Die Hinspiele im Halbfinale der Champions League zeigten zwei grundverschiedene Arten des Defensivspiels: auf der einen Seite die destruktive Variante im Spiel Manchester City... Zwei grundverschiedene Arten des Defensivspiels: Rückblick auf die CL-Halbfinalhinspiele

Champions League Stadion_abseits.atDie Hinspiele im Halbfinale der Champions League zeigten zwei grundverschiedene Arten des Defensivspiels: auf der einen Seite die destruktive Variante im Spiel Manchester City gegen Real Madrid, auf der anderen das hochintelligente Verteidigen von Atletico Madrid gegen Bayern München. Ein Rückblick.

Bayern finden erst im zweiten Durchgang ins Spiel

Nach dem Spiel gegen Atletico äußerten sich die Spieler von Bayern München auf die Frage, ob sie von der Atmosphäre im Vicente Calderon beeindruckt und von der Spielweise der Heimmannschaft überrascht waren unisono dahingehend, dass man gut eingestellt war und mit all dem gerechnet hätte. Als Zuschauer konnte man jedoch den Eindruck gewinnen, dies wäre eben nicht der Fall gewesen. Von der ersten Minute an jagten die Spieler von Diego Simeone die Guardiola–Truppe über den Platz. Die Münchner konnten sich spielerisch keine Luft verschaffen, ließen die Pressingresistenz vermissen und der Ball war meistens schneller vom Fuß, als die Bayern dieses Wort aussprechen konnten.

Hilflos und verängstigt wirkten Alaba, Lahm und Co. in der ersten Halbzeit, sodass man zweimal hinschauen musste, ob da nun wirklich der deutsche Rekordmeister auf dem Platz steht. Folgerichtig fiel in der 11. Minute das 1:0 für die Spanier nach einer tollen Einzelaktion von Saul Niguez. Der spanische U21-Nationalspieler narrte mit einem Sololauf die gesamte bayerische Hintermannschaft und vollendete dann abgezockt ins lange Eck.

Diese passive und beeindruckte Reaktion der Münchner auf das Pressing von Atletico ist insofern unverständlich, als dass Guardiola als detailbesessen gilt und seiner Mannschaft sicher mit auf den Weg gegeben hat, dass die Rojiblancos gerade in den ersten 15 bis 25 Minuten extrem hoch pressen und sich dann meist zurückfallen lassen. Aber gerade in dieser Zeit schwammen die eigentlich abgezockten Profis des FC Bayern gewaltig.

In der zweiten Halbzeit sah sich das Spiel der Bayern um einiges besser an. Der designierte deutsche Meister legte endlich die nötige Aggressivität an den Tag und spielte mutiger nach vorne. Bis auf einen Lattenschuss von dem in der Defensive teils etwas indisponiert wirkenden David Alaba, konnten aber keine weiteren hochkarätigen Chancen herausgespielt werden. Zum Glück für alle Bayern-Fans und neutralen Zuschauer konnte Atletico ihrerseits eine Großchance von Torres nicht nutzen, bei der die Bayern–Abwehr erneut Spalier stand, sonst wäre das Rückspiel wohl obsolet geworden. Wenn sich die Münchner in diesem aber nicht gewaltig steigern, scheidet man zum dritten Mal chancenlos gegen eine spanische Mannschaft im Halbfinale aus.

Magerkost in Manchester

Die spektakulärste Aktion des ganzen Spiels lieferten die City–Fans in Form einer beeindruckenden Choreographie vor dem Anpfiff. Dies sagt eigentlich alles über das Spiel aus.

City und Real standen für ihre Verhältnisse enorm tief. Nach vorne fiel beiden Mannschaften über weite Strecken des Spiels wenig bis gar nichts ein. Mag bei den Königlichen noch der Ausfall von Superstar Cristiano Ronaldo und die frühe Auswechslung von Karim Benzema als Ausrede herhalten, verschenkte Manchester City die große Chance sich in ihrem ersten Halbfinale in der Champions League eine bessere Ausgangsposition für das Rückspiel im Bernabeu zu erarbeiten.

Dieses Real Madrid präsentierte sich nämlich erneut alles andere als Unschlagbar. City spielte offensiv extrem statisch, wobei Sergio Aguero ein Totalausfall und Kevin Bruyne nach der Auswechslung von David Silva der einzige Aktivposten war. Das wohl angedachte Atletico–artige Pressing führten die Skyblues sehr unsauber aus, sodass Real eigentlich genug Räume geboten bekam, um zwischen die Ketten zu kommen, was aber am ihrerseits sehr tempoarmen Offensivspiel scheiterte.

