Ein historisches Spektakel bot der FC Bayern München im Halbfinale der UEFA Champions League gegen den FC Barcelona. Im Hinspiel in der Allianz Arena... Dank ausgeprägter Physis und Manndeckungen – Bayern schlägt Barca 4:0

Mario Gomez (FC Bayern München, Deutschland)Ein historisches Spektakel bot der FC Bayern München im Halbfinale der UEFA Champions League gegen den FC Barcelona. Im Hinspiel in der Allianz Arena besiegte der deutsche Meister den kommenden spanischen in eindrucksvoller Art und Weise mit 4:0. Zwar bieten drei der vier Tore hinsichtlich der Schiedsrichterentscheidungen viel Diskussionsstoff, dennoch war es ein äußerst souveräner Auftritt der Bayern. Deshalb soll in diesem Artikel ausschließlich die taktische Leistung im Vordergrund stehen.

In vielerlei Hinsicht bot dieses Spiel Parallelen zur 0:2-Auswärtsniederlage des FC Barcelona im Achtelfinale gegen den AC Milan. Zwei Drittel des Ballbesitzes schreibt die Statistik den Spaniern nach 90 Minuten zu. Das daraus resultierende Schussverhältnis ist jedoch gegenteilig verteilt – 15:4 für die Bayern. Diese verstanden es ihren Gegner aus den gefährlichen Zonen rauszuhalten und kamen vorrangig über ihre überlegene Physis. Die ersten beiden Tore, die das Spiel in die entsprechenden Bahnen lenkte, fielen nämlich jeweils im Anschluss an einen Eckball.

Gomez statt Pizarro richtige Entscheidung

Nachdem die Meisterschaft in trockenen Tüchern ist, setzt Bayerns Trainer Jupp Heynckes auf eine radikale Rotationspolitik. In der Bundesliga kommen vorrangig die, zweifellos ebenfalls hochqualifizierten, Reservisten zum Zug und schießen die Gegner reihenweise vom Platz. Besonders die beiden Stürmer Mario Gomez und Claudio Pizarro geigten groß auf. Da Mario Mandzukic gesperrt fehlte, musste sich Heynckes für dieses Spiel für einen der beiden entscheiden. Die Wahl fiel auf Gomez, der nicht nur wegen seines vorentscheidenden Treffers zum 2:0 ein wichtiger Baustein war.

Ansonsten stellten sich die Bayern in der üblichen 4-2-3-1-Grunformation auf und setzten auf das erwartete Personal, was bedeutet, dass auch David Alaba als Linksverteidiger startete. Wie in der Vorschau beschrieben stand der ÖFB-Legionär vor einer schwierigen Aufgabe, da Barca im Spielaufbau äußerst asymmetrisch agierte. So musste er sich in Absprache mit Franck Ribery abwechselnd um Dani Alves und Pedro Rodriguez kümmern. Gelungen ist ihnen das ziemlich gut, denn obwohl vor allem Alves viel Ballkontakte hatte, konnte der Brasilianer nicht viel daraus machen. Aufgrund der hohen Kompaktheit musste er den Ball immer wieder nach hinten abspielen.

Stürmerloses Barca

Auch bei den Gästen sah man weitestgehend die erwarteten Gesichter in der Startelf. In der Innenverteidigung, die im Kader relativ dünn besetzt ist, startete mit Marc Bartra ein sehr unerfahrener Verteidiger. Bezeichnenderweise hatte der 22-Jährige die beste Torchance. Ebenfalls bezeichnend für dieses Spiel war, dass er diese in Folge einer Standardsituation vorfand. Aus dem Spiel heraus ging bei Barcelona nicht viel, was zum einen am starken Defensivspiel der Bayern lag und zum einen an ihrem eindimensionalen und vor allem stürmerlosen Spiel.

Zwar ist es bekannt, dass die Katalanen mit Lionel Messi als falschem Neuner agieren, weswegen das Sturmzentrum nicht direkt besetzt ist. Normalerweise starten sie aber aus den umliegenden Zonen immer wieder Sprints in diese Zonen und kommen so in aller Regel schnell in den gegnerischen Strafraum, in diesem Spiel blieb dieser Mechanismus aber aus. Im Angriffsdrittel hatten sie kaum einen angekommenen Vorwärtspass – von schnellen Pässen in den Strafraum ganz zu schweigen.

