In den öffentlichen Verkehrsmitteln herrscht bei lauen Temperaturen ein steter Kampf um die Fenster: „Auf oder zu“, lautet die Gretchenfrage. Leider kann auf die... Anekdote zum Sonntag (90) – Glück und Glas, wie leicht bricht das!

In den öffentlichen Verkehrsmitteln herrscht bei lauen Temperaturen ein steter Kampf um die Fenster: „Auf oder zu“, lautet die Gretchenfrage. Leider kann auf die Schnelle keine Befragung durchgeführt werden und so artet die Schieberei bisweilen zum Bim-Kleinkrieg einiger Reisender aus. Als Augenzeuge ist es sehr amüsant zu beobachten, wie so mancher Zeitgenosse beim Feingefühl auf Pause drückt und den jeweiligen Konkurrenten anschnauzt, was er sich denn einbildet, die Schiebefenster zu öffnen bzw. zu schließen. Das Chef-Prinzip gilt in der Straßenbahn schließlich nicht.

Hans Hofstätter, ehemaliger Rapid-Mittelläufer und späterer Rekordtrainer von Simmeringer, hatte seine eigenen Vorstellungen von Frischluftzufuhr. Hofstätter, der beim Tschammerpokalsieges der Grün-Weißen 1938 einen Treffer erzielte, war die Lebensversicherung des kleinen Klubs aus dem 11. Wiener Gemeindebezirk. Einmal reiste er mit seinen Burschen im Zug nach Schweden. Zunächst war es stickig und warm und die Kicker öffneten von selbst die Fenster um kühle Luft in die Abteile zu lassen. Als man jedoch in die Nacht hineinfuhr, sanken die Temperaturen spürbar. Einer der Männer, die neben dem Trainer Platz genommen hatten, stand auf um die Glasscheibe hochzuschieben. Hofstätter bat ihn jedoch dies zu unterlassen: Die frische Landluft helfe schließlich bei der Regeneration. Im Laufe der Zeit wurde es im Abteil jedoch richtig kalt.

Ein Simmeringer wagte nach einiger Zeit den nächsten Versuch und fragte vorsichtig, ob man das Fenster jetzt schließen könne. Hofstätter – ein Mann aus hartem Holz – verneinte erneut. So kalt sei es nicht, die Kicker sollten sich nicht so anstellen, meinte der ehemalige Rapid-Spieler. In aller Seelenruhe öffnete der Wiener eine mitgebrachte Bierflasche, während ihm seine Reisekameraden zitternd gegenübersaßen. Die Spieler hatten selbstverständlich Alkoholverbot. Die Frischluft und das Bier machten den Trainer müde und so nickte er langsam ein. Die Simmeringer neben ihm konnten an Schlaf nicht denken: Sie schlotterten und hatten sich jeden verfügbaren Zentimeter Stoff um den Körper geschlungen. Als sie merkten, dass Hofstätter bereits tief und gleichmäßig atmete, wurde demjenigen, der direkt neben dem Fenster platziert war, ein Zeichen gemacht: Er möge leise und langsam das Fenster schließen, damit sie endlich schlafen könnten. Es klappte. Letztlich normalisierten sich die Temperaturen und die Kicker hatten ihre Ruhe. Gemächlich döste einer nach dem anderen nun weg.

Das Nickerchen sollte jedoch nicht allzu lange dauern: Peng! Mit einem lauten Knall war das gesamte Abteil im Handumdrehen wieder wach. Feine Glasscherben zierten den Boden und es roch süßlich. Hofstätter blickte sie verwundert an. Was war geschehen? Der Simmeringer Trainer war erwacht und hatte sich angeschickt die leere Bierflasche mit einem gezielten Wurf aus dem Fenster zu entsorgen. In der nächtlichen Dunkelheit hatte er jedoch nicht erkannt, dass das Fenster schon seit einigen Minuten bummfest geschlossen war. So prallte die Glasflasche an der Scheibe ab und zersprang auf dem Fußboden: Die Strafe von oben für so ein umweltfeindliches Verhalten? Karma is a bitch.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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