Es waren die Götzes, Neuers, Benders und Müllers, die der vergangenen Saison in Deutschland ihren Stempel aufdrückten. Bei unseren Lieblingsnachbarn wird in extremem Ausmaß... Die Grenzen des deutschen Jugendwahns – Verlässlichkeit für viele Jahre

Es waren die Götzes, Neuers, Benders und Müllers, die der vergangenen Saison in Deutschland ihren Stempel aufdrückten. Bei unseren Lieblingsnachbarn wird in extremem Ausmaß das augenscheinlich, was auch hierzulande zu beobachten ist – der Jugendwahn. Eine kritische Betrachtung zeigt die Grenzen des Phänomens auf.

Der alte Satz „Dieser Spieler hätte bei jedem anderen Verein ein Stammleiberl“ ist wohl so alt, wie das Treten auf den Ball selbst. Doch er stimmt schon länger nicht mehr. Besonders betroffen davon sind Spieler, die sich zwar in den Vordergrund spielen konnten, aber nicht unbedingt die ganz großen Stars sind. Immer noch gut für einige Jahre Topfußball, suchen deutsche Profis und Ex-Nationalspieler wie Thomas Hitzlsperger, Andreas Hinkel oder Timo Hildebrand Vereine, die sich ihre Dienste sichern wollen. Potentielle Arbeitgeber erhalten im Gegenzug zu doch stattlichem Gehalt gestandene Kicker, die nicht mehr beweisen müssen, was sie können, die konstant ihre Leistung abrufen können – zumeist schnörkelloser als die neue Generation, unaufgeregter für die Medien, ohne das ganz große Spektakel. Das signalisieren auch die Vereine. Hinkel, erst 29 und im früher besten Fußballeralter, könnte seinem Ex-Verein VfB Stuttgart gut weiterhelfen, Manager Bobic meinte aber, Hinkel habe sich „nicht weiterentwickelt“. Starker Tobak für einen Spieler, der den UEFA-Cup (mit Sevilla) gewonnen hat, dazu den spanischen Cup und die schottische Meisterschaft.

DAS ALTE IST VERGANGEN…

Thomas Hitzlsperger, ebenfalls 29, half West Ham United mit Toren, Assists und seinem vorbildlichen Einsatz. Verpflichtet hat ihn bis dato niemand. Asamoah (32) und Odonkor (27), quasi Secondos der ersten Stunde, hoch dekoriert, sind auch auf Jobsuche. Timo Hildebrand, mit 32 im besten Torhüteralter – nein, danke! Auch wenn beispielsweise Leverkusen nach Adlers Ausfall einen Einsertormann gut gebrauchen könnte. Sein Spielerberater Jörg Neblung erklärte in der Süddeutschen Zeitung, dass „eine Schieflage im Markt“ und eine „überproportionale Wertschätzung für junge Spieler“ vorherrschen. Klopp, Tuchel, Löw und Co. zeigen sich von den jüngsten Erfolgen des BVB, von Mainz und der Nationalmannschaft verblendet, am besten dran sei man, wenn das Alter „zischen 18 und 22“ liegt. Der Markt funktioniert absehbar. Als Shinji Kagawa seine Traumhalbsaison bei Dortmund hinlegte, wollten alle einen Japaner: Okazaki heuerte bei Stuttgart an, Usami bei den Bayern. Besonders freuen sich die Spielerberater, die für gewisse Fußballkulturkreise Monopole besitzen, etwa Kagawas Manager Thomas Kroth, dessen Handy ununterbrochen klingelt.

…DAS NEUE ANGEFANGEN?

Und wie das Wildern in neuen Fußballmärkten funktioniert auch das Verpflichten junger Spieler. Dabei ist es egal, wo die Kicker waren. Chris Löwe, Schmelzer-Ersatz beim BVB, kam vom Chemnitzer FC, Meister der Regionalliga. Beim Gegner Hamburger SV hat Manager Arnesen aus London gleich gefühlt die halbe U21 von Chelsea mitgenommen. Aber ist jünger gleich besser? Einerseits ja, denn die nun Anfang 20-jährigen haben natürlich die vonseiten des DFB verbesserte Jugendarbeit genossen. Ein mahnendes Beispiel ist aber andererseits Holger Badstuber. Nach einer grandiosen Einstandssaison beim FC Bayern München lieferte der junge Verteidiger in der vergangenen Saison teilweise unterdurchschnittliche Leistungen ab. Der Glanz der Premierenspielzeit war weg, die Ansprüche wohl zu hoch. Auch wenn er sich mittlerweile gefangen hat, beweist es doch die Gefahr, die von den Youngsters ausgeht. Denn wer hoch fliegt, kann auch tiefer fallen. Ein Hitzlsperger oder Asamoah spielt sicherlich nicht so spektakulär wie etwa Khedira oder Müller, erreicht ein gewisses Niveau wohl nicht. Die Basis ist aber dennoch höher.

EINE BANK

Nuri Sahin konnte sich den Traum von Real Madrid erfüllen, ob Gündogan ein neuer Sahin ist, weiß man nicht. Nicht umsonst hat Klopp einen Sebastian Kehl in der Hinterhand. Und genau das ist die Chance der arbeitslosen Sommermärchenspieler. Einen Hinkel, einen Odonkor kann jeder Trainer bedenkenlos auflaufen lassen. Eine Garantie, dass die Boygroups diverser Bundesligavereine nicht ein One-Hit-Wonder bleiben kann niemand abgeben, das funktioniert bei gesetzten Spielern besser. In Österreich schoss etwa Christian Mayrleb zwischen 2003/04 und 2009/10 in jeder Saison mindestens zehn Tore. Diese Verlässlichkeit ist für die Trainer, neben Einstellung und Erfahrung, ein unverkennbares Gut.

Zwar haben alle Bundesligavereine ihre Kader bereits zusammengestellt, aber inwieweit das Vertrauen in die eigene oder gescoutete Jugend wirklich geht, wenn vor Ende des Transferfensters der eine die Form verliert oder der andere sich verletzt ist, wird sich weisen. Und dann wird wohl der eine oder andere der Genannten trotz seines „hohen“ Alters wieder ein Trikot überziehen und unaufgeregt, abgebrüht und Konstant seine Leistung bringen.

Georg Sander, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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