Manndeckung gegen Busquets

Entscheidend dafür, dass die Angreifer – sie hatten teamintern klar die wenigsten Ballkontakte – so stark vom restlichen Team abgeschnitten waren, war das Defensivkonzept, das sich Heynckes gegen das Aufbauspiel zurechtgelegt hat. Besonders ein Aspekt stach dabei stark heraus; nämlich, dass die Bayern abgesehen von den weitläufig bekannten Taktgebern Xavi und Andres Iniesta auch auf Sergio Busquets verstärkt eine Auge hatten. Der Spanier gilt bei vielen als Unsung Hero, der den seinen beiden Nebenmännern den Rücken frei hält, aber auch in Ballbesitz sehr wichtig ist. Busquets ist sehr ballsicher und daher kaum pressinganfällig.

Mit seiner außergewöhnlich guten Ballbehandlung kann er sich beispielsweise schon beim ersten Ballkontakt nach vorne drehen oder das Leder entsprechend gut verteilen. Deshalb beschloss Heynckes, ihm eine waschechte Manndeckung zu verpassen. Übernommen hat diese „Drecksarbeit“ überraschenderweise Gomez, der sich damit in eine prominente Reihe manndeckender Stürmer einreiht. Landläufig wird er gerne als lauffaul hingestellt, diese Partie dürfte die Kritiker aber verstummen lassen. Bis zu seiner Auswechslung spulte Gomez knapp acht Kilometer ab. Nur 39 Pässe konnte Busquets bis dahin spielen – gemessen an den bisherigen Daten ein mehr als unterirdischer Wert.

Manndeckung gegen Xavi, Druck auf Iniesta

Es war aber nicht nur Gomez, der Busquets bedrängte, auch die Sechser oder Thomas Müller kümmerten sich situativ um ihn. Üblicherweise deckten die drei aber die Räume um ihn herum ab und schoben vorrauschend immer wieder auf Xavi und Iniesta. Bastian Schweinsteiger agierte dabei mannorientierter als seine Kollegen. Er nahm Xavi immer wieder in Manndeckung und war bemüht einen Mitspieler einzuteilen selbiges zu tun, wenn er selbst auf einen anderen Spieler ging (siehe rechts). Zwar kam Xavi unterm Strich auf 93 Ballkontakte, die meisten davon allerdings in der Schlussphase, als die Bayern den Druck lockerten.

Aufgrund der Manndeckungen gegen Busquets und Xavi schoben die Katalanen meist Iniesta die Kugel zu. Dieser hatte allerdings arge Probleme mit dem physisch starken Javi Martinez, der ihn immer wieder gut bedrängte und die Passwege nach vorne kappte. Nach Schweinsteiger hatte der Spanier gegen seine Landsleute die zweimeisten Tackles (sechs) und auch in der Luft war er nicht zu bewzingen. Müller hatte gewissermaßen eine Freirolle inne. Er lief meistens den ballführenden Spieler an und hatte im Schnitt den höchsten Schwerpunkt. Das machte ihn, neben den beiden Flügelspielern, zur primären Anspielstation nach Ballgewinnen.

Käfig um Messi

Spricht man über ein Spiel des FC Barcelona, kommt man nicht drum rum auch die Leistung von Messi anzusprechen. In der allgemeinen Betrachtungsweise kommt er dabei ziemlich schlecht weg. Nur 72 Mal berührte er das runde Leder, wobei auch hier zu berücksichtigen ist, dass er viele Ballkontakte in der letzten Viertelstunde verbuchte.

Da seine Unterstützer aus dem Mittelfeld wie oben ausgeführt arge Probleme hatten, ließ sich der Argentinier immer wieder zurückfallen um sich Bälle zu holen. Doch sobald er in Ballnähe war, ballte sich eine große rote Menge um ihn herum. Damit verhinderte man in den meisten Fällen ein Anspiel und zwang Barca das Spiel von hinten neu aufzubauen. Riskierten die Spanier einen Pass auf Messi, wurde dieser sofort von vielen Spielern isoliert (siehe rechts). Innerhalb kurzer Zeit war Barcelona bzw. Messi dann den Ball los.

Gefangen im Käfig konnte er so seine große Stärke, mit Tempo in Ballbesitz aufs Tor zu laufen, nicht ausspielen – eine Taktik, die man auch beim eingangs erwähnten Spiel in Mailand sah. Kam Messi in höhere Zonen wurde er vom entsprechenden Spieler – in Einzelfällen auch Alaba – in strenge Manndeckung genommen (siehe rechts). Zwar scheint diese Strategie auf den ersten Blick relativ blauäugig und altmodisch, mit der richtigen Intensität – wie es die Bayern taten – kann sie aber äußerst wirksam sein.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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