Der moderne Fußball ist geprägt von Kommerz, Mäzenatentum und Oligarchen, die Vereine kaufen, nach Lust und Laune führen und wieder abgeben. Das globale Wettrüsten... 1.FC Union Berlin – ereignisreiche Jahre im Osten Berlins

Der moderne Fußball ist geprägt von Kommerz, Mäzenatentum und Oligarchen, die Vereine kaufen, nach Lust und Laune führen und wieder abgeben. Das globale Wettrüsten und -vermarkten hat einige Opfer abgeworfen. Vereine, die nicht mithalten konnten, in Konkurs gehen, abstürzen oder verkauft und im Sinne des Besitzers und Geldgebers zweckgemäß umgekrempelt werden. Auch der FC Union Berlin war Opfer und vom Konkurs bedroht. Doch innovative Funktionäre und engagierte Fans retteten den Verein und schlugen einen einzigartigen Weg ein, der steinig war und nach wie vor ist. An einer soliden Basis für eine langfristige sportliche und wirtschaftliche Entwicklung wurde in den letzten 10 Jahren eisern gearbeitet. Trotz einiger Rückschläge.

Donnerstag, 28.04.2005, 19.30 Uhr: In der 33. Runde der Regionalliga Nord treffen die beiden „Ost-Clubs“ Union Berlin und der Chemnitzer FC im altehrwürdigen Stadion „An der alten Försterei“ aufeinander. Die Köpenicker, deren Heimstätte am Rande der Wuhlheide im Osten Berlins liegt, haben noch minimale Chancen die Klasse (damals 3.Leistungsstufe) zu halten, der Chemnitzer FC steht bereits als Absteiger fest und kann ohne Druck aufspielen. Ein scheinbar unbedeutendes Spiel. Doch an diesem Abend wurden zwei entscheidende Weichen in der jüngeren Geschichte des  legendären Kult-Clubs der „Schlosser-Jungs von der Oberspree“ gestellt:

Der Absturz in den Amateurfußball

Das Spiel des FC Union Berlin gegen Chemnitz endete 1:1 und die Chemnitzer Fans im Gästesektor skandierten: „Wir steigen ab und nehmen euch mit“ – und hatten Recht damit. Union Berlin, im Vorjahr erst aus der zweiten Liga abgestiegen, hatte mit dem Remis die letzte Chance auf den Klassenerhalt in der Regionalliga Nord verspielt. 19 Punkte können in 5 Runden bekanntermaßen nicht mehr aufgeholt werden. In der kommenden NOFV-Nord-Saison warteten nicht nur Amateur- und Nachbarvereine, sondern auch lokale Gegner und verhasste Rivalen: Der BFC Dynamo, einst protegierter Lieblingsklub der DDR-Staatsgrößen, war inzwischen längst zur sportlich unbedeutenden Größe in Berlin verkommen. Doch die Rivalität zum alten „Staatsfeind“ Union Berlin und die Tatsache, dass der BFC Dynamo inzwischen von politisch radikalen und äußerst gewaltbereiten Hooligans unterwandert worden war, sorgten auch für mediales Interesse der Berlin-Derbys zwischen Union und BFC in der Saison 2005/06 der eigentlichen Amateur-Liga NOFV-Nord. Sowohl das Hinspiel, als auch das Rückspiel boten den Medien dann auch Anlass zur Berichterstattung: Das bei sommerlicher August-Hitze im vollen Stadion an der alten Försterei durchgeführte erste Duell verlief zwar friedlich im Stadionumfeld, lieferte aber eine sportliche Sensation: 8:0 gewann der FC Union Berlin zur Genugtuung der Fans. Das Rückspiel beim BFC Dynamo im darauffolgenden Frühjahr 2006 musste nach einem Platzsturm der BFC-Hooligans und dem einhergehenden Angriff auf den Sektor mit den Union-Fans abgebrochen werden. Die Bilder dieser Ausschreitungen brachten ganz Fußball-Deutschland Sorgen vor schlechter internationaler Presse – schließlich stand die Heim-WM im eigenen Land vor der Türe und eine Sicherheitsdiskussion drohte auszubrechen.

Der Neuaufbau mit „Texas“

Doch mit dem Spiel gegen Chemnitz am 28.4.2005 wurde nicht nur der Abstieg aus der Regionalliga besiegelt. Der Verein sorgte für großen Jubel der Fans im Stadion: Daniel Teixeira wurde überraschend als Neuzugang für die kommende Saison vorgestellt. Jener „Texas“, der 2001 den FC Union Berlin in die zweite Liga und ins DFB-Cupfinale gegen Schalke (und damit in den Europapokal) geschossen hatte. Ein halbes Jahr hatte er nur für Union gespielt, doch für die Fans war er das Symbol dieser erfolgreichen Zeit und damit das perfekte Signal für eine erfolgreiche Zukunft und einen optimistischen Neustart in der 4. Leistungsstufe. Daniel Teixeira erfüllte die Hoffnungen der Fans: In der NOFV-Nord erzielte er 2005/06 in 27 Spielen 24 Tore und hatte maßgeblichen Anteil am Wiederaufstieg in die Regionalliga. Mit dem ehemaligen Champions-League-Sieger Jörg Heinrich (ehemals Borussia Dortmund) hatte Union Berlin in der Oberliga übrigens auch einen zweiten prominenten Routinier in der Mannschaft.

