Am Donnerstag wird André Villas-Boas seinen Dienst bei Zenit St. Petersburg antreten und den Trainerposten von Interimstrainer Sergey Semak übernehmen. Dieser hatte Luciano Spalletti... André Villas-Boas und Zenit St.Petersburg – wie passt das zusammen?

Andre Villas-Boas (Tottenham Hotspur)Am Donnerstag wird André Villas-Boas seinen Dienst bei Zenit St. Petersburg antreten und den Trainerposten von Interimstrainer Sergey Semak übernehmen. Dieser hatte Luciano Spalletti nach dessen Entlassung für kurze Zeit vertreten, stand aber von Beginn an im Schatten der Wunschlösung André Villas-Boas. Der Portugiese soll nun langfristig bei Zenit ein Topteam aufbauen, heißt es von Vereinsseite. Mit dieser Aufgabe ist er allerdings schon zweimal gescheitert, trotz großer Erfolge beim FC Porto ist er in England, wo er die meiste Zeit seiner Trainerlaufbahn verbrachte, ein gebrandmarktes Kind. Doch daran trägt er nicht die alleinige Schuld.

Große Probleme organisatorischer und psychologischer Natur

Der größte Aspekt bei seinem Scheitern bei Chelsea und Tottenham war die unpassende Spielerwahl – sowohl von seiner Seite aus, als auch zuvor vom Verein selbst. Bei Chelsea versuchte er eine riskante Spielweise mit viel Pressing, hoher Abwehrlinie und großer Dynamik umzusetzen, welche nicht dem Spielermaterial entsprach. Villas-Boas sprach zwar von einem langfristigen Prozess, doch Akteure wie John Terry wussten, dass sie langfristig in diesem Prozess keine Rolle spielen können. Eben jener Terry soll auch intern Stimmung gegen Villas-Boas gemacht haben und mitursächlich für seine Entlassung gewesen sein.

Problematisch war ebenso der Mangel an Alternativen für systemuntaugliche Spieler. Mit Juan Mata wurde in diesem Sommer lediglich ein einziger Spieler verpflichtet, der dem Team sofort helfen konnte. Romelu Lukaku, Thibaut Courtois und Oriol Romeu kamen als langfristige Optionen, wobei Letzterer bis zu seiner Verletzung einige gute Spiele auf der Sechs zeigen konnte. Der 28-jährige Raul Meireles kam als Ergänzung für die Bank. Im Winter konnte einzig mit Gary Cahill nachgebessert werden. All diese Spieler und der für die Spielweise weitestgehend ungeeignete Kader sorgten für große Probleme bei Villas-Boas.

Zum Vergleich: In José Mourinhos erster Saison als Chelsea-Trainer in der Saison 2004/05 wurde für über 160 Millionen Euro eingekauft, davon war lediglich einer von neun Spielern, die über eine Millionen Euro kosteten, unter 22 Jahre alt, nämlich der damals als Supertalent geltende Arjen Robben mit 20. Inflationsbereinigt entsprechen diese 160 Millionen heute ungefähr zwischen 180 und 200 Millionen; eine stattliche Summe also und in keiner Relation zu Villas-Boas erster Saison.

Selbst in dieser Saison, der ersten seit Mourinhos Rückkehr, investierte er knapp 130 Millionen Euro, trotz eines besseren Kaders als Villas-Boas 2011 vorfand. Mit Samuel Eto’o, Marco van Ginkel, André Schürrle und Willian kamen gleich vier Spieler, die alle mehr oder weniger sinnvolle Alternativen für die erste Elf oder sogar Stammspieler sind. Mit Mohamed Salah und besonders dem Schlüsselspieler Nemanja Matic wurde im Winter nachgebessert. Das ist natürlich keine Kritik an Mourinho oder eine Entschuldigung für Villas-Boas; er beharrte zu sehr bzw. zu lange auf seiner Spielweise und seinem Prozess, wodurch er Probleme mit wichtigen Schlüsselspielern der Mannschaft erhielt. Die Entlassung war nach den ersten Monaten nur eine Frage der Zeit.

Bei Tottenham gab es ähnliche Ursachen mit anderer Auswirkung. Hier durfte Villas-Boas gar nicht über die Transfers entscheiden, über seinen Kopf hinweg wurde Gareth Bale verkauft und die gesamte Ablösesumme investierte der Verein ohne Rücksprache mit dem Portugiesen. So möchte es zumindest seine Version der Geschichte. Alles in allem allerdings ebenfalls schlechte Voraussetzungen, das Klima soll seitdem intern vergiftet gewesen sein. Dennoch hätte Villas-Boas taktisch und mit diesem Personal bessere Leistungen liefern müssen, da die Neueinkäufe, wer auch immer sie tätigte, durchaus Potenzial hatten. Er hatte stattdessen vielfach Probleme mit der Gegneranpassung und strategischen Mannschaftseinstellung.

