In den vergangenen Jahren war es um den österreichischen Fußball nicht sonnig bestellt. Auch wenn es in letzter Zeit wieder nach oben zu gehen... Österreichs Fußballerlegenden (1) – Ernst Ocwirk

Retro FußballIn den vergangenen Jahren war es um den österreichischen Fußball nicht sonnig bestellt. Auch wenn es in letzter Zeit wieder nach oben zu gehen scheint, so liegen die Glanzzeiten in der Vergangenheit. Einst galt Österreich als Fußballmacht: In den 30ern war man sogar eines der besten Teams der Welt, ebenso wie in einer kurzen Phase in den fünfziger Jahren.

Doch die Legenden jener Zeit sind heute vergessen. Selten wird noch über sie gesprochen, was sie einst besonders gemacht hat, ist vergessen, lediglich ihre Namen leben noch als blasse Erinnerung an bessere Zeiten weiter. Diese Serie soll die Spielweise früherer Akteure analysieren und in Erinnerung rufen. Denn zur Glanzzeit des Donau-Fußballs war Österreich taktisch und spielerisch eines der fortschrittlichsten Teams der Welt.

Der Kapitän

Österreichs große – und für viele in der Erinnerung gar einzige – Glanzzeit war sicherlich in den 30er-Jahren mit dem Wunderteam um Superstar Matthias Sindelar. Doch bei der Weltmeisterschaft 1954 über zwanzig Jahre später galten die Österreicher ebenfalls noch als einer der Topfavoriten, gemeinsam mit den Ungarn und Uruguay. Letztere wurden im Spiel um Platz 3 gar mit 3:1 besiegt, während man auf die Ungarn leider nicht traf; zuvor schied man in einer sehr hart geführten und für die Österreicher aus taktischer und spielerischer Sicht unpassend geführten Partie gegen die deutsche Nationalmannschaft klar mit 1:6 aus.

Doch schon davor hatten die Österreicher sich unsterblich gemacht. Mit einem 7:5 gegen die Schweiz sorgten sie für die torreichste Partie der KO-Phase. Man möchte nun meinen, dass dieses Ergebnis eher von der Defensivschwäche der Österreicher bzw. einer nicht so großen Überlegenheit spricht. Aber in dieser Partie spielten die Österreicher de facto mit einem Mann weniger. Torwart Zeman litt unter einem Sonnenstich und konnte keinen Ball fangen. Ernst Happel kommentierte später, dass er Zeman oft zurief, wohin er springen sollte, da dieser nichts mehr sah. Oft war es Happel selbst, der sich auf der Linie aufhielt und das Tor verengte, zu Kosten der Möglichkeit auf Abseits zu spielen.

Umso größer ist der letztliche Triumph Österreichs zu bewerten. Und voran ging Ernst Ocwirk, der eine herausragende Leistung zeigte. Immer wieder unterband er Schweizer Angriffe im Vorfeld, die ansonsten nahezu sicher in einer Großchance geendet hätten. Dazu organisierte er das Angriffsspiel, diente als Spielmacher aus der Tiefe und rückte immer wieder mit nach vorne, um dann in Strafraumnähe aufzutauchen und selbst abzuschließen, wie beim Treffer zum 4:3 gegen die Schweiz.

„Ich sehe Probst und schieße Ihm den Ball übers halbe Feld zu“– Ernst Ocwirk nonchalant über seine Torvorlage im WM-Spiel gegen die Schweiz

Ocwirks Vorbildfunktion und seine Weigerung aufzugeben sorgten für die Wende. Ocwirk war aber nicht nur Kapitän der österreichischen Nationalmannschaft: Auch bei seinem Heimatverein Austria Wien, wo er in den ersten neun Jahren (1947-1956) fünf Titel und später in der Saison 1961/62 noch das Double holte, war er der Kapitän und der wichtigste Mann im Aufbauspiel. Seine Leistungen auf internationaler Bühne sorgten sogar dafür, dass er die FIFA-Weltauswahl zweimal als Kapitän auf den Platz führte.

Uhrwerk und flexibler Mittelläufer

Eine Ursache war sicherlich, dass er auf dem Platz ein spektakulärer Akteur war. Obwohl er selten unnötige Finten in sein Spiel einbaute und auch nicht als nomineller Offensivspieler agierte, war sein Einfluss auf dem Feld gewaltig. Er galt in den frühen Fünfzigern als bester Mittelfeldspieler der Welt, verlor dank seiner Ballkontrolle und Physis kaum einen Ball, verteilte ihn strategisch intelligent mit langen Bällen und war dank seiner extremen Spielintelligenz offensiv wie defensiv nahezu ohne Fehler.

Am ehesten könnte man ihn vielleicht als Mischung aus Michael Carrick, Sergio Busquets und Yaya Touré bezeichnen, wenn man moderne Fußballer für solche Vergleiche wählen möchte. Vor der Abwehr im 2-3-5-System damaliger Zeit sicherte er die Mitte, unterstützte die Innenverteidiger und fing lange Bälle durch seine Körpergröße und Kopfballstärke ab; oftmals spielte er diese langen Bälle sofort als gefährlichen Pass wuchtig zurück in die gegnerische Hälfte.

