Am zweiten Spieltag der UEFA Champions League trat der FK Austria Wien in St. Petersburg gegen Zenit an. Die Erwartungshaltung gegenüber dem österreichischen Meister... Torloses Remis gegen schwaches Zenit – Austria holt ersten Punkt in der Champions League

Nenad Bjelica - FK Austria WienAm zweiten Spieltag der UEFA Champions League trat der FK Austria Wien in St. Petersburg gegen Zenit an. Die Erwartungshaltung gegenüber dem österreichischen Meister war aufgrund der letzten Tage äußerst niedrig. Doch entgegen aller Befürchtungen verkauften sich die Veilchen sehr teuer, holten im Petrowski Stadion ein 0:0-Untentschieden und schrieben in der Champions League an.

Wie schon im Auftaktspiel gegen den FC Porto zeigte sich die Wiener Austria extrem engagiert und lauffreudig, hatte zudem wieder einige gute Torchancen. Dennoch verlief die Partie anders. Die Austria begann abwartend und wurde erst nach dem harten Ausschluss gegen Axel Witsel kurz vor der Pause offensiver. Zudem zeigte sich Zenit taktisch nicht so stark wie Porto, was die Punkteteilung auch in dieser Hinsicht verdient erscheinen lässt.

Ähnliche Achter und variable Angriffsreihe

Wie nach der Teaminfo bereits zu erwarten war schickte Zenit-Coach Luciano Spalletti sein Team in einer 4-2-3-1-Grundformation aufs Feld. Rechtsverteidiger Igor Smolnikov ersetzte dabei auf der linken Seite den starken Cristian Ansaldi und übernahm dessen offensiven Aufgaben. Er spielte sehr hoch, was mit der Rolle seines Vordermanns zusammenhing. Danny ging oft ins Zentrum, bespielte phasenweise den Zehnerraum, weswegen Smolnikov Breite anbieten musste. Hinter Stürmer Aleksandr Kerzhakov begann nicht Andrey Arshavin sondern Oleg Shatov, der im Offensivspiel die Zentralachse oft verließ um auf den Seiten zu unterstützen.

Hinter der offensiven Dreierreihe, die von Superstar Hulk ergänzt wurde, agierten mit Witsel und Viktor Fayzulin zwei ähnliche Spieltypen als Doppelacht. Die beiden sollten das Kombinationsspiel von Zenit im Fluss halten und waren die ersten Anspielstationen im Spielaufbau. Bis zu Witsels roter Karte hatte niemand mehr Ballkontakte als der Belgier (48), am Ende hatte Fayzulin mit deren 96 die Topposition inne.

Bjelica stellt Grundformation um

Auch Austria-Trainer Nenad Bjelica schickte seine Elf in einer 4-2-3-1-Grundordnung in die Partie. Neben einigen verletzten Akteuren hörte auch der formschwache Tomas Jun die Champions League-Hymne nur von außerhalb des Spielfelds. Der Tscheche wurde von Marin Leovac ersetzt, was eine veränderte Ausrichtung am linken Flügel zur Folge hatte. Jun ist in aller Regel der höchste Mittelfeldspieler, zieht gerne ins Sturmzentrum und schließt ab. Leovac spielte tiefer und sollte seinen Hintermann in der Defensive gegen Hulk unterstützen. Im Zentrum gab es mit Tomas Simkovic als Zehner, Florian Mader als Achter und James Holland als Sechser eine klare Staffelung.

Die Außenverteidiger agierten ähnlich wie jene bei Zenit. Während der rechte – bei Zenit Aleksandr Anyukov, bei der Austria Fabian Koch – eher zurückhaltend und konservativ spielte, traute sich der linke mehr zu. So schlug Markus Suttner sechs Flanken und legte darüber hinaus vier Torschüsse auf – bei keinem anderen Spieler waren es mehr. Im Sturm begann Philipp Hosiner, der sich einmal mehr läuferisch voll verausgabte, was rund 12 zurückgelegte Kilometer – für einen Stürmer ein enorm hoher Wert – eindrucksvoll dokumentieren, im Abschluss aber glücklos blieb.

FAK-Abwehr hält individueller Klasse stand

Die Umstellung, die das meiste Aufsehen erregte, war allerdings die Nominierung von Christian Ramsebner als Ersatz für den angeschlagenen Kaja Rogulj. Für den 24-jährigen Innenverteidiger war es das Pflichtspieldebüt für die Wiener Austria und es sollte ein äußerst starker Einstand werden. Ramsebner kam auf überragende 16 Clearances, zwei Interceptions, einem erfolgreichen Tackle sowie zwei geblockten Schüssen. Dabei rückte er mit dem arbeitsamen Kerzhakov auch aus dem Abwehrzentrum heraus und ließ den Russen kaum Luft zum Atmen. Ähnliches gilt für seinen Nebenmann Manuel Ortlechner, der auf ähnliche Werte kam, bzw. generell die gesamte Austria-Defensive.

