Im Rahmen der Aktion “Das ASB trifft” konnten die Fans im Austrian Soccer Board First-Vienna-FC-Trainer Alfred Tatar ihre Fragen stellen. Der Fußballphilosoph nahm sich... Das ASB trifft Alfred Tatar: „Jeder einzelne Spieler ist ein Mensch und unterliegt körperlichen und seelischen Schwankungen“

Im Rahmen der Aktion “Das ASB trifft” konnten die Fans im Austrian Soccer Board First-Vienna-FC-Trainer Alfred Tatar ihre Fragen stellen. Der Fußballphilosoph nahm sich bei den Antworten kein Blatt vor den Mund und so dürfen wir uns hier über ein tolles Faninterview freuen!

Fem Fan: Ich hab vor kurzem eine Sportdoku gesehen, in der es um Trainer im Allgemeinen ging. Es wurde Toni Polster bei der Viktoria, Hr. Jukic, der Schwimmtrainer und auch Rob Daum, der die Black Wings Linz, neuerdings Eishockeymeister in der österr. Eishockeyliga geworden, begleitet. Sehr beeindruckt hat mich Rob Daum, der anscheinend als meisterhafter Psychologe ans Werk geht. So führt er zahlreiche Einzelgespräche mit seinen Spielern, aber auch die Kabinenansprachen können sich sehen, besser gesagt hören lassen. Er appelliert stark an den Willen der Mannschaft, denn Können ist das eine, Willen das andere und weitaus größere und wichtigere, wie er meint. Klar die Spieler müssen lt. dieser Doku auch 17 verschiedene Taktiken auswendig lernen, aber Rob Daum entlässt sie dann im jeweiligen Spiel auf´s Eis mit den Worten, „ab nun ist es Euer Spiel“ geht hinaus und reagiert flexibel auf den Gegner“ ! Er selbst bezeichnet sich während eines Spieles, als einer, der ähnlich einer Nahtoderfahrung das Geschehen von oben betrachtet, er greift quasi nie ins Spiel coachend ein, von ihm sind lediglich Ansagen zu hören, wenn er den neuen Block aufruft.

Da Sie ja eher schon ein impulsiver Trainer sind und das ein oder andere mal auf die Trbüne mussten und auch Strafe zahlten, könnten Sie sich vorstellen, es ähnlich wie Rob Daum zu machen, oder besser gefragt, kann man das Geschehen auf Eis beim Eishockey auf Fußball umlegen ? Ich denk mir das Eishockeyspiel ist um vieles schneller und vermutlich hören die Spieler gar nicht, was der Trainer an der Linie sagt, auf der anderen Seite hab ich aber auch beim Fußball das Gefühl, dass die Trainer ihr Mütchen zwar kühlen können, aber nichts von draussen mehr bewirken können.

Alfred Tatar: Fußball ist mit Eishockey nur bedingt vergleichbar. Der Einfluss des Trainers im Fußball ist während eines Spieles nicht sehr hoch. Am ehesten kann man in der Halbzeitpause bzw. durch Wechsel Veränderungen herbeiführen. Das unmittelbare Coaching ist in seiner Wirkung sehr begrenzt. Oft ist es eher ein emotionaler Input, den man von außen zu bringen versucht (z.B. „Spieler heiß machen“, die sich bis dahin eher schaumgebremst gezeigt haben). Tänze in der Coaching-Zone sind aber meistens doch eher Ventile um den eigenen Stress abzubauen und weniger ein Einwirken auf das tatsächliche Spielgeschehen. Die Spieler sind im Fußball – wie in der Frage formuliert – in ihrem eigenen Spiel und die Fans kommen nicht wegen dem Trainer, sondern wegen den Spielern bzw. dem Spiel an sich.

Fem Fan: Früher Analyst, jetzt Trainer und auf der anderen Seite. Wie oft haben sie, seit sie Trainer sind und sich die Aufzeichnungen auf Sky mit den Analysten ansehen, Richtung Fernseher das Wort „Klugscheisser“ geschleudert?

Alfred Tatar: Ganz und gar nie. Die Arbeit bei SKY ist schwieriger, als mancher glaubt. Zum Beispiel sind die Analysen von Heribert Weber sehr viel substantieller, verglichen mit jenen beim ORF. Dazu kommt, dass die Arbeit als Trainer eine gänzlich andere ist, als die Arbeit als Kritiker.

Fem Fan: Bitte beschreiben Sie sich mit 3 Worten.