Diese Fähigkeitenvielfalt und seine professionelle Berufsausübung sorgten dafür, dass ihn die internationale Presse den unorthodoxesten Mittelläufer der Welt benannte, der die damals modernen Defensivaufgaben dieser Position mit dem kreativen Fähigkeiten der 20er-Jahre verband. Mit Josef Bozsik von den Ungarn galt er als letzter verbliebener Mittelläufer jener Zeit, doch auch Ocwirk sollte wie Bozsik später nach vorne geschoben werden.

Als das WM-System (3-2-2-3) breitflächig eingeführt wurde, agierte Ocwirk fortan als Außen- bzw. Halbläufer vor der Dreierabwehr. In manchen Partien wurde Ocwirk sogar als Halbstürmer hinter den drei Stürmern eingesetzt, in anderen spielte er wiederum als zentraler Innenverteidiger – seiner ursprünglichen und nun nach hinten geschobenen Mittelläufer-Position, auf der er trotz seiner Eleganz und seines betont fairen Spiels starke Leistungen zeigte.

„Ein Foul zu begehen, hielten wir unter unserer Würde.“ – Ernst Ocwirk

Diese hatte er übrigens vom großen Pepi Smistik beim Floridsdorfer AC in den 40ern zugewiesen bekommen. Zuvor war Ernst Ocwirk beim FC Stadlau in den späten 30ern noch wegen seiner Schuss- und Kopfballstärke als Mittelstürmer aufgestellt worden, bevor er von Smistik umgeschult wurde, der diese Position selbst im Wunderteam ausgeübt hatte und 1947 Ocwirk zu Rapid holen wollte. Auch Smistik galt als großer Techniker und Stratege, auch wenn er international nie die Anerkennung Ocwirks erhielt.

Superstar und Fußballgott

1956 wechselte der damals 30-jährige Ocwirk nach Italien. Er wurde von Alberto Ravano in die Serie A zu Sampdoria Genua geholt. Er war erst der zweite Österreicher in der obersten italienischen Spielklasse, seit Engelberg König in den 40ern und blieb der Letzte bis zu Prohaskas Wechsel über 25 Jahre später.

Während er in Österreich bisweilen als selbstverständlich und gar als Schönspieler galt, so wurde ihm in Genua eine extreme Huldigung überbracht – wie es bei einem Weltstar dieser Tragweite üblich war. 1952 wurde Ocwirk nämlich von France Football zum besten Fußballer der Welt tituliert; die gleiche Zeitung sollte ab 1956 bis heute den „Ballon D’Or“, den Titel als Europas Fußballer des Jahres, vergeben. Bei der ersten als offiziell geltenden Wahl wurde Ocwirk übrigens Siebter.

Doch weit über diese Titel ging die Ehrfurcht von Sampdorias Fans. Sie betitelten ihn respektvoll gar als „Gott“ („Dio“), wie Ocwirks Frau Martha später zu Protokoll gab:

„Nach den Spielen und dem Training sind die Spieler umarmt und auf die Schultern gehoben worden. Nur wenn der Ernst kam, wurden sie leise. Sie machten Platz, verbeugten sich und flüsterten „Il Dio, il Dio“.“

„Das Uhrwerk“ entwickelte sich bei Sampdoria zu einem offensiveren und auf Durchschlagskraft fokussierten Akteur, heute würde man ihn als offensiven Achter oder gar als Zehner bezeichnen, während er zuvor eher als tiefster Sechser spielte. Schon in seiner Debütsaison erzielte er für Sampdoria 12 Saisontore und verbrachte dort mehrere erfolgreiche Jahre.

Nach seiner Rückkehr zur Austria, wo er das Double holte, wurde er Trainer. Zuerst bei Sampdoria, danach für fünf Jahre bei der Austria selbst (1965-70). Er feierte dabei schon früh einen Sieg im österreichischen Pokal (1967) und konnte gegen Ende seiner Amtszeit zwei Meistertitel nacheinander holen, woraufhin er zum 1. FC Köln wechselte und dort bis ins DFB-Pokalfinale kam.

Ocwirk galt – wie konnte es auch anders sein? – als sehr guter Trainer, der großen Wert auf Zusammenarbeit, Disziplin und Harmonie legte. Doch die erfolgsverwöhnte Karriere von Österreichs Sportler des Jahres 1951 sollte sich rasch dem Ende zuneigen. Nach einem Achillessehnenriss und einer Operation 1973 litt Ocwirk unter Lähmungserscheinungen, er musste seine Karriere beenden. Sieben Jahre später starb Ocwirk an Multipler Sklerose – am gleichen Tag wie Fußballlegende Matthias Sindelar, aber 41 Jahre später.

 „Er ist die Seele der Mannschaft, vereint höchste Spielintelligenz und Grazie mit Präzision und Ökonomie des Krafteinsatzes. Sein Spiel stellt die einzig praktikable Anwendung des Kollektivprinzips dar, den einzig geglückten Ausgleich zwischen Individuum und Gemeinschaft, in ihm akkumuliert sich die ganze Idee des Mannschaftsspiels.“ – FriedrichTorberg im Wiener Kurier, 1954

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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