Der FC Liverpool ist Champions-League-Sieger 2019. Die Mannschaft von Jürgen Klopp setzte sich im Endspiel verdient mit 2:0 gegen die Spurs durch und konnte... Spielkontrolle ohne Ballbesitz: Liverpool gewinnt die Champions League

Der FC Liverpool ist Champions-League-Sieger 2019. Die Mannschaft von Jürgen Klopp setzte sich im Endspiel verdient mit 2:0 gegen die Spurs durch und konnte nach der verpassten Meisterschaft nun doch noch einen Titel holen. Jürgen Klopp konnte seinen „Final-Fluch“ ebenfalls ablegen und setzt seiner spektakulären Trainerlaufbahn damit endgültig die Krone auf.

Das Spiel selbst wurde natürlich erheblich vom Spielverlauf geprägt. Nach dem frühen Führungstreffer durch Mo Salah musste Tottenham das Spiel machen, während sich Liverpool auf das Spiel gegen den Ball und schnelle Vertikalangriffe fokussieren konnte. Die Reds kontrollierten dadurch das Spielgeschehen über die kompletten 90 Minuten, ohne wirklich viel den Ball haben zu „müssen“.

Wir analysieren dieses Endspiel und schauen uns im Detail an, warum Tottenham aus dem Plus an Ballbesitz (65%) kein Kapital schlagen konnte, wie Liverpool das Pressing aufzog und warum dieser Punkt die Entwicklung von Trainer Jürgen Klopp am besten wiederspiegelt.

Die Spurs finden keinen Zug zum Tor

Grundsätzlich steht die Mannschaft von Mauricio Pochettino wie kaum ein anderes Team für Tempo, Dynamik und Entschlossenheit. Ausgerechnet im größten Spiel der Pochettino-Ära bei den Spurs ließ die Mannschaft diese Eigenschaften komplett vermissen.

Der Start in dieses Finale war natürlich denkbar schlecht. Quasi mit einem 0:1-Rückstand in das Spiel zu gehen ist nicht nur schädlich für die Moral, auch der vorbereitete Matchplan von Pochettino wurde ad absurdum geführt. Durch den Rückstand waren Eriksen und Co. gezwungen, das Spiel zu machen und die Ballzirkulation anzutreiben. Liverpool machte währenddessen genau das, was sich Tottenham vermutlich über weite Strecken vorgenommen hatte: Sie zogen sich etwas zurück, ließen die Ballzirkulation in der ersten Aufbaulinie der Spurs bis auf ein paar Ausnahmen zu und wollten so das gegnerische Kollektiv herauslocken, um dann bei Ballgewinnen den schnellstmöglichen Weg zum Torabschluss zu finden.

Genau diese Konstellation war der ausschlaggebende Grund dafür, warum das Spiel von den meisten Beobachtern als „taktisch geprägt“ oder „vorsichtig“ bezeichnet wurde. Die Faktenlage in den ersten 45 Minuten war so, dass Liverpool nicht unbedingt mehr musste, Tottenham aber auch nicht wirklich konnte. Dazu kam, dass die Spurs in der ersten Halbzeit nicht schon das Risiko erhöhen konnten, weil Liverpool dann vermutlich das Spiel mit ihrer Umschaltstärke über den Dreier-Sturm schon viel früher entschieden hätte.

Auf dem Feld sah die Struktur im ersten Durchgang überwiegend wie folgt aus:

Mauricio Pochettino setzte dabei auf eine 4-2-3-1-Grundordnung. Winks und Sissoko besetzten dabei die beiden Sechserpositionen. Alli begann auf der Zehn, während Son und Eriksen die Flügelpositionen einnahmen. Mit ganz unterschiedlichen Interpretationen, wie wir noch sehen werden. Der wiedergenesene Harry Kane gab die klassische Neun im Sturmzentrum. Dies bedeutete gleichzeitig auch, dass der Held vom Halbfinale, Lucas Moura, zunächst nur auf der Bank Platz nehmen musste.