Die linke Grafik gibt einen Überblick über die Defensivaktionen der Austria. Was ins Auge sticht ist, dass die Wiener im und rund um den Strafraum extrem viele erfolgreiche Aktionen hatten. Hervorgerufen wurden diese allerdings nicht von taktisch anspruchsvollen Kombinationen von Zenit, sondern in erster Linie von Einzelaktionen der individuell starken Russen. Insbesondere von Hulk, der mit Danny für 18 der 20 Dribblings (rechts) verantwortlich war, ging viel Gefahr aus. Der Brasilianer zog immer wieder vom Flügel nach Doppelpässen zur Mitte und schoss am öftesten aufs Tor.

Schwaches Aufbauspiel von Zenit

Dass Zenit so stark auf die individuellen Fähigkeiten der einzelnen Spieler angewiesen ist, liegt am gruppentaktisch schwachen Aufbau- und Offensivspiel. Die Abstände zwischen den einzelnen Sektionen der Russen sind meist zu groß um ein flüssiges und schnelles Kombinationsspiel aufzuziehen, was das Pressing der Austria nicht so schlecht aussehen ließ wie gegen Porto. Fairerweise muss jedoch auch erwähnt werden, dass sich Austrias Spiel gegen Ball etwas anders zeigte. Die Veilchen pressten im 4-4-2 und standen tiefer, wodurch die beiden Viererketten näher zusammenrückten. Dennoch suchten und pressten sich die Zenit-Offensivspieler in den Zwischenlinienraum.

Hier sieht man eine beispielhafte Szene. Die Austria steht in ihrer 4-4-2-Pressingordnung, verschiebt kompakt zum aktiven Flügel und formt dort eine Abwehrsichel, indem die ballseitigen Außenspieler nach vorne schieben. Zenit bringt drei Spieler in Nähe des zentralen Zwischenlinienraums, während die ballnahen Außenspieler zugestellt sind. Für den ballführenden Spieler scheint daher ein Wechselpass sehr einladend, zumal dort zwei Mitspieler freistehen. Allerdings fehlt im Zentrum ein Mitspieler, der eine sichere Verlagerung garantieren würde. Will der Ballführende also schnell die Seite wechseln, muss er den Ball direkt dorthin spielen. Dieser Pass ist jedoch auch für die Gäste offensichtlich, so dass Hosiner das Zuspiel abfängt und im Gegenzug eine gute Torchance vorfindet.

Ein weiteres Beispiel für das schlechte Aufbauspiel und die zu großen Abstände nach vorne sieht man in diesem Bild, das noch ein weiteres Problem im Aufbauspiel von Zenit zeigt. Zwar formen sie situativ wie weitverbreitet eine Dreierkette, jedoch positionieren sich die Spieler nahe aneinander anstatt sich breit aufzufächern. Dadurch kann die Austria alleine mit zwei Angreifern Druck auf das Aufbauspiel ausüben. Witsel würde zwar freistehen, jedoch ist ein Pass auf ihn für den Innenverteidiger kaum zu bewerkstelligen, da er sofort von den beiden FAK-Angreifern angelaufen werden würde. Er dreht deshalb sein Sichtfeld nach außen, wo jedoch bereits die beiden Außenspieler der Austria auf das Zuspiel zum Außenverteidiger warten.

Austria in Überzahl offensiver

Diese Probleme verdeutlichten sich in der zweiten Halbzeit, als Zenit nur mehr zu zehnt war, da mit Witsel das einzige Bindeglied wegbrach. Zwar brachte Spalletti mit Roman Shirokov anstelle von Shatov einen nominell tieferen Spieler, dieser spielte jedoch zunächst auch zu hoch, weswegen Fayzulin ständig unter Druck geriet. Aber auch mit dem Ball wurde die Austria in der zweiten Halbzeit offensiver und selbstbewusster, was die nachstehende Grafik eindrucksvoll verdeutlicht.

Spielten die Wiener in der ersten Halbzeit lediglich 119 Pässe im zweiten und dritten Drittel, waren es nach dem Seitenwechsel 192. Was besonders auffällt ist, dass es die Austria vermehrt über die rechte Abwehrseite von Zenit versuchte. Hulk ging nämlich kaum mit nach hinten, was es den Violetten ermöglichte, diese Zone mit Suttner, dem eingewechselten Thomas Murg und Simkovic zu überladen. Aus diesen Situationen entstanden unter anderem ein Kopfball von Hosiner und ein Weitschuss von Suttner in den letzten Minuten.

Andererseits eröffnete diese mutigere Spielweise der Austria dem Gegner gute Kontermöglichkeiten, die starke Individualisten wie jene von Zenit gerne in Tore ummünzen. So konnte Zenit in der letzten Viertelstunde des Spiels sogar ein leichtes Plus bei den Schüssen verbuchen. Jedoch spielten sie ihre Möglichkeiten nicht konsequent zu Ende bzw. wurden von der leidenschaftlich kämpfenden FAK-Hintermannschaft abgeblockt, weswegen das Spiel mit dem verdienten, torlosen Unentschieden beendet wurde.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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