Zuschauer aus 200 Ländern waren dabei als am Freitag die Rückrunde der 49. Bundesliga-Saison gestartet wurde – und das mit einem Paukenschlag. Denn im... Gladbach düpiert Bayern – ein Knalleffekt zum Rückrundenstart

Zuschauer aus 200 Ländern waren dabei als am Freitag die Rückrunde der 49. Bundesliga-Saison gestartet wurde – und das mit einem Paukenschlag. Denn im ersten Bundesligaspiel im Fußballjahr 2012 bezwang Borussia Mönchengladbach den FC Bayern München mit 3:1. Damit rückten die Fohlen bis auf einen Punkt an den Titelfavoriten heran und sorgten für neue Brisanz im Titelkampf. Eingeleitet wurde die fünfte Bayern-Niederlage mit einem kapitalen Schnitzer von Schlussmann Manuel Neuer.

„Wir sind unnötig in Rückstand geraten, und dann ist es schwer, ein Spiel zu drehen“, sieht Bayern-Kapitän Lahm den Patzer Neuers als Knackpunkt für den Fehlstart. Dieser spielte in der elften Minute Gladbachs Star Reus den Ball in die Füße und der Neo-Dortmunder hob das Leder aus über 30 Metern präzise in die Maschen. Gegen das laufintensive Defensivspiel der Hausherren fand der Tabellenführer kein Rezept und wurde knallhart ausgekontert. Dass der einzige Treffer nach einer Standardsituation fiel ist bezeichnend. Schweinsteigers dritter Saisontreffer galt allerdings lediglich der Kosmetikkorrektur, da Herrmann zuvor mit einem Doppelpack für klare Fronten sorgte.

Beide Mannschaften in Bestbesetzung

Gladbachs Erfolgscoach Lucien Favre konnte bis auf Innenverteidiger Dante aus dem Vollen schöpfen. Der Brasilianer musste eine Gelbsperre absitzen und wurde von Roel Brouwers vertreten. Der Routinier stellte wieder die Richtigkeit seines Rufs, der „Mr. Zuverlässig“ am Niederrhein zu sein, unter Beweis. Der Nebenmann von Martin Stranzl ging aus knapp 80 Prozent seiner bestrittenen Zweikämpfe als Sieger hervor. Darüber hinaus brachte der 30-jährige Niederländer jeden einzelnen seiner 20 Pässe an den Mann.

Favres Gegenüber, Jupp Heynckes, musste ebenfalls einen Spieler gesperrt vorgeben. Flügelflitzer Ribery büßte nach einer unnötigen Unbeherrschtheit gegen den 1. FC Köln, für die er Gelb-Rot sah, seine Strafe ab. Für ihn rückte Toni Kroos ins linke offensive Mittelfeld. Zudem gab Mittelfeldstratege Schweinsteiger sein Comeback im roten Trikot, nachdem er im Champions-League-Spiel gegen Napoli einen Schlüsselbeinbruch erlitt.

Variables Pressing, hohe Ballsicherheit und Neuers Fehler

Die Münchner waren vom Anpfiff weg um die Spielkontrolle bemüht, während Gladbach abwartend, aber keinesfalls passiv agierte. Die Elf vom Niederrhein verschob einheitlich und kompakt, engte die Räume ein und ließ den Favoriten nicht zur Entfaltung kommen.

Zwei Viererketten zog man knapp beisammen vor dem eigenen Strafraum auf, davor setzten Hanke und Reus den Ballführenden unter Druck. Doch die Weißen mauerten sich nicht ausschließlich hinten ein, sondern gestalteten das Pressing sehr variabel und bedrängten den Gegner auch in dessen Hälfte. So auch beim Führungstreffer.

Alle vier Offensivkräfte versammelten sich gut 30 Meter vor dem Tor und nötigten Badstuber zum Rückpass. Diesem setzt Herrmann energisch nach und so geriet Neuer stark und Druck. Den flachen Abschlag fing Reus ab und schloss gedankenschnell ab. Das ausgezeichnete Pressing entschuldigt natürlich keinesfalls den schweren Patzer Neuers, der wohl in den nächsten Spielen immer wieder aufgewärmt wird, sollte aber auch erwähnt und entsprechend honoriert werden. Genauso wie die enorme Ball- und Passsicherheit, die der fünffache deutsche Meister an den Tag legte. Stolze 77,4 Prozent erfolgreiche Pässe spielten Favres Schützlinge – vor allem das Zentrum um Neustädter strahlte Sicherheit aus. Der 23-Jährige, der ab Sommer für den FC Schalke 04 auflaufen wird, war der fleißigste Passgeber seines Teams und wies bei 29 Zuspielen eine Erfolgsquote von beachtlichen 83 Prozent auf.

Wenig Platz und noch weniger Ideen

Zudem spulte Neustädter gemeinsam mit seinem Partner auf der Doppelsechs, Havard Nordtveit, die größte Laufdistanz ab – 12,44 km bzw. 12,72 km – und ging im Zweikampf kompromisslos zu Werke.