Erst im letzten Drittel der Partie konnte sich Real, bei denen Toni Kroos mit einer Passquote von 98 Prozent ein gutes Spiel machte, einige Chancen erspielen. Kurz vor Schluss vergab Pepe die beste Chance, als er vollkommen frei im Fünfmeterraum zum Abschluss kam und an einem starken Joe Hart scheiterte.

Das Defensivverhalten von Atletico Madrid

Das Defensivspiel von Atletico Madrid zu loben, gleicht dem Tragen von Eulen in die griechische Hauptstadt. Viel wurde bereits im Vorfeld der Partie gegen Bayern diesbezüglich analysiert und ausgeführt. Trotzdem ist Variabilität und Intelligenz des Defensivverhaltens der „Colchoneros“ immer wieder beeindruckend anzusehen.

Wirklich jeder Spieler weiß, was er auf dem Platz zu tun hat und hat dabei immer den Gegner, den freien Raum und den eigenen Mitspieler im Blick. Als wäre diese Leistung kognitiv nicht schon anspruchsvoll genug, variiert das Simeone–Team scheinbar mühelos zwischen extrem hohem und sehr tiefem Pressing, zwischen Geduld und aggressivem Anlaufen.

Herausragend ist auch die Strafraumverteidigung auf engstem Raum. Selbst in der stärksten Drangphase der Bayern, schien die Null für Atletico nie in Gefahr. Die Defensivarbeit der Rojiblancos beweist, dass man keinen übermäßigen Ballbesitz braucht, um ein Spiel zu dominieren.

Ausblick auf die Rückspiele

 Es hat sich bereits in den letzten Wochen angedeutet und auch das Spiel gegen den FC Bayern konnte nicht das Gegenteil beweisen: Atletico Madrid ist ein großer Favorit auf den Gewinn des diesjährigen Champions-League–Wettbewerbs. Mit dem 1:0 gegen die Bayern haben die Spanier nicht mehr und nicht weniger als das Wunschergebnis erzielt. Gegen dieses Team zwei Tore zu erzielen, wird auch für die offensiv- und heimstarken Münchner sehr schwer werden. Die Colchoneros stehen nach dem Hinspiel mit mehr als nur einem Bein im Finale.

Mit einem fitten Ronaldo und Benzema befände sich Real im Rückspiel gegen City in leicht favorisierter Position. Ein 0:0 ist für ein Heimteam jedoch immer ein sehr trügerisches Ergebnis. Jedes Unentschieden mit Torerfolg der Gastmannschaft sorgt für das Ausscheiden – und Real präsentierte sich in den letzten Wochen vor allem international als sehr fragiles Gebilde. Einen klaren Favoriten auszumachen fällt bei den gezeigten Unzulänglichkeiten beider Mannschaften jedoch schwer. Nur eine Tatsache scheint gewiss: Der Gewinner dieser Paarung geht als wohl als Außenseiter in das Finale.

Ral, abseits.at

  • Peda

    Schöne Zusammenfassung, nur einen Punkt möchte ich schon kritisieren:
    „Diese passive und beeindruckte Reaktion der Münchner auf das Pressing von Atletico ist insofern unverständlich, als dass Guardiola als detailbesessen gilt und seiner Mannschaft sicher mit auf den Weg gegeben hat, dass die Rojiblancos gerade in den ersten 15 bis 25 Minuten extrem hoch pressen und sich dann meist zurückfallen lassen.“

    Zum einen muss man dem Greenkeeper ein großes Lob aussprechen. Das stumpfe und holprige Geläuf war für Atlético über die gesamte Spielzeit sehr hilfreich. Denn die Bayern hatten in ihrer Zirkulation große Mühe mit verhungernden Pässen und der Annahme sich verspringender Bälle.

    Zudem lässt die Analyse die zweite große Stärke Atléticos unberücksichtigt: Standard-Situationen.
    Dass die Bayern von der ersten Minute an darauf bedacht waren ja keinen Freistoß in der eigenen Hälfte herzuschenken, war doch eigentlich mehr als offensichtlich.

    In Verbindung mit dem erwartet aggressiven Pressing der Anfangsphase, der stockenden Zirkulation und natürlich auch der Atmosphäre, ließ man sich ordentlich die Schneid abkaufen.

    Sie aber deshalb als „hilflos und verängstigt“ zu bezeichnen ist lächerlich. Die wussten genau was abgeht und wie ihr Plan aussah, es dauerte aber einfach viel zu lange um Zweikampfintensität, Ballzirkulation und Rhythmuswechsel richtig anzupassen.