Die Spurs bauten aufgrund der vorherrschenden Spielcharakteristik das Spiel natürlich flach aus der eigenen Abwehr heraus auf. Die Innenverteidiger positionierten sich dafür jeweils an den Ecken des Sechzehners, die Außenverteidiger blieben konstant breit und schoben auf Höhe der beiden Sechser vor. Winks und Sissoko wiederum bewegten sich recht flexibel im Sechserraum und versuchten mit den verschiedensten Abkippbewegungen (Winks ließ sich einige Male zwischen die Innenverteidiger fallen, Sissoko kippte auf halbrechts heraus und wollte so Trippier unterstützen) das Spiel und den Ball in höhere, torgefährlichere Zonen zu transportieren.

Die vorderste Linie besetzte Pochettino mit vier Spielern. Son hielt auf links die Breite und besetzte mit Rose die Flügelzone doppelt, Eriksen auf rechts interpretierte seine Rolle aufgrund seiner Fähigkeiten als Spielmacher gänzlich anders und rückte von rechts weit in den Halbraum bzw. ins Zentrum ein. Zehner Alli besetzte häufig den Zwischenlinienraum hinter Liverpools Achter Henderson, während Mittelstürmer Kane in diesem Zusammenhang mit seiner Position zwischen den beiden gegnerischen Innenverteidigern zusätzlichen Raum für Alli freiziehen sollte.

Die Raumaufteilung war daher eigentlich ziemlich orthodox und klar. Warum die Spurs ihre PS aber nicht auf die Straße bringen konnten lag daran, dass sie den Übergang aus dem ersten Drittel heraus nicht konstant bewerkstelligen konnten und die Offensivspieler dadurch zu häufig in der Luft hingen. Dies hatte mehrere Gründe. Der entscheidende Punkt war aber, dass Liverpool jene zentralen Räume extrem kompakt und aufmerksam verteidigte, in denen die Londoner gerne ihre Angriffe ausgespielt hätten.

In der Grafik ist gut zu erkennen, wo die Wurzel des Übels lag. Liverpool keilte den Sechserraum rund um Sissoko und Winks regelrecht ein. Fabinho, Henderson und Wijnaldum postierten sich im zentralen Mittelfeld sehr eng zueinander und deckten das Zentrum und die Halbräume damit ab. Die Sturmreihe davor stand natürlich nicht in so engen Abständen zueinander, aber alle drei Akteure konnten mit ihrem intelligenten Stellungsspiel Zugriff auf drei gegnerische Positionen herstellen: auf den jeweiligen Innenverteidiger, Außenverteidiger und den Sechser. Im Verbund sorgten diese sechs Spieler (und vor allem auch dank ihrer Deckungsschatten) dafür, dass Tottenham das Spiel nicht über den Sechserraum aufbauen konnte und dadurch auch nicht die Sturmlinie in Szene setzen konnte.

Zusätzlich sorgten die Deckungsschatten der beiden Achter Henderson und Wijnaldum dafür, dass vertikale Pässe der Innenverteidiger durch diesen Block auf Eriksen und Alli in den Zwischenlinienraum nicht möglich waren. Oder einfach ausgedrückt: Tottenham besetzte das Zentrum, Liverpool verteidigte es.

Auch die vereinzelten Abkippbewegungen von Sissoko aus dem toten Sechserraum heraus auf die rechte Seite verpufften, weil einerseits die rechte Seite nur einfach durch Trippier besetzt war und die Fortsetzungsmöglichkeiten dadurch äußerst eingeschränkt waren, andererseits die diagonalen Passwege zu den anderen Offensivspielern zugestellt waren.

An und für sich war auch das Einrücken von Eriksen kein schlechter Schachzug von Pochettino. Dadurch zog Eriksen den Linksverteidiger Robertson weit ins Zentrum, der mit ihm mitgehen musste. Die Überlegung dahinter war, das gesamte Spiel durch die Überladungen in diese Zonen zu ziehen, um dann mit einer Verlagerung auf die freigezogene rechte Seite hinter die Liverpooler Abwehr zu kommen. Nur praktisch funktionierte dieser Gedanke äußerst selten, weil die Druckkomponenten von Liverpool am Flügel zu hoch waren.

