Am Samstag wird György Garics erstmals im Stadion am Böllenfaller Tor einlaufen. Dort werden dann zwei Fußballwelten aufeinander prallen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.... Der etwas andere Klub, die etwas anderen Profis | György Garics´neuer Verein im Porträt

SV Darmstadt Wappen_abseits.atAm Samstag wird György Garics erstmals im Stadion am Böllenfaller Tor einlaufen. Dort werden dann zwei Fußballwelten aufeinander prallen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Wenn nämlich sein neuer Verein, der SV Darmstadt 98, die TSG Hoffenheim zum zweiten Bundesligaheimspiel der Saison begrüßen wird, trifft dort Nostalgie auf ein Paradebeispiel der modernen, reichen Fußballwelt.

Wohl einzigartig in der deutschen Bundesliga

Die Lilien, wie das neue Team des 31 Jährigen Rechtsaußen auch bezeichnet wird, wollen sich so gar nicht in den elitären Kreis der deutschen Bundesligisten einreihen. In der Schulklasse „Deutsche Bundesliga“ wären die Darmstädter der typische Außenseiter, vielleicht auch der kleine Rebell, der so gar nicht in die Gemeinschaft der gestriegelten, durchdesignten und top vermarkteten Fußball-Konstrukte passen will. Der Underdog versprüht in der heutigen, sterilen Fußballgesellschaft seinen ganz eigenen, sympathischen Charme und bringt auf jeden Fall etwas Farbe ins Geschäft. Kult und Historie spielen in Darmstadt zwangsmäßig die Hauptrollen. Fußball in der hessischen Kleinstadt ist ein ganz eigenes Kapitel, auf keinen Fall vergleichbar mit anderen Newcomern wie Ingolstadt oder im Vorjahr Paderborn.

Den Hauptanteil an der ganzen Geschichte trägt eine betagte Betonschüssel, die schon fast ihr erstes Jahrhundert am Buckel hat und schon dementsprechend gezeichnet von Wind und Wetter wirkt. Das Merck-Stadion am Böllenfalltor wurde für 240.000 Mark erbaut, 1921 eröffnet und zuletzt vor 40 Jahren generalsaniert. Moderne VIP-Logen sind genauso eine Fehlanzeige, wie halbwegs zeitgemäße Duschräumlichkeiten für die Profis. Innen wird das Gröbste mit Farbe und Pinsel überdeckt, dem maroden Mauerwerk und dem Schimmel in den Ecken wird man aber trotzdem nicht Herr. Man kann es drehen und wenden wie man will, aber irgendwie will sich das „Bölle“ so gar nicht in das neue supermoderne Infrastruktur-Schema der deutschen, weltmeisterlichen Bundesliga einreihen. Mit der neu eingebauten Rasenheizung und der ebenfalls frisch installieren LED Anzeigetafel werden aber die Lizenzvorschriften problemlos erfüllt.

Auch der Fan wird bei den Heimspielen oft vor härtere Proben gestellt. Es gibt fast nur Stehplätze und die sind kaum überdacht, dafür aber mit viel natürlichem Grün zwischen den Betonritzen bestückt. Deshalb trifft sich der Fanclub regelmäßig zum Unkraut- und der Brennnesselzupfen im und vor dem Stadion. Aber auch die Anfahrt dorthin ist meist schon recht mühsam. Die Zufahrtsstraße ist zwar asphaltiert, hat seine besten Tage auch schon längst hinter sich. Doch daraus auf die ganze Stadt und deren Einwohner zu schließen, sie deshalb gar zu unterschätzen, sollte man auf keinen Fall. Mit über 40.000 Studenten auf der Technischen Uni bzw. den beiden Hochschulen wird hier geforscht und studiert was das Zeug hergibt. Auch die ESA hat hier ihr Raumflugkontrollzentrum und das Zentrum der europäischen Meteorologie-Satelliten ist hier beheimatet. Theater, Museen und Kultur spielen eine bedeutende Rolle. Woher der etwas eigenwillige Stadtname resultiert, konnte dagegen nie ganz genau geklärt werden. Dass er sich von Verstopfungen und ähnliche Problemen im Verdauungstrakt ableitet wird aber heftigst dementiert. Vom dort beheimateten Bach – der „Darm“ – kommt der Name wohl eher nicht, da der nämlich wohl erst später nach der Stadt benannt wurde.

