In dieser Episode unserer G’schichterl-Serie wollen wir euch in vier Teilen erfolgreiche Fußballer präsentieren, die es über Umwege ins Profigeschäft geschafft haben. Obwohl es... G’schichterln ums runde Leder (22) – Erfolgreiche Spätzünder (3/4)

In dieser Episode unserer G’schichterl-Serie wollen wir euch in vier Teilen erfolgreiche Fußballer präsentieren, die es über Umwege ins Profigeschäft geschafft haben. Obwohl es klar ist, dass nicht nur Akademieabsolventen in den Ligen dieser Welt kicken, gibt es nur wenige, die es im reiferen Alter doch noch in den bezahlten Fußball geschafft haben. Hier wollen wir vier solcher Kandidaten näher vorstellen und erzählen im dritten Teil die Geschichte von Tobias Schweinsteiger: Skiprofi im Konjunktiv, Drittliga-Kanonier, Trainertalent und Weltmeister-Bruder.

Piste statt Platz

Ende Jänner war der Presseraum des Waldstadions Pasching besser gefüllt, als man es einem  Zweitligisten und Tabellenachten zutrauen würde. Der FC Juniors OÖ (ehemals FC Pasching) hatte geladen und auch deutsche Journalisten reisten an um der Vorstellung des Trainerduos Tobias Schweinsteiger und Andreas Wieland beizuwohnen. Bekanntheit erlangte Tobias Schweinsteiger zunächst in seiner Rolle als Bruder: Während Bastian 2014 mit Cut im Gesicht den Weltmeistertitel gegen Argentinien möglich machte, musste sein großer Bruder nach einem verlorenen Relegationsspiel um den Aufstieg in die Dritte Liga die WM-Duelle verletzt vor dem Fernsehen verfolgen.

Die Rollen waren immer klar verteilt: Der Kleine Weltklasse, der Große einer von tausenden mittelprächtigen Profis in den unteren Ligen. Doch während Bastian mittlerweile den Herbst seiner Karriere in Chicago genießt, startet der ältere „Schweini“ auf der Bank neu durch. „Wir sind froh, dass wir mit Tobias Schweinsteiger eines der größten Trainertalente Deutschlands für die Position des Teamchefs gewinnen konnten.“, spendet Juniors-Präsident Mayer dem Ex-Kicker Vorschusslorbeeren.

Schweinsteiger ist heute 37 Jahre alt, Familienvater, Ex-Fußballprofi und Traineraspirant. Begonnen hat sein Leben 873 Tage vor dem seines berühmten Bruders im bayerischen Rosenheim. Aufgewachsen sind die beiden Burschen im idyllischen Oberaudorf, wo Vater Alfred ein Sportartikelgeschäft führte. „Die Richtung habe schon ich vorgegeben. Er hat mitgehalten.“, resümiert der Ältere eine Kindheit, in der sportlicher Wettkampf an der Tagesordnung stand. Gemeinsam mit einem gewissen Felix Neureuther fuhren die Buben schon als Stöpsel vereinsmäßig Ski. Wenn kein Schnee lag, wurde gekickt. Sie schnürten ihre ersten Fußballschuhe beim FV Oberaudorf. Die Brüder verlagerten ihren Fokus jedoch unterschiedlich: Während Bastian die Ski bald nur mehr zum Vergnügen anschnallte und über Rosenheim 1998 ins Bayerninternat wechselte, blieb Tobias bis Anfang 20 leistungsmäßig den zwei Brettern treu. Er fuhr in der Nachwuchsnationalmannschaft, startete in der Abfahrt, im Riesensalom und Slalom. „Tobi“ gehörte zu den Topathleten seiner Altersstufe, sammelte Europacuppunkte, wanderte im Trainingslager durch die norwegische Steppe und trieb sich auf sämtlichen Gletschern herum. Doch irgendwann hatte er genug. Es gab keinen besonderen Grund aufzuhören, doch Schweinsteiger spürte, dass es nicht zur großen Karriere reichen würde und verlor einfach die Lust. Der ausgebildete Polizeimeister wollte zurück in die Schule, die Reifeprüfung ablegen, studieren. So aus Spaß fing er nebenbei an in der Bayernliga zu kicken.

