Der Champions-League-Neuling aus Aserbaidschan hat eine interessante Geschichte hinter sich. Von der sogenannten „Flüchtlingstruppe“, welche ihre Heimat verlassen musste, bis hin zu den Hoffnungsträgern... Neu in der Champions-League-Gruppenphase: Das ist Qarabag Agdam

Der Champions-League-Neuling aus Aserbaidschan hat eine interessante Geschichte hinter sich. Von der sogenannten „Flüchtlingstruppe“, welche ihre Heimat verlassen musste, bis hin zu den Hoffnungsträgern des aserbaidschanischen Fußballs, ist alles dabei. Diese Mannschaft hat ein modernes Fußball-Märchen vollbracht, obwohl die Vorzeichen dafür jahrelang mehr als schlecht standen.

Das Team aus dem Krisengebiet

Agdam, eine Stadt im Grenzgebiet zwischen Armenien und Aserbaidschan, hatte vor nicht einmal dreißig Jahren noch eine stolze Einwohnerzahl von knapp 30.000 Menschen. Im Heute, im Jahr 2017, sind von diesen Einwohnern alle verschwunden; einzig eine Hand voll armenischer Siedler sollen in den Ruinen der Stadt hausen. Aber woher rührt dieser Exodus einer Gesellschaft in einer einst florierenden Kleinstadt? Wir schreiben das 1988, eine Zeit des Umbruchs in Europa, in welcher auch der Bergkarabach-Konflikt eskalierte.

Bergkarabach, eine Region im Grenzgebiet zwischen Armenien und Aserbaidschan in dessen Herzen Agdam liegt, wurde zum Schauplatz blutiger Kämpfe, welche bis ins Jahr 1994 hinein dauerten und über 30.000 Tote forderten. Die aserbaidschanische Bevölkerung Agdams wurde dabei aus ihrer Stadt vertrieben, welche im Anschluss daran von den armenischen Separatisten unbewohnbar gemacht wurde, um eine spätere Rückkehr der Einwohner zu verhindern.

Der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan brach vollends aus, es kam zu Kriegsverbrechen und Massenmorden an der zivilen Bevölkerung. In dieser Zeit der Kriegswirren, erklärten die Separatisten Bergkarabach zu einer autonomen Republik, welche aber bis heute international nicht anerkannt wird. Ebenfalls bis heute dauern kleinere Kämpfe und Provokationen zwischen diesen beiden Ländern an, bei welchen erst im Vorjahr 120 Tote zu beklagen waren. Es versteht sich mittlerweile von selbst, dass Qarabag Agdam nicht mehr in seiner Heimatstadt bleiben konnte. Nach längerer Suche übersiedelte der Verein nach Baku und trägt seitdem seine Spiele dort aus.

Die Partien finden im Nationalstadion statt, welches nach dem berühmten Linienrichter Tofiq Bahramov benannt ist. Dieser Mann gab einst das Wembleytor, welches das WM-Finale 1966 zwischen England und Deutschland zu Gunsten der Briten entschied. Die „Flüchtlingstruppe aus Agdam“ fand somit eine neue Heimat, in der sie fern von Zuhause spielen dürfen, ihren Namen haben sie aber dennoch behalten.

Das Sportliche im Vordergrund

Agdam gewann seit der Gründung der Premyer Liqasi (Anm. erste Liga in Aserbaidschan) im Jahr 1992 bereits viermal den Meistertitel. Der Modus der Liga ist ähnlich wie in Österreich, es gibt jedoch nur acht Mannschaften, welche viermal gegeneinander spielen. Im Jahr 2014/15 qualifizierten sich die Aserbaidschaner erstmals für die Europa League und konnten diesen Erfolg in den beiden darauffolgenden Jahren wiederholen. Dabei errangen sie äußerst beachtliche Ergebnisse wie etwa einen 1:0-Auswärtssieg in Dnipropetrovsk, ein Unentschieden zu Hause gegen Monaco sowie zwei Siege PAOK Saloniki. Auch heuer starteten die Agdamer wieder den Versuch, erstmals in die Champions-League einzuziehen, was ihnen dabei auch als erster aserbaidschanischer Mannschaft gelang. Bei ihrem Weg in die Königsklasse konnten sie sich in Runde 2 gegen den FC Samtredia aus Georgien durchsetzen und in Runde 3 Sheriff Tiraspol aus Moldawien bezwingen. Im Play-Off wartete mit dem FC Kopenhagen ein schwerer Brocken. Nach einem 1:0-Heimsieg im Hinspiel, genügte das eine Auswärtstor bei der 1:2-Niederlage in Dänemark, um den größten Erfolg der Club-Geschichte zu erzielen. Dabei treffen sie in einer echten Hammergruppe auf AS Rom, Chelsea FC und auf Atletico Madrid.

