Auf der Hohen Warte setzte es in der vergangenen Saison zwei Niederlagen für die Elf von Helgi Kolvidsson. An diesem schönen Spätsommerabend gab’s für... Elf Klitschkos – Austria Lustenau nimmt die Vienna auswärts mit 5:0 auseinander!

Auf der Hohen Warte setzte es in der vergangenen Saison zwei Niederlagen für die Elf von Helgi Kolvidsson. An diesem schönen Spätsommerabend gab’s für den First Vienna FC aber nichts zu holen gegen Austria Lustenau. Der SC agierte so humorlos wie die Klitschkos.

Unterschiedlich stabile Systeme

Beide Trainer schickten ihre Mannschaften in einem 4-2-3-1 auf den Döblinger Rasen. Die Unterschiede in der Startaustellung konnten an einer Position fest gemacht werden. Während Austria-Trainer Helgi Kolvidsson links hinten mit Danilo Soares einen 20-jährigen Außenverteidiger aufstellte, der von laut Medienberichten von Mainz, Stuttgart und Freiburg beobachtet wird, musste bei der Vienna der in St. Pölten aussortierte Markus Speiser (27), gelernter Innenverteidiger, auf der selben Position ran. Die Doppelsechs bestand, wie schon seit gefühlt immer, auf grüner Seite aus dem Duo Kampel/Dürr, bei der Vienna aus dem jungen Innenverteidiger Andrey Lebedev (21) und dem alten Jochen Fallmann (33).

Eiskalt wie ukrainische Boxer

Der Matchplan der Hausherren war zu Beginn gleichsam offensichtlich wie antiquiert. Lange Bälle auf Sturmspitze Lukas Hinterseer, die Nachrückenden sollten verarbeitet werden. In der 8. Minute entschied sich Spielmacher Mesut Dogan in aussichtsreicher Position nach eben so einer Aktion für eine Schwalbe, statt für einen Abschluss. Die Austria wartete ab und schlug dann, wie ein ukrainischer Boxer, eiskalt zu. Nach einem Eckball landete der Ball beim derzeit überragenden Jan Zwischenbrugger, der Zehner hielt drauf und nach elf Minuten stand es 0:1. Es war das sechste Tor im achten Saisonspiel, zwei Assists hat er darüber hinaus auch zu Buche stehen. Die Vienna versuchte sich aufzubäumen, die spielerischen Mittel reichten nicht. Rechtsverteidiger Andi Dober, vor ein paar Jahren noch mit Rapid im Europacup, erwies sich als besondere Schwachstelle. Dober wirkte weder austrainiert noch so, als ob er jemals mehr als 30 Europapokalpartien absolviert hätte. Ähnliches galt für Thomas Mandl, der nach einem Freistoß von links im Fünfer umher irrte und Jürgen Kampel in der 20. Minute unbedrängt das 2:0 erzielen ließ.

Frühe Umstellung bei der Vienna

Weil das Aufbäumen wenig half, brachte Alfred Tatar mit Dominik Rotter für Florian Bauer in der 38. Minute einen zweiten Stürmer – nicht nur um vorne mehr Durchschlagskraft zu haben, sondern auch, um die Verteidigung zu stabilisieren. Lebedev rückte in die Abwehr, Rotter positionierte sich ganz vorne, in etwa war ein 4-4-2 mit Raute erkennbar. Das ganze hätte sich fast umgehend ausgezahlt, Austria-Schlussmann Andreas Kofler machte eine unnötige Parade, Rotter scheiterte mit seinem Kopfball nach dem Corner an dem am langen Pfosten auf der Linie positionierten Lustenau-Verteidiger. Die gute Schlussphase der ersten Hälfte aufseiten der Vienna war aber eher Nachlässigkeiten des deutlich führenden Favoriten geschuldet.