Profi im zweiten Bildungsweg

Die Karriere Bastian Schweinsteigers ist ohne Frage großartig, doch eigentlich müsste man vor seinem älteren Bruder noch mehr den Hut ziehen. Ohne Akademieausbildung, kaum Erfahrung in Jugendmannschaften wurde der ältere „Schweini“ 2003 vom SSV Jahn Regensburg engagiert. Dieser Katapultsprung in die zweite Liga kam jedoch zu früh. Während sein jüngerer Bruder langsam in die Kampfmannschaft der Bayern schnupperte, erkannte Tobias, dass noch einiges an Arbeit auf ihn wartete. Er verließ Regensburg, spielte wieder in der Bayernliga und später für den VfB Lübeck in der Regionalliga. Der Bayer galt als schneller Stürmer mit Torhunger und wurde immer vielseitiger.

Mit Eintracht Braunschweig schaffte er es in Liga Zwei, doch auf Dauer konnte sich der Angreifer dort nicht etablieren. Für die dritte Liga reichten seine Qualitäten jedoch allemal. Er musste sich in der Öffentlichkeit mit der Rolle des „Bruder von…“ zufrieden geben. Als er an einem Unfall mit Todesfolge unschuldig beteiligt war, landet er so in den Medien, wie es sich niemand wünscht: „Schweinis Bruder fuhr Kind (13) tot.“, titelte eine Zeitung.

Während sich Bastian nach der Heim-WM 2006 als Hälfte von „Schweini und Poldi“ langsam löste und sich als Stammspieler bei Bayern und der Nationalmannschaft etablierte, lebte Tobias ein anderes, beschaulicheres Leben: Unter Marcus Weinzirl wurde er Kapitän von Jahn Regensburg, stieg 2012 in die Zweite Liga auf und baute ein Haus in Rosenheim.

Bezüglich ihres unterschiedlichen Werdegangs war Tobias immer offen und ehrlich. „Der Basti hat einfach mehr Talent.“, gab er unumwunden zu. Doch im Endeffekt weiß niemand, wie es gekommen wäre, hätte er seine Leider-Nein-Karriere im Skisport früher aufgegeben.

Nächstes Kapitel

Der Traum beim Rekordmeister spielen zu dürfen, wurde für den zweiten Schweinsteiger jedoch auch war, als er 2013 nach München wechselte. „Es ist immer eine Ehre für den FC Bayern zu spielen, auch wenn es nur die zweite Mannschaft ist.“, erklärte er seine Beweggründe. Als Führungsspieler sollte der damals 30-jährige den U23-Spielern den Weg in die höchstmögliche Spielklasse ebnen. Doch friktionsfrei war das Verhältnis von Anfang an nicht. Schon zur Saisonhälfte wechselte der Stürmer leihweise zu Unterhaching. Im Sommer 2014 verpassten die Amateure in einer dramatischen Schlussphase gegen Fortuna Köln den Aufstieg in die Dritte Liga. Und auch Tobias Abschied als Aktiver erfolgte nicht ganz freiwillig: „Ich hätte bestimmt gerne noch 1-2 Saison gespielt. […] Wenn dann nur hier, aber durch die Umstrukturierung bei uns im Jugendbereich hat sich vor allem für mich eine super Chance ergeben.“

Schweinsteiger, der neben Thomas Tuchel der einzige DFB-geprüfte Fußballlehrer ist, der seit mehr als 16 Jahren die theoretische Trainerprüfung ohne Punkteabzug abschloss, wurde Co-Trainer der bayerischen U17. Im Dezember löste er als Amateur-Co seinen Vertrag auf, seine Aussagen dazu blieben kryptisch: „Letztlich möchte ich dazu nicht viel sagen. Dass ich mich langfristig entwickeln möchte und gern Verantwortung übernehme, ist bekannt und in meinen Augen auch positiv.“ Der sozialengagierte Schweinsteiger gilt als Trainer mit Ambitionen. Gerade aufgrund seiner ungewöhnlichen Karriere versteht er etwas von vielfältiger Ausbildung und harter Arbeit. Man wird sehen welche Entwicklung er nehmen wird.

Der FC Bayern ist heute nun also nach Jahrzehnten Schweinsteiger-frei: Bastian, der vom boarischen Bua mit Flausen im Kopf zur lebenden Legende mutierte, wechselt 2015 zu Tobias Lieblingsmannschaft Manchester United. Er hat erreicht, wovon sie beide einst geträumt hatten: Weltmeister, Championsleaguesieger. Doch Neid gab es für Tobias nie. Im Gegenteil. Als „brutal stolz“ beschrieb er seine Gefühle bei der Heim-Weltmeisterschaft 2006. Als Fan war Bastis großer Bruder immer mit von der Partie, später verewigte er den Weltmeister sogar auf seiner Haut: Einmal triumphierend, einmal niedergeschlagen. Wie das Leben eben so spielt.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag