Im ersten Halbfinale trifft Atlético Madrid auf Chelsea. Viele stöhnten bei dieser Wahl auf: Die als „Defensiv- und Kontermannschaft“ verschrienen Madrilenen treffen auf José... Atletico Madrid empfängt Chelsea: Erwartet uns ein Defensivspektakel?

Jose Mourinho (Real Madrid)Im ersten Halbfinale trifft Atlético Madrid auf Chelsea. Viele stöhnten bei dieser Wahl auf: Die als „Defensiv- und Kontermannschaft“ verschrienen Madrilenen treffen auf José Mourinho, der in solchen KO-Spielen auf höchstem Niveau gerne “den Bus am eigenen Strafraum parkt“. Zumindest heißt es so und viele erwarten sich darum zwei tor- und highlightsarme Partien ohne Spektakel und mit nur wenigen Offensivaktionen.

Einige gingen nach der Auslosung sogar davon aus, dass sich beide Mannschaften in der eigenen Hälfte barrikadieren und in Unterzahl Konter versuchen würden. Andere meinten sogar, dass dies die erste Halbfinalpartie ist, in welche beide Mannschaften als Außenseiter ins Duell gehen. Diese Befürchtungen können natürlich eintreffen; allerdings könnte sogar das Gegenteil passieren. Insbesondere Atlético Madrid ist mehr als nur eine Umschaltmannschaft.

Hohes statt tiefes Pressing könnte der Schlüssel sein

Schon in einigen Spielen, unter anderem auch gegen die Top-Teams Barcelona und Real, nutzte Atlético ein sehr hohes Mittelfeld- oder gar Angriffspressing weit in der gegnerischen Hälfte. Der Mythos vom tiefstehenden Atlético ist genau das – ein Mythos. Sie können sehr gut in der eigenen Hälfte verteidigen, sie tun es auch sehr oft, aber sie sind keine eindimensionale Defensivmannschaft, welche nur kontern kann. Gegen kleinere Mannschaften wird ihnen auch der Ballbesitz aufgedrängt, was Atlético aber durch das dynamische Spiel nach vorne, die Suche nach schnellen Abschlüssen – auch gegen tiefstehende Mannschaften – und starkem Gegenpressing ausmanövriert. Es ist eher dieser Mangel an langem Ballbesitz, welcher für das Image einer konternden Defensivmannschaft sorgt.

Dabei gehört das hohe Pressing Atléticos wahrscheinlich zum Besten in Europa. Sie sind enorm intensiv und sehr aggressiv in ihrem 4-4-2. Im Zehnerraum haben sie eine Pressingfalle im Zentrum, die Stürmer laufen bogenartig auf die Innenverteidiger an, stellen dabei die Außenverteidiger zu und erzwingen Pässe in die Mitte. Dort gehen dann die eingerückten Flügelstürmer und die zwei Sechser dynamisch auf den Ball und können sofort nach Ballgewinn hochgefährliche Konter einleiten.

Generell sind die beiden Stürmer defensiv sehr aktiv. Sie bedrängen die gegnerischen Innenverteidiger, unterstützen die Außenstürmer beim Pressing auf den Außenverteidigern und arbeiten auch nach hinten ins Mittelfeld. Diese extreme Laufbereitschaft zieht sich durch die gesamte Mannschaft und im Verbund mit dem sehr guten ballorientierten Verschieben sowie perfekt abgestimmten Abläufen in der gruppentaktischen Bewegung sind sie effektiv in der Balleroberung.

Besonders auf den Außenverteidigerpositionen und im Sechserraum könnte Chelsea hierbei Probleme bekommen. Azpilicueta, Ivanovic/Cole, Lampard, Ramires und David Luiz sind allesamt sehr starke Spieler mit vielen hervorragenden Stärken, unter Druck offenbaren sich aber noch am ehesten ihre Schwächen und dadurch könnte Atlético viele Ballgewinne weit in der gegnerischen Hälfte verbuchen.

Eine Doppelsechs aus Ramires und Luiz würde hierbei wohl offensiv wie defensiv die beste Mischung versprechen, allerdings kommt das Problem bereits aus der Innenverteidigung, die unter Druck oftmals schwierig zu verarbeitende Bälle auf die Sechser oder Außenverteidiger spielen. Die Option des langen Balls ist zurzeit ohne luftkampfstarken Zielspieler vorne ebenfalls keine wahrscheinliche Alternative für die Mourinho-Mannschaft, der dies in der kommenden Transferphase wohl auch mit dem Atlético-Spieler Diego Costa korrigieren möchte.

Dieser ist auch die Ursache, wieso Atlético unter eigenem Druck schwer zu pressen ist. Die Sechser laufen sich aktiv frei, oft geht einer in den defensiven Halbraum, der andere bleibt zentral und sie bieten sich gut an. Die Außenverteidiger sind technisch stark und intelligent im Aufrücken, besonders Linksverteidiger Filipe Luis überzeugt hierbei. Mit Arda und Koke gibt es auf den Flügelstürmerpositionen zwei spielerisch hochqualitative Akteure, die immer wieder in die Mitte einrücken und sich sowohl für raumgreifende Pässe von hinten, als auch für zweite Bälle nach Ablagen von Diego Costa anbieten. Dieser ist unter größtem Druck immer mit hohen Pässen anspielbar und der „Fail-Safe“-Mechanismus bei starkem Pressing des Gegners.