Damit kamen Bayerns Kreativspieler nicht klar, waren gezwungen viele horizontale Pässe zu spielen. Im Spiel des Rekordmeisters fehlten die Überraschungsmomente, wie sie zum Beispiel Ribery mit seinen Tempodribblings oft an den Tag legt. Kroos driftete oft in die Mitte ab, den eröffneten Raum konnte Lahm trotz 127 Ballkontakten nicht nutzen. Müller betrieb zwar einen läuferisch sehr hohen Aufwand – 12,71 Kilometer legte der Nationalspieler zurück – blieb aber unter Strich extrem blass. Kaum nennenswerte Aktionen liefen über den 22-Jährigen, der viele Alibipässe spielte und sein Spiel verankert anlegte. Häufig stieß er zwar in die Spitze vor, konnte die Bälle jedoch nicht verarbeiten oder wurde wie Solospitze Gomez Abseits gestellt.

Rechts angreifen, links kontern

Robben wurde auf der rechten Außenbahn kaum Platz gewährt und gedoppelt. Gladbachs Kapitän Daems verfolgte den Niederländer bis in bajuwarische Spielfeldhälfte und auch Arango zeigte, wie bereits in der Hinrunde, dass er sich defensiv aufreiben kann. Keiner gewann mehr Zweikämpfe als der Venezolaner. Einer dieser 15 führte in der 41. Minute zum 2:0. Nachdem Daems und Arango Robben den Ball abknöpften, spielte Hanke einen Traumpass auf den durchgestarteten Herrmann, der trocken einnetzte. Und auch das dritte Tor wurde nach einer Balleroberung von Daems über Arango eingeleitet. Entlang der Seitenlinie schickte er Reus, der den Angriff verzögerte um mit einem perfekt getimten Pass durch die Schnittstelle der FCB-Viererkette erneut Herrmann freizuspielen. Dieser umkurvte Neuer und schob zur Vorentscheidung ein. Dabei ist es interessant, dass die Fohlen hauptsächlich – nämlich 42 Prozent – ihrer Angriffe über die rechte Seite aufzogen. Angesichts der Tatsache, dass Arango überwiegend Defensivarbeit verrichtete und Jantschke aufgrund Kroos‘ Einrückens mehr Raum vorfand, ist dies aber verständlich. Die unterschiedliche Ausrichtung der beiden Außenverteidiger soll durch die nachstehende Grafik nochmals verdeutlicht werden.

Während Daems Robben auf der Außenlinie band, zog Jantschke auch nach innen und unterstützte Herrmann bei seinen Vorstößen.

Wie machten sich die Österreicher?

Der 20-jährige Youngster war neben Marco Reus der umjubelte Held im ausverkauften Borussia-Park. Doch der Grundstein für den Sieg war unbestritten die starke Defensivleistung. Und daran hat auch ÖFB-Legionär Martin Stranzl einen entscheidenden Anteil. Der Ex-Teamspieler verteidigte gemeinsam mit Brouwers höchst effektiv und ließ Torjäger Mario Gomez gerade mal zu 31 Ballkontakten kommen. Er selbst berührte das Spielgerät hingegen drei Mal mehr. Mit einer Passquote von 100 Prozent erwies er sich als absoluter Ruhepol im Abwehrzentrum. Zudem gewann der Burgenländer acht von elf Zweikämpfen, schnappten dem Gegner viermal das Leder weg und klärte siebenmal – einmal davon in höchster Not. Denn fünf Minuten vor Schluss rette der 31-Jährige im Fünfmeter vor Müller. Hätte dieser den Ball ins leere Tor schieben können, wäre es sicher nochmal spannend geworden.

David Alaba wurde in der 57. Minute für Tymoshchuk eingewechselt und kam zunächst über die linke Außenbahn. Dafür rückte Kroos ins Zentrum um dort eine zusätzliche Anspielstation und mehr Kreativität aus der Tiefe zu haben. Österreichs Fußballer des Jahres forderte viele Bälle, spielte diese allerdings zum Großteil zurück und blieb so ohne nennenswerte Offensivaktion. In der Schlussphase wechselte der 19-Jährige auf die gegenüberliegende Seite, wo er noch weniger zur Geltung kam.

Fazit

Der Sieg war für die Hausherren absolut verdient. Sie standen defensiv bombensicher, ließen aus dem Spiel heraus kaum Chancen zu und konterten brandgefährlich. Dies sollte man auch zur Beurteilung der Leistung der Bayern berücksichtigen. Zwar schien es über weite Strecken des Spiels so, als wären sie konzeptlos angelaufen und fehle es an einem klaren Plan im letzten Angriffsdrittel; dass die Partie zweimal hätte kippen können, darf man jedoch nicht vergessen. Zum einen rettete ter
Stegen kurz nach dem 1:0 mit einer Glanzparade gegen einen Gomez-Kopfball. Zum anderen entschied Schiedsrichter Kinhöfer in der 13. Minute bei Kroos‘ Steilpass – Müller und Gomez wären alleine aufs Tor zugelaufen – auf Abseits. Eine 50:50-Entscheidung, die man auch hätte anders sehen können. Gerade gegen eine so gut strukturierte Abwehr kann eine solche Szene der Dosenöffner sein. Letztlich waren es aber die eigenen Fehler, die zur Niederlage beigetragen und den Gladbachern in die Karten gespielt haben.

„Ein großes Kompliment an die Borussia, sie hat das hervorragend gemacht, was sie am besten kann: sehr gut organisiert verteidigen und exzellenten Konterfußball spielen“, lobte Heynckes das Spiel der siegreichen Elf und prophezeite ihr einen Platz im Spitzenfeld: „Ob Europa League oder Champions League – sie spielen nächste Saison sicher international.“
axl, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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