigen musste. Ein Jahr lang musste das Grazer Publikum auf Stadt-Derbys warten, dann war es wieder soweit: Die Rivalität, die sich durch Familien, Freundschaften und Bekanntschaften zog, machte auch vor dem Arbeitsplatz nicht halt. Besonders pikant war 1965/66 eine gewisse Konstellation: GAK-Stopper Erich Frisch werkte hauptberuflich in der steirischen Arbeiterkammer unter Kammeramtsdirektor Dr. Kurzbauer. Kurzbauer war nicht nur sein Vorgesetzter sondern auch glühender Sturm-Fan, der sich als Funktionär seinem Herzensverein verschrieben hatte. Im Mai 1993 erzählte Frisch anlässlich eines Rückblickes der Kleinen Zeitung, wie er 26 Jahre zuvor bei einem Derby den anwesenden Kurzbauer gelungen gehäkerlt hatte: Als er seinen Chef nahe der berühmten Gmeindl-Kantine – die Verpflegungsstation vieler Gruabn-Besucher, die vom ehemaligen Sturm-Spieler Hans Gmeindl und seiner Familie geführt wurde –  erblickte, entschloss er sich bei der nächsten Gelegenheit eine Zirkusnummer zu versuchen. Die Chance bot sich, als eine Flanke in den Fünfer geflogen kam. Frisch pflückte diese frech mit seinem Allerwertesten herunter und leitete sie mit der Ferse an seinen Tormann weiter. Ernst Happel hätte seine helle Freude gehabt. Mit einem breiten Grinsen winkte er anschließend seinem Vorgesetzten zu, der sich daraufhin beinahe an seiner angebissenen Krainer verschluckte. Die GAK-Anhänger goutierte die Einlage mit Szenenapplaus und höhnischem Gelächter. Frischs Solonummer begründete den Auftakt zu einigen Sticheleien zwischen den beiden Herren. Ab diesem Zeitpunkt teilte der Direktor den Fußballer „zufällig“ immer kurz vor Derbys zu körperlichschweren Arbeiten ein. Frei nach dem Motto: Er hat angefangen!

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag