Jedes Jahr muss ein Verein aus der höchsten Spielklasse in Österreich, der tipp3-Bundesliga, absteigen. Oft wurde diese Entscheidung in den letzten 20 Jahren durch... Aus der Bundesliga abgestiegen ohne Comeback – Serie 3. Teil: Kremser SC 1991/92

Jedes Jahr muss ein Verein aus der höchsten Spielklasse in Österreich, der tipp3-Bundesliga, absteigen. Oft wurde diese Entscheidung in den letzten 20 Jahren durch Lizenzverweigerungen und Konkurse vorweggenommen. Viele abgestiegene Vereine etablieren sich wieder in der zweiten Liga und kehren irgendwann in die tipp3-Bundesliga zurück. Manche stürzen sportlich weiter ab, manche finanziell. Viele brauchen Jahre oder Jahrzehnte, um sich zu sammeln und wieder den Aufstieg in die tipp3-Bundesliga schaffen zu können. Der Kremser SC, gegründet 1919, hat sich kontinuierlich nach oben gearbeitet und Ende der 1980er Jahre ein Top-Level im österreichischen Klubfußball erreicht.  Im Aufstiegs-Playoff 1989 hatte man gerade noch den 4. Platz errungen und sich damit erstmals für die höchste österreichische Spielklasse qualifiziert. Ab dem Bundesliga-Abstieg 1992 ging es jedoch fast ebenso kontinuierlich wieder bergab. Wie kam es damals zum Abstieg?

Große Namen haben sich einst die Kabine im Kremser Sepp-Doll-Stadion geteilt. Viele davon ließen in Krems ihre Karriere ausklingen, wie Ernst Baumeister oder Felix Gasselich. Sogar Hans Krankl hat ein Jahr in Krems in der zweiten Liga gespielt, bevor er zum Karriere-Ende noch rasch die Salzburger Austria in die Bundesliga geschossen hat. Doch wer sich heute an die große Zeit des Kremser SC erinnert, dem fällt wahrscheinlich zu aller erst Folgendes ein: Erstens der sensationelle Cup-Sieg des Zweitligisten im Jahr 1988 – unter dem bereits verstorbenen Trainer Ernst Weber – und zweitens der Weltmeister und WM-Torschützenkönig der WM 1978: Mario Kempes. Auch der Argentinier hat bekanntlich in Krems seine Karriere beendet. Damit war er der Star jener Mannschaft, die den Abstieg des Kremser SC eingeleitet hat.

Der Kader

Abgesehen von Kempes waren dem Kremser SC bereits im Vorjahr der Saison 1991/92 die Stars abhandengekommen. Die ehemaligen Austrianer Ernst Baumeister, Felix Gasselich oder Johann Drabek hatten ihre Karriere 1990 bereits beendet und einige junge Talente waren abgewandert, wie zum Beispiel Thomas Janeschitz, der zum WSC zurückkehrte. Größtenteils bestand die Mannschaft der Saison 1991/92 aus unerfahrenen Bundesliga-Spielern wie Hannes Neumayer, Erwin Wolf oder Angreifer Harald Spitzer. Zu den erfahrensten Stützen zählten der Stürmer Paul Perstling, der bei Union Wels groß geworden war und sich in der Saison 1988/89 ein Jahr erfolglos bei Rapid bemüht hatte, und Mittelfeldspieler Erwin Höld, der zu Saisonbeginn bereits auf 220 Bundesliga-Spiele für den LASK und den Kremser SC zurückschauen konnte. Am erfahrensten natürlich war Mario Kempes: Der argentinische Starstürmer hatte jedoch seine beste Zeit bereits hinter sich und konnte in seinem letzten Jahr in Österreich nur noch zwei Tore aus 18 Spielen im Grunddurchgang erzielen. Einer schaffte in dieser letzten Bundesliga-Saison der Kremser aber seinen Durchbruch: Der kampf- und laufstarke Michael Binder. Nachdem er sich bei seinem Stammklub Admira langsam etabliert hatte, wechselte er nach Krems. Der dortige SC stieg zwar mit ihm ab, Binder aber konnte sich für die Wiener Austria empfehlen und wurde mit dieser 1993 sogar Meister, ehe er für viele Jahre wieder zur Admira zurückkehrte.