Auch taktisch zu unflexibel?

Es waren die zwei sehr hohen Niederlagen gegen den Liverpool FC und Manchester City in kurzer Zeit, welche unmittelbar zur Entlassung Villas-Boas‘ führten. In beiden Partien wurde ihm vorgeworfen sich nicht an die Stärken des Gegners angepasst zu haben; insbesondere die Dynamik des Passspiels in die Spitze und das Aufrücken der Mittelfeldspieler in den Zwischenlinienraum von City und die schiere Schnelligkeit der Liverpool’schen Angriffsreihe bekam er nicht in den Griff. Die hohe Abwehrlinie, ohnehin von ganz England skeptisch betrachtet, wurde zum größten Kritikpunkt.

Dies stimmt durchaus, doch es übersieht die grundlegenden Probleme von Villas-Boas‘ Mannschaft. Nicht die hohe Abwehrlinie war das Problem, sondern dass man zuließ, sie zu bespielen. Der größte Kritikpunkt an Villas-Boas darf nicht die grundsätzliche Spielphilosophie sein, sondern wie sie umgesetzt wird. Hierbei war sein Pressing beispielsweise zu grobschlächtig und kam eher über Intensität und Physis, anstatt über eine saubere gruppentaktische Abstimmung und mannschaftstaktische Anpassungen an spezielle Begebenheiten des Gegners.

Sobald die Physis und Intensität nicht mehr griff, weil der Gegner sich durch seine Technik oder physisches Dagegenhalten befreien konnte, fiel die Mannschaft teilweise in sich zusammen. Ähnliches konnte auch offensiv beobachtet werden. Hier kamen zu den gruppentaktischen Mängeln auch strategische Probleme hinzu: Keine Mannschaft schoss so oft aus der Distanz wie Villas-Boas‘ Tottenham, wodurch sie viele Angriffe herschenkten und gleichzeitig dem Gegner eine Möglichkeit zum Angriffsaufbau gaben. Wegen dieser Spielweise gab es auch Probleme mit der Einbindung einzelner Spieler und deren Nutzung, während sie bei anderen wie Gareth Bale herausragend funktionierte.

Es wird interessant, ob und wie er diese Probleme bei seiner neuen Station beheben kann.

Was könnte er bei Zenit versuchen?

Grundsätzlich kann man wohl davon ausgehen, dass ein Fußball wie bei Porto sein Ziel sein dürfte. Wie schon zuvor schon bei Academica Coimbra und später bei Chelsea ließ er in seiner Triple-Saison 2010/11 bei Porto mit einem asymmetrischen Dreiersturm agieren; Hulk übernahm die Rolle als verkappter Mittelstürmer vom rechten Flügel aus, Varela gab auf links die Breite und zentral agierte Falcao. Bei Chelsea versuchte er es in den ersten Wochen ähnlich mit Drogba und später Sturridge als Rechtsaußen.

Zenit bietet ihm für dieses System eine gute Plattform. Mit Hulk trifft er auf einen Bekannten, Danny und Arshavin sind mögliche Optionen für links und zentral gibt es mit Kerzhakov und Rondon zwei unterschiedliche Spielertypen. Witsel könnte mit Shatov die Doppelacht bilden, dahinter ist die Viererkette relativ spielstark und personell gut besetzt. Besonders der unterschätzte Domenico Criscito könnte noch mehr aufblühen, er ist im Aufbau spielstark und überzeugt auch durch eine hervorragende Physis. Nachbesserungsbedarf besteht allerdings in puncto Kaderbreite in der Offensive und im zentralen Mittelfeld, wo es trotz Anatoliy Tymoshchuk keine passende Option für die Sechserposition gibt.

Alles in allem ist das Projekt Villas-Boas bei Zenit St. Petersburg ein interessantes. Der russische CL-Achtelfinalist hat bereits Aspekte eines Ballbesitzteams und setzt gewisse grundlegende Aspekte im Pressing und Defensivspiel schon auf gutem Niveau um. Villas-Boas könnte ihnen den letzten Schliff geben; das nötige Know-How hat er, wie es seine Zeit in Portugal bewies.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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