Die Mannschaft

Trainer des Teams ist Goran Guranov, der bereits seit 2008 äußerst erfolgreiche Arbeit leistet. Das Team setzt sich zum größten Teil aus einheimischen Spielern zusammen, jedoch tummeln sich auch die ein oder anderen Legionäre in der Mannschaft. Hervorzuheben ist hierbei der zentrale Mittelfeldmann Richard, ein gebürtiger Brasilianer, welcher seit 2012 im Team spielt, mittlerweile auch die Staatsbürgerschaft Aserbaidschans hat und bereits drei Länderspiele für sein „neues“ Land absolviert hat. Rekordspieler des Vereins ist der albanische Linksverteidiger Ansi Agolli, welcher auch in den Quali-Spielen die Seite beackerte.

Rekordtorschütze ist Reynaldo, der aktuell vereinslos ist. Er traf in 124 Spielen ganze 60mal. Der Rekordnationalspieler Aserbaidschans, Rashad Sadygov, steht ebenfalls bei Qarabag unter Vertag. Weitere interessante Spieler des Vereins sind die Spanier Michel und Qunitana, die bereits seit über zwei Jahren im Verein sind. Im Sommer konnten außerdem mit Tarik Elyounoussi (Nationalität: Norwegen. Ex-Verein: TSG Hoffenheim) und Wilde-Donald Guerrier (Nationalität: Haiti) zwei Spieler geholt werden, die jeweils mehr als 40 Länderspiele für ihr Heimatland bestritten haben. Ebenfalls im Sommer neuverpflichtet wurden Offensivmann Pedro Henrique und Innenverteidiger Jakub Rzezniczak. Eine interessante Kaderkonstellation, bei der wohl die Legionäre im Rampenlicht stehen werden.

Was hat Österreich mit Qarabag zu tun?

Österreichische Kicker in der Historie des Vereins sucht man vergeblich. Eine kleine Gemeinsamkeit lässt sich aber bei Torhüter Miro Varvodic finden, denn der Kroate stand im Jahr 2012 in Agdam unter Vertrag und heuerte im Winter 2016/17 in Horn an. Nach dem Abstieg der Niederösterreicher verließ er den Verein jedoch wieder. Bei Spielen gegen heimische Truppen muss man ins Jahr 2014/15 zurückblicken. Dort standen sich RB Salzburg und Agdam in der dritten Runde der Champions-League-Qualifikation gegenüber. Dieses Duell entschieden die Mozartstädter knapp für sich, da sie nach einer 1:2-Hinspiel-Niederlage im Rückspiel zu Hause mit 2:0 gewinnen konnten.

Ein weiterer, interessanter Anknüpfungspunkt ist die Kooperation mit einem heimischen Verein. Qarabag Agdam besitzt mehrere Schwesternvereine, welche von den selben Geldgebern aus Aserbaidschan finanziert werden. Diese Vereine sind unter anderem RC Lens, Atletico Madrid und Karabakh Wien, welcher seit heuer in der Regionalliga Ost spielt. Ziel des ambitionierten Vereines ist es, mittels Geldmittel aus Aserbaidschan bis in die Bundesliga aufzusteigen. Dieses Vorhaben soll durch ehemalige Bundesligaspieler wie Christian Thonhofer, Daniel Wolf, Osman Bozkurt oder Ümit Korkmaz realisiert werden. Trainer des Teams ist übrigens Ex-Nationalspieler Volkan Kahraman.

Die Aussichten für die Zukunft

Ob sich Qarabag Agdam im europäischen Fußball etablieren kann, steht selbstredend noch in den Sternen, aber aufgrund der Leistungen in den letzten Jahren ist der Grundstein auf jeden Fall schon einmal gelegt worden. Aserbaidschan ist ein aufstrebendes Sportland, welches über ausreichend Geldmittel verfügt. Dies beweisen unter anderem der jährliche Formel1 Grand Prix in Baku, die Fußball-U17-EM 2016 oder die European-Games 2015 in Baku. Schwierig ist natürlich die politische Lage des Landes, da das Land autoritär regiert wird und der Konflikt mit Armenien noch immer aktuell ist. Als 2012 der European-Song-Contest in Baku gastierte, wurde das Land aufgrund dieser Punkte äußerst kritisch betrachtet. Natürlich schadet dieses Image auch der Liga und den Vereinen, und so ist es schwer, gute Spieler auf Dauer verpflichten zu können, um konkurrenzfähig zu bleiben. Nichtsdestotrotz ist der Fußball im Land im Kaukasus im Aufschwung, obwohl der Nationalsport das Ringen ist. Mit dem ein oder anderen Achtungserfolg in der Champions League könnte der Fußball aber eine immer gewichtigere Rolle in Aserbaidschan spielen.

Thomas Schützenhöfer, abseits.at

Thomas Schützenhöfer

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