Der 25-jährige Schlangenfan war einmal linker Mittelfeldspieler. Marcel Koller funktionierte ihn beim VfL Bochum zum Linksverteidiger um. Das ist er unter Thomas Tuchel, Ralf... Das Fuchs-Problem

Der 25-jährige Schlangenfan war einmal linker Mittelfeldspieler. Marcel Koller funktionierte ihn beim VfL Bochum zum Linksverteidiger um. Das ist er unter Thomas Tuchel, Ralf Rangnick und Huub Stevens geblieben. Vor allem Stevens ließ sich gegen Topteams etwas einfallen, um Christian Fuchs’ defensive Schwächen zu kaschieren.

Ralf Rangnick hatte einen Punkteschnitt von 1,7, Huub Stevens einen von zwei. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass seit Huub Stevens Amtsantritt am 27. September 2011 von 13 Spielen zwei verloren wurden und zwei Mal remisiert wurde. Dabei vertraute der Ex-Salzburg-Coach auf drei verschiedene Außenverteidiger-Pärchen. Das Paar Christian Fuchs-Benedikt Höwedes (23) ist bei den schwersten Gegnern das stabilste. 1:0 gegen Bayer Leverkusen (10. Spieltag), 3:1 gegen die TSG 1899 Hoffenheim (11.), 2:2 gegen Hannover 96 (12.), 2:1 gegen Hertha Berlin (16.) und 5:0 Werder Bremen (17.). Das ergibt einen Punkteschnitt von 2,6. Mit Marco Höger (22) gemeinsam stehen zwei Siege (8. Spieltag 2:1 gegen den HSV; 15., 3:1 gegen Augsburg), ein Remis ((20., 1:1 gegen Mainz) sowie eine Niederlage zu Buche. Ergibt einen Schnitt von 1,75 Punkten pro Spiel. Atsuto Uchida (23) war vier Mal der Partner, beim 4:0 am 13. Spieltag gegen Nürnberg, am 14. beim 0:2 gegen den BVB, am 18. beim 3:1 gegen Stuttgart sowie am 19. 4:1 in Köln. Macht 2,25 Punkte pro Spiel. Das Spiel mit dem gelernten Innenverteidiger Höwedes auf der rechten Außenbahn ist also rein an gewonnen Punkten erfolgreicher als die anderen Alternativen.

Linke Seite mit Fuchs viel offensiver

Das liegt zu einem Gutteil daran, dass Fuchs weitaus offensiver agiert, als seine Kollegen. Fuchs schlug in der laufenden Saison 63 Flanken, Höger 42, Uchida 15 und Höwedes neun. Diese Zahlen sind absolut, also sind auch die Spiele unter Rangnick und Interimscoach Seppo Eichkorn mit einberechnet. Darüber hinaus weisen die Spieler verschiedene Einsatzzeiten auf. Der Minutenschnitt der Flanken belegt jedoch die grundsätzliche Orientierung des Niederösterreichers. Höger musste in den 14 Spielen fünf Mal von seinem Stammplatz in der rechten Verteidigung weg, rückte dann vor ins Mittelfeld. Uchida absolvierte alle seine Spiele auf der Position des Rechtsverteidigers. Höwedes rückte fünf Mal nach außen. Ein Vergleich des Offensivdrangs ist vor allem mit Uchida sinnvoll. Während Fuchs im Schnitt alle 28,5 Minuten eine Flanke in den Strafraum jagt, bringt Uchida nur alle 39 Minuten das Spielgerät zur Mitte. Die im Vergleich mit dem Österreich bessere Statistik von Höger (Flanken alle 24 Minuten) gibt dennoch Aufschluss über Fuchs’ Position. Der Punkteschnitt unter Stevens mit Höger ist nämlich allgemein niedriger. Agiert der Rechtsverteidiger bei Schalke offensiv, wird vermindert gepunktet.

Im Vergleich mit den Kollegen und Lahm offensiv wertvoll

Die Qualitäten des österreichischen Nationalspielers sind auch angesichts der Abnahme unbestritten. 19 Prozent seiner Flanken fanden einen Abnehmer. Auf die Masse hochgerechnet ist das ein guter Wert. Philipp Lahm vom FC Bayern schlug 20 Flanken, von denen 20 Prozent angkamen. Zum Vergleich mit den Teamkollegen: Höwedes kommt auf 33,3 Prozent, Uchida auf 6 und Höger auf 23, 8 Prozent (Diese Zahlen betreffen die gesamte Saison). Darüber hinaus verbucht Fuchs 6 Scorerpunkte (2 Tore/4 Vorlagen), Höwedes 2 (1/1), Uchida 1 (0/1) und Höger 5 (1/4). Es gibt weitere Daten, die Fuchs Offensivdrang belegen. Während Uchida lediglich alle 117 Minuten an einem Torschuss beteiligt ist, ist Fuchs alle 21 Minuten entweder an einem Torschuss beteiligt oder schließt selber ab. Der Vergleich mit Philipp Lahm zeigt es noch deutlicher. Der Niederösterreicher feuerte 19 Torschüsse ab, Lahm zehn. Bei annähernd gleichen Einsatzzeiten war der Schalker an 66 Torschüssen beteiligt, Lahm an 30.