Brechstange kaputt

Zur Pause stellte Tatar weiter um. Ernst Dospel blieb in der Kabine, Routinier Richard Strohmayer kam aufs Feld. Dem stabilen System des Gegners stellte er nun ein 3-4-3 gegenüber, in welchem der Eingewechselte vor der Dreierabwehr bestehend aus Dober-Lebedev-Speiser agierte. Die sicheren Lustenauer verwerteten aber gleich die erste Chance nach dem Seitenwechsel. Kapitän Dürr spielte in die Zentrale der hoch aufgerückten Verteidigung, im Umfallen hebelten zwei Austrianer die Abwehr aus und Thiago schickte sich an, Mandl zum 3:0 zu bezwingen (51.). Ein herrlicher Konter. Damit war das Spiel im Grunde genommen vorbei, auch wenn Hinterseer unmittelbar nach dem dritten Verlusttreffer die Latte traf. In der 57. Minute verwertete Patrick Salomon einen Abpraller nach schönem Soares Vorstoß über links. Tatar stellte später noch einmal auf 4-4-2 um, per Kopf stellte Austro-Brasilianer Thiago mit seinem neunten Saisontor in der 90. Minute noch auf 5:0.

Die Ländle-Lehren

Das System passt, auch gegen einen Abstiegskandidaten müssen erst einmal fünf Tore her. Die recht alte Mannschaft hat aber auch Platz für einige Junge, neben Zwischenbrugger (22) und Danilo Soares (20), die in der Startelf standen, durften mit Fortdauer des Spiels auch noch Pius Grabher (19) und Toni Tipuric (22) ran, der sogar den Assist zum 5:0 lieferte. Somit arbeitet Kolvidsson schon „Heute für Morgen“. Er macht damit alles richtig, was man als Trainer richtig machen kann. Zum Zeitpunkt des Erfolgs sind junge Spieler gut einzubauen, denn die Stabilität und Leichtigkeit des routinierten Mannschaftskerns überträgt sich auf diese. Und nachdem die Austria nur gegen den direkten Konkurrenten Grödig und im Derby gegen den FC Punkte abgeben musste, St. Pölten deutlich schlug, führen die Grün-Weißen nach dem ersten Saisonviertel nun mit sechs Punkten Vorsprung auf den SV Grödig die Tabelle an.

Überforderung in Gelb-Blau

Schwer verprügelt wurde die Vienna, die guten Möglichkeiten konnten nicht verwertet werden. Auch gegen die in Hartberg unterlegenen St. Pöltner wird in der nächsten Runde wenig zu holen sein. Es fehlt vielleicht weniger an den taktischen Vorgaben, diese konnten gut umgesetzt werden. Aber in Summe springen die Bälle zu weit weg, sind die Pässe zu ungenau und die Abwehr steht alles andere als sicher – ein Zeichen mangelnder individueller Qualität. Es gibt keinen Spieler, der Partien durch Einzelaktionen rum reißen kann. Die im Sommer nach Kasachstan abgewanderten Spieler Rade Djokic und Marjan Markovic waren solche Kicker. Mit diesem Spielermaterial muss auf die anhaltende Abschlussschwäche der blau-weißen Freunde gebaut werden, Lustenau, Horn und Hartberg spielen mit einfachen, aber effektiven Mitteln, der KSV wird sich bald aus dem hinteren Tabellendrittel verabschieden. Auch wenn es gegen den Aufstiegsfavoriten ging: Auch die direkte Konkurrenz kann in den entscheidenden Phasen ein Tempo gehen, welches die Vienna überfordert.

Die elf Klitschkos in Grün-Weiß marschierten durch das erste Saisonviertel und basteln schon an einer Bundesliga-Elf. Die Döblinger wiederum stehen wegen anhaltend schwachen Leistungen bereits mit einem Bein in der Regionalliga Ost. Die Chance auf Verbesserung ist nicht allzu groß.

Georg Sander, abseits.at

Georg Sander

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