Die Leidensfähigkeit der Fans

Der Schrecken des Absturzes in die Tiefen des Amateurfußballs war also nur ein kurzer. Die Fans durchtauchten dieses Tief tapfer, schließlich ist man Bluten für Union gewohnt. „Bluten für Union“ war eine Spendenaktion der Fans, die dem Verein einige Monate vorher das Überleben in letzter Sekunde gesichert hatte. Bereits zu DDR-Zeiten hatten es die Unioner nicht leicht. Größtenteils sympathisierten Regime-Gegner mit dem FC Union Berlin, der daher nicht unbedingt in der Gunst der Staatsgrößen stand und sportlich klein gehalten wurde. Union war eine Fahrstuhlmannschaft. Dennoch wurde dem Verein nicht von DDR-Funktionären das Licht abgedreht, sah man die Union-Spiele doch als Gelegenheit, alle Systemkritiker zu identifizieren und im Blick zu haben. Auch die Polizei war der Meinung, dass zu Union nur jene kommen, die gegen den Staat sind und war daher bei Union-Spielen stets überpräsent. Union war ein heißes Eisen – nicht nur bei Spielen gegen den DDR-Oberliga-Rekordmeister BFC Dynamo, wo Stasi-Chef Erich Mielke selbst Ehrenvorsitzender war. Wo auch immer Union antrat, man wurde kritisch beäugt und klein gehalten. Wie die meisten Klubs aus der ehemaligen DDR hatte es Union aber dann auch nach der Wende schwer. Es dauerte einige Jahre um im neuen Ligasystem Fuß zu fassen – sportlich wie wirtschaftlich.

Die letzten Jahre

Mit dem Abstieg in die Oberliga 2005 und dem geglückten Wiederaufstieg in die Regionalliga Nord gelang dem Verein – immer mit Hilfe der Fans – eine wirtschaftliche „Entschlackung“.  Sportlich ging es nicht steil, aber stetig bergauf: Im ersten Regionalliga-Jahr wurde souverän die Klasse gehalten. Im zweiten Jahr war es wichtig, einen der Plätze im oberen Drittel zu erreichen, um in der neu gegründeten 3.Liga Deutschlands spielen zu dürfen. Dass dies gelungen ist, war wohl einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg nach oben. Es folgte der sensationelle Meistertitel in der ersten Saison der neuen 3.Profi-Liga Deutschlands. Ein Meistertitel für Union Berlin – Belohnung für die eisernen Fans im Stadion an der alten Försterei! In der damit erreichten zweiten Liga konnte man sich inzwischen etablieren. Solide Platzierungen im Mittelfeld der Liga ohne großer Abstiegsgefahr folgten in den ersten Jahren. Der Saisonstart 2012/13 verlief zwar unglücklich, doch die Mannschaft konnte sich inzwischen wieder fangen und arbeitet sich derzeit wieder nach oben. Dank dem neuerlichen Abstieg der Hertha darf man auch wieder prestigeträchtige Derbys austragen. Der traurige Tiefpunkt 2005 mit dem besiegelten Abstieg in die Oberliga ist längst bewältigt und die Blicke sind nach vorn gerichtet. „Schulter an Schulter ziehen wir gemeinsam für Eisern Union“ – wie vor jedem Heimspiel gemeinsam mit Nina Hagen mit dem Singen der Vereinshymne bekräftigt wird.

Stadion An der alten Försterei

Doch die Aufstiege der letzten Jahre zurück bis in die zweite Liga brachten auch ein Problem mit sich: Das Stadion hatte ein Ablaufdatum, entsprach nicht den Richtlinien des DFB. Wem gehört das Stadion, wer darf planen, wer bezahlt einen Umbau? Der Verein schaffte die grundlegenden Dinge: Eine rechtliche Situation, die den eigenmächtigen Umbau des Stadion ermöglichte. Durchgeführt haben dies dann die Fans. Wer Zeit hatte half mit beim Umbau, wer Kompetenzen und Know-How hatte, brachte sich ein. Ehrenamtliche Bauarbeiter und ehrenamtliche Helfer (z.B. auch RentnerInnen als KöchInnen) packten zusammen an. So wurde das Stadionprojekt zum Werk und Herzen der Union-Philosophie. Wo sonst gibt es so einen Einsatz von Fans, so ein identitätsstiftendes Merkmal wie das eigenhändig renovierte Stadion „An der alten Försterei“, das den wichtigsten Ansprüchen gerecht wird und sich gleichzeitig von  den vielen modernen Fußball-Einheitstempeln abhebt?

FC Union Berlin – ein Kult-Club

Inzwischen werden bereits so viele Vereine als Kult-Clubs bezeichnet, dass es fast schon ungerecht ist, für Union dieselbe Bezeichnung zu verwenden. Denn Union ist unbestritten ganz besonders. Die Lage in Köpenick, das Engagement der Fans in vielerlei Hinsicht, Aktionen wie das Weihnachtssingen im Stadion, die Vereinshymne von Nina Hagen, die unglaubliche – mit den politischen Verhältnissen verstrickte – Geschichte und die tolle Atmosphäre in der Kurve machen den FC Union Berlin einzigartig. Echte Fans brauchen keine großen Titel für die Vitrine im VIP-Bereich, keine glorreichen Champions-League-Vergangenheiten und internationalen Superstars. Bei Union sind die Fans die Helden. Eisern!

 

Wer mehr zur Geschichte von Union im 20. Jahrhundert erfahren will:

Luther, J. & Willmann, F.: Und niemals vergessen – Eisern Union! BasisDruck-Verlag, Berlin 2000;

Matthias Pokorny, abseits.at

Matthias Pokorny

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