Alfred Tatar: Pessimistischer Kulturoptimist (oder: Optimistischer Kulturpessimist).

viennafan62: Wonach richtet sich in erster Linie das Spielsystem ? Nach den eigenen Kadermöglichkeiten (Verletzungen, Sperren) oder nach dem Gegner ?

Alfred Tatar: Das Spielsystem ist im großen und ganzen kein entscheidender Moment, weil es nur die Anordnung der Spieler am Feld darstellt. Viel wichtiger ist, welche Spielanlage man vorgibt und wie es die Spieler innerhalb des Systems umsetzen. Wenn ein Spieler im 4-4-2 seiner Arbeit nicht nachkommt, sprich die ihm zugeteilten Aufgaben nicht erfüllt, hilft ihm, und damit auch der Mannschaft, das System dabei gar nichts. Die Kunst als Spieler ist es also, seiner eigenen Position Leben einzuhauchen gemäß den Überlegungen des Spielplanes. Als Trainer nimmt man natürlich sowohl Rücksicht auf seine eigenen Möglichkeiten, als auch die eine oder andere taktische Feinheit bezogen auf den Gegner. 

viennafan62: Die Harmonie in einer Mannschaft ist ja eine ganz wichtige Sache. Bei der Vienna war ja die Harmonie in den letzten Jahren immer wieder gestört. Beispielsweise durch die unsägliche Wettgeschichte, oder durch aufbrausende Spieler (Dospel – Traby), Kartenspiele in der Ruhezeit, aber auch durch finanzielle Probleme. Haben Sie derzeit den Eindruck, daß wieder Harmonie in der Mannschaft herrscht? Sind alle Spieler bereit 100% zu geben ? Auch die sogenannten „Söldner“ wie z.B. Markovic ?

Alfred Tatar: Harmonie innerhalb der Mannschaft ist sicherlich ein wichtiger Faktor, um erfolgreich zu sein (Stichwort Teamspirit). Man könnte als Gegenbeispiel aber Manchester City anführen, wo es gar nicht harmonisch zuging (z.B. mit Tevez, Ballotelli), wo also permanent Unruhe geherrscht hat. Sie haben trotzdem die Premier League gewonnen. Selbst bei Salzburg, um in Österreich zu bleiben, hat es immer wieder Reibereien gegeben. Daher ist die erfüllte Sehnsucht nach Harmonie nicht automatisch gleichbedeutend mit Erfolg. Was uns betrifft habe ich den Eindruck, dass das Potential bei manchen Spielern nicht hundertprozentig ausgeschöpft wurde, und das aus verschiedenen Gründen. Jeder einzelne Spieler ist ein Mensch und unterliegt körperlichen und seelischen Schwankungen. Das soweit im Griff zu haben, dass man am Feld als Team auftritt, ist die große Kunst, der nicht alle gerecht werden.

viennafan62: Die Vienna hat sehr große Erfolge in der Nachwuchsarbeit, aber auch bei den Amateuren. Trotzdem schaffen es kaum einmal Spieler in die Kampfmannschaft, oder in den Profibetrieb bei anderen Vereinen. Woran liegt das ihrer Meinung nach? An der großen Kluft zwischen Oberliga und Erste Liga, an der mangelnden Qualität, an der Bereitschaft sich immer weiterzuentwickeln, oder gar an strukturellen Problemen innerhalb des Vereins ?

Alfred Tatar: Sehr große Erfolge können im Nachwuchs nicht an Tabellen festgemacht werden. Zumindest im Bereich des Profifussballs ist gute Nachwuchsarbeit daran erkennbar, welche Spieler den Weg in die Kampfmannschaft schaffen. Die Vienna hat hier, verglichen mit Rapid oder der Austria, den Nachteil, keine Akademie zu besitzen. In den Akademien ist die strukturelle, infrastrukturbezogene und substanzielle Arbeit einfach leichter durchzuführen, als mit unseren limitierten Möglichkeiten. Dazu kommt, dass potentiell gut ausgebildete, teils noch sehr junge Nachwuchsspieler von solchen Klubs durch die Zahlung einer Ausbildungsentschädigung schnell abgeworben werden, wogegen sich der Stammverein nicht wehren kann. Der Erfolg von z.B. St. Pölten rührt daher, dass es dort auch eine Akademie gibt, in der Bogdan Masztaler genau diese Spieler hervorbringt, die dann das Rüstzeug haben, in der Ersten Liga zu bestehen. Davon sind wir weit entfernt.

viennafan62: Wir alle wissen, daß die finanziellen Möglichkeiten der Vienna sehr begrenzt sind. Da muß an allen möglichen Ecken gespart werden.
Mal angenommen, es käme jetzt ein zusätzlicher Sponsor, der einen Teilbereich abdecken könnte. Wo würden Sie an erster Stelle investieren? Was geht der Kampfmannschaft am meisten ab? … Spielermaterial Qualität, Spielermaterial Quantität (Kadervergrößerung), Trainingsbedingungen, Rasen, Auswärtsfahrten etc.