Somit dürfte hohes Pressing für Chelsea im Gegensatz zu Atlético eher kontraproduktiv sein, außer sie zeigen eine Paradeleistung wie in der Liga gegen Manchester City vor einigen Monaten. Somit stellt sich aber auch die Frage – was lässt sich Chelseas portugiesischer Startrainer einfallen?

Was macht José Mourinho?

Mourinho ist bekannt für seine hervorragenden taktischen Anpassungen. Zurzeit sind ihm bei Chelsea allerdings etwas die Hände gebunden. Eto’o fehlt verletzt, Matic und Salah sind nicht für die Champions League spielberechtigt, Ivanovic ist gesperrt und Hazard ist angeschlagen. Somit kann Mourinho auf rechts Willian oder Schürrle aufstellen, Schürrle, Ba und Torres sind Optionen für ganz vorne und links muss man hoffen, dass der in dieser Saison wohl stärkste Chelsea-Spieler, Eden Hazard, doch spielen kann. Somit stellt sich das Team fast von selbst auf.

Oscar dürfte den Zehner geben, Schürrle spielt als Tiefengeber vorne (oder Ba bzw. Torres als Zielspieler), Willian spielt als einrückender Rechtsaußen, Hazard kommt über links, dahinter spielen zwei aus Luiz, Lampard und Ramires, Cole und Azpilicueta bilden die Außenverteidiger, Terry und Cahill spielen vor Cech. Variiert werden kann eigentlich nur auf einzelnen Positionen.

Theoretisch wäre es möglich, dass beispielsweise ein 4-3-3 gespielt wird und Ramires mit Luiz und Lampard zentral agiert. Ramires wäre auch eine Option für die rechte Außenbahn, um ein verkapptes 4-3-3 zu erzeugen und die Halbräume in Umschaltmomenten stärker abzusichern. Der langzeitverletzte Marco Van Ginkel ist überraschend im Kader und könnte auf der Sechs spielen, aber das dürfte nach der langen Pause des Niederländers zu riskant sein.

Ramires‘ Formschwäche könnte Lampard ins Team spülen, vorne streiten sich die ebenfalls nur suboptimalen Ba und Torres um den Platz des Mittelstürmers mit Schürrle. Es wird also interessant, was genau Mourinho macht; personell hat er nämlich nur wenige Optionen. Die grundlegende strategische Ausrichtung und die Bewegungen stehen ihm aber natürlich noch offen. Und Mourinho reicht das oftmals.

Chelsea zwar mit Problemen im Aufbau, aber nicht im Konterspiel

Im Spielaufbau haben die Londoner wie erwähnt Probleme, doch im offensiven Umschaltmoment gehören sie zu den besten Mannschaften Europas; sie dürften hierbei sogar den Rojiblanco überlegen und auf einer Stufe mit Real und Dortmund sein. Besonders wenn Hazard spielt, sind ihre Angriffe extrem schnell und sind sogar in Unterzahl enorm gefährlich. Hazard ist hierbei mit seinen Dribblings ein Akteur, der sich alleine durchsetzen, viele Räume überwinden und auch aus engen Räumen noch Verlagerungen in offene ballferne Räume spielen kann. Mit Willian kommt ein weiterer schneller und dribbelstarker Akteure hinzu, dazu dürfte Schürrle als Mittelstürmer mit seiner Athletik ebenfalls eine gefährliche Option sein.

Dieses Trio komplettiert der spielintelligente Oscar auf der Zehn, dazu kommen noch vereinzelte Läufe in den Rückraum des Strafraums beim Angriffsabschluss von der Sechs aus, die alle Akteure auf dieser Position (Lampard, Luiz und Ramires) in unterschiedlicher Art und Weise beherrschen. Diese geballte Torgefahr durch diese vier bis fünf Spieler sorgt dafür, dass Chelsea auch mit viel Absicherung durch sich in der Offensive zurückhaltende Außenverteidiger Torgefahr erzeugt. Nach Ballverlusten lassen sie damit selbst kaum Konter zu und bringen zahlreiche Gegner mit dieser Spielweise zum Verzweifeln.

Die entscheidende Frage wird aber lauten: Kann man Atlético überhaupt den Ballbesitz aufzwingen? Diese zeigen in der spanischen Liga, dass sie auch gegen sehr tiefstehende und passive Mannschaften wenig Ballbesitz haben, da sie mit Schnellkombinationen über die Halbräume, diagonale Hereingaben aus dem Halbfeld in den Strafraum und einzelnen Distanzschüssen sowie Durchbrüchen am Flügel viele Abschlüsse erzeugen. Diese Chancen haben zwar nicht immer höchste Qualität, sorgen aber für Abschlüsse, verhindern Konter, können dank Diego Costa durchaus Gefahr erzeugen und zwingen dem Gegner selbst bei Scheitern den Ballbesitz in Form eines Abstoßes auf; woraufhin Atléticos Pressing und verkapptes Konterspiel wieder losgeht.

Selbst Ballverluste bei den Angriffen sind wegen des Gegenpressings oftmals nur halb so wild. Darum verspricht diese Partie also mehr als nur zwei Mauermannschaften mit Defensivfokus; zumindest, wenn Atlético das bisherige, durch ihre Leistungen erzeugte Versprechen an sich selbst hält. Taktisch wie spielerisch also eine möglicherweise hochinteressante Partie, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so wirken mag.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

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