Wie eingangs erwähnt, trug diese Konstellation wesentlich dazu bei, dass die Zuseher in Madrid über weite Strecken ein chancenarmes Finale zu sehen bekamen. Aber es lag natürlich nicht allein an der Unfähigkeit der Spurs. Das Spiel gegen den Ball von Liverpool war erneut auf einem sehr hohen Niveau und es war in jeder Situation zu sehen, dass alle elf Akteure die Pressing-Philosophie von Jürgen Klopp vollends verinnerlicht haben. Und anhand des Pressings ist auch am besten die Entwicklung von Jürgen Klopp nachzuvollziehen.

Spielkontrolle ohne Ballbesitz

Es gibt zig verschiedene Möglichkeiten, ein Fußballspiel zu „kontrollieren“. Das ist klarerweise eine Frage der Philosophie. Während andere Trainer die Kontrolle des Spiels ausschließlich über den Besitz des Balles festmachen, zeigen andere Trainer immer wieder, dass man auch ohne Ballbesitz das Spiel im Griff haben kann. Jürgen Klopp ist im internationalen Fußball mit Sicherheit einer derer Trainer, die das Spiel gegen den Ball im vergangenen Jahrzehnt auf ein anderes Niveau gehoben haben.

Gleichzeitig ist in der Betrachtung immer wieder der Fehler gemacht worden, ihn ausschließlich auf Pressing und Gegenpressing zu reduzieren. Dass er aber auch mit Ballbesitz umgehen kann, zeigt er nicht nur jetzt in Liverpool, sondern auch in Dortmund hatte er diesbezüglich bereits sehr gute Phasen. Den Ballbesitz versteht er dabei nach wie vor nicht als Philosophie, sondern vielmehr als Werkzeug, um effektiv vor das gegnerische Tor zu gelangen.

Im Champions-League-Finale konnte man diese Facetten perfekt beobachten. Die Reds standen mit ihrer 4-3-3-Grundordnung defensiv sehr stabil, verteidigten das Zentrum kompakt, ließen sich aber auch nicht herauslocken. Vielmehr streuten sie vereinzelt gute Angriffspressing-Phasen ein, mit denen der Rhythmus des Gegners gebrochen werden konnte. Dadurch konnte auch vermieden werden, dass Liverpool zu passiv geworden wäre.

Diese Herangehensweise zeigt auch, dass Jürgen Klopp in England etwas pragmatischer, reifer geworden ist. Er praktiziert nicht mehr Angriffspressing um jeden Preis, vielmehr geht es um einen ökonomischen und effizienten Einsatz gewisser taktischer Stilmittel, die Klopp selbst über die Jahre mitentwickelt hat.

Die Vorteile des engmaschigen 4-3-3-Mittelfeldpressings gegen die Aufbaustruktur von Tottenham haben wir bereits herausgearbeitet. Aber es gab wie erwähnt immer wieder den Übergang ins aktive Pressing, den wir anhand von vier exemplarischen Szenen analysieren.

Die Ausgangssituation bei Ballbesitz Lloris. Liverpool formiert sich im 4-3-3, die Innenverteidiger von Tottenham werden zunächst offengelassen (wobei Abstöße prinzipiell komplett zugestellt wurden, Tottenham aber trotzdem flach aufbaute), um kurze Anspiele zu provozieren. Das Zentrum ist zugestellt, Salah und Mane positionieren sich zwischen den gegnerischen Innen- und Außenverteidigern.