24 außergewöhnliche Monate für die Lilien

Genug abgeschweift, Fußball wird ja dort auch noch gespielt. Und ganz guter sogar. Erstmals seit 33 Jahren auch wieder erstklassiger. Und weil hier alles ein bisschen anders ist, ist auch die Geschichte, die die Lilien in den letzten beiden Jahren schrieben dementsprechend ungewöhlich. Vor zwei Jahren, im Sommer 2013, stieg der Verein eigentlich in die vierte Liga ab. Sportlich zumindest. Doch ein Lizenzentzug von Offenbach rettete die Lilien in letzter Sekunde. So nutzte man die Gunst der Stunde und stieg daraufhin ein Jahr später in die zweite Liga auf. Dort angekommen, ging man als Abstiegskandidat in die Saison und sicherte sich am letzten Spieltag den direkten Bundesliga-Aufstieg. Quasi von der vierten in die erste Liga in nicht einmal 24 Monaten. Verrückt!

Große Namen wird man auch im Bundesligakader nicht so schnell finden. Wer einen Vertrag beim SV Darmstadt 98 will, muss zuerst einmal einen Stadionrundgang antreten. Die daraus folgende Reaktion wird genau beobachtet und spielt schon eine große Rolle, ob der Verein den Spieler wirklich verpflichten will. Oder umgekehrt, ob der Spieler überhaupt hier andocken will. So hat sich um Trainer Dirk Schuster in den letzten Jahren eine – auch wenn dieser Ausdruck schon zu inflationär verwendet wird – kultige Truppe gebildet. Oft sind es Second-Hand-Billigprofis, die bei anderen Klubs nicht mehr unterkommen und dann im Schlussverkauf an das Böllenfalltor geholt werden. Ein Juan Bernat vom FC Bayern hat beispielsweise einen höheren Marktwert, als der gesamte 27 Mann Kader der Lilien inklusive dem baufälligen Stadion. So sind es oft Spieler die ihre wohl letzte Chance nutzen wollen. Hart im Nehmen sollte man auch sein, nicht nur der Warmwasser-Boiler für die Spielerduschen streikt regelmäßig.

Die etwas anderen Profis

Um „Typen“ im Kader von Dirk Schuster zu finden, braucht man gar nicht erst intensiv zu suchen. Marco Sailer wäre da das optische Parade-Beispiel, der die coolste Gesichtsfrisur seit ZZ Top über den Platz trägt. Oder Kapitän Aytac Sulu, den die Fans nur ehrfürchtig „Gladiator“ rufen. Dem verrückten Deutschtürken und ehemaligen Altach-Profi irritierte nach einem Ellbogencheck ein wackelnder Zahn im Spiel. Also zog er ihn sich gleich kurzerhand selbst während das Spiel weiterlief. Turban, Gesichtsmaske und blutverschmierte Trikots wurden zuletzt zu seinem Markenzeichen, trotzdem blieb das Kämpferherz wenn möglich stets am Platz. Hier hätte wohl auch unser Fußballpensionist Fränky Schiemer einen echten Seelenverwandten gefunden!

Um das kleine Wunder „Klassenerhalt“ vielleicht doch irgendwie zu schaffen, wurde der Kader im Sommer um eine knappe Million Euro verstärkt. Neben dem Österreicher sollen Junior Díaz (von Mainz), Peter Niemeyer, Fabian Holland (beide Hertha BSC) und Luca Caldirola (Werder) die Defensive stabilisieren. Vorne sollen Mario Vrancic (vom SC Paderborn), Sandro Wagner (Hertha BSC) und Jan Rosenthal (Frankfurt) Dominik Stroh-Engel unterstützen – der das Team aus der dritten Liga in die Bundesliga schoss – die nötigen Treffer erzielen.

Wer sich selbst nicht zur Gruppe der Erfolgsfans der großen Teams zählen will und wem Kultklubs á la St. Pauli schon zu kommerziell angehaucht sind, der ist wohl auch beim SV Darmstadt ganz gut aufgehoben. Die Lilien sind ein kleiner, symphatischer, etwas anderer Underdog und sogar mit Österreicher-Bezug, der die deutsche Liga aufmischen möchte.

Wer jetzt ein paar Eindrücke vom Stadion gewinnen will, kann sich auf kicker.de eine interessante Galerie ansehen: LINK

Werner Sonnleitner, www.abseits.at

Werner Sonnleitner

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