Defensiv im Zweikampf gut

Fuchs hat unbestreitbare taktische Mängel im Defensivverhalten. Im Gegensatz dazu zeigt ein Blick auf die Zweikampfstatistik, dass er im Duell eins-gegen-eins im Vergleich gar nicht so schlecht da steht. Er gewann 61,5 Prozent seiner Zweikämpfe. Branchenprimus Lahm kommt auf nur 53,6 Prozent gewonnene Duelle. Höwedes, der insgesamt 64,8 Prozent seiner Zweikämpfe in der laufenden Saison gewann, weist für die rechte Außenbahn einen Schnitt von 58 Prozent auf. Höger kommt auf insgesamt 53,8 Prozent gewonnene Duelle, der reine Rechtsverteidiger Uchida auf lediglich 51 Prozent. Die gelernten defensiven Außenspieler sind also Fuchs in den meisten statistisch relevanten Werten unterlegen.

Heatmaps verdeutlichen Fuchs Vorwärtsdrang

Defensive Stabilität und somit Kompensation von Fuchs’ Offensivdrang verlieh Nationalspieler Benedikt Höwedes. Gegen die Teams aus der oberen Tabellenhälfte, also Leverkusen, Hoffenheim, Hannover und Werder wurden 9,25 Torschüsse pro Spiel zugelassen. Uchida spielte gegen Dortmund und Köln, mit ihm in der Verteidigung stieg der Wert auf 10,5. Höger spielte nur gegen Teams aus der unteren Tabellenhälfte. Eine Analyse der Bundelsliga.de-Heatmaps beweist, dass Fuchs sehr oft Richtung gegnerischer Grundlinie unterwegs ist. Höwedes rückte dafür oft in die Mitte. Höger legte seinen Rechtsverteidiger-Part zwar nicht ganz so offensiv aus wie der Österreicher, aber aggressiver als Uchida. Der Japaner spielte einen recht konservativen Außenverteidiger.

Taktische Maßnahme in Spitzenspielen

Marcel Koller „erfand“ den Linksverteidiger Christian Fuchs, der in Österreich im 3-5-2 von Franz Lederer im linken Mittelfeld spielte. Thomas Tuchel holte ihn auch für links hinten, sowohl bei Rangnick, als auch bei Stevens ist der Schlangen-Fan auf dieser Position gesetzt. Das deutsche Fachmagazin Kicker beschreibt Fuchs’ Defensivverhalten so, dass er trotz guter Statistiken hinter Lahm oder Höwedes gereiht wird, „da er in der Defensive zu viele Schwächen in puncto taktisches Verhalten und Zweikämpfe offenbart.“ Das wird seinen vier Bundesligatrainern auch aufgefallen sein. Darum reagierte Defensivapostel Stevens und stellte, so weit es ging, den vielseitigen Nationalspieler auf die rechte Seite. Damit konnte beispielsweise Joel Matip nach außen rücken, wenn Fuchs vorne ist und der Ballverlust eintritt und Höwedes als weiterer Innenverteidiger im Strafraum absichern kann. Im bisher einzigen Spiel gegen einen Vertreter von ganz oben, im Spiel gegen Borussia Dortmund, fehlte Höwedes übrigens verletzungsbedingt.

Lösung auch im Nationalteam?

Nun wirft sich natürlich mit der nahenden WM-Qualifikation die Frage auf, wie „Erfinder“ Marcel Koller als Teamchef auf Fuchs reagiert. Spielen wird er ziemlich sicher auch links hinten. Fakt ist, dass Schalke 04 unter Huub Stevens dann gut gepunktet hat, wenn Höwedes und Uchida defensiver agiert haben. Da es im Nationalteam aber gerade rechts hinten hakt, wird dies eine wichtige Aufgabe für den Teamchef. Stevens löste das Fuchs-Problem ohne Innenverteidiger rechts außen so, dass er dann auf das eingespielte Duo Fuchs/Holtby vertraute oder Papadopoulos bzw. Matip auf die Sechs stellte, um defensive Stabilität herzustellen.

Auf Christian Fuchs links hinten zu verzichten, wäre undenkbar. Der rechte Außenverteidiger sollte – das belegen die Zahlen – defensiver agieren, um die Stärke des Schalke-Spielers herauszuarbeiten.

Georg Sander, abseits.at

Georg Sander

Keine Kommentare bisher.

Sei der/die Erste mit einem Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.