Alfred Tatar: Die finanziellen Möglichkeiten der Vienna sind tatsächlich begrenzt. Um professionelles Niveau (sprich internationale Standards) zu gewährleisten, fehlt es an Mitteln. Davon sind wir sehr, sehr weit entfernt. Mit zusätzlichen finanziellen Mitteln müsste man in erster Instanz in die Verbesserung der Trainingsmöglichkeiten investieren, in zweiter Instanz in eine qualitative Verbesserung der Nachwuchsarbeit (akademieähnliches Niveau) und drittens in die Struktur des Kaders (in jeder Formation ein hochqualifizierter Führungsspieler, welcher natürlich Geld kostet, und rundherum qualitativ hochwertige Talente, die auch Geld kosten).

Joe19: War es etwas Besonderes, mit einem Weltmeister und WM-Torschützenkönig in einer Mannschaft zu spielen?

Alfred Tatar: Ich habe Mario Kempes nicht nur als Kollegen wahrgenommen, sondern wir hatten auch abseits des Platzes sehr starken Kontakt. Man könnte sagen, ich war einer der wenigen Freunde der Familie während des Aufenthalts von Kempes in Österreich. Ich habe ihn seinerzeit auch in Valencia besucht und konnte dabei z.B. das berühmte Finalleibchen der WM 78 in der Hand halten. Nach wie vor gilt Kempes in Fachkreisen als einer der drei besten Spieler, die Südamerika je hervorgebracht hat, und nicht nur aus diesem Grund wird mir die Zeit mit ihm bei der Vienna und bei St. Pölten stets in leuchtender Erinnerung bleiben. Denn was noch mehr zählt, waren seine hohen menschlichen Qualitäten. Mario war als Spieler und Mensch eine absolute Größe.

marini: Sie haben einmal in einem Interview gesagt, dass Sie mit der Vienna in zwei Jahren um den Aufstieg mitspielen wollen. Halten Sie das noch für realistisch?

Alfred Tatar: Ja. Nächste Saison.

marini: Was halten Sie vom Pyrotechnikverbot?

Alfred Tatar: Dazu habe ich keine Meinung, denke aber, dass alles vermieden werden sollte, was eine Gefährdung der eigenen oder anderer Personen haben könnte.

marini: Was würden Sie von einer Aufstockung der HfM Erste Liga halten?

Alfred Tatar: Wenig bis nichts, aufgrund der limitierten Zahl an Spielern mit entsprechenden Qualifikationen. Viel eher gehört der Relegationsmodus hinterfragt und eine Angleichung der Spielpläne mit der Regionalliga vollzogen. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass Regionalligameister direkt aufsteigen müssten, was aber beim momentanen System mit drei Regionalligen zur Folge hätte, dass es drei Absteiger geben könnte. Ein nicht vorstellbares Szenario in einer Zehnerliga. Gäbe es nur zwei Regionalligen, wäre es etwas anderes.

michel: Ein Wordrap zum Abschluss

Religion? Laut Marx das Opium fürs Volk, laut Tatar der Joker im Kartenspiel, der jede andere Karte sticht.
Astrologie? Eine irrationale Möglichkeit des Erkenntnisgewinns für manche Menschen. Nicht für mich.
Eitelkeit ? Die Außenseite des Egoismus.
Kärnterstraße ? Welche Nummer?
Alkohol ? C2H5OH, wenn es Ethanol ist. Sonst gibt es noch Methanol und etliche andere. Als Rauschmittel für mich keine Pforte zur Wahrnehmung. Zzigaretten ? Rauchen kann tödlich sein und ist ein Riesengeschäft für die Dealer (Philip Morris, und und und).
Lieblingsspeise ? Morcheln in Rahmsauce mit Semmelknödel.
Lieblingsgetränk? Tageszeitabhängig. Morgens Tee, Mittags Fruchtsäfte, Abends Wasser in seiner höchstmöglichen Verdünnung“
…und in Abwandlung der allseits beliebten Frage – was würdest du nicht auf eine Insel mitnehmen? Das Buch „Die Flut kommt“.

Wir bedanken uns für das interessante Faninterview!

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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