Salzburg und das leidige Thema Champions League – eine astreine Never-endig Story. Im elften Anlauf sollte es endlich mit dem Einzug in die Königsklasse... Analyse: 94 Minuten Dominanz – 77 Sekunden Höllenfahrt

Salzburg und das leidige Thema Champions League – eine astreine Never-endig Story. Im elften Anlauf sollte es endlich mit dem Einzug in die Königsklasse klappen, nachdem man diesem Traum seit nun mehr als einem Jahrzehnt hinterherläuft und auf diesem Weg viele Rückschläge und Traumata erleben musste. Die Ausgangslage dafür war nach dem torlosen 0:0 in Belgrad zwar nicht die beste, doch in der heimischen Bullen-Arena konnte man auf die absolute Heimmacht bauen, wo man unter Trainer Marco Rose noch gar keine Niederlage einstecken musste und in dessen Amtszeit in heimischen Gefilden ungeschlagen blieb. Diese Heimstärke war auch dringend notwendig, denn im Hinspiel tat man sich gegen den destruktiven Gegner schwer und kam quasi zu keinen echten Torchancen. Im Rückspiel sollte daher alles anders werden.

Salzburg packt die geballte Intensität aus

Nach der ungewohnt schwachen (Offensiv)Leistung aus dem Hinspiel, musste sich das Trainerteam um Marco Rose natürlich etwas einfallen lassen, wie man den serbischen Beton knacken könnte. Den Serben gelang es trotz des tiefen Verteidigens, die Bullen vom eigenen Strafraum fernzuhalten und in viele Zweikämpfe zu verwickeln. Für das Rückspiel gab es daher wenig überraschend einige Adaptionen im Spiel der Bullen, um vor allem offensiv für noch mehr Gefahr zu sorgen. So rückte der Youngstar Patson Daka in die Startelf für den Routinier Yabo und sollte mit seiner Schnelligkeit und Tiefgang die Abwehr der Serben beschäftigen bzw. Räume für seine Mitspieler dadurch öffnen. Nicht nur, dass man mit Daka ein weiteres Element in die bereits variable Offensive brachte, man passte auch die eigene Anordnung etwas an. Üblicherweise laufen die Bullen ja in einem „rautenartigen“ 4-3-1-2 auf, in diesem Spiel gab es dies zwar auch immer mal wieder zu sehen, doch auch sehr oft ein klassisches 4-3-3, was man in der Sommervorbereitung bei den Salzburgern als Alternative einstudierte.

Die Zahlenspielereien sind zwar allgemein nicht so wichtig und die Übergänge in der Hinsicht der Anordnung fließend, in dem Fall hing es vor allem von Hannes Wolf ab, wie man sich präsentierte. Der U21-Nationalspieler hielt sich nämlich oft zwischen den beiden Stürmern auf, die sehr breit standen und oft de facto als Flügelstürmer agierten, und gab so etwas ähnliches wie die „falsche Neun“, indem er sich immer wieder aus seiner Position fallen ließ und sich oft im Rücken des gegnerischen Mittelfelds anbot. Mit dieser Maßnahme wollte man wohl einerseits für eine erhöhte Präsenz in der letzen Linie des Gegners sorgen, um klarerweise mehr Torgefahr auszustrahlen, auf der anderen Seite sollten die „Rückfallbewegungen“ intensiviert werden, was für die Defensive nicht so einfach zu verteidigen ist. Da stellt sich die Frage, geht ein Verteidiger mit? Übernimmt doch eher ein Mittelfeldspieler, damit hinten keine Löcher entstehen und Räume geöffnet werden? Die Anordnung der drei Stürmer und das „Überladen“ der letzen Linie des Gegners kann man beim ersten Bild auch gut sehen:

Das Positionsspiel der Salzburger gegen den tiefstehenden Gegner, die letze Linie der Serben wird mit drei Stürmern überladen und man sorgt damit für eine erhöhte Präsenz und drückt nebenbei den Gegner nach hinten, da ein Sechser zur Hilfe eilen muss.