Der Pass von Lloris kommt auf den rechten Innenverteidiger Alderweireld. Sadio Mane agiert sozusagen als Pressingauslöser. Er läuft Alderweireld bogenartig von außen nach innen an, um den Passweg auf den ballnahen Außenverteidiger Trippier zuzustellen und einen horizontalen Pass auf den zweiten Innenverteidiger zu provozieren. Im Zentrum ist die Zuordnung weiterhin klar und wird umso mehr mannorientiert, je intensiver das Anlaufverhalten von Mane und Salah wird. Roberto Firmino agiert da schon leicht nach hinten versetzt und orientiert sich an einem gegnerischen Sechser. Unterstützung erhält er von den nachrückenden Achtern und Fabinho, die als Unterstützungsspieler den Druck hochhalten müssen.

Der Pass kommt auf Vertonghen, auf den Mo Salah eigentlich nur gewartet hat. Der große Vorteil besteht für Salah jetzt darin, dass er einen sehr guten Anlaufwinkel hat. Soll heißen, die Fortsetzungsmöglichkeiten für Vertonghen sind sehr stark eingeschränkt. Ähnlich wie Mane zuvor behält Salah den linken Außenverteidiger im Deckungsschatten, der zeitliche Druck ist aber noch einmal wesentlich höher als zuvor. Im gegnerischen Sechserraum kommt es zu lokalen Manndeckungen, damit Tottenham nicht flach die erste Pressinglinie überspielen kann. In diesem Fall kam Winks entgegen, woraufhin Henderson ihm folgte. Firmino orientierte sich am zweiten Sechser Sissoko, weshalb der ehemalige Hoffenheimer in diesen Situationen häufig als Zehner fungierte.

Vor allem gegen spielerisch starke Mannschaften kommt es einige Male vor, dass mit einem Chip-Ball (meist vom Torhüter) der temporär freie Außenverteidiger angespielt wird. Aber auch darauf hat Klopp einen eingespielten Mechanismus. Der ballnahe Achter schiebt dann aggressiv auf den Flügel heraus, der Sechser und der ballferne Achter schieben zur Ballseite nach und versuchen die Passwege ins Zentrum zuzustellen. Mittelstürmer Firmino orientiert sich am ballnahen Sechser, während Salah und Mane in der Rückwärtsbewegung automatisch den ballnahen Innenverteidiger in ihren Deckungsschatten nehmen. Der ballferne Flügelspieler (in diesem Fall Mane) entscheidet dann situativ, ob er sich in die Kette zurückfallen lässt oder hoch bleibt und auf Umschaltmomente zockt.

In diesen Situationen geht es Liverpool nicht um den aktiven Ballgewinn, sondern vielmehr um die Verschleppung des gegnerischen Angriffes und das Zustellen der direkten Wege zum eigenen Tor. Häufig kippt dann der ballführende Außenverteidiger nach hinten ab und baut das Spiel wieder über die Innenverteidiger auf, womit wir wieder bei den ersten drei Pressing-Konstellationen wären.

Fazit

Es hat mit Sicherheit schon spannendere und spektakulärere Endspiele gegeben. Aber der Spielverlauf und die Grundeigenschaften dieser beiden Mannschaften haben dieses Finale zu dem gemacht, was es letztlich geworden ist. Der Sieg für Liverpool geht völlig in Ordnung, weil sie das auf den Platz gebracht haben, was notwendig war. Nicht mehr und nicht weniger. Das Fundament war mit Sicherheit das solide Spiel gegen den Ball, mit dem sie Spiel und Gegner kontrollierten. Bei den Spurs mangelte es schlichtweg an Qualität und Durchschlagskraft, auch ein Stück weit an Kreativität. Sie bekamen die Probleme im Spielaufbau nicht gelöst, wirkten teilweise statisch und bekamen deshalb nie die notwendige Schärfe in ihr Spiel. Ob Harry Kane wirklich die bessere Besetzung im Sturmzentrum als Lucas Moura war, darf man im Nachhinein zumindest leicht anzweifeln. Aber auf jeden Fall hat die Champions League mit dem FC Liverpool einen mehr als würdigen Sieger.

Sebastian Ungerank, abseits.at

Sebastian Ungerank