Der Saisonverlauf

Der slowakische Trainer Jozef Obert, als Spieler in den späten 1960er Jahren für Wacker Innsbruck aktiv, hätte mit dem Saisonstart wohl zufrieden sein können: Ein Punkt gegen die Vienna, ein Sieg gegen Steyr, Niederlage gegen Sturm, dafür ein Heimsieg gegen DSV Leoben – es ging auf und ab. Dann jedoch gab es einen kleinen Knacks: 0:4 im Derby gegen St. Pölten am Voith-Platz. Im Gegenzug gelang aber die große Sensation: Ein 0:1 Auswärtssieg bei Rapid Wien im September   1991. Mittelfeldspieler August Baumühlner erzielte sein einziges Bundesliga-Tor und sicherte dem Kremser SC den dritten, aber leider schon vorletzten Sieg in einem Bundesliga-Spiel (Grunddurchgang). Es folgte im Herbst nur noch ein 1:0-Auswärtssieg: Dieses Mal bei Sturm Graz in der Gruabn, Torschütze war Mario Kempes. Gegen Ende des Herbsts folgten einige schlechte Ergebnisse. So zum Beispiel eine 0:6-Heimniederlage gegen den FC Stahl Linz, die die höchste Bundesliga-Niederlage des Kremser SC bleiben sollte. Der 10. Tabellenplatz von 12 Erstligisten nach den 22 Runden im Herbst bedeutete damals: Mittleres Play-Off – das kannte der Kremser SC bereits aus den zwei vorangegangenen Saisonen. Doch im Frühjahr 1992 gelangen nur drei Siege, zwei davon gegen den GAK (u.a. 5:0 zu Hause). Man beendete das Mittlere Playoff mit Platz 7 (von 8) und musste damit in die zweite Liga absteigen. Zu viele Leistungsträger der vergangenen Jahre hatte man abgegeben um sportlich weiterhin in der Liga reüssieren zu können.

Mario Kempes kehrte dann nach Argentinien zurück. Binder wechselte bekanntlich zur Austria, Spitzer zum FC Linz und Perstling kehrte nach Wels zurück. Man versuchte einen Neuaufbau der Mannschaft, was aber misslang. 1994 stieg der Kremser SC als Letzter aus der zweiten Liga ab und beendete damit die Ära des Profifußballs in Krems. Heute befindet sich der Kremser SC in der 2. niederösterreichischen Landesliga West im Dornröschenschlaf. Viele Kremser Fußballfans erinnern sich aber sicherlich noch an die glorreichen Zeiten mit Aufstiegen bis in die Bundesliga, dem Cup-Sieg, dem darauf folgenden Europacup-Auftritt, Stars wie Mario Kempes oder Ernst Baumeister und volle Tribünen im Sepp-Doll-Stadion gegen Rapid oder St. Pölten. Der Kremser SC war in den späten 80er-Jahren plötzlich da und im Laufe der 90er Jahre dann wieder verschwunden. Dazwischen war er eine willkommene Bereicherung der Bundesliga. Vielleicht nimmt man irgendwann wieder Anlauf um am Rande der Wachau Bundesliga-Fußball zu bieten. Doch in wirtschaftlich schweren Zeiten dürfte es nicht einfach werden sich bald wieder zwischen Horn und St. Pölten zu behaupten. Freuen würde es sicherlich viele in Krems, auch jene, die sich nicht mehr an die großen Zeiten und den Bundesliga-Abstieg vor ziemlich genau 20 Jahren erinnern können.

Matthias Pokorny, www.abseits.at

Matthias Pokorny

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