Für die Serben war diese Vorgehensweise mit Problemen behaftet. Roter Stern verteidigte meist in einem 4-4-1-1, welches man sehr tief auslegte und den Salzburgern den Spielaufbau überließ, während man sich auf das tiefe Mittelfeld/Abwehrpressing fokussierte. Dabei sollte sich Spielmacher Ben an den gegnerischen Sechser Samassekou orientieren und ihn verfolgen, wobei er in tieferen Zonen rund um den Strafraum ins Zentrum rückte, wenn die Abwehr zu einer Fünferkette wurde. Währenddessen verhielt sich das Mittelfeldzentrum dahinter meist sehr mannorientiert und die Flügelspieler verfolgten die gegnerischen Außenverteidiger mit einer klassischen Manndeckung (kann man auch beim ersten Bild gut sehen). Übrig blieb der Mittelstürmer, der alleine versuchte, das Spiel von Ramalho wegzulenken und Pongracic die Lasten des Spielaufbaus aufzubürden. Die Salzburger zeigten allerdings in nahezu Perfektion, wie man diese Defensivstrategie knacken kann. Die Spieler der Bullen wurden sehr gut auf diese Vorgehensweise vorbereitet und hatten immer eine Lösung parat.

Dabei kann man das gut nachvollziehen, wenn man sich nur das Mittelfeldzentrum bzw. die Doppelsechs der Serben näher ansieht und den Spielfilm verfolgt. Die beiden Sechser hatten nämlich die schwierige Aufgabe, das Zentrum zusammenzuhalten und Pässe nach vorne abzufangen, da ja die Gastgeber gerne über diese Region angreifen. Dies war allerdings gar nicht so einfach, denn angefangen mit der oft ausgeübten Manndeckung der Flügelstürmer und der Orientierung des Zehners Ben an Samassekou, fehlte es da oft an ausreichender Präsenz. Die beiden Sechser versuchten daher sich ebenfalls an den gegnerischen Mittelfeldspielern Haidara und Schlager zu orientieren und sie näher im Auge zu behalten, damit man Zuspiele verhindern kann oder zumindest eng am Mann dran ist und Zugriff herstellt. Darauf waren die Achter der Bullen jedoch vorbereitet und reagierten entsprechend. Dabei setzen sie eine der wichtigen Maxime im „Positionsspiel“ um, nämlich „wenn ich selber nicht anspielbar bin, versuche ich mit meiner Bewegung Räume für meine Mitspieler zu schaffen“. Also tendierten die beiden Achter und speziell Haidara dazu, sobald sie näher verfolgt wurden, auf den Flügel auszuweichen und ihre Gegenspieler mitzuziehen, damit dann folgendes passiert:

Salzburg im Spielaufbau, Ramalho kommt an den Ball und führt ihn nach vorne, Haidara (unterer Kreis) erkennt die Mannorientierung seines Gegenspielers und läuft bewusst nach außen, um ihn aus seiner Position zu ziehen, weshalb der diagonale Passweg zu Wolf (oberer Kreis) geöffnet wird und dieser vollkommen frei steht und auch angespielt wird.

Variables Positionsspiel als Trumpf

Dieses Muster gab es bereits in den Anfangsminuten einige Male zu sehen und entblößte immer wieder das Mittelfeld der Serben, wodurch die Bullen problemlos in den Zwischenlinienraum vordringen konnten. Also sah sich der Trainer von Roter Stern veranlasst, von dieser Vorgehensweise abzurücken und die beiden Sechser anzuweisen, sich mehr auf den Raum im Zentrum zu konzentrieren und sich nicht so einfach herausziehen zu lassen. Auch der rechte Flügelspieler sollte mehr ins Zentrum einrücken und die beiden Sechser unterstützen, während Radonjic den gefährlichen Lainer auch weiterhin verfolgen sollte.  Doch auch das klappte nicht so wirklich, da man schlicht und einfach vor einem Dilemma stand. Einerseits hatten die Innenverteidiger im Aufbau alle Zeit der Welt ihre Anspielstationen auszuwählen, des Weiteren positionierten sich die Achter der Salzburger gut zwischen den Schnittstellen und es gab ergänzend dazu Fallbewegungen der Stürmer, die sich im Rücken der Sechser bewegten und so oft eine Drei gegen Zwei Überzahl im Zentrum herstellten. Andererseits aber war Linksverteidiger Ulmer oft anspielbar und man fand Raum auf dem Flügel vor und rückte über diese Region in die gegnerische Hälfte.

