Es war von vorne herein keine sonderlich gute Idee:  Der deutsche Fußballbund kam im Sommer auf den glorreichen Gedanken, die spielfreien Teams der Regionalliga... Kommentar zur vorläufigen Absage der Testspiele gegen Chinas U20 – vorauseilender Gehorsam soweit das Auge reicht

Es war von vorne herein keine sonderlich gute Idee:  Der deutsche Fußballbund kam im Sommer auf den glorreichen Gedanken, die spielfreien Teams der Regionalliga Südwest sollen in Zukunft in einem Testspiel gegen die U20-Nationalmannschaft Chinas antreten. Viele Vereine und Fans waren von der Maßnahme nicht gerade begeistert, die wohl einzig und allein den kommerziellen Zielen des DFB dienen sollte – nämlich der weiteren Erschließung des chinesischen Marktes. Dieser gilt aufgrund der hohen Einwohnerzahl Chinas aktuell als der heilige Gral der Gewinnmaximierung im Fußball. Schon Uli Hoeneß hatte einst den feuchten Traum, dass eines Tages 200 Millionen Chinesen ein Spiel seines FC Bayern verfolgen würden.

Der Startschuss für das Projekt fiel vor zwei Wochen in Mainz beim Duell zwischen dem TSV Schott und der Juniorenelf Chinas. Es wurde letztlich zu einem Desaster für fast alle Beteiligten. Einige Zuschauer skandierten „Free Tibet“ und hielten Flaggen des Landes hoch, welches seit Jahren um die Unabhängigkeit von China kämpft. Für die Chinesen kam dieser Akt der freien Meinungsäußerung einem Eklat gleich: Die Mannschaft verließ schon nach 25 Minuten das Feld. Es folgten hysterische Reaktionen aus dem Reich der Mitte. Eine chinesische Zeitung fragte gar, ob Deutschland auch Meinungsfreiheit für Nazi-Anhänger erlaube – ein schiefer und unzulässiger Vergleich.

Der DFB war natürlich erstmal um Schadensbegrenzung bemüht, und stampfte das Projekt offiziell bis Anfang des nächsten Jahres erst einmal ein. Die Befürchtung, durch weitere Aktionen dieser Art die Chinesen noch mehr zu verärgern, ist zu groß. Dass man beim DFB so auf freie Meinungsäußerungen reagiert, ist schlichtweg ein Armutszeugnis. Die Aktion reiht sie sich damit nahtlos ein in das schlechte Bild, welches der Verband in den letzten Wochen bspw. bei der Aufklärung der Vorgänge um die WM 2006 oder den Videoschiedsrichter abgibt.

Mehr als irritierend war zudem die Reaktion des deutschen Sportmagazins Kicker. In einem Kommentar stellt Herausgeber Rainer Holzschuh nämlich auf einmal die die Protestler an den Pranger: politischer Protest hätte im Stadion nichts verloren; der Fußball solle sich politisch neutral verhalten. Bitte? Geht’s noch? Wie weltfremd kann man als Medienschaffender überhaupt sein? Dass China ein Problem mit freier Meinungsäußerung hat, ist wenig überraschend. Dass dies aber scheinbar auch für ein Organ der – angeblich – unabhängigen deutschen Presse gilt, ist schlichtweg besorgniserregend.

Sonderlich überraschend kommt die Reaktion des Kickers jedoch nicht.  Das Blatt fällt regelmäßig durch eben jenen vorauseilenden Gehorsam dem DFB gegenüber auf, mit dem dieser den chinesischen Verband bei der vorläufigen Absage der Testspiele bedachte.

Ral, abseits.at

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