Dass dies ebenfalls zum Problem der Serben wurde, lag einfach am sehr flexiblen und intelligenten Positionsspiel der Salzburger. Man hatte gefühlt in jeder Situation die passende Antwort, ergo wenn im Zentrum die Tür zu war, wich man dann auf den Flügel aus. Dabei agierte man auch da sehr variabel, egal ob Dabbur, Wolf, Daka, Schlager, Haidara oder die beiden Außenverteidiger, die Positionen wurden fleißig besetzt und ständig untereinander getauscht. So gab es bereits vor der Umstellung der Serben Überladungsversuche auf der linken Seite zu sehen, was nun für zusätzliche Probleme sorgte. In dem Fall rückten dann speziell Dabbur und Wolf weit auf die linke Seite heraus und wurden von Schlager und Ulmer unterstützt, wodurch man kombinativ starke Akteure hatte, die im Anschluss daran dynamisch Richtung Tor starten sollten. Dieses Muster kann man beim nächsten Bild auch gut erkennen:

Salzburg im Ballbesitz, Dabbur und Wolf rücken gemeinsam auf die linke Seite hinaus und versuchen gemeinsam mit Schlager und Ulmer zu kombinieren und den Gegner anzulocken, um dann im Anschluss dynamisch ins Zentrum zu stoßen.

Egal also, was Roter Stern auch machte und ausprobierte, nichts hielt den Salzburger Express auf und dieser rollte unaufhörlich auf das Tor der Serben zu. Als Akt der Verzweiflung kann dann auch der frühzeitige Wechsel gewertet werden, als der Trainer von Roter Stern auf die beschriebenen Probleme reagierte und für den rechten Flügelspieler Simic einen weiteren Sechser ins Spiel brachte. Mit der Umstellung auf ein 4-5-1 mit drei Sechsern, versuchte man das Zentrum endlich unter Kontrolle zu bringen und die defensiven Problemzonen in den Griff zu bekommen.

Doch die Serben hatten nicht nur aus strategischer Sicht große Probleme mit den Salzburgern, auch die ungeheure Intensität im Spiel der Bullen bereitete Roter Stern Schwierigkeiten. Der österreichische Meister formierte sich gegen den Ball meist zu einem klaren 4-3-3 und die drei Angreifer agierten dabei auf einer Linie, wobei Wolf auch die Tendenz hatte zurückzufallen und den tieferen Sechser der Serben im Auge zu behalten. Man versuchte dabei die Serben auf die Seiten zu lenken und ungünstige Winkel für die langen Bälle der Gäste zu kreieren, damit man diese leichter verteidigen konnte. Doch da Roter Stern sowieso kein Interesse an einen geordneten Spielaufbau hatte, war dies ohnehin kein großes Thema. Viel problematischer waren allerdings die eigenen Ballgewinne. Eigene Ballgewinne als Problem? Das hört man nicht oft, allerdings stehen die Gegner der Salzburger oft vor diesem Problem, nämlich aufgrund des gefürchteten Gegenpressings. Roter Stern hatte in letzter Zeit klarerweise keinen vergleichbaren Gegner mal bespielt, geschweige denn, dass man in der heimischen Liga gegen so eine Intensität ankommen musste. Und man merkte den Serben auch an, wie überfordert sie mit der Intensität der Salzburger waren. Nach Ballverlust setzen die Salzburger blitzschnell nach und zogen ein Netz um die Serben herum, aus dem es kaum ein Entrinnen gab. Durch die gute Struktur im Positionsspiel der Bullen, konnte man sofort nachsetzen und sich den Ball zurückholen, um im Anschluss daran die nicht formierte Defensive zu attackieren. Bezeichnend war auch, dass die Salzburger einige Male gefährliche Umschaltsituationen vorfanden, da das Mittelfeld der Serben nicht mit dem Tempo mithalten konnte und kaum hinterherkam. Die gute Struktur und das „Gegenpressing-Netz“ kann man auch beim nächsten Bild gut erkennen:

Salzburg mit dem Ballverlust, der Rechtsverteidiger von Roter Stern versucht anschließend den Spielmacher Ben anzuspielen, doch die Bullen sind mit sieben (!) Spielern in der Umgebung und spannen so ein engmaschiges Netz, weshalb man sich den Ball auch schnell wieder zurückholen kann.

Wie man sieht, egal in welchen Aspekten des Spiels, die Salzburger dominierten das Geschehen vollkommen und Roter Stern war gelinde gesagt in jeglicher Hinsicht überfordert. Speziell nach dem Wechsel der Serben zu einem 4-5-1 System, verlegte man das Spielgeschehen noch weiter in die gegnerische Spielhälfte und die beiden Innenverteidiger der Bullen standen oft 30 Meter (!) vor dem gegnerischen Strafraum. Daher war es nur eine Frage der Zeit, bis das erste Tor fallen würde. Dieses besorgte dann auch Dabbur kurz vor der Pause, nicht mit einem komplexen Spielzug, sondern einer einfachen Flanke von Ulmer, die Dabbur trocken ins Tor beförderte. Damit wies man zu dem Zeitpunkt bereits eine Expected-Goal Wertung von zwei Toren auf, ergo hätte man aufgrund der Chancen bereits 2:0 führen können.

Kurz nach dem Wiederanpfiff besorgte man dann auch nach einem Elfmeter von Dabbur diesen 2:0 Vorsprung und die Tür zur Champions League schien weit offen zu sein, nicht nur aufgrund des Ergebnisses, sondern vor allem aufgrund der Art und Weise. Roter Stern musste nun klarerweise reagieren und brachte einen klassischen Brecher ins Spiel und stellte auf ein 4-3-3 um, wobei Spielmacher Ben nur nominell von der rechten Seite aus agierte und überall auf dem Spielfeld auftauchte. Doch auch da schienen die Serben ungefährlich zu sein und konnten sich nur selten nach vorne spielen. Jedenfalls bis zu der 65. Spielminute und den verhängnisvollen 77 Sekunden, wo man sich durch zwei hohe Bälle in den Strafraum zwei Gegentreffer einfing.

Danach stürmte man mit dem Mute der Verzweiflung nochmal an und versuchte verzweifelt gegen die serbische Menschenmauer den Siegestreffer zu erzielen. Trainer Rose brachte mit Yabo und Prevljak noch zwei Offensivkräfte, um zusätzliche Impulse von außen zu setzen. Doch dieser Schock ging nicht spurlos an der Mannschaft vorüber und man konnte die Serben nicht mehr so einfach wie noch zu vor bespielen, die durch das Ergebnis und aufgrund der Moralspritze natürlich um ihr Leben rannten. Die Salzburger bekamen dennoch noch zwei Matchbälle, um das Spiel doch noch zu gewinnen. Jedoch konnte man diese Chancen nicht verwerten und „verlor“ somit dieses Spiel mit 2:2 und stürzte damit ins Tal der Tränen.

Fazit

Ein unglaublich bitterer Abend aus Sicht der Salzburger, bei dem man selbst als neutraler Beobachter fassungslos zurückbleibt. Der österreichische Meister hat diese Begegnung in allen Facetten dominiert und klar beherrscht, weshalb man sich nach dem 2:0 der Bullen nie erträumen hätte können, dass der Einzug in die Champions League nicht gelingen könnte. Doch solche Geschichten schreibt nun mal der Fußball und die verrücktesten Dinge sind möglich, wie die Zuschauer des gestrigen Spieles zu sehen bekamen. Was kann man den Salzburgern vorwerfen? An diesem Abend eigentlich recht wenig. Klar, die individuellen Fehler vor den Gegentreffern sind bitter, aber dass sie solche Auswirkungen haben und ein abgefälschter Ball genau auf den Fuß und eine Bogenlampe genau auf den Kopf von Ben landen, lässt wohl aufgrund der Art und Weise die Abergläubischsten an einen Fluch glauben. Was man den Salzburgern tatsächlich vorwerfen kann ist das fahrige Hinspiel, wo man nicht mal ansatzweise an das Leistungspotenzial des Rückspieles herankam. So war das 0:0 ein gefährliches Ergebnis, was sich letztlich auch bewahrheiten sollte zum Leidwesen der Salzburger, die damit zum elften Mal den Einzug in die Gruppenphase der Champions League verpassten. Doch die gute Nachricht, der nächste österreichische Meister startet nächste Saison fix in der Champions League, vielleicht gelingt es auf diesem Weg endlich den Sprung in die Königsklasse zu schaffen. Nicht auszumalen, sollte es auch diesmal schief gehen, dann könnte man tatsächlich von einem Fluch sprechen.    

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic